Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Seite 275 genden Kraftleistungen christlich-sozialen Parteigeistes für den angemesseneren hielt. Und so bedeutete die ganze Komödie eigentlich eine moralische Niederlage für den sonst so gebietigen Herrn Direktor. Sein stolzes Bewußtsein, daß er auch die Barnörepflöcke zu kommandieren vermöge, erlitt da einen Bankbruch. Es waren diesesmal die Barriönpflöcke, die i h n kommandierten. Kommt auch vor. Du glaubst zu schieben, und wirst geschoben. Er legte Wert darauf, gleich zu Beginn der Verhandlungen seine Meinung zu affichieren, indem er seiner Gesellschaft zurief: „Sie haben sich die Suppe eingebiockt, jetzt sollen Sie sich sie nur auch selber auslöffeln!" Damit hatte er den Herrschaften auch schon in die Suppe gespuckt, aber sie sind ja nicht heikel und sie ließen sich das Gericht trotzdem trefflich munden. Es war ja ein Siegesmahl, und der Besiegte war diesesmal Dr. Lueger in Person. Die Geister, die er rief, ward er nun nicht los, und sie zwangen ihn zu einem Gang nach Canossa. Sonst leitet der Dirigent die Musikbande, hier mußte sich der Kapellmeister von der Bande leiten lassen. Es mag ein Gefühl der Bitterkeit in feinem Herzen aufgestiegen sein, — aber die Geister, die er rief —! sie haben ihm auch die letzte und die tiefste Beschämung nicht erspart. Die Partei ließ zum Schluß durch einen Marodeur namentliche Abstimmung beantragen. Sie wollten hören und sich daran weiden, wie der in die Enge getriebene Bürgermeister trotz alledem und alledem gegen seine eigene Meinung und wider sein besseres Wissen sich mit einem lauten und vernehmlichen Ja unter das Joch einer solchen Partei beugte. Wir meinen, daß das eine Suppe war, die er sich eingebrockt hatte. Tragisch war der Vorfall kaum zu nennen, eher ein Strafgericht. Eine wohlverdiente Strafe wirkt an sich noch nicht tragisch; sonst müßten ja alle Helden des Gerichtssaales zugleich auch Helden einer Tragödie sein. Und das sind sie doch nicht immer. Ernst war die Sache von Haus aus nicht gemeint. Denn so gut wie der vergeblich abwinkende Bürgermeister, wußte es die ganze Partei von Vorneherein, daß der Gemeinderat nicht kurzer Hand etwas dekretieren könne, wozu es eines Reichsgesetzes bedarf und daß selbst die christlich-soziale Partei, die doch sonst so Vieles kann, sich nicht souverän hinwegzusetzen vermag über ein Reichsgesetz, aber für eine großartige Hetz war doch der gewünschte Anlaß geboten. Keine Rücksicht auf die eigene Würde, keine Bedenken, die Gefühle, die religiösen Empfindungen vieler Tausender zu verletzen, welchen die Treue und Anhänglichkeit an die Gebote ihres Glaubens kein leeres Wort ist, erwies sich da als ein hemmendes Moment. Im Gegenteil. Gerade das war ja der Hauptspaß, daß man dem Juden wieder eius am Zeug flicken, ihn in Bedrängnis und in einen grausamen Gewissenszwang treiben konnte, das war ja das eigentliche Vergnügen. Demgemäß waren auch die Vorbereitungen getroffen: Hauptredner — Bielohlawek. Schon das ist bezeichnend, wie es bezeichnend war, daß, als es galt, den internationalen Preßkongreß in Wien zu begrüßen, Herr Hermann Bielohlawek an die Spitze des Patrouanzkomitees gestellt wurde. Eine Demonstration — wenn man will. Mehr behaupten wir auch nicht. Sie demonstriert aber sehr viel und spricht Bände. Wenn nun auch kein vernünftiger und gebildeter Mensch von Herrn Bielohlawek eine wirklich sachliche Beweisführung in dieser Materie erwartet haben mochte, so mußte es doch selbst nach allen bisherigen Erfahrungen überraschen, in dem architektonisch vornehmen, von Meister Friedrich Schmidt, dem großen „Steinmetz", aufgerichteten Saale eine Ausdrucksweise zu vernehmen, wie sie zu den charakteristischen Merkmalen dieser christlich-sozialen Parteigröße gehört. Nicht die religiöse Satzung ist für viele Juden die Hauptsache, sondern daß beim Rostbratel nur recht viel Knofel sei! Mit diesem Kernsatz hatte der illustre Redner sein Auditorium sofort gewonnen. Aber dann sollte Herr Bielohlawek das flammende Schwert seiner Beredtsamkeit schwingen zur Ausrottung des Knofels und sich um das Weitere nicht kümmern. Er hat noch andere „Argumente". „Daß wir das fressen, was die Juden nicht wollen, das gibt es nicht. Was für die Juden ungenießbar ist, das ist auch für uns ungenießbar". Diese Ausführungen des eloquenten Mannes fanden stürmischen Beifall, obschon sie selbst vom Standpunkte seiner Partei nicht ganz einwandfrei sind. In rein kulinarischer Hinsicht wird nämlich beim Fleisch des Rindes das „Hintere" dem „Vorderen" vielfach vorgezogen. Selbst die christlich-sozialen Fleischhauer werden da Herrn Bielohlawek mit schätzenswerten Aufklärungen an die Hand gehen können. Und nun sollen alle guten Christen rein aus Trotz darauf verzichten, es nicht „fressen", wie sich der Redner ebenso zart als geschmackvoll ausdrückt, nur deshalb, weil es die Juden nicht auch essen dürfen. Und dann — es ist doch ein bischen viel gesagt, daß gerade Alles, „was für die Juden ungenießbar ist, auch für uns ungenießbar ist". Sehen Sie sich gleich beispielsweise die Reden Herrn Bielohlawek's an. Einiges Befremden mußte es erregen, daß auch ein katholischer Priester in die Debatte eingriff, um darzutun, daß das Schächten keine religiöse Vorschrift der Juden, sondern eine rabbinische Einrichtung sei. Natürlich hatte Jeder das gute Recht, da mitzusprechen, und es war lediglich eine Frage des Taktes, ob von diesem Rechte gegebenenfalls Gebrauch zu machen sei oder nicht. Wir glauben, daß im umgekehrten Falle jüdische Theologen das Taktgefühl aufgebracht hätten, religiöse Satzungen der katholischen Kirche nicht einer Kritik zu unterziehen, auch nicht in einer Gemeinderatssitzung zu untersuchen, was an dem Katholizismus Ursprüngliches, was spätere kirchliche Zutat sei. Derlei kann ja gelegentlich erwogen und diskutiert werden, es handelt sich nur darum, ob dazu der Wiener Gemeinderatssaal das richtige Forum sei. Das Bild wäre nicht vollständig, wenn wir nicht noch erwähnten, daß ein Redner den Schächtschnitt, „der ein böser Schnitt ist", zum Anlaß genommen hat, auch auf gewisse „Märchen" zu kommen, „die keine Märchen sind". Er hatte kein Glück damit. Was auch in dem Baue Friedrich Schmidt» schon gehört worden sei, er steht Hoch auf dem Boden der deutschen Stadt Wien und nicht in Kischinew. Die Tirade verfing nicht. Es ging wie ein Schamgefühl durch die Versammlung und der Redner fiel ab. Whig. Zur Schächlhetze. Der verstorbene Landtagsabgevrdnete Pfarrer Dr Frank in München hat seinerzeit an das Münchener „Deutsche Volksblatt" folgende Zuschrift gerichtet, die noch heute interessant und der Erinnerung wert ist: „Das „Deutsche Volksblatt" vom 10. Jänner enthält einen Artikel über das „Schächten", der mir zu einigen Bemerkungen Veranlassung gibt. Ich will nichts davon sagen, daß Fürsten der Wissenschaft, wie Dr. von Pettenkofer, Dr. von Voit, Dr. V i rch o w, der verstorbene Dubai s-R e y m o n d und viele andere Gelehrte in und außer Deutschland, sowie eine große Anzahl von Großschlächtern und Metzgern das Schächten als eine humane Schlachtart bezeichnen, die dem Tierschutz und der Gesundheitslehre Rechnung trägt, weil es eben für diesmal nur darauf ankömmt, Antwort auf zwei Fragen zu erhalten, die der Verfasser des Artikels, der nicht ohne Kenntnisse in der Sache zu sein scheint, mir vielleicht beantworten kann. Der Verfasser sagt: „Im Pentateuch steht vom Schächten gar nichts." Die auf das rituelle Schlachten bezügliche Bibelstelle befindet sich im 5. Buch Mose 12, 21, wo es heißt: „Wenn zu ferne ist der Ort. den der Herr, dein Gott, erwählen wird, seinen Namen dorthin zu setzen, so magst du von deinem Rindvieh und deinem Kleinvieh schlachten, wie ich es dir befohlen habe, und es essen in deinen Toren nach Lust deiner Seele." Wie kommt es nun, möchte ich fragen, daß an dieser Stelle, sowie überall dort, wo von dem Schlachten durch Juden die Rede ist, das Wort sabach — Mächten — gebraucht wird, während dort, wo vom Schlachten durch Nichtjuden, Fremde gesprochen wird, wie im 5. Buch Moses 28, 31, das Wort tobach — töten, schlachten — gebraucht wird? Wie kommt es, möchte ich ferner fragen, daß die Samaritaner oder Kuthäer, für welche nur die biblischen Satzungen maßgebend sind, wie auch die Karaiten, die ebenfalls nur die Thora anerkennen und den Talmud verwerfen, das Schächten als eine religiöse Maßregel anerkennen? So lange mir hierauf keine genügende Antwort gegeben wird, muß ich mich mit der Erklärung be-