Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 380 Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Nr. 31 Ehre gereichen. Das Ahlemer Beispiel, welches übrigens in verschiedenen Teilen Rußlands und in Galizien Nachahmung fand, möge auch uns zum Ansporn dienen. Die Gärtnerei ist derzeit ein lukrativer Zweig der intensiven Bodenbewirtschaftung; auch ein räumlich geringer Bodenteil bietet die Möglichkeit der Ernährung. Geben Sie uns also die Möglichkeit, wenigstens auf diesem Gebiete die Ackerbauftage zu propagieren, Sie werden damit eine ebenso patriotische und soziale, als glaubensgenofsenschastliche Pflicht erfüllen. Und haben wir einmal die ersten Grundsteine in dieser Weise niedergelegt, so werden dann andere wackere Menschenfteunde weiter bauen, bis die so wichtige Ackerbauftage unter Dach gebracht sein wird; unser Verein wird jede Anregung und jede Unterstützung dankbarst entgegennehmen. Eine Protestversammlung gegen die Fremden-Bill. London. Eine große Protestversammlung gegen die neue Fremden-Bill wurde vor kurzem im „Jüdischen Arbeiter- Klub" im Ostende von London abgehalten. Der Zudrang von Juden des Ostendes zur Versammlung war so groß, daß viele vergebens Einlaß suchten, und es herrschte großer Enthusiasmus. Lord Rothschild hatte der Versammlung telegraphiert, er sei nur durch Unwohlsein verhindert, zu erscheinen, er billige aber den Protest gegen das Fremdengesetz. Der Parlaments-Abgeordnete Stuart M. Samuel führte den Vorsitz. Er sagte in seiner Rede, beide Parteien des Unterhauses stimmten darin überein, daß ausländische Verbrecher und mit Krankheiten behaftete Ausländer nicht in das Land hineingelassen werden sollten, und daß, wenn Ausländer in England zu Verbrechern würden, man das Recht haben sollte, sie aus dem Lande zu verweisen. Diese Tatsachen wurden zugegeben, aber alles, was in der Bill hierüber hinausginge, würde bestritten und widerlegt. So sei auch bei der zweiten Lesung der Bill im Unterhause weiter nichts zugunsten der Bill gesagt worden, als was sich allein auf die beiden erwähnten Kategorien von Ausländern: Verbrecher und Kranke, bezog. Der Redner erinnerte dann daran, daß alle die Punkte in der Fremden-Bill des letzten Jahres, welche von der Minderheit bestritten seien, sämtlich in der neuen Fremden-Bill dieses Jahres weggeblieben seien, weil man einfach die Ausführungen der Minderhett nicht habe widerlegen können. Von mehreren Rednern wurde dann ausgeführt, was das Ostende von London durch die Einwanderung ausländischer Juden gewonnen hat. Sie haben Industrien in das Land gebracht und dadurch auch englischen Arbettern Verdienst gegeben. Sie unterstützen die Schicken und Hospitäler besonders eifrig und bezahlen ihre Steuern, ohne Stimmrecht zu haben und ohne über die Verwendung der Steuern mitreden zu können. Die Betrunkenheit hat sich im Ostende von London verringert, 40 Wirtshäuser sind von' den Juden geschloffen (wie ein englischer Geistlicher der Versammlung mitteilte) und es wurde hinzugesetzt, daß die Wirtshäuser zum Teil in Schneiderwerkstätten verwandelt sind. Der Gemeinderat Collins, welcher seit 63 Jahren in Whitechapel lebt, leckte mit, daß Whitechapel seit der jüdischen Einwanderung viel sicherer geworden sei. In Commercial Street, einer Hauptstraße von Whttechapel, sei man früher nicht sicher gewesen, und in Wentworth Street, einer Nebensttaße davon, hätte sich kein Polizist allein zeigen können, und bei Dunkelheit hätten dort die Polizisten zu zweien und zu dreien gehen müffen; das habe sich, seit die Juden dort wohnen, alles geändert. Ein anderer Redner führte an, daß eine ängstliche Dame von einem Polizisten die Antwort erhiett: „Oh, die Straße ist sicher; es wohnen lauter Juden dort!" Der Geistliche Warren führte aus, daß die Interessen des Bier- und Spirituosengewerbes sich in der Agitation gegen die Juden bemerkbar machten. Wenn die jetzige Bill angenommen werde, so würde die Auswanderung der russischen Juden über Deutschland stattfinden und statt der englischen Dampfer- und Eisenbahngesellschaften würden die Deutschen den Nutzen davon haben. Die Resolution, die zuletzt mit Jubel angenommen wurde, betonte, daß alle vernünftigen Maßregeln ergriffen werden sollten, um England von ausländischen Verbrechern zu befteien und um solche Ausländer, die mit ansteckenden Krankheiten behaftet seien, fern zu halten, dagegen sei die gegenwärtige Bill aus ökonomischen Gründen und weil sie den wahren Interessen England zuwider sei und weil sie die Opfer religiöser und politischer Verfolgung bedrücke, zu verwerfen. Neiv-Dork. Die P a ß f r a g e für amerikanische Juden hat kürzlich den amerikanischen Kongreß wieder einmal beschäftigt. Mr. Alfred Lucking, Kongreßmitglied für Michigan, brachte diese Angelegenheit wieder einmal zur Sprache, wobei er der russischen Regierung für ihr hinhaltendes dilatorisches Verhalten in dieser Frage Treulosigkeit vorwarf. Seit 20 Jahren stehen wir in Verhandlung mit Rußland über diese leidige Angelegenheit. Da wir jedoch den russischen Bären mit Sammthandschuhen angefaßt haben, so gelang es diesem noch stets, uns hinzuhalten und immer wieder zu foppen. Es ist hohe Zeit, diesem barbarischen Staat Ernst zu zeigen. Daß wir Amerikaner sehr wohl energisch sein können, hat das Auswärtige Amt durch die energische Art bewiesen, mit welcher anläßlich des jüngsten Konflikts die Türkei angepackt hat. Er schloß seine Rede mit folgenden markanten Worten: „Unsere jüdischen Freunde in Amerika mögen es hören! Ihr läßt Euch zu leicht besänftigen und einschläfern. Ihr seid viel zu bescheiden. Bestehet fest auf euere Recht, oder ihr werdet es nie haben. Die Paßfrage muß in derselben Art behandelt werden, wie seinerzeit Mr. Bayard, der energische Staatssekretär unter Cleveland, die Weigerung der österreichischen Regierung, einen amerikanischen Gesandten anzuerkennen, weil er eine jüdische Frau hatte, zu brechen verstanden hat. Damals schrieb Mr. Bayard: Ich bin vom Präsidenten beauftragt, zu erklären, daß die amerikanischeRegierung diesen Grund nicht nur als nicht berechtigt ansehen kann, sondern im Gegenteil denselben ganz energisch als nicht stichhältig und mit den Prinzipien unserer Verfassung als unvereinbar erklären muß. Ebenso müßte jetzt unsere Regierung Rußland gegenübertreten. Sie müßte der russischen Regierung ebenso bestimmt wie ruhig erklären, daß, so lange die Sache nicht erledigt ist, unsere herzlichen Beziehungen zu ihr einen Bruch erleiden werden. Wenn Rußland unsere Freundschaft braucht, um sein eigenes Haus in Ordnung halten zu können, so muß es sich schon bequemen, unseren Wünschen entgegenzukommen". In der Zeit vom 1. November 1904 bis 1. März 1905 sind in New-Nork 47.130 Juden eingewandert, gegen 27.266 in demselben Zeitraum des Jahres 1904 und 19.478 im Jahre 1903. So stark auch diese Einwanderung ist und obgleich die Oesterreicher und Italiener in demselben Zeitraum in noch verhältnismäßig stärkeren Zahlen einwanderten, ist die Furcht vor einem generellen Einwanderungsverbot oder selbst vor einer erheblichen Erschwerung der Einwanderung in den jüdischen Kreisen Amerikas seit der Absetzung des grausamen Mr. Williams geschwunden. Das fortwährende Schikanieren der Emigranten rief den Unwillen der öffentlichen Meinung gegen ihn hervor und zwang den Präsidenten Roosevelt, den Mann Knall und Fall von seinem Posten zu entfernen. Seit dem 1. Jänner 1901 regiert auf Ellis Island an Stelle des Fremdenhassers Williams der weit mildere Mr. Watchorn. Derselbe bereiste vor wenigen Jahren im Aufträge des Auswärtigen Amtes Rumänien, um die Ursache der Judenverfolgungen zu ergründen, und war darauf zwei Jahre lang Einwanderungskommissär der Vereinigten Staaten in Canada. Dieser mit dem Wesen der Emigration völlig vertraute Mann will die Ansicht der überwiegenden Mehrheit des nordamerikanischen Volkes und diese geht dahin, daß die Vereinigten Staaten die Einwanderer ebenso nötig haben, wie diese die Vereinigten Staaten brauchen. In Amerika liegen noch viele Millionen Acres Land brach und harren der fleißigen Hände der Einwanderer, während diese wiederum dringend Land brauchen, um die heiß ersehnte wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erlangen. Wenn aber sich trotzdem zahl- und einflußreiche Stimmen gegen die Einwanderung erheben, so hat dies seinen Grund in der sehr ungleichmäßigen Verteilung der Emigranten über das Land. Von den 812.870 Menschen, die im Jahre 1903/4 in den Vereinigten Staaten