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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-05-12 · 19 (12.5.1905) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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ivu Jßlocb’ö IKHocbenscbciu. Nr 19 Seilt 302 er nicht allein bibelkundig, sondern auch etwas vom Talmud wußte und nebenbei im Lesen und Schreiben der deutschen Sprache nicht unkundig war. Rachele wieder erlernte während dieser Zeit, was eine Frau nötig hat: Nähen, Sticken, etwas Schreiben und war nebenbei die lieblichste Wirtin der Welt. Damals hatten beide Kinder bereits das dreizehnte Jahr zurückgelegt." „Weißt Du", sagte mir um jene Zeit meine Frau, „es wäre Zeit, daß wir für die Zukunft unseres Jankeles etwas tun." Sie fand immer das rechte Wort für die rechte Zeit, meine selige Frau. Ich fuhr wie aus einem Schlafe empor. „Wie meinst Du, soll das geschehen?" fragte ich. „Etwas Ernstes soll er lernen, was ihm dann Brvtberus sein soll." „Und was soll dieses Etwas sein?" „Ein ehrliches Handwerk, das gibt alle Zeit Brot in Fülle!" „Ein Handwerk"? starrte ich sie an. Damals galt das als ein sehr verächtlicher Beruf. „Freilich ein Handwerk", betonte sie. „Waren nicht alle unsere großen Weisen der Vorzeit Handwerker? Ich weiß das aus meinem deutschchumesch. Warum soll nicht auch unser Jankele ein ehrlicher Handwerker werden?" Die warmen eindringlichen Worte meiner Frau besiegten in mir alle Vorurteile. „Und was für ein Handwerk soll er lernen?" ftagte ich. „Er soll die Schneiderkunst lernen", sagte sie. Ich fühlte mich abermals unangenehm berührt, sie merkte cs . . . „Auch das", lächelte sie, „weiß ich aus meinem deutschchumesch, „daß in der Regel jeder Handwerker Feind seines eigenen Berufes ist; aber geh, lieber Mann, er kann als Schneider sehr glücklich sein. Freilich muß er dieses Handwerk vom Grund aus lernen ..." Ich war einverstanden und es galt nur noch, mit Jankele ein Wort zu sprechen. „Mir ist es ganz recht", sagte dieser, „aber ich möchte um ettvas bitten, liehe Eltern", fügte er zögernd hinzu, „ich möchte, daß auch Rachele mit mir dasselbe Handwerk lerne." An Rachele haben wir gar nicht gedacht, und er hatte ja recht, wir sollten ja auch an ihre Zukunft denken. Ich hatte einen alten Freund, einen Künstler seines Berufes; diesem trug ich mein Anliegen vor und, ohne einen Augenblick zu zögern, erklärte er sich bereit, unsere Kinder zu sich in die Lehre zu nehmen. Von diesem Tage an konnte man täglich unsere Kinder die Straße zu ihrer Arbeit dahinwandeln sehen. Schon mit dem Morgenanbruche waren sie Beide angekleidet, und während Jankele das Morgengebet verrichtete, flatterte Rachele wie ein kleiner Hausengel mit Kehrbürste und nassem Schwamme im Zimmer herum, staubte die Wände ab, wischte das Nähtischchen rein, machte Feuer auf dem Herde, ordnete die Wirtschaftsdinge und putzte blitzblank Eßgeschirr, Leuchter und Fensterscheiben, alles rasch, hurtig, mit einem Liedchen im Munde und es glitzerte und funkelte unter ihren Händen. Darauf nahmen sie zusammen ihr Morgenmahl ein und lustig ging es an die Arbeit. Kaum zurückgekehrt, hatte sie schon wieder die Hände voll, säuberte, glättete und putzte alles um sich her. Jankele ließ die Zwischenzeit auch nicht müssig vorübergehen, er beschäftigte sich mit Schreibübungen und Wiederholung der Bibel. Ach, welche herrliche Abende verlebten wir damals in unserem kle nen, ärmlichen Stübchen! Zumeist erzählte ich schöne Geschichten aus Talmud und Midrasch, aus welche alle im Zimmer gar andächtig lauschten. Ich glaube kaum, daß in den Häusern der Reichen je solche Abende verlebt wurden. Das enge Stübchen war zwar nur von einem kleinen Oellämpchen beleuchtet, aber lic.t war es im Herzen, in der Seele, und bei hellem und grellem Lichtscheine hat man wahrscheinlich noch nie solche glückliche, lachende Kindergesichter, wie wir bei unserem spärlichen Lichtchen gesehen. Der Schneider, zu dem unsere Kinder in die Lehre gingen, war ihres Lobes voll, er rühmte nicht allein ihren Fleiß und ihre Pünktlichkeit, sondern' auch ihr Talent. Besonders verriet Rachele, wie der Meister beteuerte, einen merkwürdigen Geschmack und eine gar reiche Phantasie. Keinem der anderen Gehilfen wollte eine schöngeschlungene Garnierung, oder kühner, phantasievoller Faltenwurf gelingen, wie ihr. Nach dem zweiten Jahre erhob er sie zu seinen Werkführeru und bald wollte keine Modedame einen Mantel oder ein Kleid tragen, die nicht von Racheles Hand zugeschnitten wurden. Gar rührend war die Zärtlichkeit, mit welcher mein Sohn seine Rachele umgab. Jeder ihrer Schritte wurde von ihm bewacht. War das Wetter nur etwas kühl, dann gab es in dem ganzen Hause nicht genug der Tücher und Shawls, mit welchen er seinen Schatz bewahrte. Verriet sie ein kleines Unwohlsein, dann stand Jakob wie eine Schildwache die ganze Zeit vor ihrem Bette, das sie nicht eher verlassen durfte, bis er nicht seine Zustimmung erteilte. Einmal gab es bei uns ein gar Helles Gelächter, als nämlich Jakob mit seiner Rachele ins Zimmer trat — doch nein, nicht mit Rachele, sondern mit einem großen, wandelnden Bärenpelz, der sich langsam ins Zimmer hineinbewegte und aus dem nur zwei große, lachende Augen hervorguckten. Es war nämlich sehr kalt draußen und da setzte es sich Jakob in den Kopf, sie müsse sich von ihm in den Bärenpelz, den er sich beim Meister ausgeborgt, heim bringen lassen. Weder Bitten noch Sträuben konnten ihr helfen, sie mußte sich auf Gnade oder Ungnade ergeben. Das Gelächter wurde immer lauter, als Jakob das Mädchen, das vor Lachen Helle Tränen weinte, aus dem großen Bärenpelz und dann erst aus den vielen, vielen Tüchern und Shawls herausschälte. Sie war förmlich von allen Seiten hermetisch eingeschlossen, damit ja kein kaltes Lüftchen durchdringen könne . . . Nach fünf Jahren erlangten unsere Kinder eine solche Fertigkeit in ihrem Berufe, daß sie den Entschluß faßten, sich selbständig eine Werkstätte zu errichten, worin sie ihr Meister, der ihnen vom Herzen gut war, bestärkte. Das war ein sonniges, heiteres Leben, das mit jenem Tage bei uns einzog. Neben unserem Zimmer mieteten wir noch ein zweites, wo unsere Kinder eine Werkstätte aufschlugen. Das ging lustig zu. Die Kunden häuften sich von Tag zu Tag, denn Rachele hatte sich wie gesagt, schon als Gehilfin den Nus einer Künstlerin in ihrem Fache erworben. Zudem hatte ihr Meister, der bereits schwach und altersmüde war, sich zur Ruhe gesetzt und alle seine Kunden unseren Kindern anempfohlen. Was waren das für schöne, herrliche Tage!" Der Blinde hielt in seiner Erzählung inne und versank in stille Gedanken, als wollte er jene schöne Zeit nochmals in der Erinnerung durchleben. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Die Hundertjahrfeier der Hamburger Talmud- Tora-Realschule?) Im April dieses Jahres hat ein Teil der Hamburger Judenheit eine Feier begangen, auf welche die folgenden Zeilen die Aufmerksamkeit weiterer Kreise lenken wollen. Eine jüdische Realschule streng orthodoxen Charakters mit der Berechtigung, das Einjährig-Freiwilligenzeugnis zu erteilen, eine solche, von der Staatsaufsicht abgesehen, völlig unabhängige, durch ein Jahrhundert bewährte Schule ist in Deutschland nicht allein, sondern in der ganzen Welt ein Unikum. Hamburg besitzt sie in seiner Talmud-Tora. An der Wiege der Anstalt hat Moses Mendelssohns Geist gestanden. Einer seiner Verehrer, der ausgezeichnete Menachem Mendel Frankfurter, der Vater des bekannten Moses Mendelsohn*) **), der seinen verdienten Platz in der Jewish Encyclopedia gesunden, hat zu ihrem Dasein den Keim gelegt. Aus einer Armenschule, als welche sie anfangs gedacht war, entwickelt sich allmählich eine Bürgerschule. Jsac Bernays, der „Chacham", prägt ihr seinen Charakter aus; Gabriel Riesser *) Geschichte der Talmud-Tora-Realschule in Hamburg. Von Dr. I. Goldschmidt. Hamburg 1905. **) Nicht mit dem Berliner Philosophen zu verwechseln.

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