Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021623--14512-3039225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 318 Dr. Llocv's Mocdenscvrm. Nr. 20 Sammt- und Seidenkleider für Hochzeitsaussteuer angefertigt wurden — allein, wer von uns dachte dran? Und wenn Röchele während ihrer Arbeit ein Liedchen anstimmte und ihr Bräutigam Jankele sie mit seiner ernsten volltönenden Stimme begleitete, dann quoll uns, ihren Eltern, das Herz zu den Lippen hinauf und wir sangen mit . . . Seitdem der rote Wölfele in der Gemeinde so hoch gestiegen, war er mir gegenüber in einen anderen Menschen umgewandelt. Nicht allein, daß er mich nicht mehr wie damals mit seinem giftigen Blicken verfolgte, tat er auch sein Möglichstes mich sein Uebergewicht in der Gemeinde vergessen zu machen. Am Sabbath ließ er mich oft zur Thora aufrufen und meinen Gruß erwiderte er immer mit einem lauten Gegengruß. Ja, er wehrte es nicht, daß die Hochzeitsaussteuer seiner Schwiegertochter — denn auch sein Sohn war zu jener Zeit bereits verlobt — bei meinen Kindern angefertigt wurde.... Es fügte fich, daß die Trauung unserer beiden Söhne auf einen und denselben Tag zusammenfiel, auch ließen sie sich beide an einem und demselben Sabbath zur Thora aufrufen. Dieser fteudige Anlaß war nicht ftei von einem wehmütigen Gefühl, das mich beschlich beim Anblick des großen Unters Hiebes, der zwischen mir und Wölfele bestand. Umgeben von allen Vornehmen der Gemeinde, erschien Wölfele mit seinem Sohne an jenem Sabbath in der Synagoge, wo sie ihre stolzen Sitze in der Vorderreche einnahmen. Auch die „Weiberschul" füllte sich in allen Räumen mit reichgeschmückten, in Sammt und Seide einherrauschenden Frauen, die als Teilnehmerinnen mit der Frau des reichen Wölfele erschienen. Ich, das arme Schneiderlein hingegen, habe keine Freunde, keine Bekannten und kam nur mit meinem Jankele in die Synagoge, wo wir unsere bescheidenen Platze gegenüber der Türe einnahmen. Von den Teilnehmern Wölfeles, die allesamt zur Thora aufgerufen wurden, fielen gar reiche Spenden, und als der Synagogendiener mit lauter, klingender Stimme den Bräutigam zur Thora aufrief, stürzte von der „Weiberschul" ein wahrer Hagelschauer von Rosinen und Mandeln über das Haupt des Bräutigams nieder, worüber sich die kleinen Kinder, wie eine Schar hungriger Hühnchen über die Brosamen warfen, während von allen Seiten ein lautes „Maseltow! Maseltow!" erscholl. — Mein Jankele hingegen wurde mit nur näselnder, schier verächtlicher Stimme zur Thora gerufen, keine Spenden fielen, und kaum eine Handvoll Rosinen und Mandeln warf meine Frau durch das Fenster der „Weiberschul" herunter, so daß kein einziges Kind es der Mühe wert fand, sich darnach zu bücken — auch erhob sich keine einzige Stimme, um mich und mein Kind mit einem „Maseltow" zu beglückwünschen. Noch merklicher zeigte sich der Unterschied zwischen mir und ihm am Tage, da wir unsere Kinder unter den: Trauhimmel führten. Was war das für ein glänzender Hochzeitszug, der Wölfeles Sohn zum Trauhimmel begleitete! Wieviel knisternde und flackernde Fackeln umgaben das Brautpaar, wie rauschten die Seidenkleider und wie blitzten die Perlendiademe vom Haupte der Frauen! Wie brausten die Fiedeln und ach, wie lustig tanzte der Narrschalk in seiner bunten Kappe dem Hochzeitszuge voran! — Und bei meinem Jankele? Nur eine kleine Gruppe von armseligen Verwandten mit abgeschabten Kleidern fand sich mit uns beim Trauhimmel ein, es klang keine Fiedel und es tanzte kein Narrschalk, es war so füll, so bescheiden, so prunklos! Ja, meine lieben Kinder, das Glück ist nicht für jeden gleich und zeigt sich auch nicht jedem in einer und derselben Gestalt. Der eine findet es auf dem großen Tummelplatz des Lebens als Adler, der mit stolzem Gefieder hoch in den Lüsten über seinem Haupte kreist und ihn auf allen Lebenswegen begleitet — doch ist er zu stolz, sich unters Dach einsperren zu lassen, bei sich zu Hause findet er es nie und nimmer. Dem zweiten wieder zeigt sich das Glück als eine stille, sanftgirrende Taube. Im großen Gewühle des Lebens findet er es nicht, aber in seinem bescheidenen Kämmerchen lockt und ruft es ihn mit allen lieblichen Tonarten, girrt, spielt und flattert um ihn her mit den schönen, goldigen Flügeln. Mein Glück war damals eine solche sanfte, stille Taube; in allen Winkeln des Zimmers war ihr sanftes, liebliches Girren zu hören. Wir sahen unsere Kinder Hand in Hand nebeneinander sitzen, emsig schaffend und arbeitend, und nur von Zeit zu Zeit unterbrachen sie sich, um einander liebestrunken in die Arme zu sinken. Jeder Nadelstich war von einem süßen Kosewörtchen begleitet. Durch ihr emsiges Schaffen gelang es ihnen, jede Woche ein kleines Sümmchen zu erübrigen. Wer war glücklicher als wir? Die Welt, Himmel und Erde war unser, uns leuchtete die Sonne, sangen die Vögel — wir waren glücklich in unserer Armseligkeit! Während wir uns unseres stillen Glückes freuten, fand der rote Wölfele sein Glück im Gebraust des öffentlichen Lebens. Er stieg immer höher in der Gunst der Gemeinde, erlangte nach und nach alle ihre Ehrenstellen, und nichts geschah ohne seinen Beirat, so kam es, daß mich eines Tages die Neuigkeit überraschte — der rote Wölfele sei erster „Regierer" geworden. Erster Regierer bedeutet in der Mundart jener Zeit soviel wie erster Gemeindevorsteher; aber der Name, war für die damaligen Verhältnisse zutreffend, denn so ein Vorsteher war damals unumschränkter Gewalthaber, ein absoluter Herrscher. Er regierte in der Gemeinde mit der rohesten Willkür und wehe dem, der sich ihm widersetzte, es war ihm ein Leichtes, den Verwegenen zu vernichten, sein Haus und sein Familienleben zu zerstören. Der rote Wölfele erster Regierer — ich fühlte mich wie von einem Donnerschlag betäubt. Dazu schien es mir noch, daß er mich, als er mir nach seiner Wahl das erstemal in der Synagoge begegnete, mit einem gar giftigen Seitenblick angesehen hätte, während seine spitzen Zähne sich zusammenfletschten, ganz wie bei jener unheimlichen Prophezeiung. . . . Ich suchte mich zu bereden, daß es nur Täuschung war, was ich gesehen, allein der Gedanke wollte nicht von mir weichen, er ängstigte mich, wühlte und hämmerte in mir' die Nächte lang und blies mir ein Wort ins Ohr, das alles Blut in mir ersteren machte. Dieses Wort nannte fich — Rekr utierung. _ (Fortsetzung folgt.) KriefkaIe«. S' K. Wie die „Rowosti" mitteilt, hat die Regierung dem Schriftsteller Z. Priluzky die Erlaubnis zur Herausgabe einer Jargon- Tageszeitung „Die Weg" gegeben. Der bekannte Schriftsteller Rubin Brainin, bisher in Berlin, ist in die Redaktion dieser Zeitung eingetreten. Leser in Troppau. In der Tat können wir uns in unserer langjährigen journalistischen Praxis keiner so weh- und demütigen Abbitte erinnern, wie sie der alldeutsche Schriftleiter S ch i m a n a soeben in schlesischen Blättern veröffentlicht. Man muß nun begierig sein, was die Herren Schönerianer zu diesem ihren journalistischen Schildknappen sagen werden. Wir selbst haben keine Veranlassung, des Näheren auf die Sache einzugehen. „Schillerforscher". Pikant war jedenfalls die Schillerfeier des „katholischen Volksbildungsvereines" im Gemeindehause Favoriten, wo Herr Landesausschuß Dr. Geßmann (J!) eine rührende Klage anstimmte, daß um „des monentanen Erfolges willen, wegen materieller Vorteile leider so viele Schriftsteller ihre Begabung in den Dienst niedrigster Instinkte des Pöbels stellen, und so kommt es, daß sie verderben und zersetzen dort, wo sie erheben und aufbauen sollten." Der Redner hätte in diesem Kreise zweifellos noch mehr Wirkung erzielt, wenn er an die Worte erinnerte, die Schiller seinem Don Carlos dem Dominikaner zurufen läßt: ... Ich kenne dich! Bist du nicht der Dominikanermönch, Der in der fürchterlichen Ordenskutte Den Menschenmäkler machte? Bin ich irres Bist du es nicht, der die Geheimnisse Der Ohrenbeicht' um bares Geld verkauftes Bist du es nicht, der unter Gates Larve Die freche Brunst im fremden Ehbett löschte. Den heißen Durst nach fremdem Golde kühlte, Den Armen fraß und den Reichen saugte s Bist du cs nicht, der ohne Menschlichkeit, Ein Schlächterh.md des heiligen Gerichts, Die fetten Kälber in das Messer hetzte? Bist du der Henker nicht, der übermorgen Zum Schimpf des Christentums das Flammensest