Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021623--14506-3039219- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 812 Dr. Bloch's Wochenschrift. Skr. 20 Bei Erstattung eines Referates über Anträge des Vertreterkollegiums, betreffend die Fortsetzung und Beendigung der Regulierungs- und Renovierungsarbeiten auf dem alten Währinger Friedhof, entfpinnt sich eine lebhafte und sehr interessante Debatte. Zwei entgegengesetzte Anschauungen stehen unvermittelt einander gegenüber. Die Herren Vertreter Dr. Alfred Berger, Dr. Max Steiner und Kultusvorsteher Architekt Oskar Marmorek verurteilen in schärfften Ausdrücken diese viel weiter als nötig gehenden Arbeiten, welche die ursprüngliche Konfiguration der Gräber verschwinden ließen und die ehrwürdige und zugleich pittoreske Physiognomie des Friedhofes ohne zwingenden Grund verändert haben, als eine Versündigung gegen die Pietät und reklamieren für die Familien, deren Vorfahren und Angehörige ans jenem Friedhofe beerdigt sind, das Recht, eventuell die Wiederherstellung der Grabhügel und die Zugänglichkeit der einzelnen Grabstätten zu fordern. Demgegenüber erklärt der Obmann der Friedhofiommifsion Baurat von G o l d s ch m i d t, unterstützt von dem Kultusvertreter W. Kuffner, Herrn Rudolf A u s p i tz und dem Präsidenten, im Jntereffe der Erhaltung dieses von einer völligen Versumpfung — und der Gefahr einer Expropriierung — bedrohten Friedhofes die Umgestaltung für unumgänglich notwendig. Wegen vorgerückter Stunde wird die Debatte unterbrochen und die Beschlußfassung bis zur nächsten Sitzung vertagt. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 9. Mai 1905 unter dem Vorsitze des Präsideuteu Herrn Dr. Alsred Stern. Beginn der Sitzung 10 Uhr vormittags. Im Einlaufe werden bekanntgegeben: An Spenden. Zu Vorstandsmitgliedern der Chewra-Kadischa mit dreijähriger Funktionsdauer werden die Herren S. Heit, Emil Horner und Dr. Markus Spitzer ernannt. Als Zeichen immerwährender Ehrung für den Baron Nathaniel Rothschild anläßlich seiner in jüngster Zeit neuerlich betätigten Hochherzigkeit für das Spital der Kultusgemeinde ist im Vestibüle des Spitales eine Gedenktafel anzubringen. Zu Vertrauensmännern in die Kultussteuer-Bezirkskollegien, beziehungsweise Bezirks-Kommissionen werden berufen die Herren: Für den I Bezirk: Philipp Kohn, Sigmund Mendel. Für den II. und XX. Bezirk: Ludwig Herschmann. Für den III. und XI. Bezirk: Gustav Heinshe mer, Josef Herzberg. Für den IV., V. und X. Bezirk: Anton Beck. Für den VI. und VII. Bezirk: Heinrich Böhm, Friedrich Schüller. Für den VIII. und IX. Bezirk: Moriz Waizner. Für die Bezirke XII—XV: Gustav Reichsfeld. Der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin wird unter Beitritt der Kultusgemeinde als immerwährendes Mitglied ein Betrag von 400 Mark bewilligt. In Angelegenheit der behördlich vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen im Leopoldstädter Tempel wird beschlossen, vorläufig den hölzernen Dachstuhl oberhalb des Mittelschiffes durch einen eisernen zu ersetzen, weiters aus dem Parterre je einen Seitenausgang herzustellen. Dem Architekten Kultusvorsteher Oskar Marmorek wird für seine außerordentliche Mühewaltung in dieser Angelegenheit der Dank ausgesprochen. An folgende Bethausvereine werden Subventionen bewilligt: Tempel- und Schulverein VI., Stumpergasse; Schomer Israel, Machasike Thora, Emunas Awes, Machasike Hadath, Mikdosch m'at, Bet-Hachneteth. Nach Erledigung von Stiftungs-, Steuer- und Personal Angelegenheiten wird die Sitzung geschlossen. Pommerns Zweiseelentheorie. Zwei Seelen wohnen ach! in des Reichsratsabgeordneten Dr. Josef Pommer's Brust. Da gabs am 13. d. M. in der Debatte über das Hausiergesetz eine gar häßliche Szene. Dem Abg. Dr. Straucher, der in warmer und humaner Weise für eine Milderung der Strafbestimmungen eintrat, stellte sich in der Person des Abg. Dr. Pommer, eines ausgepichten politischen Antisemiten, ein gelvaltiger Zwischenrufer im Streite entgegen. Abg. Dr. Straucher führte bei § 18 (Uebertretungen und Strafen) aus: In einer Zeit, wo das Reich in allen Fugen kracht, befasse sich das Abgeordnetenhaus mit nichts Wichtigerem, gls der Abschaffung des Hausierhandels, während der mit so vielem Pomp eingesetzte Derschatta-Ausschuß sanft schlummert. Abg. Dr. P o m m e r: Der Gewerbeausschuß wird Ihnen noch unangenehm werden! Abg. Dr. Straucher: Wir werden diese berühmte „Mittelstandpolitik" noch beleuchten! Abg. Dr. Pommer: Wir werden doch keine Judenpolitik treiben! Abg. Dr. Straucher: Sie haben nur mit den Juden zu tun! Sie sind der wahre Jugendbildner. Sie gehen von sehr vornehmen Gesichtspunkten aus. . . Abg. Dr. Pommer: Ich bin in der Schule nie Antisemit gewesen! Aber in der Politik bin ich entschiedener Antisemit! Abg. Dr. Straucher: Sie haben es herrlich weit gebracht mit Ihrem Antisemitismus! Sie erdrosseln nur die wirtschaftlich Schwachen, an die wirtschaftlich Starken trauen Sie sich nicht heran. (Zwischenrufe und Unruhe.) Und da wären wir bei der Zweiseelentheorie Pommer's angelangt. Abg. Dr. Pommer ist nämlich in seinen freien Stunden wohlbestallter Gymnasialprofessor, und da ist es ja so gnädig, so edelmütig von ihm, daß er in der Schule nie Antisemit gewesen ist, daß der Pädagoge den Politiker ersticken muß. Die sozialdemokratische Parteileitung gegen die jüdischen Separatisten. Die sozialdemokratische Parteileitung publiziert folgenden Bericht: „Die Gesamtexekutive der österreichischen Sozialdemokratie hatte sich in ihren Sitzungen vom 12. und 13. d. auch mit der Neugründung einer „Jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei Galiziens" zu beschäftigen. In einem vom 30. April datierten und von Heinrich Großmann als Sekretär und sieben weiteren Mitgliedern eines Organisationskomitees gezeichneten Schriftstücke wurde der Gesamtexekutive zur Kenntnis gebracht, daß in den Unterzeichneten der „Entschluß reif geworden", am 1. Mai 1905 aus der polnischen sozialdemokratischen .Partei auszutreten und die Konstituierung einer „Jüdischen" Partei vorzubereiten. Die Gesamtexekutive wird weiter zu einem „konstituierenden Kongreß" eingeladen, der am 9. und 10. Juni in Przemysl stattfinden soll. Der Sitzung der Gesamtexekutive, an der die Vertreter sämtlicher nationalen Organisationen teilnahmen — mit Ausnahme des entschuldigten slovenischen Vertreters —, waren außerdem einige nicht der polnischen Exekutive angehörige Genossen aus Galizien zugezogen worden. Ueberdies wurde dem Sekretär der separatistischen Organisation, Großmann, Gelegenheit gegeben, sich über die Motive und Absichten der Neugründung ausführlich zu äußern. Die Parteivertretung der polnischen Organisation brachte zur Kenntnis, daß sie in der Sitzung vom 8. Mai 1905 einstimmig folgende Resolution beschlossen habe: Die politischen und sozialen Interessen des inmitten der polnischen Bevölkerung Galiziens und Schlesiens zerstreuten jüdischen Proletariats sind mit den Interessen des polnischen Proletariats identisch. Die aus der Verschiedenheit in Sprache und Sitte der jüdischen Arbeiterbevölkerung resultierenden teilweisen Unterschiede erfordern bloß Anpassung an gewisse Aenderungen der Organisations- und Agitationsformen, die im Rahmen einer gemeinschaftlichen Partei Platz finden können. Es genügen hiezu Jargonblätter und Broschüren, Vereinsfilialen, lokale und Landesagitationskomitees wie auch mündliche Agitation im Jargon. Vom Standpunkt der Jntereffen des jüdischen wie auch des polnischen Proletariats kann man sich mit der Tatsache der Absonderung des jüdischen Proletariats auf den Gebieten gesellschaftlichen Lebens nicht einverstanden erklären, die weit hinausläuft über die Grenzen gewöhnlicher nationaler Verschiedenheit, in religiösen und Rassenkämpfen