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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-04-28 · 17 (28.4.1905) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
17 (28.4.1905)
Date
1905-04-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 17 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 269 Rauchtabak, wir brieten ihm im Winter auf dem Eisenofen Kartoffeln und führten ihn im Sommer fast täglich zum Fluße baden. Bei anderen Gängen konnte er uns entbehren. „Kinderchen", pflegte er immer zu sagen, so oft wir ihm unsere Führerschaft anboten, „ich finde mich schon selber zurecht, weil mir ja Gott die Augen in den Händen gegeben hat." In der Lat befaß er eine wunderbare Kraft in den Händen, mit welchen er sich durch die verworrensten Gäßchen der Stadt tastete und jeden, den er nur befühlte, sofort erkannte. Seine Lieblingsbeschäftigung war das Ordnen der Bücher, und wer nach einem derselben verlangte, brauchte es nur ihm zu sagen und im Nu war das Gewünschte aus einem noch so großen Wüste herausgefunden. Die Synagoge hatte ihm die größten Dienste zu verdanken. Nach dem Beten stellte er die wirr auseinander geschobenen Ständer wieder in Reih und Glied, jeden auf seinen angewiesenen Platz. Vergaß jemand etwas in der Synagoge, so hob er es auf und erstattete es ihm bei seinem nächsten Besuche wieder zurück. Freitag nach der zwölften Mittagsstunde, sah man ihn in seinen Sabbathkleidern, in der zerfetzten, wohl ein halbes Jahrhundert alten Atlaspekesche und in der vom gleichen Alter abgerissenen Sabbathmütze, so zwischen den Bänken herumkletternd und in die Röhren der Hängelampen die Sabbathlichter hineinsteckend. Kein Röhrchen, möchte ich sagen, wurde übersehen, weil ja das Schneiderlein, wie es sehr richtig bemerkte, die Augen in den Händen hatte. „Gott möge Euch", sagte er uns gar oft, „die beiden Lichter unter der Stirne gesund und hell erhalten. Ich bedauere nicht, daß sie Gott von mir genommen hat, denn was sie im Leben sahen, war just kein Gutes." So oft er sich solche Worte entschlüpfen ließ, verfehlte er nicht, sich reuig an die Brust zu schlagen, denn er habe sich dadurch, wie er meinte, an den lieben Gott versündigt. Nach solcher Buße war er wieder mit sich ausgesöhnl, stopfte sein Pfeifchen, zündete es an und erzählte uns seine schönen, traurigen Geschichten. Ach, wie wunderbar verstand er zu erzählen! Mit atemloser Spannung hingen wir an seinem Munde, wenn er seine Märtyrergeschichten erzählte. Wie ein Hetmann einst eine jüdische, gar wunderbar schone Frau, die ihre Keuschheit nicht preisgeben wollte, durch ein wildes Roß in den Gassen zu Tode schleifen ließ, und wie sie sich, bevor sie in den Tod gegangen, mittelst Stecknadeln die Kleider an den nackten Leib befestigte, damit sich diese nicht während des Schleifens verschieben und ihren schönen herrlichen Körper entblößen, wie man ferner die beiden Brüder Reizes, welche beschuldigt wurden, daß sie einen Getauften zur Rückkehr zu ihrer Religion beredet haben, mit ihrem nackten Leibe an den Schweif eines wilden Rosses angebunden, das dann über Klippen, Dornzäune und zackige Felsen dahmsetzte, so daß von den heiligen dahingeschleisten Märtyrern kaum nur noch ein zerfetzter, blutiger Fleischklumpen zu sehen war, und wie dann das Roß, wie auf göttlichem Befehl, von selbst vor dem alten, jüdischen Friedhofe stehen blieb, wo die Märtyrer mit lauter Stimme den Ruf ertönen ließen: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott ist ein einziger Gott!" und dann ihren heiligen Märtyrergeist aufgegeben." Hierauf begann der Erzähler mit markerschütternder Stimme das Todesgebet zu verrichten, welches mit den Worten anfängt: „Gott, voller Barmherzigkeit." Nur einen Tag gab es im Jahre, an welchem der Blinde uns allen unzugänglich war, an dem Tage, an welchem er doppelte „Jahrzeit" hatte, für seine Frau und seinen Sohn. Dieser ganze Tag wurde von ihm der Andacht geweiht. Das Gesicht der heiligen Bundeslade zugewendet, so konnte man ihn den ganzen Tag von früh bis abends sehen und mit einer stillen, weichen Melodie die Psalmen singen hören. An diesem Tage betete er selbst das Früh- und Abendgebet vor, und wenn er zum Todesgebete kam, wurde seine Stimme unendlich tief und markerschütternd . . . Da geschah es, daß wir nach einem solchen Tage die ganze Nacht in der Synagoge wach geblieben, denn es galt, einen Traktat aus dem Talmud zu beenden. Gegen Mitternacht war unsere Aufgabe gelöst, und wir dachten eben daran, Jeder auf einer anderen Bank, den Schlaf aufzusuchen; indeß stand der Blinde noch immer vor dem Ofen, sein Bündelchen, das er nie von sich legte, in der Hand und mit den hohlen, nachtvollen Augen ins Leere starrend. „Wißt Ihr was", sagte einer der Aeltesten unter uns, den man, seiner großen geistigen Begabung wegen den Aristoteles nannte, „anstatt den kleinen Rest der Nacht mit Schlafen zu verbringen, setzen wir uns zum blinden Schneiderlein hin und lassen uns einige von seinen Geschichten erzählen." Geschichten — wir waren Alle dabei. „In der Flasche hier" fügte unser Aristoteles hinzu, habe ich noch einen Rest Wein, mit diesem will ich vorher den Armen letzen, der ja den ganzen Tag gefastet hat." Auch dagegen hatte Niemand etwas einzuwenden, und so rückten wir Alle, so viel da waren, der Aristoteles mit der Flasche voran, dem Ofen zu. „Kinder" sagte der Blinde, der an den Schritten unsere Nähe gewahrte, „warum unterbrecht Ihr Euch im Lernen, da dies doch dem Herzen Freude gewährt, wie es in den heiligen Psalmen heißt: Die Lehre Gottes ist ein Labsal der Seele. Lernt nur fort, Kinderchen, es ist noch das einzige, das in diesem traurigen Leben Freude macht. „Das taten wir ja bis jetzt", erwiderte unser Wortführer, der Aristoteles, „jetzt wollen wir Ihre frommen Geschichten hören, die uns ja auch immer Freude machen." „Freude", lächelte der Blinde bitter. „Wie komme ich zu Freude? Uebrigens habe ich Euch ja schon alle meine Geschichten erzählt, manche wohl zwei- und dreimal, denn mein Gedächtnis ist mir geschwächt." „Eine Geschichte haben Sie uns noch nicht erzählt." „Und die wäre? Nenne sie!" „Die Geschichte Ihres Lebens." „Geht's zurück zu Euerer Thora", wehrte der Blinde ab, indem er wie beschwörend beide Hände vor sich hinstreckte. „Die heilige Thora ist süß, meine Geschichte aber bitter, Galle, Wermut, ich sage Euch, totbitter." „Sagt nicht der weise Salomon", wendete unser Aristoteles ein, „eine Sorge im Herzen soll ausgesprochen werden. Auch Sie dürfen dieselbe nicht in sich verschließen ..." „Daß Du, kluger Aristoteles, für Alles Deinen heiligen Posek l) hast", wehrte sich der Blinde" „ist sehr schön, doch werde ich nicht lauge meine Sorge mit mir herumtragen, denn im Grabe ist Raum genug, sie abzufchritteln. Ihr aber, Kinder, dürft Euch das Herz nicht betrüben lassen. Statt meiner Geschichte, die nur vom Tod zu berichten weiß, erzählt Euch lieber vom Leben, vom frohen, munteren Leben!" „Heißt es nicht in einem Spruche Salomos", parierte unser Aristoteles, „besser, zu gehen in das Haus der Trauer, als in das der Freude?" „Du weißt aber, Einen so von allen Seiten mit Deinen Pesukim') zu bewerfen", sagte der Blinde ganz überwunden, „daß man sich wie in einem Kreuzfeuer befindet und Alles tun muß, was Du verlangst." „Wenn es so ist, so verlange ich auch von Ihnen, daß Sie ein Gläschen leeren", lachte unser Aristoteles, indem er ein solches füllte und es ihm hinreichte. „Weil Du wahrscheinlich auch darauf Deinen Posek hast", lächelte der Blinde, das Gläschen leerend . . . „Der Wein erfreuet des Menschen Herz", zitierte unser Aristoteles schlagfertig. „Gebet Wein dem Unglücklichen — das ist auch ein Posik" lächelte der Blinde traurig. „Der Wein geht herein, das Geheimnis hinaus", zitierte neuerdings der Aristoteles mit witziger Miene. „Auch das, was Sie uns bis jetzt geheim zu halten suchen, muß jetzt hinaus, nachdem der Wein hinein ist." „Meinetwegen, ich will Euch meine Geschichte erzählen, stopft mir nur erst mein Pfeifchen mit Tabak! . . ." Das geschah, noch ehe er cs aussprach. Die altersmüde Uhr der Synagoge mit dem großen Holzgehäuse und den schweren Bleigewichtern keuchte unter unge- ') Bibelsatz. *) Bibelstellen.

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