Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 332 Dr. Mocb's MwcbenscbrM. Nr. 21 haben, den Geist aufgab. Josef Scharf lebte mit seiner Familie in sehr ärmlichen Verhältnissen. Er bewohnte im Hause Trommelgasse Nr. 82 eine kleine, aus einem einzigen Zimmer bestehende Wohnung. Sein gesamtes Einkommen betrug monatlich 60 K., die er als Fleischbankaufseher bezog. Er war noch den Tag vor seinem Ableben guter Laune und sprach viel von seinem Sohne, der vor kurzem aus Holland, wo er Diamantenschleifer ist, nach Budapest gekommen war, um Vater, Mutter und Geschwister noch einmal zu sehen. Scharf äußerte bei dieser Gelegenheit: „Ich danke Gott, daß mir ein Wiedersehen mit meinem Moritz noch gegönnt war." Josef Scharf war seinerzeit Tempeldiener in Tisza-Eszlar. Er betrieb auch die Flickschusterei, die aber so wenig eintrug, daß er auch Feldarbeit im Taglohn verrichtete. Der alte Scharf war ein Hauptangeklagter in jenem Tisza- Eszlarer Prozeß, dessen Substrat das bekannte Ritualmärchen bildete und dessen Verlauf damals in ganz Europa voll Spannung verfolgt wurde. War doch der Vater vou seinem eigenen Sohne, nämlich Josef Scharf von seinem Sohn Moritz, der letztere zählte neun Jahre, des Ritualmordes bezichtigt worden. Moritz Scharf hatte schon früher seine Eltern verlassen und sich in die Obhut antisemitischer Agitatoren begeben. Im Laufe der Verhandlung, in welcher insbesondere Karl Eötvös, der bekannte Reichstagabgeordnete, als scharfsinniger Jurist und glänzender'Redner hervortrat, wurde es bald klar, daß Moritz Scharf präpariert worden war, seinen Vater des Ritualmordes an dem Dienstmädchen Esther Solymossi zu beschuldigen. Der Prozeß endete auch mit der Freisprechung aller Angeklagten Der alte Scharf ging später nach Budapest, sein Sohn Moritz kam in eine Diamantenschleiferei nach Holland. Neu Raußuitz. Unserem allverehrten Oberkantor und Gemeindesekretär Herrn Leopold Stößler wurde in Anerkennung seiner mehr als vierzigjährigen treuen und zufriedenstellenden Verwendung in einem und demselben Dienste die von Sr. k. u. k. apostolischen Majestät aus Anlaß der Feier Allerhöchstdero 50 jährigen Regierungs-Jubiläums allergnädigst gestiftete Ehrenmedaille für vierzigjährige treue Dienste verliehen. Lobositz. Der Religionslehrer der israelitischen Kultusgemeinde Graz, Herr Salomon Löwy, wurde einstimmig zum Rabbiner und Religionslehrer für den gesetzlichen Sprengel unserer Gemeinde gewählt. Straßuitz. Eine sehr würdige, vortrefflich dem jugendlichen Gemüte angepaßte interne Schillerfeier veranstaltete am 8. Mai die Leitung der zweiklassigen deutschen Volksschule. Zu derselben hatten sich der Vorstand der politischen Israeliten- und Kultusgemeinde, der Ortsschulrat nebst zahlreichen anderen Festgästen eingesunden. Nachdem das weihevolle Lied „Vaterland ruh' in Gottes Hand" von Fr. Abt verklungen war, ergriff der Oberlehrer Isidor Robitschek das Wort und brachte in formvollendeter, für die Schüler verständlicher, freier Rede ein Bild über das „Leben und Dichten" des unsterblichen Meisters deutscher Dichtkunst, das auf die jugendlichen Gemüter sichtlich eine tiefe Wirkung übte und von allen Anwesenden begeistert ausgenommen wurde. Hierauf wurde das übrige Programm tadellos abgewickelt, wobei insbesondere die Deklamatorinnen durch rauschenden Beifall ausgezeichnet wurden. Von den dargebotenen Gedichten gefiel besonders „Der Taucher" und „Die Kraniche des Jbykus", sowie „Die Bürgschaft". Mit dem erhebenden Liede „Ans Vaterland" von Labler schloß die würdige Feier. Pribram. Bei der Wahl der hiesigen Stadtvertretung wurde Herr Max Kohn, Kultusvorsteher, als Mitglied der Stadtvertretung gewählt. Seit dreißig Jahren ist kein Jude in die Stadtvertretung gewählt worden. Bei der am 16. d. M. abgehaltenen Vorstandssitzung der hiesigen Kultusgemeinde wurde einstimmig beschlossen, anläßlich des 800jährigen Todestages unseres großen Lehrers R. Salomon Jzchaki einen Geld betrag zur Raschi-Stiftung zu widmen. Prag. (Vermählung.) Fräulein Grete D e n h o f, Tochter der Frau Paula Denhof, feiert am 4. Juni l. I. ihre Vermählung mit Herrn I. U. Dr. Max Lasch. Prag. (Vorlesung.) Die hiesige Schriftstellerin Frau Babette Fried veranstaltete am 18. d. M. im Saale des „Hotel Bristol" eine Vorlesung ihrer gemütvollen Erzählungen aus dem jüdischen Leben, die sich eines zahlreichen Besuches, auch aus den literarischen Kreisen Prags, erfreute. Die Erzählungen, darunter auch ein von Fräulein Stefanie Palm mit feinem Verständnis vorgelesenes Märchen von der Evastocher, fanden vollen Beifall. Einer Einladung Folge leistend, wird Frau Fried ihre Vorlesung im Laufe des Sommers in einer benachbarten Stadt wiederholen. Rözsahegy. Se. Majestät hat dem Präsidenten der Rozsahegyer Kultusgemeinde Jakob Klein in Anerkennung seiner auf dem Gebiete der Volkswirtschaft erworbenen Verdienste das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen. Herr Klein steht schon seit einer Reihe von Jahren an der Spitze unserer Gemeinde und war stets bemüht, die Interessen ihrer Institutionen zu fördern. Obgenannter ist Direktor der Rozsahegyer Sparkassa-Aktiengesellschaft und Vizepräsident der Rozsahegyer Papier- und Cellulose-Fabrik. Letztere ist ein Etablissement ersten Ranges; die Gründung dieser Fabrik ist hauptsächlich der Mühewaltung unseres Gemeindemitgliedes Herrn Hermann Steiner zu verdanken. Herr Klein hat anläßlich seiner Auszeichnung zahlreiche Gratulationen erhalten. Feuilleton. Aus finstern Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben Galiziens vor fünfzig Jahren. Von Nathan Samuely. Fünftes Kapitel. Rekrutierung! Dieses Wort verbreitete Angst und Schrecken um sich und machte den armen Eltern, welche militärpflichtige Kinder hatten, das Haar sträuben. Wer von Euch hat nicht Vieles von der spanischen Inquisition gehört? Wie die Häscher unheimlich im Dunkeln herumschlichen, auf der Lauer lagen, dann in friedliche Häuser einbrachen und die Bewohner aus den Betten vor das Tribunal der Inquisition zerrten? Wer hat nicht von jenen Schreckensszenen gehört, von den bleichen, irren Schatten, von jenen Unglücklichen, die man gequält, gemartert und zu Tode gefoltert hat? Wer hat nicht von dem Großinquisitor gehört, wie sich dieser, um die Lüsternheit seiner Nimmersatten Seele zn befriedigen, auf eine arme harmlose Familie gestürzt und die Glut seiner Leidenschaft in ihrem Blute abgekühlt? Solche Schreckensszenen wiederholten sich bei der Rekrutierung. Auch bei dieser schlichen die Häscher herum und lauerten auf ihre Opfer. Diese Häscher waren mehrere Polizeileute mit aufgepflanzten Gewehren, geführt von einem sogenannten „Viertelmeister". Ganze Gassen wurden abgesperrt, damit die Opfer nicht entwischen können. Man brach in die Häuser ein und schleifte Kinder aus den Betten. Nicht selten geschah es, daß inan das Bethaus mit Soldaten umringte, während der Viertelmeister mit seinen bewaffneten Polizeileuten sich in dasselbe stürzte und halbwüchsige Jünglinge, ja, oft auch ältere Männer fortschleppte, die sie mit Diebe und Gaunern in einem Kerker zusammenwarfen. Das alles war das Teufelswerk des Regierers, der ein wahrer Großinquisitor war. Jeder, der sich vor seiner Verfolgung schützen wollte, mußte weit den Beutel öffnen und den Regierer darin tief hineingreifen lassen. Das Assentieren blieb damals ausschließlich den Regierern anheimgestellt, die in der Regel mit der Assentierungskommission gemeine Sache machten. Ein einziger Wink des Regierers genügte, um einen, mochte er noch so sehr mit körperlichen Gebrechen behaftet sein, für den Militärdienst zu bestimmen. Damals hatte jede jüdische Gemeinde die Pflicht, ein gewisses Kontingent für den Assentplatz abzuliefern; die Wahl war dem Regierer überlassen. Gewöhnlich wurden die Niedrigen und die Gemeinen auserwählt,