Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 18 Dr. Llocb's Mocbenscbrttt. Seite 379 schließen ließen, mit Hilfe der bayrischen Behörden in seinem Aufenthaltsorte zu Ampfing bei Mühldorf in Oberbayern ausforschte und nach Wien zu seiner Familie zurückbrachte. Ueber andere wichtige Aktionen unseres Rechtsschutzbureaus sind unsere Mitglieder durch die fortlaufenden Berichte der „Monatschrift" in Kenntnis gesetzt worden. Selbstverständlich eignet sich nicht jeder Rechtsschutzfall zur Veröffentlichung und angesichts eines Gegners, der nur zu sehr geneigt ist, auch die unverfänglichsten Tatsachen zu mißdeuten und zu entstellen, sind wir gezwungen, über zahlreiche Interventionen unseres Rechtsschutzbureaus gerade dann Stillschweigen zu bewahren, wenn sie von dem gewünschten Erfolge begleitet waren. Wir führen hier nur noch kurz an, daß das Präsidium anläßlich der niederösterreichischen Schulreform sowohl beim Ministerpräsidenten, als auch beim Unterrichtsminister gegen die Zurücksetzung der Vertreter der jüdischen Konfession im Ortsschulrate vorstellig geworden ist und daß wir angesichts des bevorstehenden Abschlusses des Handelsvertrages mit Rußland bei den maßgebenden kommerziellen und industriellen Korporationen die Forderung nach gleichartiger Behandlung der Pässe jüdischer Reisender in Rußland in Anregung gebracht haben. Wir haben ferner Vorsorge getroffen, daß solche russische Emigranten, welche als subsistenzlos Gefahr laufen, nach dem Vagabundengesetze behandelt und an die russische Grenze abgeschoben zu werden, uns überstellt und so vor dem traurigen Schicksale, das ihnen bei der Rückkehr nach Rußland bevorstünde, bewahrt werden. Vier Emigranten, die vor 2 Wochen in PrZemysl widerrechtlich verhaftet wurden, sind über unsere Intervention aus der Haft entlassen worden. Jnsgesammt hat das Rechtsschutzbureau im Berichtsjahre in 278 Fällen zu intervenieren gehabt. Die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" hat im Jahre 1904, ihrer langjährigen Tradition entsprechend, auch in die Wahlen für den Wiener Kultusvorstand eingegriffen. Das über unsere Anregung gebildete Wahlkomitee berief unseren Vizepräsidenten Herrn kais. Rat A n n i n g e r an seine Spitze, und es bekundete sich hier der Vorteil einer festen Organisation in dem erfreulichen Umstande, daß es gelungen ist, alle Parteien und Gruppen der Judenschaft auf eine einheitliche Kandidatenliste zu vereinigen, so daß nach langer Zeit zum ersten Male wieder eine kampflose Wahl vollzogen werden konnte. Neben der Verteidigung der bürgerlichen Rechte unserer Glaubensgenossen, ihrer Ehre, ihrer moralischen und materiellen Existenz war es unsere angelegentliche Sorge, unsere Organisation weiter auszubauen und durch mündliche Belehrung bis in die kleinsten Kultusgemeinden hinein die Kenntnis von dem Bestände der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" und ihrer Rechtsschutztätigkeit zu tragen. Dabei leitete uns vor Allem die Absicht, auch die ärmsten und kulturell rückständigsten Schichten unserer Glaubensbrüder in den entlegensten Gebieten wissen zu lassen, daß sie bei uns gegen jede unrechtmäßige Verfolgung unentgeltlichen Schutz finden. Wo immer ein Jude wegen seines Glaubens unschuldig zu leiden hat, tritt der von uns gewährte Rechtsschutz selbsttätig in Kraft. Es ist selbstverständlich, daß wir bei den Wandervorträgen auch Wert auf die Ausdehnung unseres Mitgliederkreises legen, wir betonen jedoch ausdrücklich, daß die Gewährung des Rechtsschutzes von der Mitgliedschaft unabhängig ist und daß unser Eifer eher erhöht als gemindert wird, wenn wir einen armen und hilflosen Juden vor uns haben. Wir haben das Werk derZusammenfassung aller wirksamen Kräfte des Judentums zu entschlossener Selbstverteidigung unermüdlich fortgesetzt und zu diesem Zwecke auch im abgelaufenen Jahre unseren Sekretär zur Abhaltung von Wandervorträgen entsendet. Es wurden Versammlungen abgehalten, respektive der persönliche Kontakt hergestellt oder erneuert in den Kultusgemeinden Budweis, Wodnian, Pisek, Bresnitz, Mirowitz, Ptibram, Pilsen, Neuern, Mies, Marienbad, Eger, Franzensbad, Karlsbad, Petschau, Theusing, Tachau, Neustadtl-Haid, Rokycan, Bischofteinitz, Ronsperg, Kosolup-Tuschkau, Postelberg, Kaaden, Teplitz, Libochowitz, Auscha, Tetschen-Bodenbach, Böhmisch-Leipa, Kromau, Gr.-Meseritsch, Jglau, Triesch,« Pilgram, Neuhaus, Neubistritz, Krems, Elbekosteletz, BrandeisW a. E., Nimburg, Podiebrad, Neu-Benatek, Münchengrätz, Turnau, Jiein, Königgrätz, Jungbunzlau, Pardubitz, Chrudim, Chrast, Lu2e, Dobruska, Nachod, Senftenberg. Ferner in Floridsdorf, Baden b. Wien, Proßnitz, Olmütz, Oswiecim, Neumarkt (Nowytarg), Bielitz-Biala, Krakau, Wadowice, Tarnow, Rzeszow, Przemysl, Lancut, Bobrka, Rohatyn, Podhajce, Brzezany, Tarnopol, Czortkow, Hufiatyn, Czernowitz, Kolomea und Stanislau. Der Delegierte der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" fand in allen diesen Städten die herzlichste Aufnahme und wir erfüllen eine angenehme Pflicht, indem wir an dieser Stelle den Kultusrepräsentanten für die werktätige Förderung unserer Bestrebungen unseren herzlichsten Dank zum Ausdrucke bringen. Im Laufe der letzten fünf Jahre hat unser Sekretär in 384 Kultusgemeinden Wandervorträge abgehalten. Der Mitgliederstand hat im Berichtsjahre einen erfreulichen Zuwachs erfahren, der von dem gesteigerten Jntereffe unserer Glaubensgenoffen sowohl in Wien, als auch in der Provinz für die Rechtsschutzarbeit der „Union" Zeugnis gibt. Allerdings mußte dieses Interesse durch eine rege und unablässige Agitation wacherhalten, beziehungsweise geweckt werden, zumal der schwierige Existenzkampf der jüdischen Bevölkerung in Stadt und Land in einer ziemlich hohen jährlichen Abgangsziffer seinen Ausdruck findet. Bei der vorjährigen Generalversammlung hatten wir einen Stand von 6283 Mitgliedern, von denen im Laufe des Jahres 539 infolge Austrittes, Ablebens u. s. w. abgeschrieben werden mußten. Hiezu kam bis 15. April 1905 ein Zuwachs von 1387 Mitgliedern, von denen 674 auf Wien und 713 auf die Provinz entfallen. Der derzeitige Mitgliederstand beläuft fich daher auf 7131. (Lebhafter Beifall.) Aus diesen Ziffern wolle die geehrte Generalversammlung ersehen, daß das Mißverhältnis, welches längere Zeit zwischen der Mitgliederzahl aus Wien und jener aus der Provinz bestand, teilweise ausgeglichen wurde, und zwar durch eine rationelle Form der Propaganda, die wir zu Beginn des Jahres 1905 in Angriff genommen haben. Diese Propaganda wird von nun ab unausgesetzt fortbetrieben werden und wir hoffen, durch dieselbe mit der Zeit die bedauerliche Indolenz, welche insbesondere in den großen Städten vorherrscht, doch zum guten Teile zu beseitigen. Im Dezember 1904 erließen wir einen Aufruf an unsere Mitglieder, für eine Rcchtsschutzaktion von besonderer Wichtigkeit und Tragweite, deren Durchführung erhebliche Auslagen verursache, einen außerordentlichen Beitrag von je 1 Krone zu leisten. Dieser Aufruf hatte die Wirkung, daß unser Spendenkonto um den Betrag von K 3267.— bereichert wurde. Den opferwilligen Spendern sei hiemit öffentlich der herzlichste Dank ausgesprochen. Trotz erheblicher Steigerung der Agenden haben wir mit den bisherigen Bureaukräften das Auslangen gefunden. Der Einlauf betrug im Berichtsjahre 1472 Geschäftsstücke, wogegen 1513 ausgingen. Aus Anlaß der Wanderversammlungen wurden 407 und für die Kalenderedition 6722 Briefe, im Ganzen sonach 9914 Briefe versendet. Die Vereinsagenden wurden in 11 Vorstands- und 16 Präsidialsitzungen erledigt. Einem wiederholt ausgesprochenen Verlangen der Mitglieder entsprechend, hat der Vereinsvorstand Wert darauf gelegt, daß in den Plenarversammlungen der „Union" Gelegenheit zur Aussprache über aktuelle sozialpolitische und wirtschaftliche Fragen geboten werde. In der Versammlung vom 6. Oktober 1904 wurde der „Boykott gegen jüdische Kaufleute und Gewerbetreibende" (Referent Herr Gemeinderat Dr. Oskar Hein) zur öffentlichen Diskussion gestellt. In der Versammlung vom 22. November 1904 sprach Herr Dr. Max S t r a n s k y über den „K a m p f gegen die jüdische Berufsintelligenz". In der Versammlung vom 30. Jänner 1905 referierte Herr Sekretär Siegfried Fleischer über die gegegenwärtige politische Lage und in der Versammlung vom 6. März 1905 berichtete der Schrift- Jteßer Herr Dr. Hugo Ganz in einem formvollendeten Vorfrage unter dem Titel „Bilder aus dem Osten" (Das ^ostjüdische Problem) über die intereffanten Eindrücke, die er