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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-04-28 · 17 (28.4.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
17 (28.4.1905)
Date
1905-04-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 17 Serie 260 Dr. JSlocb's Mocbenscbritt. Ferdinand, Ferdinand Karl und Otto, sowie die Frauen Erzherzoginnen Maria Josepha, Maria Annunziata, Maria Theresia und Ihre kaiserliche Hoheit Herzogin Auguste von Sachsen- Coburg-Gotha, ferner die Exzellenzen, der Ministerpräsident, Minister des Innern, Minister für Kultus und Unterricht, Handelsminister, Kriegsminister u. s. f. Und da beklagt man sich darüber, daß die Hofgunst versagt bleibt, und genau so und mit demselben Rechte beklagt sich der Bürger- und Scharfschützenmeister Dr. Lueger über die mangelnde Konnivenz der Regierung. Die Scharfschützen sollten, wie zu ihrer Beruhigung gleich mitgeteilt wurde, nicht gegen den äußeren Feind verwendet werden, sondern nur gegen den inneren. Das ist sicherer und für die Gesundheit zuträglicher. Denn die äußeren Feinde haben die unangenehme Gewohnheit angenommen, bewaffnet anzurücken, während die inneren Feinde, das sind vornehmlich die bösen, selbstverständlich völlig verjudeten Sozialdemokraten, sich diesen kostspieligen Luxus zu vergönnen nicht in der Lage sind. Sie haben sich aber erlaubt, in ein Hohngelächtcr auszubrechen, als der Bürger- und Scharfschützenmeister sich von seinen Getreuen an seinem Ehrentage anstrudeln ließ; sie haben statt der Hymnen auf ihn das Lied der Arbeit gesungen und andere beleidigende Sachen angestellt und die schlappschwänzige Regierung hat dennoch nicht ans sie schießen lassen. Da muß Abhilfe geschaffen werden, da müssen Scharfschützen her, da muß scharf geschossen werden. Man leugne noch, daß Genrebilder ihren kultur- und zeitgeschichtlichen Wert haben! Und dann das Idyll im Rathaus! Strobach und Neumayer wieder Vizebürgermeister. Wie das beruhigend wirkt! Insonderheit auf den Herrn Bürgermeister selber. Der Kurs bleibt der alte, und namentlich ist jegliche Gefahr gebannt, daß die Hauptsonne durch die Nebensonnen verdunkelt werden könnte. Die geistigen Potenzen waren mit Bedacht gewählt, und so und nur so war es möglich, daß selbst der Intellekt eines Herrn Dr. Neumayer zur allseitigen Zufriedenheit in der Partei funktionieren konnte. Wie sonst wäre das noch möglich gewesen? Nun ist wieder alles in der schönsten Ordnung. Die bewährten „Kräfte" bleiben uns erhalten. Ein kostbares Genrebild mehr. Noch ein Kabinetstück: Da lebt in Wien ein ausgezeichneter Künstler. Er heißt David Kohn und ist der Sohn eines frommen Juden. Das mag begreiflich sein, verzeihlich ist es nicht. Die Sache kompliziert sich und wird noch unverzeihlicher dadurch, daß David Kohn, der Sohn des Talmudjudcn, sich herausnimmt, ein Talent zu entfalten, das ihn in die Reihe der vorzüglichsten Künstler Wiens stellt. Der Herr Minister für Kultus und Unterricht, dem es obliegt, auch die Kunstintcressen. zu pflegen, konnte auf die Dauer' an dieser Künstlererscheinung nicht achtlos vorübergehen. Er erwarb also eine wahrhaft klassische Zeichnung dieses Meisters. Nun geht eine zeitgeschichtlich recht bemerkenswerte offiziöse Notiz durch die Blätter. Der Minister hat die Zeichnung allerdings angekauft, aber es wird ihr kein Platz in der modernen Galerie angewiesen werden. Begreiflich. Es handelt sich zwar um ein Meisterwerk, aber der es schuf, heißt David Kohn und ist der Sohn eines Talmudisten; der Kopf, den er gezeichnet hat, ist zum Ueberfluß noch der eines polnischen Juden, und an der modernen Galerie hat auch die Stadt Wien ihren Anteil. Dieser genrehafte Zug verdient festgehalten zu werden. Denn die Nachwelt, die den Werken des genannten Künstlers ihre Reverenz erweisen wird als jenen eines der ernsthaftesten Vertreter der heute zeitgenössischen Wiener Künstlerschaft, würde die ungeheure Beschränktheit und Albernheit nicht begreifen, die sich darin ausdrückt, daß Kunstwerke gehegt oder verworfen werden vom kunstkritischen Standpunkt einer politischen Partei, der christlich-sozialen Partei. Zum Glück überdauern die Kunstwerke in ihrer stillen Größe derlei Torheiten des Tages. Immerhin ist es aber hohe Zeit, Herrn Bielohlawek zum Minister für Kultus und Unterricht und die schönen Künste zu ernennen' oder doch wenigstens zum Leiter der modernen Galerie. Auch das wäre ein Genrebild zur Kennzeichnung unserer Zeit. Whig. Die wahre Kedeutung von Maimonides Von Professor Dr. Simon Stern, Rabbiner in Saaz. Der Maßstab für die geistige Größe eines Menschen ist seine Schöpferkraft. Nicht die Klugheit, nicht einmal das Wissen allein machen ihn zur überragenden Gestalt, sondern sein Können, die Kraft, Handlungen und Denken Anderer zu beeinflussen, den dahinfließenden Erscheinungen der Zeit gleichsam ein neues Bett zu graben oder dem Geistesleben ein neues Siegel aufzudrücken. Wahrhaft große Menschen bringen einen Geistesfrühling hervor, nlue Keime gelangen zur Entfaltung und es ist, wie wenn vom Gehirn der Menschen eine Decke hinweggezogen worden wäre. Eine neue Periode beginnt. In der Geistesgeschichte der Juden beginnt mit Moses Maimonides eine neue Periode. Die nachtalmudische Zeit wird durch ihn in zwei Teile geschieden. Sein Einfluß war bis zum neunzehnten Jahrhundert ungebrochen und ist noch heute ein großer, trotz der ungeahnten Höhe, die im neunzehnten Jahrhundert die Naturwissenschaft erreicht und das metaphysische Denken in den Hintergrund gedrängt hat; trotz des Siegeszuges, den die Bibelkritik angetreten und den naiven Offcnbarungsglaubcn in den Hintergrund gedrängt hat. Wenn wir nun Maimonides einen Rationalisten nennen, d. h. einen Denker, der den Glauben mit dem vernunftgemäßen Denken in Uebereinstimmung bringen wollte, wie es in so vielen Lehrbüchern heißt, ist nicht viel damit gesagt. Sädja, der Gaon und Leiter der Hochschule in Sura, war auch ein solcher Rationalist. Vor und nach Maimonides gab es immer scharfsinnige Rationalisten, denn immer können die Gläubigen in naive und denkende eingeteilt werden. Auch die Systematik, die Maimonides bei Ausarbeitung seines Kodex „Nisehns Thora“ anwandte, machte ihn nicht zum Größten seiner Zeit, wie wir ja sehen, daß nicht dieser Kodex, sondern der Lehulehan Aruch des Josef Karo das Handbuch der religiösen Praxis wurde. Die eigentliche Bedeutung „des Adlers der Synagoge" liegt in seiner Auffassung vom Wesen des Judentums. Die Beantwortung dieser Frage rückt Maimonides in die Reihe der Größten und wieviel auch von seiner Religionsphilosophie seiner Zeit angehört und mit der Zeit wertlos wurde, seine Anschauung vom Wesen des Judentums bleibt unverjährbarer Besitz! Das Judentum lehrt die wahre Sittlichkeit und die richtige Lebensweise, weil es die wahre Weltanschauung lehrt und es ist nicht nur dem Heidentum entgegengesetzt, es hat auch den Zweck, vor dem Heidentum und damit auch vor jeder falschen Lebens- und Weltanschauung zu bewahren. Wie es nur eine Wahrheit über Gott geben kann, so auch nur e i n e wahre Welt- und Lebensanschauung. Alle falschen Anschauungen über Gott und Welt sind nur dem Grade aber nicht der Art nach verschieden. Es ist der Art nach kein Unterschied zwischen dem niedrigsten Fetischismus und der sublimiertesten Idolatrie und wie in einer Rechnung ein kleiner Irrtum am Anfang zu einem ganz falschen Resultate führt, muß im Leben jede irrige Anschauung über Gott eine falsche Lebensweise zur Folge haben. Das rohe Heidentum macht gleich am Beginne einen großen Fehler, die Folge des Fehlers zeigt sich daher schon im Diesseits als Sittenlosigkeit, Unwissenheit und andere Barbarei. Ist der Fehler anfangs klein, rückt die schädliche Folge weiter hinaus, manchmal bis hinter die Grenze irdischen Lebens und die Folge ist Verlust der Unsterblichkeit. Hier sind wir aber schön im metaphysischem Gebiete, das nicht behandelt werden soll. Aus dem ersten Satze, daß das Judentum die wahre Welt- und Lebensanschauung lehrt und vor jeder, auch einer geringen Unrichtigkeit in diesen Anschauungen den Menschen streng beschützen will, folgt fast selbstverständlich der andere Satz, daß das Judentum, richtig aufgefaßt, mit keiner wissenschaftlichen Erfahrung im Widerspruch stehen kann. Noch mehr. Die vom Judentum gelehrte Welt- und Lebensanschauung, die den Inhalt der Glaubenssätze ausmachen, müssen mit der Wissenschaft eins sein, da doch beide nur die Wahrheit lehren und es doch nur eine Wahrheit über Gott, Welt und menschliches Leben geben kann. Alle Bibelsätze über Schöpfung der Welt, Unsterblichkeit,

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