Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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att. 20 Dr. Biocb s Mocbens^örm. Sette 307 Man könnte einwenden, daß da nicht der Priester, sondern der Politiker gesprochen habe. Schön. Wir sehen davon ab, den Politiker nach seinem wahren Werte einzuschätzen, der ein ernstes Ziel darin erblickt, ganze Bevölkerungsschichten der Verelendung preiszugeben. Wir fragen nur, ob in einem Priester der Politiker unter allen Umständen so prävalieren darf und kann, daß er sich ohneweiters über die Gebote einer Religion hinwegsetze, zu deren Verkünder und Wortführer er geweiht worden ist. Gerade für den Priester sind in der Politik und in der Parteirücksicht gewisse natürliche Grenzen gezogen. Es gibt Parlamente, das unsrige zählt nicht dazu, in welchen den Politikern der moralische Zwang auferlegt ist, sich gegebenen Falls zum Zweikampf zu stellen. Es würde doch ein ganz außerordentliches Aussehen erregen, wenn ein Priester auch diesem Zwange sich fügte, und wir sind überzeugt, daß Herr Dr. Scheicher Seelenstärke genug aufbrächte, um dieses Opfer einer wohlbegründeten Ueberzeugung nicht zu bringen. Da wären die aus religiösen Bedenken entspringenden Motive sicherlich stark genug, sie sind es aber nicht hinsichtlich der Juden. Er betrachtet sie als „Feinde" und er zieht daraus nicht die Konsequenz, daß er sie gleichwohl lieben müßte, er haßt und verfolgt sie. Das hat er nun mit sich selber auszumachen, was aber auch von ihm, trete er nun als Politiker oder als Priester aus, mit Recht verlangt werden. kann, das ist, daß er bei seinen Ausführungen und Behauptungen wenigstens bei der Wahrheit bleibe und ihr die Ehre gebe. Er sieht in der Hausiererfrage nur eine Judenfrage. Das ist nicht richtig. Auch ein oberflächliches Studium der einschlägigen Angelegenheit hätte ihn darüber belehren können, daß auch sehr viele arme Teufel christlichen Bekenntnisses sich den Leidensweg des Hausierers erwählt haben. Auch nicht aus Uebermut und zum Vergnügen, sondern getrieben von der bitteren Not. Was den geistlichen Redner bei diesem Anlasse blendete, das war lediglich die verlockende Aussicht, einmal ganz bestimmt vielen Juden wehe tun zu können. Er zeigte sich besorgt um das Resultat der Abstimmung, weil früher schon im Hause eine Aktion in Szene gesetzt worden sei, bloß deshalb, „weil ein paar Juden sich eingebildet haben, daß sie ihre Tiere in grausamer Weise schlachten dürfen", und weil die Sache nun viel bedenklicher sei, „weil es sich nicht um Tiere, sondern um die Juden selbst handelt." Immerhin schon ein Fortschritt und des geehrten Herrn Redners illustrer Gesinnungsgenosse, der Mechaniker Schneider, der bekanntlich die Juden nicht auch als Menschen gelten lassen will, wird mit der fein unterscheidenden Antithese nicht ganz zufrieden sein. Beachtenswert bleibt es aber immerhin, wie Monsignore mit der Wahrheit umspringt und nur so im Vorbeigehen einige faustdicke Unwahrheiten aus dem Aermel schüttelt. Daß es sich hierbei tatsächlich nicht nur um die Juden handelt, haben wir bereits erwähnt, hervorzuheben wäre also nur noch die kavaliermäßige Art, wie sonst die schwerste Unwahrheit hingelegt wird als eine verbriefte und beglaubigte, allgemein bekannt gewordene und selbstverständliche Tatsache. Die Schächtsrage wird abgetan als etwas, was „.ein paar Juden sich eingebildet haben". Das ist nicht richtig, Monsignore. Das ist etwas, was das gesamte Judentum angeht und bei aller Gegnerschaft wären Sie in erster Linie berufen, es zu respektieren, wenn eine religiöse Satzung in weiten Kreisen den Gegenstand tiefer Sorge und ernster Beunruhigung bildet. Sie, gerade Sie sollten es würdigen, wenn eine große Religionsgemeinschaft mit Bangen einem Gewissenszwang entgegensieht, wie er härter und grausamer kaum noch gedacht werden kann. Und dann weiter: die Juden sind durchaus darauf versessen, ihre Tiere „in grausamer Weise" zu schlachten. Natürlich wirkt die Phrase auf die getreuen Massen, aber wahr ist sie deshalb doch nicht, und es ist schwer anzunehmen. daß sie vom Redner selbst für wahr gehalten werden könnte. Zum Unterschiede von den getreuen Massen ist dem Herrn Redner so viel selbst durch Bildung vermittelte Einsicht zuzutrauen, daß er wissen müßte, daß blutige Grausamkeit nicht zu den Merkmalen des Judentums gehört, daß in diesem Punkte die Antisemiten und nicht nur die bei uns, sondern auch die in Rußland oder in Rumänien den Juden ganz beträchtlich über sind. Das ist das eine und die Hauptsache: es ist nicht wahr und lediglich eine von der Wissenschaft gebrandmarkte Tendenzlüge, daß die jüdische Methode des Schlachtens eine grausame ist oder daß sie überhaupt irgendwie nachstünde irgend einer andern. Wlr wollen die durch die Fachmänner zur Genüge geklärte Frage hier nicht aufrollen, nicht darüber polemisieren, nicht mit Herrn Dr. Scheicher. Wir wissen ja, daß das zu keinem Zwecke führen kann. Was immer auch gesagt und bewiesen werden möge, für Herrn Dr. Scheicher und seine Getreuen bleibt doch immer das Ende vom Liede und aller Weisheit letzter Schluß: „Nieder mit den Juden!" Schiller vom Standpunkt des Judentums. Verklungen sind die Jubelhymnen der Schillerfeier, verhallt die Festchöre, die dem Dichter des Ideals angestimmt wurden. Sie galten dem Genius, in dessen verklärtem Geist gewissermaßen das Ideal selbst in die Erscheinung trat, eine ganze Welt in die Schranken rufend und ihr gebietend, ihr Gemüt festlich zu schmücken, wie an irgend einem Festtag des Lebens. Und das Judentum? Kann und darf es sich mit einer blos zuschauenden Rolle begnügen? Hat es nicht vielmehr Recht und Pflicht der Teilnahme au diesem allgemeinen Jubels Gewiß! Denn wo nur irgend die Ideale des Lebens gefeiert werden, dort schreitet das Judentum, dessen ganze Geschichte ja nur eine einzige Heldengeschichte für diese Ideale bildet, in vorderster Reihe. In Schiller begrüßt dasselbe einen der Auserlesenen, deren eine weise Allmacht sich zuweilen bedient, um die Menschen aus ihrem wachen Schlummer des Lebens zu erwecken fürs „Ewige des Wahren, Guten, Schönen" auf Erden, oder, wie der Unsterbliche selbst einmal gesungen, „um durch sie, um in die gemeine Deutlichkeit der Dinge den goldenen Duft der Morgenröte zu weben". Wohl ist es wahr, Schiller selbst hat es verursacht, daß sein Name jtcts schmerzliche Empfindungen in uns erwecken wird. Seine „Sendung Moses" ist es, die nicht wenig zu dem blinden Vorurteil des gebildeten Hasses beigetragen und giftige Maßen demselben geliefert. Allein, ob der Jeneuser Geschlchtsprofessor Schiller, der in dem damals noch zopfigen Sachsen-Weimar niemals einen Juden vor Augen sah, und wenn schon, dann gewiß in der immer noch gebeugten mittelalterlichen Knechtsgestalt, ob er heute noch seine Voreingenommenheit behaupten würde, ist gewiß sehr fraglich. Dout eowpreuäre, eest tour parclousr. Wenn es übrigens noch eines Beweises bedürfte, daß „Die Sendung Moses" mehr als Ausfluß seiner dichterischen Phantasie, denn als historische Quelle zu betrachten ist, Schiller selbst würde uns denselben bieten. So überwältigend auch seine historische Genialität gewesen sein mag, er selbst war es gleichwohl, der sich gegen eine quellenmäßige Verwendbarkeit derselben ernstlich verwahrte, u. zw. in den bezeichnenden Worten: „Ich werde immer eine schlechte Quelle kür einen künftigen Hiftoriker werden, der das Unglück hat, sich an mich zu wenden. Denn Geschichte ist überhaupt nur ein Magazin für meine Philosophie, und die Gegen st ände müssen sich gegesallen lassen, was sie unter meinen Händen werden" (siehe Deutsche Literaturgeschichte von O. V. Leixner, Seite 776). Man sieht, dem einzigen bewußten Unrecht, das er dem Judentume zugefügt, folgte wie auf dem Fuße die Reputation. Was will nun aber diese Ausnahme gegen den unbewußten Zauber der Bibel bedeuten, der unseren Dichter sein ganzes Leben lang in seinem Banne gefesselt hielt. Der biblische Einfluß ist es, der — man darf es kühn behaupten — den dramatischen Gestalten Schillers lebendigen Hauch einatmet. Schillers Dramen ohne die Bibel blieben ein totes Gerippe ohne Lebensodem. Dies kommt namentlich in seinen „Räubern" zur Geltung, in welchen die Unmittelbarkeit der biblischen Welt plastisch hervortritt. Nicht weniger als an die 70 Bibelstellen find in diesem Drama nachweisbar. Welche bedeutende Anlehen find es doch —um nur die markantesten hervorzuheben — die das deutsche Uasfiche Drama in seinem Dichterheros bei der Bibel machte, wenn z. B. der alte, um seinen geliebten Karl trauernde Moor, nachdem Amalia ihm die tiefergreifende Geschichte von dem Verkauf Josefs als Sklaven vorgelesen, in die Worte ausbricht, die der Stammvater Jakob gerufen: „ein reißend Tier hat Josef zerrissen", II. Aufz., II. Auftr., Vgl. I. B. Mose, Kap. 37, V. 33, oder wie derselbe sodann seinem treuen Retter Hermann, der ihn dem Hungertode entreißt, die Worte zuruft: „Habe Dank, Rabensender, fürs Brod in der Wüste". IV. Auk- V. Auftr. Vgl. I. B., Kön. Kap. 7. V. 6. Oder wenn Moser dem Vatermörder Franz mit den Worten ins Gewissen redet: „Meint ihr dem Arm des Vergelters im öden Reich des Nichts zu entlaufen? Und führet ihn gen Himmel, so ist er da! und bettetet ihr euch in der Hölle, so ist er wieder da! und sprächet ihr zu der Nacht! Verhülle mich! und zu der Finsternis: Birg mich! so muß die Finsternis leuchten um euch, und um den Verdammten die Mitternacht tagen. ..." 5. Aufz. 1. Auftr. Vgl. wörtlich dasselbe Ps. 139. V. I. F. Oder wenn endlich der entmenschte Franz angesichts des sicheren Strafgerichtes entsetzt, ausruft: „Hier, nimm diesen Degen. Hurtig! Jag mir ihn hinterrücks in den Bauch, daß nicht diese Buben kommsy