Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 296 Dr. Dlocd's MocvenscbriN. Nr. 19 sich an die Repräsentanz der Prager Kultusgemeinde behufs Realisierung eines solchen Planes zu wenden. Die Not an pädagogisch gebildeten, auch nur halbwegs für ihr Fach ausgebildeten Religionslehrern drängt zu diesem Beschlüsse. Allein eine kleine Frage wollen wir uns erlauben: Für wen sollen die Religionslehrer herangebildet werden? Für Prag allein oder für ganz Böhmen? Wenn letzteres der Fall, dann wäre es am Platze, die Angelegenheit vor den Gemeindebund für Böhmen, der am 16. Mai d. I. in Prag tagen soll, zu bringen, damit dieser namens sämtlicher Kultusgemeinden Böhmens für die Errichtung dieser Anstalt nicht bloß eintrete, sondern auch zur Aufbringung der Mittel hiefür beitrage; denn die Zeit ist nicht sehr ferne, wo die pädagogisch-didaktisch -gebildeten Lehrer vom Schauplatze abtreten werden; die wenigen, die es noch heute gibt, sind alt und grau und langgedient. Nachwuchs gibt es keinen; denn seit wenigstens 15 Jahren ist an keiner k. k. Lehrerbildungsanstalt in Oesterreich ein jüdischer Lehramtskandidat eingeschrieben, die Herren Doktores dürften sich kaum herbeilafsen, Volksschülern das '2 'N und die Anfänge des hebräischen Lesens und die biblische Geschichte beizubringen. Schon heute sind mehr als 20 Kultusgemeinden in Böhmen ohne Religionslehrer und die Jugend ohne Religionsunterricht. Wohin soll das führen? Die Talmud-Thora-Schule soll dabei als Uebungsschule für den Kandidaten gelten, der Unterricht für dieselben soll außer den Disziplinen, der hebräischen Grammatik, Tnach mit Raschi und Kommentaren, jüdische Geschichte u. s. w., auch Psychologie, Logik, Didaktik, Erziehungslehre und deren Geschichte und Literatur umfassen. Dabei darf aber nicht vergessen werden, daß der Unterricht in beiden Landessprachen zu erteilen ist, denn weit mehr als die Hälfte aller Kultusgemeinden in Böhmen, 130 von 200, liegen in tschechischen Gegenden und muß der Unterricht an dortigen Anstalten in tschechischer Sprache erteilt werden. Eine Kraft allein genügt nicht dazu, denn der Direktor hat vollauf mit der Leitung der Anstalt zu tun. Ferner sollte an der Anstalt auch ein Kurs für Kantoren bestehen, denn auch solcher bedürfen die Gemeinden sehr notwendig. In diesem Sinne könnte die Anstalt wohltätig wirken und wir wären nicht gezwungen, unsere Funktionäre aus dem Auslande zu beziehen. Wir empfehlen unseren Antrag den maßgebenden Faktoren, denen die Angelegenheit am Herzen liegt, zur geneigten Berücksichtigung, ohne uns aufdrängen zu wollen. 8. Antisemitismus in Gmunden. Die gut katholische „Salzkammergut-Zeitung" schreibt unter dem Schlagwort: Ein Präludium zur Schiller-Feier. «Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern" sagt der unsterbliche Schiller, dessen Todestag zu feiern der Gmundener Männergesangverein die Anregung gegeben hat. Wie wenig aber der nämliche Verein den edlen Worten des größten deutschen Dichters aller Zeiten nachlebt, das beweist folgende Tatsache. Herr Berthold K o r m a n y, Kaufmann in Gmunden, gehörte durch volle siebzehn Jahre diesem Gesangvereine als ausübendes, und man kann sagen, wirklich fleißiges Mitglied an, und nichts schien gegen diese Mitgliedschaft vorzuliegen. Doch halt, der Mann ist Jude, und dieser Geburtsfehler war jenen Sangesbrüdern, deren Deutschtümelei bereits ins Narrenhaus hineingewachsen zu sein scheint, ein Dorn im Auge. Ja es hieß, daß eine Anzahl anderer Herren (Beamte, Professoren usw.) ihren Eintritt in den Verein von dem Umstande abhängig gemacht hatten, daß erst der Jude draußen sein müsse. Und so begab sich denn kürzlich der Vorstand, Herr Lehrer Ernst D e u t l, mit angestammter Würde persönlich zum Herrn Berthold Kormanh und verkündete ihm den angeblichen mit großer Mehrhcit gefaßten Vereinsbeschluß, daß nun seine Mrtgliedschaft ein Ende habe, weil.... nun. weil Herr Kormany eben Jude sei. Daß Herr Berthold Kormany dieser Botschaft sofort Folge leistete, ist begrefliich, er gab überdies noch dem Herrn Vorstande eine schriftliche Erklärung mit auf den Weg, die aber wegen ihres etwas unbequemen Inhaltes nicht vor das Plenum gelangt sein soll. So geschehen in der internationalen und interkonfessionellen Kurstadt Gmunden im Jahre 1905. Es nimmt uns nur Wunder, daß derselbe Männergesangverein nicht auch noch dekretiert, daß seinen Produktionen im Sommer und zu anderen Zeiten künftig keine Juden mehr beiwohnen dürfen und daß das 'rcreinsklavier, welches doch auch aus allerdings sehr kulanten Judenhänden stammt, überhaupt noch sein Dasein im Vereinslokale fristen darf. Nach diesem Beispiele zu schließen, dürften sich die Begriffe «national" und „brutal" wenigstens in Gmunden so ziemlich decken. Herr Berthold Kormany mag sich übrigens trösten: den hochverdienten Chormeister Herrn Dr. Karl B e i st o r f e r hat man zum Danke für die Liebe und Begeisterung, mit welcher er den Männergesangverein durch mehr als 25 Jahre geleitet und gehoben, vor nicht gar langer Zeit genau so henkermäßig behandelt. Das scheint bei diesen dankbaren deutschen Männern schon so der Brauch zu sein. Doch mag auch das gesellige Leben in Gmunden durch solche Vorgänge immer mehr und tiefer zerrissen werden: Lieb Vaterland magst ruhig sein. Der G'sangverein ist judenrein! Ein Dezennium im Dienste der Wohltätigkeit. Bor uns liegt der 10. Jahresausweis des Altersversorgungshauses der Preßburger orthodoxen israel. Kultusgemeinde (Maria Theresiastraße 50). — Dieses Institut, das im Jahre 1894 unter Mitwirkung der Herren Joel Wolf s. A., Lazar Gestettner, Dr. L. Stein, Dr. I. Fischer und vieler Anderer gegründet wurde, hat seit seinem kurzen Bestände Ersprießliches geleistet. Aus bescheidenen Anfängen — der Stand der Pfleglinge betrug im ersten Jahre 8 Pfleglinge — hat sich das Versorgungshaus zu einem der bedeutendsten jüdischen Versorgungsstätten der Monarchie entwickelt und verfügt nach kaum zehnjährigem Bestände über derart sicher gestellte Fonde und Jahresbeiträge (letztere betrugen im Jahre 1904 zirka 1800 K), daß es gegenwärtig 25 versorgungsbedürftige Greise beherbergt und verpflegt. Unter den durch ihre Philanthropie sich besonders auszeichnenden Stiftern und Gründern finden wir die auf dem Gebiete der Wohltätigkeit auch sonst bekannten Namen: Joel Wolf s. A., Israel Abraham s. A., Philipp Neumann s. A., Jakob Adler, Katharina Steiner (Wien), Bertha Weiß geb. Wolf (Budapest), Leo und Arnold Hildesheimer (Wien), Dr. Ignaz Pick (Wien), Johanna Schlesinger s. A., Karl und Max Wolf (Raab), Baron Wilhelm v. Rothschild s. A. (Frankfurt a. M.) u. a. Sowohl die Mitglieder der beiden jüdischen Gemeinden Pozsonys, als auch ihre in der Fremde weilenden Söhne wetteifern, diesem über jede Parteiung stehenden humanitären Institute ihre Unterstützung angedeihen zu lassen. Mögen Alle, denen Wohltätigkeit Herzenspflicht ist, auch weiterhin mit dazu beitragen, daß das auf der Höhe der Zeit stehende, modern eingerichtete und allen hygienischen Anforderungen genügende „Israel. Versorgungshaus zu Preßburg" seine Hilfsaktion auf stets weitere Kreise auszudehnen vermöge und so ein neues Dezennium segensreicher Wohltätigkeit inauguriere. Der Jahresbericht wird Interessenten in S. Steiner's Buchhandlung, (Venturgasse) gratis verteilt. Der Zionistenkongreß. In seiner letzten Konferenz setzte das zionistische Aktionskomitee den Beginn des auch diesmal in Basel stattfindenden Zionistenkongresses endgiltig auf den 27. Juli fest. Der Kongreß wird wie bisher im Kasinogebäude tagen, wo ein eigenes Post- und Telegraphenamt eingerichtet wird. Das Komitee nahm für die Beratungen eine Dauer von sechs bis sieben Tage in Aussicht. Da aber gegen das auf der Tagesordnung stehende Ostaftikaprojekt von mehreren zionistischen Gruppen eine überaus rege Agitation entfaltet wird, besorgt man eine sehr lebhafte Diskussion, die eine Verlängerung der Kongreßdauer notwendig machen dürfte. An Stelle des verstorbenen Herzl wird Dr. Max Nordau oder der Kölner Bankier Wolfsohn zum Präsidenten des Kongresses gewählt werden. * * * Am 23. und 24. April 1905 fand in Köln eine Plenarsitzung des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland statt. An derselben nahmen folgende Herren teil: Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer-Köln a. Rh., Dr. Julius Moses- Mannheim, Rechtsanwalt Dr. Hantke-Berlin, Dr. Adler-Lübeck, prakt. Arzt M. Kausmann-Freiburg i. Br., Gustav Wolff-Köln a. Rh., Assessor Dr. Friedemann-Wiesbaden und D. Wolffsohn- Köln a. Rh. Ferner als Gäste: Julius Simon-Mannheim, Dr. Edelstein-Bonn und Berthold Feiwel-Berlin.