Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 264 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 17 bezog Kayserling die Universität in Berlin, wo er sich mit historischen und philosophischen Studien befaßte. In der Geschichte war sein Lehrmeister kein Geringerer, als der berühmte Historiker Leopold Ranke, der den jungen Kayserling sehr lieb gewann. Ranke war es, der Kayserling's Augenmerk darauf richtete, daß man in Deutschland von der Geschichte der Juden Spaniens so wenig wisse. Dieser Wink genügte dem strebsamen Kayserling, um ihn zur raschen Erlernung der spanischen Sprache und zum, eingehenden Studium der Geschichte der spanischen Juden zu veranlassen. Das Ergebnis dieser Studien sind seine trefflichen Werke über die spanischen Juden und ihre zu so hohem Glanze gelangte Literatur. Drei Jahre, bis zum Jahre 1856, dauerte das schöne Verhältnis zu Ranke, bis es auf einmal ein jähes Ende fand. Der gelehrte Historiker wandte sich nämlich eines Tages urplötzlich und unvermittelt an den jungen jüdischen Gelehrten mit der Frage, was er vom Christentum halte? Statt zu antworten, stellte Kayserling die Gegenfrage: was Ranke seinerseits von dem philosophischen System Hegcl's denke. „Damit wollen Sie also sagen," erwiderte Ranke, „daß das Christentum lediglich ein philosophisches System sei, worüber ich übrigens mit Ihnen nicht streiten will. Aber als guter Freund kann ich Ihnen nur raten, zum Christentum überzutreten, denn sonst werden Sie immer das bleiben, was Sie sind." „Gewiß werde ich das bleiben, was ich bin," war die indignierte Antwort Kayserling's. Das Auftreten Rankc's hatte Kayserling ties beleidigt und er mied fortan das Haus des Professors und die ehemalige Freundschaft ging in die Brüche. Behufs Fortsetzung seiner philosophischen Studien zog hierauf Kayserling nach Halle, an die dortige Universität. Damals hatte er schon als Schriftsteller einen Namen von Klang. Sein erstes Werk war seine Doktor-Dissertation vom Jahre 1856, die den Titel führtet „Moses Mendelssohn's philosophische und religiöse Grundlage mit Hinblick auf Lessing". Drei Jahre später, 1859, erschien sein großes Merk: „Sephardim, romanische Poesien der Juden in Spanien", das ihm in der Gelehrtenwelt allgemeine Anerkennung verschaffte. Im Jahre 1861 verschaffte ihm sein epochales Werk über die spanischen Juden einen ersten Platz unter den besten Historikern seiner Zeit« Das Werk führt den Titel: „Geschichte der Juden in Spanien" und ist in Berlin erschienen. Ein wvhlbegründeter Ruf ging bereits dem jungen Rabbiner voraus, als er von der Regierung des Schweizer Kantons Aargau, von den Rabbinen Raphael S. Hirsch, Ludwig Philippsohn und Michael Sachs enlpfohlen, im Jahre 1861 zum Rabbiner der Schweizer Juden berufen wurde. Hier trat er mit dem Präsidenten der Kantonalregierung, August Keller, mit dem Bundesrat Duchs und dem niederländischen Justizminister Godefroi, sowie mit anderen hervorragenden Männern der Schweiz in Verbindung und begann eine wahrhafte Fehde in Flugschriften, in denen er die Interessen des Judentums unerschrocken und unermüdlich verteidigte. Im Jahre 1863 bewilligte der eidgenössische Bundesrat den Juden das Bürgerrecht. Kein schöneres Zeugnis für die hohe Wertschätzung, die Dr. Kayserling dort sich bei den Angehörigen aller Konfessionen ei-rungen, als die Aeußerung des Präsidenten des Aargauer Kantonrates, der, als er im Jahre 1870 erfuhr, daß Kayscrling die Berufung der Pester israelitischen Religionsgemeinde angenommen habe, in die Worte ausbrach: „Es scheint, der Herr Rabbi ist bloß zu uns gekommen, um die Juden emanzipieren und, als er dies erreichte, die Schweiz im Stiche zu lassen." Im Jahre 1862 erschien sein Werk „Moses Mendelssohn", welches bereits eine zweite Auflage erlebt hat. Große Anerkennung fand die im Jahre 1864 erschienene „Geschichte der Juden in Portugal", ein würdiges Scitenstück zu seiner berühmten Geschichte der spanischen Juden. Zwei Jahre später gab er das interessante Werk „Manasse Ben Israel" heraus, das auch in englischer Sprache erschienen ist und auch von spanischen Geschichtsschreibern als Quelle angeführt wird.. Inzwischen war Dr. Kayserling einem Rufe der Pester Religionsgemeinde gefolgt und hier, in der Hauptstadt Ungarns. an der Spitze^einer der größten jüdischen Gemeinden der Welt wirkte Dr. Kayserling als Rabbiner bis an sein Lebensende. Hier schrieb er auch sein großes, bereits in sechster Auflage erschienenes Werk „Handbuch der jüdischen Geschichte", in welchem er die Leidensgeschichte der Juden in sehr interessanter Weise schildert. Bei seinem Werke über Spanien unterstützte ihn der bekannte Berliner Philosoph Helferich, mit dem er in enger Freundschaft stand. 1873 veröffentlichte Kayserling unter dem Titel „Moses Mendelssohn,Ung edrucktes und Unbekanntes von ihm und über ihn" ein neues Werk, das zahlreiche neuere Daten über das Leben dieses großen Philosophen enthielt. In seinem Buche „Die jüdischen Frauen in der Geschichte, Literatur und Kunst" schildert er die hervorragendsten Jüdinnen, welche sich durch Tugenden und Geist ausgezeichnet haben. Auch dieses Werk wurde in das Ungarische übersetzt, und zwar von Frau Marie Reismann. 1874 erschien seine Arbeit „Der Dichter Ephraim Kuh"; in französischer Sprache gab er ein bibliographisches Diktionär „öidliotlieea espanola portugesa judaica“ heraus; in dem in spanischer Sprache geschriebenen Werke „?roveibia espanoles de los judios espanoles“ sammelte er die unter den spanischen Juden gangbaren Sprüche. Ein sehr wertvolles homiletisches Werk ist seine zweibändige Bibliothek jüdischer Kanzelredner. Anonym ist schon 1882 in Wien sein Werk „Das Moralgesetz des Judentums in Beziehung auf Familie, Staat und Gesellschaft" erschienen. Einige Jahre später veröffentlichte er eine Schilderung seines berühmten Vorgängers unter dem Titel „A. W. Meisel. Ein Lebens- und Zeitbild". Dr. Kayserling heiratete noch als Schweizer Rabbiner die Tochter des berühmten jüdischen Historikers Dr. Ludwig Philippsohn, wodurch er mit einer hervorragenden wissenschaftlichen Familie in Verbindung trat. Von seinen Schwägern ist der eine der ausgezeichnete Historiker Dr. Martin Philippson, Professor der Geschichte an der Brüsseler Universität, der zweite Professor der Geologie an der Unipersität Bern, seinerzeitein eifriger Mitarbeiter weil. Heinrich Schliemann's, der dritte, Franz Philippson, ist italienischer Generalkonsul in Brüssel. Für die auf dem Gebiete der spanischen Wissenschaften erworbenen großen Verdienste wurde Dr. Kay'erling die außerordentliche Ehre zuteil, daß ihn die spanische Akademie der Wissenschaften zum korrespondierenden Mitgliede wählte. Doktor Kayserling war außerdem Mitglied zahlreicher anderer wissenschaftlicher Gesellschaften. Ueber die Montag vormittags stattgehabte Beerdigungsfeier melden Budapester Blätter: Wir machen uns keiner Uebertreibung schuldig, wenn wir die Zahl der Teilnehmer auf nahezu fünfzigtausend schätzen. Der Tausende fassende Tempel in der Dohäny-utcza, wo die eigentliche Trauerfeier stattsand, der weite Platz vor dem Gotteshause und die Straßen, die der Tranerkondnkt zu passieren hatte, waren von einer Kopf an Kopf gedrängt stehenden Menge besetzt, so daß der Trauerzug sich kaum vorwärts bewegen konnte. Unter den Anwesenden im Tempel bemerkte man die tiefgebeugte Witwe, umgeben von ihren Töchtern, Schwiegersöhnen und Enkelkindern, ferner die übrigen Familienmitglieder, darunter den Schwager des Dalürigeschiedcnen. d n Brüsseler Bankier und italienischen Generalkonsul Franz Philippson, den Gesamtvorstand der Pester israelitischen Religionsgemeinde mit dem Präsidenten Hofrat Sigmund K o h n e r, den Vorstand der Chewra-Kadischa mit dem Präsidenten Jakob B o s ch a n rn der Spitze, die israelitische Landeskanzlei mit dem Präsidenten Dr. Moriz M e z e i, in Vertretung der Haupl- und Residenzstadt Magistratsrat Dr Bela M e l l y. den Szcgeder Oberrabbiuer Dr. Immanuel Low, die Mitglieder der Gemeinderepräsentanz. den Professorenkörper des Rabbinenseminars unter Führung des Direktors Dr. Bloch, den Lehrkörper der israelitischen Religionsgemeinde unter Führung des Schulinspektors Dr. M u n - tacsi, die Deputationen der auswärtigen Gemeinden. Vertreten waren: Die Wiener rsraelitische Kultusgemeinde durch Rabbiner Dr. Feuchtwang und den Sekretär kais. Rat Dr. Theodor Lieben; die Nagykanizsaer israelitische Gemeinde durch den Präsidenten Baron Vilmos Gutmann, Vizepräsidenten Grünhut und Vorstandsmitglied Blau; der II. Gemeindedistrikt durch den Präsidenten Armin Wert heim; die Arader israelitische Gemeinde durch A> min E l e s, Leopold Rosenberg und Moriz Weiß; die Pccser israelitische Geminde durch Rabbiner Dr. Perls