Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 262 Dr. Dlocb's Mocbenscbrltt. Nr. 17 Leviten beim Gesänge standen. Grätz bat nun diese Stelle so aufqefaßt, als ob dieselbe sagen wollte, daß hier der Platz der Leviten bei ihrem täglichen Gesänge zum Morgen- und Abendopfer gewesen iei; weil aber dieser Platz allenthalben im Talmud (Megillah 3 a, Erachin 4 a) Duchan genannt wird, fügte er noch aus Eigenem hinzu, daß das Duchan auf diesen 18 Stufen angebracht war. Seine Auffassung der Stelle in Midot ist aber ebenso unrichtig, wie seine Hinzusügung. Im Traktat 8ukka 51 d wird nämlich die Zeremonie des Waffergießens (8irnebas des baseboervab) beschrieben und dabei unter anderen berichtet, daß die Leviten während dieser Feier auf den 15 Stufen, welche von der Frauenballe in die Männerballe führten, standen und auf allerlei Musikinstrumenten spielten und dazu sanaen. Hierzu bemerkt nun Raschi, daß das nur bei dieser Feier der Fall war, denn beim täglichen Opfergesang seien die Leviten auf dem Duchan in der Nähe des Altares gestanden (sebeolebern halewijim omdin bikle schir lesimchas bes haschoewab, awal duchan lescbir hakorban ezel hamisbeach hojuh). Dieser Behauptung Naschi's stimmen auch die Tossafot daselbst zu. Auch Maimuni (Hilch. Bes habechirah 6) sagt ausdrücklich: „Auf dem Duchan, welches sich erhob am Eingänge vom Männerhofe in den Priesterhof. standen die Leviten bei ihrem Gesänge zu den Opfern." Der Grund, warum sowohl Maimuni als auch Raschi die Leviten nicht auf den 18 Stufen zwischen Frauen- und Männerhalle bei ihrem Gesänge zum Opfer stehen lassen konnten, ist ein Ausspruch des R. Elieser b. Jakob (dessen Behauptungen werden immer als die richtigen angesehen. Mischmuso Kaw wenuki) in Midot 2, 6 und Joma 16 a. Dieser Ausspruch lautet: Zwischen dem Männer- und Priesterhofe war eine Erhöhung von einer Elle und auf dieser war das Duchan angebracht". Damit nun zwischen Mischnah 5 und 6 im 2. Abschnitt von Midot kein Widerspruch bestehe, behauptete nun Raschi und Maimuni, daß wenn es in Mischnah 5 heißt, daß die Leviten beim Gesäuge auf den l8 Stufen standen, dies sich nur auf den Gesang bei der Zeremonie des Wassergießens beziehe, daß aber bei dem Gesänge zu dem tätlichen Opfer die Leviten auf dem Duchan zwischen Männer- und Priesterhalle nicht weit vom Altäre gestanden sind. Auf diesem Duchan standeu auch die Priester beim Sprechen des Segens über das Volk nach vollständig beendigter Opferhandlung, weswegen auch jetzt noch das Sprechen des Priestersegens vom Volke mit „Duchenen" bezeichnet wird. Nebenbei sei auch bemerkt, daß Grätz die Breite des Männervorhofes ebenso wie die des Frauenvorhofes mit 135 Ellen angibt. Auch das ist unrichtig, denn die Breite des Männerhofes betrug nur wie die des Priesterbofes 11 Ellen (die Angabe, daß die Länge des Männerhofes 175 Ellen betragen habe, dürfte nur ein Druckfehler sein, indem es statt 175, 135 heißen soll). Wenn ich dem berühmten Verfasser des hervorragendsten jüdischen Geschichtswerkes eine Unrichtigkeit Nachweise, so kann mir nicht erwidert werden: „en meschiwin es kuari leachar misah — mit dem Löwen läßt stchs leicht kämpfen nach dessen Tode", denn ich habe das hier Vorgebrachte schon längst bemerkt und bei einem Besuche des großen Gelehrten in Karlsbad, wo wir vor mehreren Jahren zusammen weilten, ihm es auch gesagt. Er erwiderte mir damals, er werde nach seiner Heimreise die Sache näher prüfen. Leider aber ist es zu dieser Prüfung nicht mehr gekommen, denn von Karlsbad reiste er zu seinem Sohne nach München, wo ihn der Tod unerwartet ereilte. Ein noch viel offener zu Tage liegender Irrtum ist indeß dem großen Geschichtsschreiber in Bezug auf die Zahl der Absätze, in welchen die Leviten den Tagespsalm sangen, unterlaufen. Grätz schreibt nämlich (B. HI., S. 116): „Jeder Psalm wurde in 9 Absätzen mit 8 Pausen (Perek) gesungen; bei jeder Pause ließen zwei Priester Posaunen schmettern und die anwesende Volksmenge warf sich anbetend nieder". Als Quelle hiefür wird Tamid 7. 6. angegeben. Allein an der bezeichneten Stelle wird nur gesagt, daß jeder Psalm in Absätzen gesungen wurde und daß in den Pausen zwischen den Absätzen zwei Priester die Posaunen schmettern ließen, worauf die Volksmenge sich anbetend niederwarf (al kal perek tekiuh, weal kal tekiuh hiscbtach wivjn), wieviele Absätze aber gemacht wurden und wieviele Pausen waren, das wird dort nicht gesagt. Aber Maimuni (Hilch. temidim umusafim 7, 6) fügt nach Kodifikation der Stelle in Tamid noch hinzu, daß bei dem Opfer die Posaunen neunmal schmetterten (wecbal tekiotb schel tamid tescha) Daraus hat nun Grätz geschlossen. daß wie die Zahl der Tekioth auch die Zahl der Absätze neun sein müsse, da es doch heißt, daß nach jedem Absätze die Priester die Posaunen schmettern ließen. Dieser Schluß ist aber unrichtig, weil unter „Tekiuh" ein dreimaliges Schmettern der Posaunen zu verstehen ist, nämlich die Töne: Tekiuh, Teruah und wieder Tekiuh, so daß cs trotz des neunmaligen Schmettcrns der Posaunen dennoch nicht auch neun Absätze, sondern nur drei sein mußten. Und das war auch in der Tat der Fall, wie ich sogleich unwiderleglich beweisen werde. Die Quelle, aus welcher Maimuni seine Behauptung, daß beim täglichen Opfer die Priester neunmal die Posaunen schmettern ließen, geschöpft hat, ist die Mischna in Sukka 53 b und Erachin 10 a. Daselbst heißt es, daß im Tempel jeden Tag zum mindesten einnndzwanzigmal die Posaunen erschallten, u. zw. dreimal beim Oeffnen der Tempeltore und je neunmal beim Morgen- und Abendopfer. Hiezu bemerkt die Gemara an beiden Orten, daß die in der Mischna angegebene Zahl nicht übereinstimmt mit der von R. Jehuda (Tosifta) angegebenen. Dieser sagt nämlich, daß zum mindesten täglich nur siebenmal die Trompeten ertönten, und zwar einmal beini Oeffnen der Thora und je dreimal - beim Morgen- und Abendopfer. Der Widerspruch wird uur in folgender Weise gelöst. Jedesmal wurde beim Schmettern der Posaunen dreimal in dieselben gestoßen und die Töne: Tekiuh, Teruuh und Tekiuh hervorgebracht. Die Mischna sehe nnr eine Fanfare als ein dreimaliges Schmettern an und sage daher von den sieben Fanfaren, die täglich im Tempel zu hören waren, daß täglich im Tempel zum mindesten einnndzwanzigmal in die Posaune gestoßen wurde, da jede Fanfare aus drei Tönen bestand. R. Jehuda hingegen bezeichnet eine solche ans drei Tönen bestehende Fanfare nur als eine Tekiuh, daher spricht er von sieben Tekioth. In der Sache divergieren also die Meinungen der Mischna und des R. Jehuda nicht, immer wurde Tekiuh, Teruuh und Tekiuh zusammen geblasen, nur daß die Mischna das als drei Tekioth zählt, während R. Jehuda es nur als eine Tekiuh zählt. Aus dieser talmndischen Auseinandersetzung und Meinungsausgleichung geht jedenfalls unwiderleglich hervor, daß beim täglichen Morgen- und Abendopfer immer Tekiuh, Teruuh und Tekiuh zusammen, und zwar je dreimal, nämlich je einmal in beiden Pausen und zum dritten Male zum Schluffe geblasen wurde, und daß demnach auch der Psalm in drei Absätzen gesungen worden ist. Wenn Maimuni also sagt, daß die Zahl der Tekiotb bei dem Opfer neun war, so folgt er damit nur der Meinung der Mischna, daß jeder einzelne Ton der Fanfare als Tekiuh zu zählen sei und ein „Gebot für sich selbst" ist, gegen die Meinung des R. Jehuda, der alle drei Töne als eins bezeichnet. Geblasen aber wurde in drei Intervallen und zwar nach jedem der drei Absätze. Raschi und Tossafot sagen zum Ueberfluß ausdrücklich: Das Gesangsstück (der Psalm) wurde in drei Absätzen gesungen, nach jedem Absätze ließen die Priester die Posaunen schmettern und das Volk warf sich anbetend nieder; bu’ jedesmalige Schmettern der Posaunen bestand aus drei Tönen, Tekiuh, Teruuh und Tekiub." Noch deutlicher spricht sich R. Obadja da Lcrtinoro in seinem Mischnakommentar aus. Er sagt: „Drei Absätze wurden beim Gesänge gemacht, nach jedem Absätze ließen die Priester dreimal die Posaunen schmettern: Tekiuh, Teruuh und Tekiuh, und das Volk warf sich anbetend nieder; Tekiuh, Teruuh und Tekiuh werden als drei gerechnet, was daher im Ganzen neun ausmacht." Die Bebanvtnng, daß der Psalm in drei und nicht, wie Grätz schreibt, in neun Absätzen gesungen worden ist, ergibt sich, wie ich gezeigt habe, mit Notwendigkeit aus der oben angeführten talmndischen Erörterung. Das unsterbliche Werk des großen Meisters wird trotz dieser und Hunderter anderer derartiger Jrrtümer an Wert nicht verlieren, immerhin aber könnten solch offenbare Jrrtümer bei einer neuen Aussage von berufener Seite korrigiert, zum mindesten angemerkt werden, denn die Wahrheit geht über alles. Die „Krnv Hadarri" in der jüdischen Literatur des IX. und X. Jahrhunderts. VI. Es ist in vieler Beziehung interessant, noch manche Etappen, die der Entwicklungsgang der Inden des Ostens bis zu Beginn der Zeitgrenze unseres Themas genommen, zu erhellen, da dadurch manche Vorgänge jener dunklen Zeitläufte von Lichtreflexen getroffen werden, die zugleich Aufschlüsse späterer Zeitereignisse, die in die von uns hier behandelte Zeit fallen, in sich involvieren. Den vielen Mißdeutungen, die manche geschichtliche, . ans den ersten Blick unerklärliche Erscheinungen erfahren, zu deren Lösung der Schlüssel eigentlich in dem Entwicklungsgang der Juden des Ostens zu suchen wäre und mit demselben im engsten Zusammenhang steht, unterliegt auch die nach mancher Richtnna hin sehr interessante Novelle 146 „Wegen der Inden", die Kaiser Justinian im Jahre 553 herausgegeben hat. Dieses Edikt ist der erste Eingriff des Staates in innere Angelegenheiten der Juden des byzantinischen Reiches, in Betreff Einrichtungen des jüdischen synagogalen Gottesdienstes während der hiebei stattfindenden Vorlesung der Thora. Seit der Zeit, als das Hebräische nicht mehr Umgangssprache war, hatte überall der Brauch platzgegriffen, die vorgelesenen Abschnitte durch einen eigens dazu bestellten Dolmetscher in targumischer Uebersetzung, da das Ehaldäische damals größtenteils die Umgangssprache der meisten Juden war, vorzutraaen, um auf diese Weise solche verständlich und die Zuhörer mit dem Inhalt des Vorgetragenen vertraut zu machen. Die Juden des Ostens, wo der Entwicklungs- und Bildungsgang ein anderer war, als der ihrer übrigen Glaubensgenossen in Palästina und der Diaspora, bedienten sich, unter griechischer Herrschaft lebend, seit jeher der griechischen Sprache und sind gewiß dort auch griechische Versionen neben dem hebräischen Texte, zur Verdolmetschung desselben, gebraucht worden. Zur Erbauung der Gemeinde sind gewiß wiederum anstatt der anderweitig üblichen midraschischen Vorträge während des Gottesdienstes solche Schriften, wie das Buch der Jubiläen, das denselben Zweck verfolgt, in Ermanglung eines anderen Stoffes vorgelesen, da sie in der Fremde der Entwicklung der Halacha und des Midrasch fernblieben und teilweise solche auch nicht ganz anerkennen wollten. Als in den folgenden Jahrhunderten der Handel die Juden der verschiedenen Gegenden näher brachte, eine Verbindung und einen Ideenaustausch unter einander leicht ermöglichte und sie unter der Herrschaft des byzantinischen Reiches vereint wurden, hat es an Reibungen