Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021621--14466-3039177- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 274 Dr Blocb’s Mlocbenscbrltt. Nr. 18 hat die Regierung bündig erklärt, daß sie auf Grund der übereinstimmenden Gutachten der Landes-Medizinalkommisfion und des Landes-Obertierarztes Peters zu einer Beeinträchtigung des Schächten«, geschweige denn zu seiner Unterdrückung eine Veranlassung nicht erkenne und deshalb jeden Antrag ablehne. Endlich — und das ist das Bedeutsamste — nahm ein echt konservativer Mann von autoritativem Urteil, kein Geringerer als der General der Infanterie Bronsart von Schellendorfk auf GroßTessin, ein Bruder des ehemaligen preußische Kriegsministers, während der Verhandlung Gelegenheit, in eingehenden Darlegungen allen Anklagen, die gegen unser Schlachtverfahren gerichtet werden, entgegeuzutreten, dasselbe als die humanste, sicherste und rationellste Tötungsart zu rühmen. Die Frage sei wiederholt auch im Deutschen Reichstag eingehend behandelt und zu Gunsten des Schlichtens entschieden worden, vorwiegend auf Grund der zahlreichen Gutachten der berufensten Sachkenner, der Physiologen und Veterinäre, welche allesamt bestreiten, daß das Schächten eine Tierquälerei enthalte. Die Praxis bestätige diese Urteile; die Tödtung durch den Halsschnitt sei ein durchaus rationelles Verfahren, ja das rationellste, weil das Tier dadurch sicherer, schneller und schmerzloser getötet werde, als bei irgend einer anderen Schlachtart. Der Halsschnitt verdiene auch aus Gesundheitsrücksichten den Vorzug, da er. wie die wissenschaftliche Untersuchung festgestellt hat, die vollständige Ausblutuug herbeisührt, was für die Haltbarkeit und Genußfähigkeit des Fleisches von hohem Werte sei. Wenn beim Niederwerfeu des Tieres Quälereien Vorkommen, so trage die Ungeschicklichkeit des Schlächters die Schuld; daraus aber einen Einwand gegen den Halsschnitt entnehmen zu wollen, sei um so weniger zulässig, da Ungeschicklichkeiten und Roheiten auch bei anderen Schlachtarten, bei diesen noch häufiger vorkämen. Die von den Befürwortern des Schächtverbotes erwähnte Tatsache, daß die Tötung durch Halsschnitt in Sachsen und in der Schweiz gesetzlich untersagt sei, und das Schreien gegen das Schächten überhaupt beweise nur, wie leicht es sei, die öffentliche Meinung, namentlich wenn sie durch aurisemitische und sonstige unsachliche Gründe beeinflußt werde, irrezuführeu. Sollte es noch eines Beweises für die Hinfälligkeit aller Anklagen bedürfen, so genüge es, daran zu eriuneru, daß die Tötung durch Halsschnitt seit Jahren in allen Militär-Konservenfabriken eingeführt sei und sich durchaus bewähre. Nachdem daun noch die Herren Bürgermeister Tasse-Güstrow und Stegemann -Parchim sich in gleichem Sinne ausgesprochen hatten, wurde nahezu einstimmig beschlossen, dasjenige Votum des Polizei-Komitees anzunehmen, welches „die Sache auf sich beruhen zu lassen", d. h. Uebergang zur Tagesordnung empfiehlt. In der Tat, von Tierquälerei kann nicht die Rede sein, weil Alles, was im Judentume seine Wurzel hat, von humanster Gesinnung gegen die Tierwelt erfüllt und durchdrungen ist. Aber unsere Wiener Antisemiten wissen, wie ^lles Uebrige, auch dieses besser und sind Vernunftgründen vollkommen unzugänglich. Die Jagd wird man wohl trotz aller Humanitäts- und Moralphrasen nie abschaffen, aber könnte man sie nicht ein wenig schonender machen? Der jüdische Schächter muß sich doch über eine gewisse Fachkenntnis ausweisen, das Wild kann aber von den ungeschicktesten Sonntagsjägern nach Belieben gequält werden. Wie wäre es, wenn man da eine Art Befähigungsnachweis einführeu möchte? Aus veröffentlichten Berichten haben wir einmal notiert, daß im Jahre 1891 im Wienerwalde 34 l Hirsche, Rehe und Kälber, 345 Hasen, 137 Rebhühner u. s. w., im Ganzen bei tausend Stück Wild, erlegt wurden, in den fürstlich Schwarzenbergffchen Revieren, in Böhmen und Steiermark 380 Stück Edelwild, 24.097 Hasen, 26.082 Rebhühner, im Ganzen bei 56.000 Stück Wild. In ganz Cisleithanien werden durchschnittlich im Jahre zwei Millionen, in Preußen dritthalb Millionen Stück Wlld erlegt. Und was bedeuten gegenüber diesen Millionen die paar tausend Ochsen, welche nach den jüdischen Vorschriften geschlachtet werden? Und wie schmerzlos ist verhältnismäßig ihr Tod gegen die Qualen des von Treibern ausgeschreckten, mit gierigen Hunden gejagten, angeschosseuen, verwundeten, gehetzten Wildes. Stundenlang jagt die Meute dem angeschossenen Wilde nach, seinen Blutspuren folgend; endlich wird es erreicht, gierig schlagen die Hunde ihre Zähne in das Fleisch des Hirsches, bis endlich der Jäger auf atemlosem Pferde herankommt und ihm den Gnadenstoß versetzt. Das edle Tier bricht zusammen, den letzten vorwurfsvollen Blick auf seinen Mörder werfend. Und der Jäger ist gar nicht so grausam, er hat vielleicht, bevor er zur Jagd aufbrach, eine Petition gegen das „orientalische Schächtverfahren" unterschrieben. Ein ebenso tierfreundlicher Mann ist vielleicht auch jener Naturforscher, der ein kleines Jagdvergnügen in Afrika mit folgenden Worten schildert: „Unten schlägt eine Sporengans im Todeskampfe den blutgeröteten Sandboden, ihre Genossen sind entflohen und sie bleibt allein mit zerschossenen Flügeln zurück. Jagdeifrig stürzt sich der Hund auf die Beute, aber verendend versetzt das Tier dem Feinde mit dem dornbewehrten Flügel noch dermaßen Schläge, daß er winselnd zurückweicht." Ja, auch den armen Hunden ergeht es mitunter recht schlecht bei solchen Vergnügungen. So ist auf einem Bilde von Seyders im k. k. kunsthistorischeu Hofmuseum (Saal XVIII) zu sehen, wie ein Eber die ihn anfallenden Hunde zurichtet, und an derselben Wand si>ht man wieder einen von Hunden angefallenen Hirsch, der mit flehendem Auge und weit geöffnetem Munde, den Kopf gen Himmel wendet, als wollte er die bösen Menschen anklagen, die den Unschuldigen verfolgen. Den Wiener Machthabern kann es mit dem Schächtverbot, worüber noch zum Glück andere klügere Faktoren dareinzureden haben, ähnlich ergehen, wie es ihren Grazer Brüdern passierte. Die erlaubten sich, den israelitischen Schächtern allerlei Schikauen nutz-, sinn- und zwecklos zu dekretieren. Wollte es nicht der verwünschteste aller Fälle, daß ein bosnisches, zumeist aus Mohammedanern bestehendes Regiment an der Mur Garnison nahm. Denen mußte nach dem Grazer verschärften und vernervten Ritus geschlichtet werden. Aufheben eines solchen Verbotes hätte einer Blamage verdammt ähnlich gesehen. Vielleicht war das mit ein Grund, daß die braven L'osniaken später in Graz sich keiner sonderlichen Sympathie erfreuten und daß es zu jenen beschämenden Exzessen kam, die noch eri«ierlich sind. Vom Zabrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (E ine Fe st vor st ellung. — Die Akten re und der Direktor. — Eine Niederlage Dr. Luegers. — Namentliche Abstimmung. — Das Reichsgesetz. — Hauptredner Bielohlawek. — Die Methode. — Vorderes und Hinteres. — Was ungenießbar ist. — Zwei Redner, die kein Glück hatten.) Große Festvorstellnug bei glänzender Beleuchtung des äußeren Schauplatzes. Sie hatten sich schon kindisch darauf gefreut, die unbedeutenden kleinen Schauspieler, die eine Hetze brauchen, um sich zur Geltung zu bringen. Nur der Herr Direktor der Komödianten wollte nicht recht, obschon er sonst, weun's finster wird, selber geht und ganz gern mittut, aber das Stück, das da aufgeführt werden sollte, war selbst ihm doch gar zu läppisch und zu albern. Die Komödie im Gemeinderate drehte sich um das Schächtverbot. Dr. Lueger, das muß ihm zugebilligt werden, hatte alles Mögliche aufgeboteu, um sich der unausbleiblichen Blamage zu eutzieheu. Er vertagte die Verhandlung, so lauge es nur anging, und als er sie endlich doch ansetzen mußte, überließ er den Vorsitz mit beinahe beleidigender Bereitwilligkeit — Herrn Dr. Neumayer, dessen Intellekt er für die zu gewärti-