Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 298 Dr. Blvch's Wochenschrift. Ar. 19 Einwirkung ans die Kolonisationsunternehmungen in Palästina im nationalen Sinne, insbesondere auch im Hinblick auf die nationale Erziehung der palästinischen Jugend. Schaffung von Arbeitsgelegenheit für einwandernde Juden, soweit die Einwanderung auf legalen! Wege möglich ist. 3. Ausgestaltung der Organisation und Ausbau der zionistischen Institutionen. 4. Unterstützung aller Maßnahmen, welche geeignet sind, das jüdische Selbstgefühl und Volksbewnßtsein zu stärken. Das Zentralkoniitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Hebräische Musik. Der Berliner Verein zur Pflege hebräischer Musik veranstaltete unter seinem Dirigenten, Kapellmeister Albert Kellermann, ein geistliches Konzert mit Kompositionen von Salomon Rossi. In einem einleitenden Vortrage gab Dr. Leopold Hirschberg einen Uebcrblick über die Tonschöpfungen jener Epoche (Rossi lebte 1542—1628). Dem Vortrage, der mit einer Sonate Rossis bekannt mach'c, folgten drei Chöre zu hebräischen Texten, die eine meisterhafte Technik verraten. Palästinas kontrapunktische Kunst wie seine ganze Kompositionsart haben wohl großen Einfluß auf Roffis Tonschöpfungen ausgeübt, allein in dem dritten Chor ,, Adon olam“ zeigt sich eine selbständigere, warmempfindende Art, die der Komposition zu besonderer Anerkennung verhalf. Der Psalm 80 und der Kadosch sind weniger volkstümlich, überraschen jedoch dafür durch die Differenziertheit im Ausdruck und die Feinheit der Technik. In Kirchenkonzerten, die ja auch das Kol Nidre bieten, dürste man den interessanten Chören wieder begegnen und auch mit den weltlichen Tondichtungen, wie der Ode an L. Gonzaga, bekannt gemacht werden. Karlsruhe. Der Großherzogliche Oberrat der Israeliten hat an sämtliche Bezirkssynagogen, Synagogenräte und Religionslehrcr ein Rundschreiben gerichtet, daß die Lehrer bei der ihnen noch reichlich zur Verfügung stehenden Zeit sich eine angemessene Nebenbeschäftigung zu suchen haben, um ihr Einkommen zu verbessern. Als eine solche Nebenbeschäftigung wird vor allem der Garten- und Obstbau wenn tunlich in Verbindung mit Bienenzucht) bezeichnet, da dieser Erwerbszweig bei richtigem Betriebe noch bestiedigende Erträge liefere. Es wird gleichzeitig betont, daß diese Tätigkeit des Lehrers auch für Schuljugend und Erwachsene vorbildlich sein würde und geeignet wäre, zur Verbesserung der Erwerbsverhältnisse der Israeliten auf dem Lande beizutragen. Den in Betracht kommenden Lehrern hat der Großherzogliche Oberrat einen Fragebogen zur Ausfüllung in dieser Sache zugehen lassen und dabei erwähnt, daß er bei Bemessung der Aufbesserungen (!!) darauf sehen wird, ob und inwieweit der betreffende Lehrer obigen Bestinunungen des Oberrates entgegenkommcn wird. Jüdische Ostern irr Salouik. Richtiges Osterwetter war diesmal nach einigen Wolkentagen über dem Thermäischen Golfe heraufgekommen für die jüdischen und katholischen Ostern, die diesmal fast zusammenfielen, während die orthodoxen Griechen und die ganze Kirche des Orientes ihr Hallelujah erst am 30. April sangen. Der erste Ostertag begann mit strahlendem Sonnenscheine, nachdem es noch in der Nacht bedrohlich gewettert und gestürmt hatte, so daß hochstürzende wilde Wogen den Strand überschwemmten. Im Hasen und auf den Gassen Festtagsruhe, die Läden geschloffen, die Barken, die den Leichterdienst für die auf der Rhede liegenden Dampfer versehen, vor Anker gelegt. Saloniki ist, wie bekannt, eine vornehmlich jüdische Stadt: von einer Bevölkerung von 120.000 Einwohnern sind weit über die Hälfte Juden, spanischer Herkunft. Man spricht in amtlichen Listen von 90.000, es müssen aber, nach anderen Aufstellungen, wohl an 75.000 jüdische Bewohner sein. Dazu kommen noch von 26.000 Türken 3000 Türken, beziehungsweise Mohammedaner jüdischen Stammes; es sind die von dem Kabbalisten Sabbatai Zewi (1626—1676), der sich damals als Messias ausgab, zum Islam hinübergeführten Donweh, die „Bekehrten". Ta Handel und Wandel in jüdischen Händen liegt, so wird naturgemäß heute gefeiert, und das laute Rufen in den Gaffen, das Schreien der Händler, der Lärm der orientalischen Stadt ist verstummt. Festtagsstimmung ist auf den Gassen. Die Männer gehen spazieren. Sonst sind sie in allen Betrieben tätig, die eine große Hafenstadt nötrg hat. Mit zentnerschweren Lasten schleppen sie sich am Hafen, arbeiten als Docker, als Kohlenschlepper, als Wagenführer. Die Handwerker sitzen und arbeiten in ihren offenen Läden, Schreiner, Schneider, Schuhmacher, Bäcker, Fleischer und Gemiisehäiidler bieten in den Gaffen ihre Waren an. Natürlich liegt auch der Großhandel und das Bankgeschäft in der Hand jüdischer Kaufleute, soweit in diesen Handelsbetrieben nicht Griechen es sind an 20.00 > hier — oder Ausländer, Schweizer, Reichsdeutsche. Oesterreicher tätig sind. Die Mehrzahl aller jüdischen Bewohner Salomks sind aber Handwerker, Schiffer, Fiicher, Barkenführer und plagen sich so schwer als nur irgendwo Arbeiter. Der schöne Kai am Hafen, der, dereinst erweitert und ausgebaut und wenn die jetzt noch jungen Götter bäume erwachsen sein werden, eine der schönsten Strandpromenaden des Mittelmeeres sein wird, ist an den Festtagen belebt von der bunten Menge der Lustwandelnden. Die Männer tragen noch heute die malerische, bunte Tracht des spanischen Mittelalters Ein langer Talar umschließt die schlanken, sehnigen Gestalten, bunt, zumeist in zarten, matten Farben, lichtblau, gelblich, rosa, lila, hellbraun. Ein breites Seitenband, wohl ein Dutzendmal um den Leib geschlungen, ist der Gürtel, von lebhafteren Farben, purpurrot, hellgrün, weiß, zitronengelb. Die Füße stecken in weißen oder roten Strümpfen und Schnallenschuhen. Als Ileberrock tragen alle dünne Pelze, der Rock ist etwas dunkler, doch auch farbig, innen gefüttert mit Hamster, Bisam, Feh, Marder, und meist bildet ein breiter Fehstrelsen den Rand. Die Kopfbedeckung ist fast durchwegs der landesübliche Fez, dessen leuchtendes Not sehr gut steht zu den braunen Gesichtern, aus denen tiefdnnkle, große Augen schauen. Lange schwarze Bärte verleihen den Männern, die sonst ebenso lebhaft eilen, als sie beute langsam daherschreiten, eine besondere Würde; alte Herren im wallenden weißen Balte sehen ganz so aus, wie Maler des Mittelalters die biblischen Patriarchen gemalt haben. In den Händen halten die Männer vielfach als Spielwerk der heute ausrnhenden Finger eine Art „Rosenkränze", Kngelketren ans Bernstein, Korallen, Granaten — Erzeugnisse, die ans den Klöstern am ..Heiligen Berge", am Atlios stammen, des dritten Vorsprunges der Halbinsel Ebalkidike, die da vor uns liegt und wie aus einer breiten Hand drei Finger eintanchr in die azurblaue Flut der Aegäa. Am Nachmittag spazieren die Familien hinaus in die Vororte. Man macht Besuche, geht in die Gärten. Der östliche Vorort Kalamaria ist eine reizende Villenstadt, deren Anlagen bis zum Strande herabreichen. Dort sind auch einige Vergnügungsgärten gelegen. Die größte Anziehung übt ein großer Volksgartcn am westlichen Strande aus, Besch-Tschinar, „fünf Bäume" geheißen, die in der Tat in stattlichen Nüstern vorhanden sind. Der Garten zieht am Meere hin, das breite Wogen donnernd gegen die Mauer schlägt. Drüben, jenseits der blauen See, erhebt sich der dreizackige Olymp in weißem Schneeglanze aus der Flut und weiter nach Süden steht der Schneekegel des Ossa. Der schmucke Garten füllt sich mit geputzten Leuten. Türkische Musik spielt ihre eigentümlichen Weisen, schrille Pfeifen ertönen plötzlich laut wie Schreie Verfolgter in der Wüste, dann beginnt in den Saiten der Mandolinen und Geigen berückendes Liebesgcflüster und die duvipfe Trommel tönt manchmal darein, langsam, tief, ernst, wie eine Mahnung aus den heiligen Schriften. In den grünen Bäumen, den Rüstern, Akazien, Feigen, Granatbäumen singen die Vögel. Eine bunte Menge sitzt plaudernd an den Tischen, die Kinder jauchzen bei den Schaukeln des Spielplatzes. Die älteren Leute reden noch ihr Castilianisch wie 1492. zu den Zeiten, da Columbns Amerika entdeckte, die Vorfahren der hiesigen Gemeinde aber durch schwere Verfolgung aus der spanischen Heimat vertrieben wurden, bis hierher ins Türkenland, wo sie seither uubedrückt gelebt haben. Die jungen Leute und die Kinder sind bereits modern gekleidet, Pariser und Londoner Mode herrscht. Allerliebst sehen die kleinen Mädchen ans, die schwarzen Haare in lange Korkzicherlocken gerollt und mit roten Bändern durchflochten. Wie das lebt und lacht und sich stolz in dem bunten Feiertagsstaate zeigt und bewegt! Die Mütter dieser reizenden Jugend tragen häufig noch den seidenen bestickten Talar und einen seltsamen Kopfschmuck, eine flache Haube aus hellfarbigen Seidcnbändern, von der über den Rücken ein handbreites grellgrünes Seidenband herabhängt. das reiche goldene und silberne Stickerei zeigt. Die Brust umgibt das weiße gefältelte Hemd, der Rock ist lila, blan, grün, braun. Hals und Finger ziert reicher Schmuck von Perlen und Edelsteinen. Die Gesichter der Frauen sind fein, von zarter Bläße des Elfenbeins, meist noch schön. Die jungen Mädchen, die ihre Pariser Kleider und Hüte mit der anmutigen Koketterie der Spanierin tragen, sind oft von wunderbarer Schönheit. Der Türke, der sich ans den Zauber des Weibes versteht, sagt: „Die Griechinnen von Joannina, die Jüdinnen von Salonik und die Türkinnen von Stambul - das sind die schönsten!" Er hat Recht. Die Judenhetzen in Schitomir. lieber Judenhetzen in Schitomir wird gemeldet: Bereits durch mehrere Tage wurde von Agitatoren, sowie in Flugblättern zur Vernichtung der Juden aufgesordert. Kürzlich kam es nun tatsächlich zu Exzessen gegen die Juden in Schitomir. Eine große Menge zog durch die Straßen der Stadt und plünderte Magazine und Buden der jüdischen Geschäftsleute. Da diese sich bewaffneten und den Exzedenten tätlichen Widerstand leisteten, kam es zu einer regelrechten Schlacht, in welcher von beiden Seiten gefeuert wurde. Soweit festgestellt werden konnte, wurden bei den verschiedenen Zusammenstößen fünfzehn Personen ge-