Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021624--14521-3039235- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 326 Dr. Blocks TWlocbenscbrtft. Nr. 21 Drucke der Partei zu Stande gekommene Arrangement auch wirklich ganz nach dem Sinne und nach dem Herzen des Herrn und Meisters war. Herr Steiner hat sich als praktischer Arbeiter erwiesen und wird sich aller Voraussicht nach auch sür die Folge als solcher erweisen. Als Folie war er aber beiweitem nicht so gut verwendbar, wie der in dieser Hinsicht unschätzbare Doktor Neumayer. Die Maler, die sich auf die künstlerischen Wirkungsbedingungen verstehen, wissen sehr wohl, daß es durchaus nicht gleichgiltig ist, welcher Hintergrund einer historischen Gestalt gegeben wird, wenn sie sich plastisch und effektvoll abheben soll. Herr Dr. Neumayer ist als Hintergrund ganz famos, nicht ganz so gut aber auch Herr Steiner, und es hieße den Herrn von Wien doch unterschätzen, wenn man annehmen wollte, daß nicht auch ihm diese Erkenntnis instinktiv aufgedämmert sei. Wenn er nun auch im Stillen keine Freude gehabt haben sollte an den neugeschaffenen Tatsachen, so schien doch die Partei die stille und sinnige Freude mit Behagen zu genießen, einmal den Herrn nach ihrer Pfeife tanzen zu sehen. Er konnte nicht recht anders. Ein Tropfen Wermut ward in diese Freude geträufelt durch die Tatsache, daß Steiner selbst klug genug war, sich nicht oktroyieren zu lassen. So ward, wieder unter dem Hochdruck der Partei, Dr. Porzer zum Dauphin des christlich-sozialen Regimes. Er muß im Hinblick auf die Zukunft als solcher betrachtet werden. Denn Dr. Neumayer, der anstandshalber vorgerückt wurde, zählt natürlich nicht mit. Der Festesjubel bei dieser Wahl erinnert einigermaßen an die römischen Saturnalien, bei welchen einmal im Jahre die Sklaven die Herren spielen durften und bei dem festlichen Gelage von ihren gnädigen Herren bedient wurden. Es kann aber noch ganz anders kommen, auch bei uns in der Stadt, die Herr Dr. Lueger beherrscht, was der nicht ganz von der Hand weisen wird, der sich nur ein wenig auf die Psychologie der Volksgunst versteht. In der Republik Siena ward der Bürgerschaft ein siegreicher Kondottiere, der sich unvergängliche Verdienste um das Gemeinwesen erworben hatte, mit der Zeit recht unbequem. Er war zu groß und zu mächtig geworden, und bo3 ertrug man auf die Dauer nicht. Da fand denn der hohe Rat der Bürgerschaft einen ungemein befriedigenden Ausweg. Er beschloß, den Helden zu erschlagen und ihn dann als Heiligen zu verehren. Und so geschah es. Das war im finstern Mittelalter, und jetzt leben wir bekanntlich in der Zeit der Aufklärung. Schon schmückt eine Wallfahrtskirche, wir glauben es ist die von Maria-Lanzendors, ein Votivbild, auf dem das Bild Dr. Luegers verewigt ist. Manches gläubige Gemüt mag sich vor dem Bilde fromme Erhebung geholt haben. An der Verehrung fehlt es jetzt schon nicht und erschlagen wird Herr Dr. Lueger sicher nicht werden. Wir leben nicht im Mittelalter und er ist kein Jude. Wir wünschen ihm ein recht langes und friedsames Leben, aber die Volksgunst ist wandelbar. Auch Patroklus ist gefallen, und war mehr als du! Sie hat manchen schon fallen lassen, den sie vorher und nachher verehrt hat. Die Vizebürgermeifterwahl war nicht nur ein Symptom unserer Zeit, sie war auch eines der aura popularis. Wenn es einmal wetterleuchtet, dann muß ja das Gewitter nicht immer kommen, es muß auch nicht gleich einschlagen, aber der Beweis dafür ist da, daß die Atmosphäre elektrisch geladen ist. Die Lücke, nein, die Lücken, die der Heimgang Strobachs zurückgelassen hat, bringen es übrigens der Zeitgenossenschast erst so recht zum Bewußtsein, wie dankbar das Geschäft der antisemitischen Agitation bei uns ist. Neben dem Einkommen, das der Verstorbene aus seinen verschiedenen, lediglich durch seinen praktischen Antisemitismus erworbenen Ehrenstellen bezog, nimmt sich der Gehalt des Ministerpräsidenten der österreichischungarischen Monarchie fast wie ein dürftiger Diurnistensold aus. Was müßte einer, der nicht in Antisemitismus arbeitet, gelernt haben sein lebelang, was müßte er Großartiges, Weltbewegendes geleistet haben, um zu solchen Stellungen, Auszeichnungen und zu solchem Einkommen zu gelangen? Immerhin war es noch ein Strobach! Es kommt aber noch besser. Sein Heimgang hat zur unmittelbaren Folge die Nangserhöhung des Herrn — Hermann Bielohlawek! Die Saturnalien werden zur ständigen Institution erhoben. Wir meinen jenes Fest, bei dem der Hausknecht das große Wort führt und Herr Bielohlawek gebietiger Herr wird über wichtige Gebiete der Kultur und Wissenschaft und über deren Lehrer und Verkünder, die in rastlosem Eifer ihr Leben dem Dienste der Wissenschaft und der Menschlichkeit gewidmet haben, um schließlich abhängig zu werden von Herrn Bielohlawek. Und das vollzieht sich bei uns, als wenn das so sein müßte, als wenn es die natürlichste Sache von der Welt wäre. Strohbach war Lehrmittelhändler. Er hatte so wenigstens gewisse entfernte Beziehungen zu jenen „Bücheln", die Herr Bielohlawek eingestandenermaßen einen solchen Horror einflößen, der wohl schon als Idiosynkrasie bezeichnet werden darf Herr Bielohlawek ist Gemischtwarenhändler. Ihn deshalb geringzuschätzen, wäre eine Thorheit und ein Anachronismus. Immerhin müßte aber ein Gemischtwarenhändler doch auch etwas gelernt haben, etwas wissen, um sich die Legitimation zu erwerben, in den wichtigsten Fragen der Verwaltung und der Bildung das entscheidende Wort zu sprechen. Nun haben aber wohl selbst die begeistertsten Freunde und Anhänger Herrn Bielohlaweks den Mut nicht, zu behaupten, daß Herr Bielohlawek auch nur etwas gelernt habe, auch nur etwas wisse. Und wenn sie schon den erstaunlichen Mut hätten, so würde sie doch jeder Satz, den er spricht, jedes Wort, das er schreibt — er schreibt wirklich! — sofort und mit der unwiderstehlichen Schlagkraft des klassischen Beweises gründlich eines Besseren belehren. Die christlich-soziale Partei hat es herrlich weit gebracht. Sie darf Herrn Bielohlawek auch in solcher Stellung der Bevölkerung zumuten, und weder ein Sturm der Entrüstung fegt ihn weg, noch läßt ihn ein unauslöschliches Gelächter vor Scham in die Versenkung verschwinden. Fragt man, was er geleistet, forscht man nach seinen Vorzügen, so kommt man zu dem Ergebnis: Dw Mann hat eine kräftige Lunge, und die hat er mit Eifer in Anspruch genommen, um gegen die Juden zu donnern. Das genügt bei uns. Zur Genealogie des Herrn Bizebürgermeisters Dr. Porzer. Der Stammvater der Familie des Herrn Dr. Porzer war ein jüdischer Hausierer in Mähren, der von Dorf zu Dorf seine Ware feitbot. Dessen Sohn, der sich einige kaufniännische Bildung erworben hatte, zog nach Brünn und nahm, als Kaiser Josef II. anordnete, daß die Juden Familiennamen sich beilegen müssen, den Namen Neustein an. Früher hieb er kurzweg „Reb Jontef!" Sein Sohn Heinrich Neustein übersieöelte Anfangs der Dreißiger Jahre nach Wien, wo er ein Geschäft mit rohen Kuh- und Ochsenhäuten etablierte. Mit einem Mädchen namens „Kohn" verheiratet, wurde Heinrich Neustein, der Sohn des „Reb Jontef". Vater mehrerer Kinder, rderen ältestes ein Mädchen namens Betty war. und diese ist die Mutter des Herrn Dr. Porzer. Schon 23 Jahre alt, nahm sie die Taufe, um den Wiener Kaffeesieder Porzer in einer schmalen Seitengasse des Grabens in der inneren Stadt Wien zu heiraten. Diese getaufte Jüdin hat sich um die Erziehung ihres Sohnes, der frühzeitig eine eminente Begabung und große Fähigkeit an den Tag legte, nicht bloß große Mühe gegeben, sie hat auch die größten Opfer gebracht um ihn zu seiner jetzigen^Stelle zu erheben. Herr Dr. Porzer besitzt in Wiener jüdischen Familien mehrere Verwandte, von welchen einzelne in der Verwaltung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde (Ludwig August Frankl) sich hervorragende Verdienste erworben haben. Vorstehende Mitteilung erschien in der „Oesterreichischen Wochenschrift" Nr. 37 1891, die Daten wurden erhoben und festgestellt von dem Dichter und Kultusgemeindesekretär Dr. Ludwig August Frankl. „Reb Jontef", der Urgroßvater des Herrn Dr. Porzer, hat sich wohl kaum träumen lassen, daß einer seiner Nachkommen als Antisemitenhäuptling einen Wiener Bürgermeisterstuhl besteigen wird. Me große jüdische Stiftung i« Dessau. Die Baronin von Cohn-Oppenheim-Stistung der israelitischen Kultusgemeinde zu Dessau hat ihren Jahresbericht für das Jahr 1904 erscheinen lassen. In übersichtlicher und klarer Weise ist Bericht über die Tätigkeit des Kuratoriums erstattet worden; eingehend sind auch bei den einzelnen Titeln die Grund-