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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 282 Dr. Mocb's Wocbenscbritt Nr. 18 zugehen sei. Im Jahre 1894 haben sich der obenerwähnten Erklärung die Kultusgemeinden Oesterreichs mit gleicher Einmütigkeit angeschlossen. Aus dem Gesagten ergibt sich auch die Unrichtigkeit der Behauptung des Herrn Referenten, „daß das eigentliche Schächten Gegenstand heftiger Diskurse sogar zwischen den Rabbinern untereinander geworden" sei. Die vom Referenten angeführte, völlig vereinzelte Ansicht eines Rabbiners ist umso bedeutungsloser, als ihr Vertreter (Dr. I. Stern) ein von der königlich württembergischen Regierung wegen sittlicher Verfehlungen aus dem Amte strastveise entlassener, aus dem Judentum ausgetretener und konfessionslos gewordener ehemaliger Rabbiner ist. Die einem seinerzeitigen Referat des früheren Magistratsdirektors Preyer entnommene Behauptung, „das Schächten ist eine langsame Tötungsart, bei welcher das Tier bis zum letzten Augenblicke bei vollem Bewußtsein bleibt", widerlegt sich durch die Gutachten von 113 Universitätsprofessoren der Physiologie, Pathologie re., von welchen nur die Namen eines Virchow, Du Bois-Reymond, Exner, Hering, Lister hervorgehoben seien, 38 Professoren der Tierarzneiheilkunde, 202 Tierärzten und 14 Metzgerinnungen und Großschlächtern. Diese Gutachten von unumstößlichem Gewichte bezeugen übereinstimmend, daß die Zeit von der Beibringung des Schächtschnittes bis zum Eintritte der Bewußtlosigkeit nur nach wenigen Sekunden zu bemessen ist. Ebenso erklären diese Gutachten im Gegensätze zu der weiteren, gleichfalls dem Referat Preyer entnommenen Behauptung, daß „das Schächten als die herzloseste, größte und verabscheuungswürdigste Tierquälerei" zu bezeichnen sei, dasselbe als eine der besten und humansten Schlachtmethoden. Das k. k. Ministerium des Innern hat mit Erlaß vom 11. April 1893, Zahl 2560 eröffnet, „daß die im Jahre 1888 über die bei den Israeliten übliche Methode des Schächtens der Schlachttiere durchgeführte a Erhebungen zu dem Ergebnis geführt hatten, daß, wenn alle Bestimmungen des Rituales erfüllt werden, in der Methode des Schächtens eine tierquälerische Handlung nicht gefunden werden kann ..." Der von dem Herrn Referenten geschilderte Vorgang des Niederwindens der Tiere wird in Wien nicht geübt und kann auch nicht geübt werden, weil in den Wiener Schlachthäusern — mit Ausnahme einer einzigen Halle — überhaupt keine Winden vorhanden sind. Desgleichen wird zur Drehung des Kopfes keinerlei Instrument verwendet. Es entfallen somit alle von dem Herrn Referenten an diese Niederlegungsmethode geknüpften abfälligen Bemerkungen. Die Behauptung, daß nach jüdischem Ritus das Schneiden einen ganzen Tag dauern kann, beruht auf einer vollständig irrigen Auffassung der betreffenden Stellen im Talmud; die Unrichtigkeit dieser Behauptung ergibt sich aus der Tatsache, daß der vorschristsgemäß in einem ununterbrochenen Zuge, ohne Druck, mit einem haarscharfen und glatten Messer vorzunehmende Schächtschnitt überhaupt nur ganz kurze Zeit währen kann, und — wie die tägliche Erfahrung lehrt — tatsächlich auch bei dem größten Tiere in kaum einer Sekunde vollzogen ist. Die von dem Herrn Referenten geschilderten Manipulationen nach dem Schächten wären — wenn sie überhaupt geübt werden — vom Standpunkte des Tierschutzes ohne Bedeutung, weil sie an dem bereits leblosen, jedenfalls aber, wie aus den angeführten Gutachten hervorgeht, schon empfindungslosen Tiere vorgenommen werden. Der Vorstand muß schließlich nachdrücklichst Verwahrung dagegen eiulegen, daß, wie es in dem Referate geschieht, eine seit Jahrtausenden bestehende Institution der jüdischen Religion als „unmenschliche Barbarei" bezeichnet wird. Die Lehre über die Schonung der Tiere sind im Alten Testamente so zahlreich, die Vorschriften über die Behandlung der Tiere so tierfreundlich, daß hiedurch allein das Schächtverfahren gegen den Vorwurf der Grausamkeit geschützt ist. William Hartpole Lecky, in seiner berühmten „Sittengeschichte Europas" (Band 2, S. 136), bemerkt in Bezug auf die schonungsvolle Behandlung der Tiere: „Dies ist in der Tat eine Form der Humanität, die auf das Glänzendste im Alten Testamente hervortritt." Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde beehrt sich, an Euer Hochwohlgeboren die Bitte zu richten, die vorstehenden Ausführungen in der Euer Hochwohlgeboren geeignet scheinenden Weise den P. T. Mitgliedern des löblichen Gemeinderates zur Kenntnis bringen zu wollen. Mit dem Ausdrucke der vorzüglichsten Hochachtung Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Wien: Dr. Theodor Lieben m. p., Dr. Alfred Stern m. p., Sekretär. Präsident. „Dr. Moritz Topolarrski." Wir erhalten folgendes Schreiben: Geehrteste Redaktion! Zu welcher Verrohung die gegenwärtige Verhetzung selbst in anscheinend gebildeten Kreisen führen kann, möge am drastischesten nachstehendes Beispiel zeigen, welches wir uns nicht versagen können, der Oeffentlichkeit preiszugeben. Die Leitung des Unterzeichneten Vereines sandte sowohl an die ständigen Mitglieder wie auch an Außenstehende und an solche Persönlichkeiten, welche sie zu akquirieren beabsichtigte, Einladungskarten zu den von ihr veranstalteten Vorträgen. Selbstverständlich konnte sie hiebei nicht jeden Adressaten rücksichtlich seiner Gesinnung aus Herz und Nieren prüfen. Aus einer dieser Karten, welche prompt zurückgeschickt wurde, befand sich nun nachstehende Antwort:*) „Ihr Verein hat mir bereits einmal eine Einladung zum Beitritt zugeschickt. Dieselbe habe ich selbstverständlich unbeantwortet in den Mist geworfen, heute nun erhalte diese Karte. Ich mache Sie aufmerksam, daß ich weder Jude bin, noch den Antisemitismus abwehren will, sondern für die Austilgung dieser Rasse jederzeit mit Begeisterung eintrete. Ansonsten Hochachtend Wien, am 25. April 1905. Dr. Moriz Topolanski." Diese Sprache fordert eine Gegenbemerkung heraus. Wir wissen nicht, was bei einem akademisch gebildeten Manne tiefer zu werten ist: „Begeisterung für die Austilgung" oder die Oberflächlichkeit, die sich in dem einen Ausdruck „diese Rasse" kundgibt! Allein das wissen wir, daß, wenn von einer Austilgung die Rede sein dürfte, nur jene — internationale — „Rasse" auszuiilgen wäre, welche sich nicht entblödet, dem Wissen und der geistigen Veredelung in solcher Weise ins Gesicht zu schlagen. Welchen Rückschluß läßt aber dieser Ausbruch der Leidenschaftlichkeit auf die übrige geistige und ethische Beschaffenheit des Briefschreibers, eines graduierten Doktors, zu? Kann man sich da noch wundern, wenn bei den breiteren Volksschichten zuweilen derartige Gesinnungen in die Tat umgesetzt werden? Wien, 30. April 1905. Hochachtungsvoll Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Israelitischer Kultusvorstand in Wien. Der Rabbiner der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Doktor F e u ch t w a n g gab im Namen der Schwestergemeinde Wien und im Aufträge des Kultusvorstandes der tiefen Trauer um das Ablebendes hervorragenden Gelehrten Dr. Kayserling Ausdruck. Er begann mit dem Worte des Dichters des Hoheliedes: „Mein Freund stieg hinab in seinen Garten, in die duftenden Beete, blühende Lilien zu pflücken", was unsere Weisen dahin deuten, daß Gott in seinen Weltengarten hinabsteigt, um die Gottesgelehrten in das Reich der Ewigkeit zu holen. Denn der Abschiedsgruß gilt dem geliebten Lehrer der großen Gemeinde, dessen Lebensprogramm und Wahlspruch sich kurz in die Worte fassen läßt: „Ich gehöre meinem Freunde und das ist mein Gott mir und mein Freund!" Sein Charakterbild und Wirken kann ich nur nach dem einmaligen und unauslöschlichen Eindruck schildern, den der teure Verblichene in jener ernsten Stunde auf mich gemacht hat, als er an der Bahre des un- *) Die Redaktion hat in die Originalzuschrift Einsicht genommen.

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