Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 17 (28.4.1905)
- Date
- 1905-04-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021620--14450-3039160- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
s M. 17 Dr. Dlocb s Mocbens^ürM. Lette 259 sich. Sie denken nicht an Tolstoi's Wort: „Der Antisemitismus ist nicht ein Unglück für die Juden". Er ist es also für die Christen, — und als solche wollen w i r ihn („das ärgste Uebel unserer Zeit, welches ganze Generationen vergisret") aus der Welt schassen, wie Aerzte eine Epidemie nach gleichen Prinzipien behandeln, um dieselbe gründlich zu vertreiben: Das ist das Ziel des Vereines. Frau Baronin Bertha v. Suttner klagt (im 15. Briefe „An d en T o t e n") über die „Apathie der Meirichen" gegenüber seinem Werke. Ein kleines Postskriptum könnte sie heute doch beifügen, denn im Sinne ihres tapferen Gatten wirken ja jetzt Andere noch weiter, vor allem der rührige, unermüdliche Sekretär Ober-Inspektor Engel, dessen Bemühungen es gelungen ist, 1904 und 1905 eine Reihe hochinteressanter Themen, behandelt von ausgezeichneten Männern, dem Vereine zu vermitteln, darunter einen genußreichenAbend mit poetischen Vorträgen eines hervorragender: Künstlers einer unserer ersten Bühnen. Wenn auch nicht immer alles rn den Grenzen des von Baron A. Suttner gegründeten Vereines sich bewegt, so ist die Art der Tätigkeit doch sein Erbteil und, wie e r einst, schützen seine Nachfolger die Freiheit des I n d i v i d u u m s, welche durch obenerwähnte Gesetze verbürgt wird. „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit." Der große deutsche Philosoph fände dieses sein Wort heute nicht mehr wahr. Die Geschichte reißt jetzt nieder, um später allerdings neu wieder auszubauen; das Bewußtsein der Freiheit aber scheint dem Kerne der Menschheit täglich mehr zu entschwinden. Das „Christentum" wird gegen den Sinn des Stifters ausgespielt als Vorwand zu inhumanen Ausfallen, und es gäbe doch eine Annäherung; braucht es denn die>e Wiedererweckung der Geistesfoltern des Altittelalters, durch Beschränkung in oer Naturbetrachtung? Braucht eS Intoleranz, Heuchelei, um „christlich" dazuftehen? Da gibt uns P a st o r Graue die Antwort: Er hat ein Buch in Berlin (bei Lunker) 1904 erscheinen lassen unter dem Titel: „Unabhängiges C h r i st e n t u m". Dr. Ferd. Jakob Schmidt zeichnet dieses Buch besonders aus*); man findet darin: „Die Religion der Gesinnung." — „Die Religion soll Leben sein, das wahre Leben. Die Religion ist Freiheit"... und ein ganz besonders sympathischer Satz siel mir darin aus: „Z u s a m m e nschauen müssen wir das Trennbare und doch nicht ewig G e t r e n n t e; L i e b e i st S y n t h e s e, i st der Gott, der allüberall aus einem Chaos einen Kosmos, aus Wüsten Paradiese schasst." Von diesem Geiste der Liebe, diesem weltumfassenden Geiste sind wir leider heute mehr entfernt als vor 120 Jahren. ES gäbe wohl ein wahres C h r i st e n t u m der echten Duldung, wie edle katholische Priester es ebenso wünschen wie Pastor Graue, wie wahre Christen es v e r st e h e n, solche, die dem Nächsten uneigennützig dienen durch Menschenliebe, welche sich selbst für Niemand und die Anderen für A l l e S halten, welche^ keinen Unterschied machen unter den Menschen, aber nicht Jene, welche die Menschenliebe nur auf den Lippen führen, aber sich strecken, drücken, andere stoßen, um ihr eigenes Ich nur recht an das Tageslicht zu bringen. ES gäbe ein wahres Christentum, es fehlen aber leider die Christen. Und dasselbe gilt von den „wahren F r e u n d en des Vaterlandes" unter den Mitbürgern. „Die Religion soll Leben sein; Liebe ist Synthese, ist der Gott .. ." Das Motto aller unserer Gegner ist aber der Haß. Gedenken wir des Plinius; was er uns klagt, ist wahr: „Für Menschen ist das schlimmste Uebel der Mensch." Wir brauchen Menschen; Menschlichkeit, ins Herz der Kind er sollte sie gepflanzt werden! Drum gebet der S ch u l e wieder, was der *) Preuß. Jahrbücher (vom April 1905), 120. Band, S. 125. Schule ist: Lehret dort Achtung vor Wissen und Können, aber wehret Rohheit und schützet vor der Heuchelei: Sie ist eine Giftschlange! Lehret Brüderlichkeit, duldet nicht den Haß in so jungen Seelen, denn das könnte sich einmal furchtbar rächen. — Drum: „Caveant consules!“ Dom Sabcmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Die große H i ft o r r e und das Genre. — Die bä . gerlich e ii Scharfschützen des D r. L u e g e r. — P r i nz L l echte n st e i n ü v e r d i e H o f g u n st. — Der Scharf schützenin erster und die inneren Feinde. — S t r o b a ch und Dr. Neuuiayer wiedergewählt. — Ein jüdischer K ü u ft l e r und die moderne Galerie.) Es sind nicht immer die großen Historienbilder, die uns einen zutreffenden und aufklürenden Begriff einer Zeit und ihres kulturgeschichtlichen Inhalts vermitteln. Viel besser besorgen das oft die kleinen Genrebilder, die nichts von großen Staatsaktionen erzählen, dafür aber einen Einblick in das intime Leben und Treiben eines Volkes gestatten. Die großen Staatsaktionen werden gewöhnlich ausgetandelt und auf den Glanz hergerichtet und da läuft in der Regel eine große Lüge mit unter, dem Effekte und der Glvire zu Liebe. So zeigen die berühmten Schlachtenbilder fast immer den heldenhaften Feldherrn auf einem feurigen Araber- oder Vollbluthengst, die sieghaft entfaltete, im Winde flatternde Fahne in der Hand, womöglich mit wallenden, ebenfalls im Winde flatternden Locken; um ihm in voller Wichs die hohe Generalität, weiters im vollen Glanz einige gemeine, aber sehr begeisterte Retter des Vaterlandes. Wenn man das sieht, muß man sich denken: es gibt eigentlich doch nichts Hübscheres, als so eine reizende Schlacht. In Wirklichkeit haben sich die Dinge allerdings ein wenig anders ausgenommen, und darum scheinen nur die Schänken- und Bauernbilder der niederländischen Kleinmeister mehr geschichtlichen Geist und geschichtliche Wahrheit zu enthalten, als all die umfänglichen großen Historien. Wir haben uns heute mit einigen Genrebildern zu beschäftigen. Es war um Ostern herum, eine stille Zeit; die große Historie hatte die Arbeit eingestellt; halten wir uns also an das kleine Genre. Es war ein allerliebstes Genrestück, wie Dr. Lueger sich zärtlich abmühte mit dem jüngsten Kinde seiner Laune, dem bürgerlichen Scharfschützenkorps. Es ist wahr, wir litten bisher brtteren Mangel an bürgerlichen Scharfschützen. Wir wußten nur nicht, was uns bisher gefehlt hat, aber jetzt ist die Erleuchtung über uns gekommen, jetzt wissen wirs: gerade das hat uns noch gefehlt. Der Mann versteht seine Zeit; er horcht auf ihren Pulsschlag, er kennt ihre Bedürsniffe. Eine Million Soldaten und eine halbe Milliarde Kriegsbudget — mein Gott, es ist doch schon etwas, aber was hat das Alles zu bedeuten, wenn wir keine bürgerlichen, christlichsozialen Scharfschützen haben! Die hohe Regierung hätte im Allgemeinen gegen die christlichsozialeu Scharfschützen ja nichts einzuwenden, nur möchte sie ihnen keine Gewehre in die Hand geben. Man kann freilich nicht wissen, ob sie sich schließlich nicht doch dazu entschließen wird. Denn der zürnende Achill wird gefürchtet, und Lueger könnte finden, daß die Regierung ein durchaus ungenügendes Entgegenkommen bekunde. Eine Reminiszenz aus diesem Anlasse, ebenfalls ein Genremotiv: Bor kurzer Zeit hielt der katholische Schulverein seine feierliche Generalversammlung ab. Prinz Liechtenstein führte das Wort. Er sagte u. a.: „Mögen die Stürme der roten Revolution an unserem festgefügten Stamme rütteln, er wird sie aushalten; möge die wärmende Sonne der Hofgunst urrs wie bisher versagt bleiben, wir gedeihen ohne sie!" Der Bericht verzeichnet hier donnernden demonstrativen Beifall. Dieser Versammlung hatte der Papst seinen besonderen Segen erteilt, aber nicht darauf kommt es hier an. Entschuldigungsschreiben hatten gesandt die kaiserlichen Hoheiten, die Herren Erzherzoge Protektor Franz