Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Stelle 308 Dr. JBlocbs UdocbenscDnrt. Stv 20 und treiben ihren Spott ous mir" ebendas, vgl. wortgetreu dass. I. B. Sam. Kap. 3L V. 4. Schillers Genius selbst, gesättigt an der heiligen Schrift, er hat die deutsche Bildung mit dem Geiste der Bibel getränkt und hat somit berechtigten Anspruch, daß ih:n auch vom Standpunkt des Judentums ein Wort gewidmet werde, welches in diesen weitverbreiteten Blättern als tiefer Nachklang des lauten Festjnbels widerhallen möge. Das, was Schiller uns vom Standpunkt des Judentums wert und teuer macht, das ist zunächst seine Hoch- und Heilighaltung des Ideals. Worin besteht Wesen und Wurzel des Schillerscheu Ideals? Dieses tritt uns bei ihm in scharfumrissr-nen Formen, in genau abgegrenztem Ziele entgegen. Nicht jenes Ideal ist es, welches mit Recht Viele abweisen, das sich gegen das Leben und seine gebieterischen Forderungen beharrlich verschließt, sondern jenes, welches mitten hinein ins volle Menschenleben tritt, demselben erst Zweck und Ziel vorzeichnend. Dieses Schillersche Ideal ist, wie Moriz Carriere treffend sagt, „nichts Unwirkliches, cs ist der Kern und die Vollendung des Wirklichen selbst, die Krystallgestalt des Lebens, die alle Elemente desselben in die rechte Wahlordnung bringt . . . das geistige Leben in seinem Werden, der Wille in seiner Vollendung durch die Tat." (Moriz Carrisre: Die Versöhnung von Ideal und Wirklichkeit bei Schiller, Ulm, Kezler 190 .) Wer die Bibel nur halbwegs kennt, muß unwillkürlich an das, dem Sinne nach vollständig analoge Wort denken: „Denn dieses Gebot, das ich dir heute gebiete, es ist nicht zu erhaben für dich und nicht zu entfernt ist es. Es ist nicht im Himmel. . . . Und es ist nicht jenseits des Meeres . . . sondern nahe ist dir dieses Wort gar sehr, es a u s z u ü b e n mit deinem Munde und deinem Herzen." (5, B. M. 30. 11 f.) Um nun die Wurzel dieses Ideals bei Schiller würdigen zu können, dazu bedarf es der Kenntnis des M i l i e u s, aus welchem Schiller herausgcwachsen. Auch Schiller war ein Kind seiner Zeit. Auch er stand unter ihrem Einflüsse. Die Aufklärung war es, die derselben ihren Stempel aufgedrückt, die sogenannte Popularphilosophie, jenes Sehnen nach dem Ewigen, Geheimnisvollen, nicht nur mit dem Haupte, sondern auch mit dem Herzen, dem Gemüte. Und das Gemüt war cs, welches damals, überdrüssig der dürren, trockenen Leibniz-Wolf'schen Zeitphilosophie, nach einem Ausweg aus dem Labyrinte des Zweifels suchte. Und dieses Sehnen des Menschengeistes war es, welches auch unseren Dichter machtvoll in seinen Bannkreis zog; in ihm besaß diese Sehnsucht der Denkenden gewissermaßen ihren dichterischen Anwalt Wahrlich, dieses Streben nach Aufklärung im 18. Jahrhundert, es ist mit Unrecht r erlacht und verspottet worden, denn es hat Großes zustande gebracht. Es hat die Geister wachgerufen und ans ihnen, nebst einem L e s s i n g und Mendelssohn, einen Schiller hervorgebracht. Und in der Weltanschauung des großen Königsberger Weisen Kant, da fand er dieses Streben und dieies Sehnen befriedigt, gestillt. Die unerbittliche Logik, die heldenhafte Moral, der unbeugsame sittliche Wille, die Kant in seinen drei Kritiken mit künstlerischer Architektonik aufgebaut, sie haben Schiller Bewunderung abgerungen. Dort ruht die Wurzel des Schillerschen Idealismus. Schiller hat sodann gewissermaßen das blanke Gold der Kant'jchen Philosophie von seinen äußerlichen Schlacken gereinigt und für die große Menge in gangbare Münze umgeprägt. All' die herrlichen, philosophischen und historischen Schriften Schillers, sie können gleichsam als der ausführliche Kommentar, seines Ideals von dem „ewig Wahren" betrachtet werden. Eine ästhetische Abhandlung Schiller's oder seine Geschichte der niederländischen und der deutschen Religionskriege, sie bieten dem Leser eine geistige Wiedergeburt. Wer sie liest, der fühlt sich wie voni Hauche der Wahrheit selbst angeweht. Und dieses Werk der Aufklärung Schillers, findet es nicht schon seit uralten Zeiten in den Worten der heiligen Schrift sein ehrenvolles Lob: „Und die Erleuchteten des Geistes (Maskilim lautet es im Urtext: Die Bezeichnung für die Förderer der Aufklärung auch zu Schillers Zeiten) ste glänzen wie das Himmelsgestirn, und die die Menschheit belehren, wie die Sterne immer und ewig." Wir besitzen einen poetischen Ausdruck des Dichters selbst für dieses Ideal des „ewig Wahren", das sogar in seiner „Resignation" triumphierend sicherhebt: Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre ist ewig, wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre, die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Und diese „Lehre, die ewig ist wie die Welt", fast möchte man glauben, der Dichter habe ihren Preis und ihr Lob jenen Worten nachgedichtet, mit welchen der Jude das Heil der Gotteslehre kündet, so oft er zu derselben hinangerufen wird, und die da lauten: „Gepriesen sei'st du, Herr unser Gott, König der Welt, der du uns gegeben me Lehre der Wahrheit und das Leben der Ewigkeit uns ins Herz gepflanzt. . ." Die Tatsache, daß Schiller mit aller Kraft das Licht des Geistes zu mehren, zu fördern bemüht war, sie gibt uns von unseren Standpunkt als Juden nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, ihm den Zoll der Dankbarkeit darzubringen. Denn die Bedeutung Schillers für die Gegenwart, sie heißt nichts anderes, als die Bedeutung für all' dasjenige, wofür auch wir leben und streben: Die Förderung der Erleuchtung, des Geistes, der Aufklärung auf Erden! 4- * Wenn aber die Blüte alles Wahren das Gute ist, so hat Schiller dieselbe zur herrlichsten Entfaltung gebracht. War doch sein ganzes Leben eine Aufopferung für alles Gute, jeder Atemzug seines Herzens ein Hauch der Liebe, der Humanität. Wer könnte auch all' die Werke aufzählen, die mit seinem Herzblut für Menschenwürde und Menschenrecht geschrieben sind und deren abgekürzter Ausdruck gleichsam sein „Hoheslied" der Freiheit W i l h e l m T e l l", bildet! Wahrlich, dieses Werk durfte er mit gutem Grunde als sein letztwilliges Vermächtnis der Menschheit hiuterlassen, in welchem cs vom angebornen Menschenrechte heißt: Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last, greift er Hinauf getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter seine ew'gen Rechte. Oder, um mit den Psalmen zu sprechen: Herr, bis in den Himmel ragt Deine Gnade, Deine Treue bis zu den Sternen. Deine Gerechtigkeit, wie die Berge Gottes, Dein Recht, wie das unergründliche All! (Ps. 36, 6). Dieses Recht, für welches auch unsere Propheten gelebt und gelitten, ist es nicht, das «ewig Gute", von dem auch sie gekündet: „Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was der Herr, dein Gott von dir fordert?" „Nur das Recht vollführen, Liebe üben und in Demut wandeln vor deinem Gotte." (Micha Kap. 6, V. 8.) Ist es nicht jenes ewig Gute, in welchem, um ein Wort S. N. H i r s ch s anzuwenden, wenn Schiller es begriffen hätte, er die Sühne seines Irrtums in seiner „Sendung Mosis" und jene Beseligung gefunden hätte, die er in seiner Dichtung: „Die Götter Griechenlands" so schmerzlich vermißte, und die ihn dreimal seliger und dreimal glücklicher auf Erden hätten werden lassen. Denn hier hatte er endlich auch das „Ewige des Schönen" gefunden in jener Wahrheit, von der es heißt: „Ihre Wege sind Wege der Anmut und alle ihre Pfade Frieden". Anmut und Würde, sie sind ja der durch Schiller klassisch gewordene Begriff des Schönen. Gewiß, die alten Hellenen waren die ersten, die das Schöne zur höchsten Vollendung gebracht, und doch! was ist aus all' der Pracht und all' der Herrlichkeit des goldenen Zeitalters geworden? Was wir als Schönheit hier empfunden Wird einst als Wahrheit uns entgegengehn. Oder, wie die Bibel sagt, die Anmut Japhets, Griechenlands, sie möge walten in den Zelten Sems, den Stätten der Weisheit. Nicht in der wirklichen Welt, nur im Herzen, nur in der Seele wohnt das Schöne? . . . Die Schönheit ist der Himmel; die Schönheit ist der Friede; die Schönheit ist das Glück. In ihrem. Heiligtum gibt es keine Sorge, keine Reue, keine Träne. Und dieser Himmel des Schönen, den die Bibel uns eröffnet, er ist es, den auch ein Schiller uns ins Herz gepflanzt. Ein Schillersches Gedicht, sagt Gutzkow') es rollt wie Feuer durch unsere Adern, das Gemeine sinkt, im allgemeinen Chore steigt die Menschheit zu jenen Gestalten voll Anmut und Würde, die die Urbilder des Guten sind. Hundert Jahre sind vorübergerauscht, seitdem Schiller gestorben. Aber er tritt uns heute so lebendig entgegen, wie irgend einmal, da er noch auf dieser Erde wandelte, weil wiederum das Bedürfnis nach seinen Idealen empfunden wnd. Wohl gab es Zeiten, da man geringschätzend auf Schillers Idealismus herabblickte. Und dennoch war es nur dieser Idealismus, der dem Volk der Denker und Dichter half, seine ruhmreichen Heldentaten zu vollführeu, tausendfachen Lorbeer auf dem Felde der Ehre zu erringen. Und das Judentum, wie oft hat man es nicht schon totgesagt, und wem anders verdankt cs seine unüberwindliche Lebenskraft, als — ich möchte sagen — diesem Schillerschen Idealismus, der ihm ein wohlvertrauter alter Bekannter ist seit undenklichen Zeiten. Darum ist die Rolle des Judentums bei der Schillerfeier nich eine müssige Zuschauerrolle. Ohne sich dabei laut und lärmend hervorzudrängen, bescheidet es sich mit der Rolle des im Verborgenen blühenden Frühlingsboten. Sein erquickender Hauch, der ja all' die Fluren der Schillerschen Dichtung durchweht, er ist es auch, der über die entfaltete Frühlingspracht der Begeisterung für den Dichterfürsten sich verbreitet. Denn in diesem „Gerechten und Weisen unter den Nationen" feiert es auch seinerseits, wenn auch im Stillen nur, einen der Herolde des Gottesreiches alles Wahren, Guten und Schönen. Neutitschein, im Mai 19P5. Dr. Simon Mandl, Rabbiner. ') Gutzkow: Schillers Herold und Hort der Freiheit.