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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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-Li ii. w»,f - j~i ’minrr "irwmrnr nf(irT~j Nr. 20 Dr. Dlocb s MocbenscvrM. Dem 313 und Voreingenommenheiten ihre Basis findet und eine von der herrschenden Klasse sorgfältig bewahrte und ausgeuützte Hinterlassenschaft der feudalen Epoche bildet. Im Gegensatz zu diesen Klassen verlangt das vitale Klasseninteresse des Proletariats das innigste Zusammenwirken und Zusammenleben beider Teile der Arbeiterbevölkerung des Landes unter Beseitigung alles dessen, was diesem Zusammenleben in den Weg treten könnte. In Bezug auf die Judenfrage hat die sozialdemokratische Partei die Aufgabe, die vollständige Gleichberechtigung der jüdischen Arbeiter durchznführen, ihnen volle Freiheit kultureller Entwicklung zu sichern, ohne ihnen die polnische Kultur aufzudrängen, aber auch ohne sie im vorhinein im Nahmen des Jargons einzuschließen und ohne ihnen die Annäherung an die polnische Bevölkerung und Kultur zu erschweren. Selbst die Anhänger einer besonderen jüdischen sozialdemokratischen Partei erheben keine positiven jüdischen nationalen Forderungen und können es auch nicht tun; dadurch aber benehmen sie einer solchen Partei jede reelle Existenzberechtigung und machen aus ihr ein leeres Spiel der Formen. Der gesunde Instinkt würde eben solche Forderungen direkt unmöglich machen. Die Organisation der Sozialdemokratie in Oesterreich ist auf dem einstimmigen Beschluß des Brünner Parteitages vom Jahre 1899 basiert. Im Sinne dieses Programms „hat Oesterreich sich in einen Nationalitätenbundesstaat zu verwandeln" und die sozialdemokratischnationalen Parteien haben als politische Organisationen in den Grenzen dieser nationalen Gebiete die Gesamtheit der Interessen des Proletariats zu vertreten. Auf Grund dieses Programms wirkt die Polnische sozialdemokratische Partei in Oesterreich, sie sichert auch dem jüdischen Proletariat die volle Kraftentwicklung im Kampfe um die politische Macht in Gemeinde, Land und Staat. Die Absonderung der jüdischen Arbeiter als Partei würde sie mit unabwendbarer Notwendigkeit vom Kampfe in den allgemeinen Landesfragen wegdrängen und sie zur politischen Ohnmacht verurteilen. Die Berufung auf taktische Rücksichten im Kampfe mit den Zionisten und jüdischen Chauvinisten — deren politische Bedeutung und deren Einfluß auf die Arbeiter man übrigens nicht überschätzen darf — kann nicht als ernste Grundlage zur Bildung einer jüdischen Partei dienen, denn nicht gestützt auf positive nationale Forderungen, wäre sie nur eine der Sozialdemokratie unwürdige demagogische Ansflucht. Hingegen würde sie den polnischen Antisemiten, 'Chauvinisten und Klerikalen eine Waffe bieten, die die Möglichkeit des Zusammenwirkens zwischen Polen und Juden bestreiten. In keinem konstitutionellen Lande der Welt, in dem die jüdischen Arbeitermasse ' von der sozialistischen Klassenbewegung ergriffen sind (Amerika, England. Holland, Oesterreich), sondert sich das jüdische Proletariat als besondere politische Partei ab. Aus allen diesen Gründen verurteilt die Parteivertretung jeden Versuch der Begründung einer besonderen jüdischen sozialdemokratischen Partei als gleich schädlich für das polnische und jüdische Proletariat; sie beschließt, diese Versuche mit aller Energie zu bekämpfen, und fordert die jüdischen Arbeiter zu weiterer vereinter Arbeit, zu gemeinschaftlichem Klassenkampf im Rahmen der gemeinstmen Partei auf. Die Parteivertretung gibt ihrer festen Ueberzeugung Ausdruck, daß die momentan gestörte Einheit in ihrer ganzen Kraft wiederkehren wird unter dem Zwange der Lebensnotwendigkeiten. Eine eingehende Darstellung ergab nun, daß die polnische Sozialdemokratie Galiziens den Bedürfnissen des jüdischen Proletariats stets nach Kräften Rechnung getragen habe und auch noch in erhöhtem Maße Rechnung zu tragen bereit ist, daß insbesondere durch Herausgabe von Zeitungen und Broschüren im jüdischen Jargon die Agitation in diesen Schichten gefördert und die nötige Fühlung durch eine reichliche Heranziehung jüdischer Genossen zu Vertrauensstellen gesichert wurde. Die Tendenz allerdings, jüdische Proletarierschichten durch künstliche Konservierung jüdisch-klerikaler Traditionen und des sie ihrer Freizügigkeit beraubenden Jargons von dem polnischen Proletariat dauernd abzusperren, mußte als durchaus reaktionär angesehen werden. Die Bestrebungen der Separatisten sind demnach als nicht nur überflüssig für die Erweckung des jüdischen Proletariats, sondern geradezu als schädlich für seine Entwicklung zu bezeichnen. Schließlich mußte festgestellt werden, daß die Gründer der neuen Organisation, indem sie aus der polnischen sozialdemokratischen Partei ausgetreten sind, faktisch aufgehört haben, Mitglieder der österreichischen Sozialdemokratie zu sein. Die Resultate der Debatte wurden schließlich in folgendem einstimmig gefaßten Beschluß zusammengefaßt: Die Gesamtexekutive ist nicht in der Lage, die selbständige „Jüdische sozialdemokratische Partei Galiziens" anzueikennen, weil sie unserem Brünner Progamm und der Organisation unserer Partei widerspricht; sie ist auch nicht in der Lage, der Einladung zu einem Kongreß von Leuten zu folgen, die sich faktisch außerhalb der Partei gestellt haben. Die Gesamtexekutive nimmt weiter die Resolution der polnischen Exekutive zustinnnend zur Kenntnis und spricht die Hoffnung aus, daß die jüdischen Proletarier Galiziens, in klarer Erkenntnis ihrer eigenen wahren politischen und ökonomischen Interessen, treu und fest wie bisher auf dem Boden der in hundert Kämpfen bewährten sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Organisation Schulter an Schulter mit ihren polnischen Genossen nach wie vor ihre Pflicht tun und daß sie sich den reaktionären um die Interessen des gesamten, insbesondere aber des jüdischen Proletariats schädigenden Bestrebungen der sogenannten „Jüdischen sozialdemokratischen Parrei" entgegensttllen werden. Soweit die erwähnte offiziöse Verlautbarung. Ob aber das Vorgehen der Parteileitung in diesem Falle sehr staatsmännisch war, wird wohl eine nahe Zukunft zeige«. Wien. Aus Berlin wird uns geschrieben: In den Frühjahrs- und Sommermonaten schwillt in der Regel die jüdische Emigration sehr stark an. Infolge der überaus traurigen Verhältnisse in Rußland wird dies in diesem Jahr ganz besonders der Fall sein. Es erscheint daher angebracht, gerade jetzt auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, mit denen die jüdische Auswanderung zu kämpfen hat. Vor jeder unüberlegten und mit unzureichenden Mitteln unternommenen Auswanderung muß aufs allerdringendste gewarnt werden. Der Arbeitsmarkt: in den Ländern, nach denen sich der Hauptstrom der jüdischen Auswanderer ergießt, ist keineswegs verlockend. Die meisten, die vermeinen, daß sie durch eine Auswanderung dem Elend in ihren Heimatsländern sich entziehen können, sehen sich in dem neuen Lande nur noch größerer Not ausgesetzt. Den Ort haben sie gewechselt, die Not ist geblieben. Solche Wanderungen können dem Elend im Osten Europas nicht steuern. Sie tragen vielmehr nur dazu bei, den um eine Existenz ringenden hungernden Massen, die bereits in den Jmmigationsländern sich befinden, den schweren Kampf noch schwerer zu machen. Es ist unbedingt notwendig, daß der Zuzug nach den Ueberseeländern eine zeitlang vollständig aufhört, damit den Annen drüben Zeit gelassen wird, sich emporzuraffen. Ganz besonders vermieden muß es werden, Frauen und Kinder nachzusenden, bevor nicht der vor ausgefahrene Ernährer finanziell so gestellt ist, daß er die Ueberfahrt seiner Fgmilie bezahlen und sie in geordneter Weise nach ihrer Ankunft ernähren kaun. Ebenso wie der Arbeitsmarkt ist die Gesetzgebung in den vor allem in Betracht kommenden Ländern derartig, daß eine weitere Einwanderung auf Schwierigkeiten stößt. England ist dabei, durch gesetzliche Beschränkungen die Einwanderung einzudämmen. Ein darauf hinzielender Entwurf ist bereits in erster Lesung angenommen. Amerika handhabt die Gesetze, welche die Immigration beschränken, mit äußerster Strenge. Die Schiffahrtsgesellschaften prüfen, ehe sie einen Auswanderer an Bord nehmen, sehr rigoros, ob der Auswanderer den amerikanischen Bestimmungen entsprechend wird landen können. Jährlich werden etwa 15.000 von den Schiffahrtsgesellschaften zurückgewiefen, weil sie den Anforderungen, welche die Landbehörden an die körperliche Beschaffenheit und die Vermögensverhältnisse der Ankömmlinge stellen, nicht genügen, abgesehen von den vielen Tausenden, die in den Häfen Amerikas selbst noch zurückgewiesen werden. Auch Kanada schließt sich mehr und mehr dem Vorgehen Amerikas an. Angesichts dieser Situation erwächst den jüdischen Organisationen die Pflicht, streng an den Beschlüssen der Frankfurter Konferenz festzuhalten, daß die Auswanderung unter keinen Um ständen durch Geldmittel unterstützt oder sonstwie gefördert werden darf. Ganz abgesehen davon, daß in dem wichtigsten Einwanderungsland die unterstützte Einwanderung gesetzlich verboten ist und schon infolgedessen nicht angängig erscheint, kann durch derartige Unterstützungen aus den oben angegebenen Gründen die Lage unserer leidenden Brüder im Osten nicht gebessert, dagegen die Verhältnisse in den Einwanderungsländern so verschlechtert werden, daß dies zu schweren Schädigungen der Gesamtjudenheit führen kann. Die einzige Hilfe, die jetzt seitens der Organisationen geleistet werden kann und muß, ist, daß man an Ort und Stelle, wo ein Notstand im Osten auftritt, nach Maßgabe der finanziellen Kräfte helfend eingreift, um dem allerschwersten Elend abzuhelfen.

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