Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Bloch's Wvchrnschri^t Seite 287 jeden Tag früh morgens aus ihrem Mund der liebliche „gut Morgen!", mit welchem sie ihre schönen Aeuglein öffneten. Wie zwei Vögelchen spielten sie miteinander in einem Winkel des Zimmers, und als sie das fünfte Jahr erreicht hatten, besuchten sie zusammen ein und dasselbe Cheder, wo sie im Hebräisch Lesen und Schreiben Unterricht nahmen. O, wie lachte uns das Herz, wenn sie so Hand in Hand aus dem Cheder heimkehrten, er schlank und aufgeschossen wie ein junges Fichtenbäumchen und sie voll und rundlich mit dem blühenden Gesichtchen und den großen lachenden Augen, die gar allerliebst unter ihrer gestickten Kapuze hervorleuchteten. Meine Frau, sie sei eine gute Fürsprecherin, mußte immer, so oft sie die Kinder ansah, dreimal gegen die Zimmerdecke hinaufspeien, um sie gegen ein böses Auge zu schützen. Des Sommers spielten beide Kinder auf dem grünen Rasenplatze vor unserer Wohnung. Bislveilen gesellte sich ihnen ein kleiner Knabe bei, der Sohn eines Nachbars, den man den „roten Wölfele" nannte. Diesen Zuwachs jedoch sahen beide Kinder als einen Eindringling an, was zwischen ihnen zu öfterm Gezanke, nicht selten auch zu einem kleinen Handgemenge führte . . . Der „rote Wölfele" war mein Erbfeind, denn seit Vorzeiten schleppte sich der Haß zwischen den Kindern unserer beiderseitigen Eltern, wie eine böse Krankheit, auf die spätesten Enkelkinder bis zu uns herab. Ein gemeinschaftliches Erbhaus war es ursprünglich, das den wütenden Haß zwischen unfern Eltern heraufbeschworen, und dieser Haß erbte sich wie eine schleppende Seuche auf die Kinder fort, so daß sie seit undenklichen Zeiten sich als Todfeinde gegenüberstanden. Da geschah es eines Sommertages, daß das kleine Rachele mit fliegenden Haaren und fieberhaft geröteten Wangen mit dem Rufe zu mir ins Zimmer stürzte: „Vater ... Vater! Schnell ... schnell! Der Rote schlägt den Jankele! ..." Ich folgte der kleinen, mich am Rvckschoße mit sich fortziehenden Rachele bis auf den Rasenplatz und da war cs mir, als wäre mir das Blut auf einmal unter kochendes Feuer versetzt. Der rote Wölfele, unser Nachbar, hielt hoch in seiner Rechten meinen kleinen Jankele empor, dem das Blut zum Munde herauslief und mit der zweiten Hand hieb er unbarmherzig auf ihn los, während seine Augen mörderisch blitzten und sein roter Bart sich wie ein Flammenrad um sein Gesicht sträubte. Mein kleiner, armer Jankele zappelte unter den auf ihn niederhagelnden Schlägen, wie eine Fliege unter den Fängen einer Spinne. „Halten sie ein!" schrie ich, ihm gewaltsam das Kind aus der Hand reißend. „Warum schlagen sie dieses Kind hier?" „Das hat sie nicht zu kümmern!" schäumte der Rote und schlug nochmals auf das Kind los. „Das hat mich ja zu kümmern!" stampfte ich, mich kaum vor Zorn haltend, „das ist mein Kind, mein Jankele!" „Ah, dein Kind!" stieß er mit höhnischem Gelächter aus, „das Kind des Totenschneiders. So geh du nur lieber und näh ihm ein Todtenkleid, denn ich werde dir dein Söhnlein todtschlagen!" Ich konnte es nicht länger in mir halten, das Blut kochte mir zum Kopfe hinauf. Wie ein leichtes Rohr packte ich ihn vor der Brust, schleuderte ihn zu Boden und versetzte ihm einen Fußtritt, daß er sich wie eine zertretene Schlange zu meinen Füßen krümmte. Ohne mich um seine Flüche und Verwünschungen weiter zu kümmern, hob ich mein blutendes Kind auf die Arme und trug es ins Zimmer, hier untersuchte ich die blutende Stelle und bemerkte, daß der Rote dem kleinen Jankele einen Vorderzahn ausgeschlagen hat. Rasch suchte ich das Blut zu stillen und beeilte mich, das vor Erregung zitternde Kind zu Bette zu bringen. Keine Viertelstunde verfloß und alles Leid war vergessen. Rachele saß zu Häupten meines Sohnes und die Kinder plauderten so zart und sinnig miteinander, daß mir jenes liebliche Kindergespräch bis zum heutigen Tage lebendig vor der Seele steht. „Lieb' Vater", begann die kleine Rachele, „nicht wahr, Jankele wird einen andern schönern Zahn wieder bekommen?..." „Natürlich", erwiderte ich, „solchen jungen- Kindern wachsen die verlorene Zähne wieder nach!" „Hörst Jankele", jubelte das Kind, indem es den Zeigefinger in den Mund Jankeles zwischen die lückenhafte Stelle hineinschob, „schmerzt's dich, wenn ich so den Finger halte?" „Es tut so wohl", erwiderte Jankele, ihre Hand faffend und ihren Finger aus die wunde Stelle drückend, „so ist es gar so angenehm!" „Lieb' Vater", begann wieder Jankele, nachdem er eine kurze Weile in Gedanken verloren lag, „wie heißt Rachele auf hebräisch?..." „Rachel..." „Und Jankele?" „Jakob..." „Rachel — Jakob", klatschte Jakob lustig in die Hände, halb vom Bette aufspringend, „da Hab' ich in der heiligen Bibel eine gar schöne Geschichte gelernt, auch von Jakob und Rachel — Ei! Ei! ist das aber schön! Gib nur die Bibel her, Rachel." Oas Mädchen reicht ihm die Bibel hin, die er ausschlug, um ihr dann mit seiner hellklingenden Stimme die Geschichte von Jakob und Rachel vorzulesen und zu erklären. Allerliebst waren die Kinder in diesem Augenblicke anzusehen, wie sie, die Arme umeinander geschlungen, sich mit ihren Krausköpfen über das heilige Buch neigten... „Weißt du, ich habe einen guten Gedanken, Jankele", fing Rachele an, indem sie den Zeigefinger sinnend aus die Stirne legte. „Einen Gedanken — so red' nur, lieb' Rachele!" „Wir wollen fortan so spielen, wie es in dieser schönen Geschichte beschrieben ist!" „Ei, das ist gut!", jauchzte Jankele, „Ich werde mir ans den Hofraum einen Brunnen machen!" „Und ich", ergänzte Rachele, „werde zu dir mit den kleinen Hühnchen kommen, die mir immer folgen; das wird meine Herde sein!" „Und dann", siel Jankele lustig ein, „werde ich dir um den Hals fallen und dich aus den Mund küssen, wie es in der heiligen Bibel geschrieben ist, aber —" Jankele stockte. „Aber —", nahm Rachele aus, indem sie ihn verwundert anblickte. „Aber", fuhr Jankele fort", da heißt es in der Bibel: Jakob küßte die Rachel und weinte — und ich weiß nicht, wie ich weinen könnte, wenn mir im Herzen so lustig ist!..." Rachele dachte still nach . . . „Auch ich weiß es nicht" sagte sie endlich. O, hätten sie in diesem Augenblick die hellen Tränen gesehen, die uns in den Augen standen, sie würden es gewußt haben, daß man vor Freude auch weinen kann. Schon an dem nächsten Tag war Jankele außer dem Bette, und beide Kinder arrangierten ihr neues „Jacob- und Rachel- Spielchen." Die ganze Woche kam mir der rote Wölfele nicht mehr zu Gesicht. Erst Freitag abends sah ich ihn in der Synagoge bei seinein Ständer, der nicht weit von dem meinen in der letzten Reihe stand. Sein Gesicht trug als Dentzeichen von mir eine tiefe, breite Schramme. Als er mich gewahrte, fingen feine Augen an unheimlich zu blitzen, und er drohte mir einigemal mit der geballten Faust. Beim Nachhausegehen stand er wieder vor mir, wie ein Raubtier mit wildrollenden Augen und scharfen blitzenden Zähnen, während er mir die unheimlichen Worte hinwarf: „Mit eignen Händen wirst du noch deinem Söhnlein die Totenkleider nähen, verlaß dich d'rauf!" Mein Blut erstarrte bei dieser unheimlichen Prophezeiung zu Eis; als ich jedoch in meine kleine, behagliche, zu Ehren des Sabbath aufgeputzte Stube trat, die von den Sabbathlichtern strahlte, und meine selige Frau umgeben von beiden Kindern mir mit dem freundlichen: „Gut Sabbath" entgegen kam, da wich jenes schreckliche Bild wie ein schwarzes Gewölk von der