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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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fcetu 306 Dr. Llocb's MocbenscbrlN. ».I SO Hörden aber schauen schadenfroh zu, und von Petersburg aus, durch das allen offiziellen Niederträchtigkeiten dienende Sprachrohr des „Regierungsboten" wird eine Apologie der Judenverfolgungen^ verbreitet. Der Geist Plehwes feiert seine Auferstehung; was sich in Schitomir, Melitopol und an anderen Orten abspielte, ist inspiriert von seiner Regierungsweisheit von dem Geist des Systems, das er begründet, der fluchwürdigen Agitation, die er entfesselt hat, dazu man jetzt wiederum seine Zuflucht nimmt. Eine ganze Schar wohlausgerüsteter Agitatoren und Bandenführer kam von Petersburg direkt, um die Pöbelmaffen zu organisieren und zu führen. Allerdings haben die Angegriffenen bereits eine Gegenwehr versucht. Sie haben sich rechtzeitig zu „Verbänden des Selbstschutzes" organisiert und sich Waffen angeschafft, so daß es diesmal regelrechte Straßenkämpfe gibt. Die Angreifer sind natürlich auch jetzt noch in der Uebermacht, aber die Erkenntnis, daß die Gewalttaten nicht mehr ganz so ungefährlich sind wie früher, muß doch eine heilsame Wirkung ausüben. Die liberale russische Preffe stellt sich, wie schon früher, vollständig auf die Seite der Angegriffenen und fordert die Regierung auf, durch eine gerechte Entscheidung der Judenfrage dem jahraus jahrein sich wiederholenden Jammer ein Ende zu machen. Die Haltung der mssischen Behörden, der untersten wie der höchsten, wird von neuem einen Sturm der Empörung in der ganzen Welt entfachen; am meisten empören aber dürste die Kundgebung des „Regierungsboten", in der den Juden die Schuld an den Exzessen zugeschrieben wird. Der russische Jude ist, weiß Gott, das traurigste, demütigste Geschöpf auf der Erde; die ungeheure Masse dieser armen, stets verfolgten, unglücklichen Menschen lebt in sozialen Zuständen, die jeder Beschreibung spotten. Wenn jemand das Elend in seiner furchtbarsten Gestalt kennen lernen will, so braucht er nur in ein russisches Judenviertel zu gehen. Wie eine Herde unreiner Tiere, die zum Schlachten bestimmt sind, leben dort die Juden, stets von Hunger gequält und nicht weniger von der Angst vor dem Pöbel, der gern an ihnen sein Mütchen kühlt. Sie sind stoh, wenn sie das nackte Leben stiften können, wenn sie ein Stück Brot zu essen, einen faulenden Strohsack zum Daraufliegen haben, sie danken Gott für jeden neuen Tag, den sie erleben. Wer soll es der russischen Regierung glauben, wenn sie behauptet, daß diese Aermsten plötzlich übermütig geworden seien und geneigt, Streitigkeiten vom Zaune zu brechen, von denen sie wiffen, daß sie in ihnen unterliegen müssen? Niemand glaubt es, wer die russischen Juden kennt, und selbst der überzeugteste Antisemit, der fanatischeste Judenhasser wird sich von den Sätzen des „Regierungsboten" kaum überzeugen lassen, wofern er ein ehrlicher Mensch ist; für die gesamte zivilisierte Welt steht es vielmehr fest, daß die offiziellen Ausführungen nur dazu bestimmt sind, im Auslande die offen am Tage liegende Schuld der russischen Behörden zu beschönigen, den Makel vom Zarenreiche zu tilgen, daß es das einzige Land der Welt ist, in dem sozusagen von amtswegen Judenhetzen inszeniert werden. Es gilt der großen Revolution einen Damm entgegenzusetzen, dem Streben nach Freiheit, nach einer modernen Verwaltung, nach einer parlamentarischen Verfassung ein Abzugsbett^zu schaffen. Die Juden sollen bluten, damit der Regierung kein Haar gekrümmt werde; man will das Volk veranlassen, sich an dem Eigentum der Juden schadlos zu halten dafür, daß seine kühneren und würdigeren Träume nicht in Erfüllung gehen. Allein das Zarentum täuscht sich über seine Situation. Das psychologische Moment für den Sturz eines absolutistisch-bureaukratischen Systems tritt nicht dann ein, wenn die physische Kraft auf Seiten der Opposition ist, sondern dann, wenn die bisherige Macht infolge innerer Desorganisation und Demoralisierung zur organischen Arbeit unfähig geworden ist. Das System der Trennung der verschiedenen Volkselemente und ihre gegenseitige Verhetzung kann nur für einen flüchtigen Moment Erfolge zeitigen. Man braucht nur daran zu denken, daß die französischen Bauern im Jahre 1789 an vielen Orten die Landsitze des Adels unter dem Rufe „vivo le roi!“ zerstörten und Plünderten, daß sie das aber keineswegs davon abhielt, später über die Regierungsgebäude in gleicher Weise herzufallen. Das Feuer, das bisher hie und da aufflackert und scheinbar erlischt, wird bald ganz Rußland erfassen, und dann wird es zum Löschen zu spät sein. Weder Militär, noch Polizei werden dann noch im stände sein, der Regierung wesentlich zu nützen, sie werden auch wohl das Nutzlose aller Löschversuche selbst einsehen, und dann wird die blutige Stunde der Lösung und Erlösung für Rußland geschlagen haben. Die Tiefen des Abgrundes haben sich bereits geöffnet, und die blutigen Verbrechen werden bald ihre Sühne finden! Zur Haustererdedutte im Abgeordnetenhaus. Monsignore Dr. Scheicher hat wieder einmal gesprochen, und man weiß, daß, wenn dieser Priester der Religion der Liebe spricht, es der Haß ist, der die Triebfeder seiner Aeußerungen bildet. Das ist immerhin bemerkenswert und interessant sowohl vom Standpunkte der Psychologie des Individuums wie von dem des Studiums der Massenseele. Er selbst ist von sich hochbefriedigt und die Massen seiner Getreuen sind einfach entzückt. Leider ist damit allein das Problem, das sich da darbietet, noch keineswegs gelöst. Es klafft nämlich noch immer nach wie vor zwischen seiner Stellung und den von ihm an die Adresse seiner getreuen Massen gerichteten Reden eine Lücke, die mit der Kritik der reinen Vernunft oder auch nur der des reinen menschlichen Gefühles nicht recht zu überbrücken ist. Die Lehre, die er vermöge seiner Stellung mit feuriger Zunge zu verkünden hätte, enthielt unter anderem auch die allerdings nicht durchwegs originalen, sondern altüberlieferten, aber jedenfalls sehr beherzigeriswerten jüdischen Moral-' geböte: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst, und sogar: liebet eure Feinde. Und dennoch ist, so oft Herr Dr. Scheicher spricht, von dieser gebotenen allumfassenden und allerbarmenden Liebe niemals etwas zu bemerken, sondern immer nur von einem grimmigen Haß und vornehmlich ganz selbstverständlich von dem Haß wider die Juden. Den erwünschten Anlaß boten ihm diesesmal die Verhandlungen im Parlament über das Hausiergesetz. Wir begreifen schließlich, wenn ein antisemitischer Politiker sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen läßt. Sie ist ja günstig genug. Ein elenderes Brot mag es zwar kaum geben, als das eines landfahrenden Hausierers, der hundertmal schnöde abgewiesen und gehudelt wird, bevor er ein paar Kreuzer verdienen kann, aber die Antisemiten haben recht. Selbst zu diesem elenden, gottgeschlagenen Erwerb drängen sich die Juden in beträchtlicher Anzahl und selbst daraus wird ihnen ein Verbrechen gemacht. Seltsam! Sonst posaunen doch die Antisemiten in die Welt hinaus, daß gerade das das Verbrechen der Juden sei, daß sie sich um die fettesten. Stellen und in die mühelosesten und dabei am meisten gewinnbringenden Berufe drängen, und hier ist es doch der mühsamste und elendste Bissen, der ihnen mißgönnt und hineingeneidet wird. Trotz aller vom Staatsgrundgesetz gewährleisteten staatsbürgerlichen Rechte abgedrängt von jenen Berufen, die ohne sonderlichen Aufwand von physischer oder geistiger Anstrengung noch immer ein gutes Auskommen und noch dazu äußere Ehren in Fülle darbieten, suchen sich viele Juden selbst in den undankbarsten und mühsamsten Berufen den kärglichen Erwerb — der Mensch muß doch leben! Man sollte nun meinen, daß sich wenigstens darüber die Antisemiten freuen müßten. Denn auch in ihren Gehirnen mag die Erkenntnis aufdämmern, daß der, der durch die Not des Lebens gezwungen ist, hausieren zu gehen, doch wahrhaftig schwer genug gestraft ist. Nein, nicht einmal das wird den Juden vergönnt. Der Jude soll verkommen, zu Grunde gehen, ausgerottet werden. Das ist die Botschaft, die ein Vertreter der Religion der Liebe verkündet!

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