Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. BLoch's Wochenschrifk. Sette 325 wöhnlich hohe musikalische Begabung, frohe Sangeslust bemerkbar gemacht, kein Geringerer als Karl Goldmark, der Komponist der „Königin von Saba" bildete in der schönen stolzen Kaiserstadt an der blauen Donau, welche mittlerweile die neue Heimat der Familie geworden war, die begeisterte Kunstjüngerin zu einer hervorragenden Pianistin heran, während ihre herrliche Altstimme unter der sorgfältigen Pflege des Gesangsmeisters Lauser zu außerordentlicher Schönheit und Größe sich entfaltete. Schon in kindlichem Alter errang sie in einem Konzert ihren ersten künstlerischen Ruhm als Pianistin. Mit dem Zusammenfassen all ihrer Kräfte widmete sich das rastlos fleißige, hochstrebende junge Mädchen seinen Studien, rasch vorwärts schreitend, sich die höchste Zufriedenheit der Lehrer erwerbend. Kaum fünfzehnjährig, erschien sie auf der Bühne der k. k. Hoftper. Ihre Bühnenlaufbahn bedeutete ein in stetig aufsteigender Linie sich bewegender künstlerischer Erfolg, eine ununterbrochene Kette von sichtbaren Fortschritten. Ihre wunderbare, trefflich ausgebildete Stimme, ihr hervorragendes Darstellungstalent, ihr unermüdlicher Fleiß, ihre Vielseitigkeit, ihr umfassendes Wissen und ihr tiefes Gemüt ließen sie stets vorzügliche, ebenso stilvolle als gediegene Leistungen darbieten und schufen ihr in den Jahren 1860—1867 eine hochgefeierte Stellung an der Wiener Oper, insbesondere wo ihre Selika in der „Afrikanerin", ihre Fides im „Prophet", ihre Azucena im „Troubadour" unvergessen in aller Zeitgenoffen Erinnerung fortleben. Die temperamentvolle Vertreterin dieser leidenschaftlichen Frauentypen erwies sich aber auch als vorzügliche Lieder- und Oratoriensäugerin, der nicht nur in Wien, sondern in Deutschland und England auch auf diesem Gebiete die reichsten Lorbeeren erblühten. Getragen von der Gunst der Wiener, ein Liebling der geistvollen Erzherzogin Sophie, der Mutter Kaiser Franz Joseph I., wurde sie oft zu Hvfkonzerten befohlen und der Kaiser verlieh ihr bald die seltene Auszeichnung der Ernennung zur k. k. Kammersängerin in Anbetracht ihrer hervorragenden künstlerischen Leistungen. Ihre Kunstreisen nach Leipzig, wo sie in dem berühmten Gewandhause ihre Liedergaben bot und an einem Kammermusikabend als Pianistin austrat, gleich sehr durch ihren feinsinnigen, von echt künstlerischem Geist erfüllten Vortrag sich die Sympathien von Kritik und Publikum im Fluge erobernd, nach Bremen, wo sie mit der unvergeßlichen Klara Schumann gemeinsam in einem Konzert wirkte, Gastspiele in Breslau, Frankfurt a. M., Graz und anderen deutschen und österreichischen Musikstüdten, ihre Mitwirkung bei den Musikfesten in Aachen und Hamburg und last but not least drei Seasons an der großen italienischen Oper in London befestigten immer mehr ihren Ruf und Ruhm als außerordentliche Sängerin. Wo sie erschien, rühmte man ihr vornehmes, musikalisches Empfinden, geläuterten Sinn und echt künstlerischen Geschmack nach, überall wurden ihre Leistungen mit begeistertem Enthusiasmus ausgenommen, trugen ihr reiche Ehren und Erfolge ein. Einen entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben und in ihrer ferneren künstlerischen Wirksamkeit brachte das Jahr 1867. Ihre Vermählung mit dem in allen nationalökonomischen Fragen an erster Stelle stehenden Reichsrats-Abgemdneten und Präsidenten der Brünner Handelskammer Julius Gompertz, welcher später infolge seiner großen Verdienste um den Handelsstand zum Ritter ernannt wurde, beendete nur allzufrüh ihre künstlerische Laufbahn für die Oeffentlichkeit. Ihr Haus wurde ein geistiger Mittelpunkt, eine Heimstätte edelster Geselligkeit; ein Kreis bedeutender Menschen schart sich um die Frau, welche die Seele des Hauses ist. Ihre Kunst ist der Schmuck ihres Hauses und steht seit ihrer Vermählung nur noch im Dienste der Wohltätigkeit; ihre unschätzbare Mitwirkung bei den großen Wohltätigkeitskonzerten in Wien und Brünn legt beredtes Zeugnis für ihre edle, echt menschenfreundliche Gesinnung ab, wie sie überhaupt ihre bevorzugte Lebensstellung zum Segen der Armen und Notleidenden in schönster Weise geltend macht. Fanny Lewald schrieb einst an Liszt: „Höher als der Künstler steht mir der Mensch." Dieser Ausspruch der bedeutenden Frau kann auch auf Frau von Gompertz- Bettelheim angewendet werden. Von liebevollster Hingebung fiir ihren engeren und weiteren Familienkreis beseelt, eine treue, aufopferungsfähige Freundin, stets hilfsbereit für die darbende Menschheit, alles Schöne, Hohe und Gute warmherzig fördernd und schützend, ist sie beiweitem liebenswerter und verehrungswürdiger als Mensch, als Frau, wie als Künstlerin! Regina Neißer. Strobachs Nachfolger. Das Erbe Strobachs — es war ein reiches! — ist aufgeteilt, und ein Geheimkapitel christlich-sozialer Parteipolitik ist abgeschlossen. Von der Erbschaft profitieren: Dr. Josef Porzer, Heinrich Hierhammer, Leopold Steiner und Hermann Bielohlawek. Es ist nicht Alles gleich ganz glatt abgelaufen, und es mußte sich erst ein stiller Gärungsprozeß vollziehen. Wie das schon so geht bei solchen Prozessen — ganz genau weiß man doch nie im Vorhinein, wie sie endigen werden, und richtig bot hier das Gärungsprodukt eine Ueberraschung. Herr Dr. Porzer — zweiter Vizebürgermeister! Verschiedenes sprach eigentlich gegen ihn. Erst hieß es: nur keine Doktoren mehr! Die Gewerbetreibenden sollten berücksichtigt werden, der kleine Mann! Es ward ja auch ein kleiner Mann gesunden, Herr Hierhammer, aber den Vortritt mußte er doch Herrn Porzer lassen. Weiters gehört Dr. Porzer nicht so recht eigentlich zur Partei, ebensowenig wie Dr. Neumayer ursprünglich zu ihr gehört hatte. Er repräsentiert mehr die rein klerikale Couleur, während die Christlich-Sozialen ja oft genug beteuern, daß sie nicht klerikal seien. Und schließlich und endlich ist er — es ist entsetzlich, es auszudenken — jüdischer Abstammung! Er ist ein Neffe des Dichters Ludwig August Frankl, der, wie männiglich bekannt, ein unermüdlicher und pflichteifriger Funktionär der Wiener israelitischen Kultusgemeinde gewesen ist. Und trotzdem! Wir wundern uns natürlich nicht, daß er bei seiner geistigen Veranlagung es in dieser Gesellschaft so weit gebracht hat. Die erbliche Belastung ist ja nicht wegzuleugnen, nur hat sie ihm in diesem Falle mehr genützt als geschadet. Die Geschichte ist intereffant, noch interessanter vielleicht ihre Vorgeschichte, über die Authentisches Wohl schwerlich verlautbart werden wird. Jedenfalls wird die Geschichte der Kandidatur Steiners und ihrer Absetzung von der Tagesordnung erst noch zu schreiben sein. Ob alles gerade auch schon von Vorneherein nach dem Wunsche Dr. Lueger's gegangen ist, — wir wissen es nicht und es wird uns schwer, daran zu glauben. Ja doch, er ist der Herr von Wien und wir kennen die Legende von den Barriörepflöcken. Aber man kann, wenn nicht alle Stricke reißen, auch an Barriörestöcke festgebunden sein, so fest, daß man sich kaum noch rühren kann. Es läßt sich darüber streiten, ob ein dritter Vizebürgermeister wirklich unumgänglich nötig war, zumal ja, was von keiner Seite bestritten wird, der Bürgermeister selbst eine Arbeitskraft ist, deren die Partei bei keiner auch nur halbwegs wichtigen Angelegenheit entraten kann, aber man darf eines nicht übersehen: es ist Herr Dr. N e u m a y e r, der nicht nur durch die Kraft seines Geistes und die Macht der eigenen bedeutenden Persönlichkeit, sondern durch die Schicksalsfügung und die besondere Gunst der Umstände zu: Stelle des ersten Vizebürgermeisters emporgerückt ist. Da mag es freilich nicht nur Herrn Doktor Lueger, sondern auch der gesamten Partei sofort bemerkbar geworden sein, daß nun allerdings eine Ergänzung des Präsidiums durch eine intelligente und brauchbare Arbeitskraft unabweislich notwendig geworden sei. Gibt man weiters die christlich-sozialen Prämiffen zu, dann wird man auch zugestehen können, daß in Herrn Steiner tatsächlich ein parteimäßig nützlicher Ersatz gefunden worden war. Wir meinen allerdings, daß die Stadt Wien, die schließlich doch nicht nur ein christlich-soziales Hauptquartier, sondern nebenbei auch ein deutsches Kulturzentrum ist, noch auf eine andere Leitung Anspruch hätte, als sie selbst ein Herr Steiner zu leisten vermag, aber immerhin war's doch etwas Anderes als Herr Doktor Neumayer, imnierhin doch eine intelligente und 'ÄtzchHbVre Arbeitskraft. Bei alledem bleibt es fraglich, ob dem