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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Air. 20 Dr. Dlocv s Mlocvenscvnrr. ÄeUr 317 Seminars Dr. Ignaz Goldziher, um ihn anläßlich seiner Wahl zum Präsidenten der I. Klasse der Akademie zu beglückwünschen. — Der Muraszombater Rabbiner Dr. Josef Frankl wurde zum Rabbiner der Kultusgemeinde von Fiume gewühlt. Bukarest. (Auswanderungen.) Die Negierung von Cuba hat beschlossen, 10.000 israelitische Familien aus Rumänien und Rußland als Arbeiter für die dortige Industrie auzustellen. Eine Kommission, bestehend aus einem Mitgliede der Auswanderungsgesellschaft Herrn Dr. Ed. Silberstein und dem hiesigen Rabbiner, wurde betraut, Einschreibungen der wanderlustigen Arbeiter zu besorgen. Bis setzt sind schon 250 Brailaer Faun ien notiert und wird in den anderen Städten des Landes die Einschreibung mit Eifer fortgesetzt. Banjaluka (Religionswechse l.) Herr David K o h n aus S i d (Kroatien). Professor an der hierortigen Oberrealschule, ist vom jüdischen zum griechisch-orthodoxen Glauben über getreten. Bukovar. (Vortrag über die „Erste jüdische Reisegesellschaft nach dem Heiligen Lande".) Unter Vorsitz des verdienstvollen Präses der Kultusgemeinde konstituierte sich in Vinkovce ein Komitee, welches durch eine Deputation den Vukovarer Oberrabbiner Herrn Dr. I. Dia m a n t ersuchte, über seines während seiner Reise gesammelten Eindrücke und Erfahrungen in Vinkovce einen ausführlichen Vortrag zu halten. Für denselben gab sich auch in der ganzen Umgebung das lebhafteste Interesse kund. Derselbe fand Sonntag den 14. d. M. im Tempel statt, der sowohl im Männerraume, als auf der Damengalerie bis auf's letzte Plätzchen gefüllt tvar. Herr Bezirksrabbiner Salamvn Neumann begrüßte in warmen, herzlichen Worten seinen verehrten Amtsbruder und ersuchte ihm, den angesagten Vortrag, für welchen sich so ungeteiltes Interesse kundgab, zu halten. Unter gespannter Aufmerksamkeit der ganzen Schar der Zuhörer sprach nun der Vortragende (dritthalb Stunden) über die Seereise, sowie das Leben auf dem Thaliaschiffe bis Alexandrien, b.handelte dann die jüdischen Verhältnisse in Alexandrien und Kairo und besprach sehr eingehend die heutigen Zustände des Heiligen Landes, gab ein sehr anschauliches Bild über die jüdischen Kolonien und schilderte sehr ausführlich die Verhältnisse aller in der heiligen Sradt wohnhaften Glaubensgenossen, vornehmlich ihre Schulen, Gotteshäuser und wohltätigen Anstalten. In schwungvollen Worten dankte Gemeindepräses Herr Ignatz Löwy namens der Gemeinde, sowie sämtlicher Zuhörer für den genußreichen, unvergeßlichen Vortrag des illustren Redners. In der Wohnung des Herrn Rabbiner Neumann überreichte nun das Komitee als Zeichen des Dankes dem Vortragenden ein kunstvolles silbernes Schreibzeug mit paffender Widmung. jfeutUeton. Ans finstern Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben Galiziens vor fünfzig Jahren Von Nathan Samuely. Viertes Kapitel. „Seit einigen Jahren", fuhr endlich der Blinde in seiner Erzählung fort, „schien der rote Wölsele mich nicht einmal zu beachten. Wie war es auch möglich? Er war ein vielbeschäftigter Mann. Mir aber war es dafür nicht erspart, immer mehr auf ihn aufmerksam zu werden. Ich war übrigens nicht der Einzige, denn der rote Wölsele lenkte die Aufmerksamkeit der ganzen Gemeinde auf sich. Niemand war so energisch, so unternehmend wie er. Niemand verstand es, wie er, Alles so gut auszunützen und sich überall Eingang zu verschaffen. Wo ein Geschäft zu machen war, dort fehlte er nicht; auf allen Lizitationen steigerte er mit. Trat ihm jemand entgegen, so war er bald von ihm aus dem Wege geschafft. In allen Aemtern war er heimisch, den Beamten lag er immer in den Ohren — Alles fürchtete seinen Einfluß. Ilebrigens verstand er es auch, sich je uach Bedarf jedesmal ein anderes Aussehen zu geben. Hier war er verschüchtert und bescheiden, dort frech und herausfordernd: hier dumm und einfältig, dort klug und vorwitzig, kurz, er verstand fein Gesicht wie Wachs umzukneten. Galt es, als Moderner zu erscheinen, dann säst ihm das Pastorhütchen stutzerisch aus der Seite und die langen Pees verschwanden unter seinen Ohren — war es sein Vorteil, als Frommer zu gelten, dann sah man ihn den Kops zwischen den aufgezogenen Achseln demutsvoll gesenkt einherschreiten, während er sich die Seitenlocken zog, dehnte und kräuselte. Für die Synagoge ließ er eine Thorarolle schreiben, die er mit großem Gepränge vom Rabbiner selbst an den Ort ihrer Bestimmung tragen ließ. Während des Betens schaukelte er sich, wie ein Rohr, das vom Sturm bewegt ist. Das waren Mittel, die ihr Ziel nicht verfehlten. Sein Einfluß wurde immer bedeutender. Von Jahr zu Jahr schob sich sein „Ständer" um eine Reihe hinauf, bis er in der Ostwand, unter den Vornehmen der Gemeinde zu sehen war. Schon fing man an, ihn nicht anders als „Reb Wölsele" zu rufen, und man gewöhnte sich nach und nach daran, von ihm mit großer Ehrerbietung zu sprechen. Eines Abends — es war gerade „Simchat-Thora" — als ich in die Synagoge trat, fand ich dieselbe, wie gewöhnlich um diese Zeit von Leuten überfüllt, die sich alle eifrig hinaufdrängten und um Reb Wölsele scharten. Dieser stand mit ausgeschürzten Aermeln vor einer großen Kanne voll Meth, aus der er Gläser auf Gläser' füllte, die er unter der herandrängenden Menge verteilte. Immer lärmender und jauchzender wurde es um ihn, denn der Meth verfehlte nicht seine Wirkung . . . „Vivat, leben soll unser Reb Wölsele!" schrie einer mit krächzender Stimme. Die ganze Synagoge widerhallte von dem Ruf, den hundert heisere Hälse ausstießen: „Vivat, Vivat, leben soll unser Reb Wölsele!" „Reb Wölsele soll unser Gabbe*) sein!" schrie dann wieder der Erstere. „Ja, ja, unser Gabbe!" tönte es als Echo von allen Seiten. In immer reicheren Strömen floß der Meth, den Wölsele unter der Menge ausschenkte. Immer toller und wüster war der Lärm — die Synagoge war förmlich in ein Zechgelage verwandelt. Wölsele wurde in dieser Nacht, in welcher gewöhnlich die Würden der Synagoge unter den Vornehmen der Gemeinde verteilt werden, zum Gabbe ansgerusen ... Ich weiß nicht — Neid war es gewiß nicht, was ich empfand, aber ich fühlte einen Stich im Herzen, als ich ihn diese hohe Stufe in der Gemeinde erklimmen sah. Von diesem peinlichen Gefühle war ich jedoch bald befreit, als ich nach Hause kam, wo still und bescheiden mir göttlicher Segen blühte. Hier sah es immer rein und niedlich aus, wie in einem Schmuckkästchen und alles atmete süße Traulichkeit. Die neuen Verhältnisse, die unsere Kinder herbeiführten, gestatteten es uns, das Leben bequemer einzurichten. Die Arbeit gibt dem Geiste Ruhe, dem Körper Kraft und Stärke. Jankele entwickelte sich zu einer kräftigen, stattlichen Gestalt und Rachele — sie zu schildern, reichen mir die Worte nicht aus. Schön war sie wie die Morgenröte, klug wie der helllichte Tag und herzlieb wie die gute Stunde selbst. Wenn sie sich an den Feiertagen auf der Gasse zeigten, da brummte freilich mancher Geldaristokrat in den Bart. Sieh Dir nur an das Schneiderjüngel mit dem Schneidermädel", aber nachgaffen mußte er ihnen dennoch, und weniger Neidische gar konnten den Ruf nicht unterdrücken: „Was ist das für ein reizendes Pärchen!" Gar lieb und traulich waren die Stunden, die wir bei unserer Arbeit verlebten. Allerdings mußte es sich gar eigentümlich ausnehmen, wenn so in dem einen Zimmer weiße Schlafgewänder für die letzte Ruhestätte und in dem zweiten ) Synagogenverweser.

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