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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-04-28 · 17 (28.4.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
17 (28.4.1905)
Date
1905-04-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Srtte 25 6 Dr. Llocb's MwcbenscbrM^ Nr. 17 daß man doch endlich aufhören könnte, die Stadt n e u zu belasten und durch Begünstigung von Gesinnungsgenossen die objektive Minorität zu verkleinern. Wo wir Hinsehen, immer Trennung, Parteizwiste, nirgends Annäherung. Die einst so gesellige Jugend findet ihresgleichen bei anderen Nationen minderwertig und gibt dieser Anschauung Nachdruck auch außerhalb Wiens: Im November feierte der National - und Rassenhaß Orgien, als die italienischen Studenten zu I n n s b r u ck die Eröffnung ihrer Fakultät feierten. Anstatt die herrliche italienische Sprache, die wie Musik klingt im Lande der rauhen Töne, zu pflegen und die Geistesprodukte jener Dichter zu bewundern (eines Ariost, Dante, Petrarca, Tasso u. A.) fanden die Jünger der deutschen Universität, das sei ein Eingriff in ihre Rechte. In dieser wunderbaren Sprache, der Tochter des Lateinischen, der nächsten Verwandten aller philologisch-klassischen Bestrebungen, sprach zu Innsbruck (beim anthropologischen Kongresse 1884) ein Redner: Es war wie ein Nachtigallengesang nach dem Krächzen der Raben, als die weichen welschen Töne die germanischen Gutturaltöne verdrängten. Die hohe Bildung der deutschen Universitätshörer, das „Honorige", wie es die Studenten nennen, war nicht gerade aus dem Benehmen der Innsbrucker zu erkennen. Die Feier war genehmigt; Niemand hatte den deutschen Studenten befohlen, sich vor dem Hause aufzustellen, ihre Anwesenheit war unnötig; das Waffentragen der Italiener war zwar nicht zu billigen, aber eine Folge wiederholter Angriffe. Die Provokation war die Ansammlung deutscher Studenten vor dem Hause gewesen. Genug der traurigen Berichte; ich hätte noch viele: Das Protokoll der Sünden gegen den § 1 der Staatsgrundgesetze aus dem Jahre 1904 wäre noch nicht erschöpft, aber wir sind berufen, auch das Edle zu konstatieren, ebenso wie wir verpflichtet sind, das Unedle zu bekämpfen. Ich bleibe nunmehr bei dem Erfreulichen und will als Balsam einige Aussprüche von Autoritäten zitieren. Wir lasen in der „Neuen Freien Presse" verschiedene edle Aussprüche des Erzbischofs Schork von Bamberg („N. F. Pr.", 1. Februar 1905), welche beweisen, daß er ein vorurteilsloser aufgeklärter Mann war, welchem Zelotismus und engherzige Auffassung der Christenpflicht vollkommen fremd waren. Er war Menschenfreund bis zur Nachsicht der Konfession und er haßte jedes Parteigetriebe. Diese Aussprüche sollten in noch weiteren Kreisen gesammelt werden; schon im Interesse der Geistlichkeit und ihres Rufes der Intoleranz sollten alle Kirchenfürsten dem Beispiele Erzbischof Schorfs folgen. Hätte Niemand gegen den Antisemitismus gesprochen, als M o m m s e n, so wäre mir das Grund genug, ihm allein zu folgen. Ein Fürst derWissenschaft steht über allen Menschen, und man könnte die Verbindung mit allen von Vorurteilen befangenen Gesellschaftskreisen aufgeben, nur um der Gesinnung eines solchen Mannes treue Heerfolge zu leisten: Aber es haben noch andere große Geister mit edlen Waffen jene Leute bekämpft, welche die Anmaßung besitzen, Roheit und niedrige Denkungsart im Reiche der Geister hoffähig machen zu wollen. Sind auch einige der nachfolgenden Zitate bekannter, man kann solche Aussprüche dennoch nicht oft genug wiederholen, besonders in einem Vortrage, dessen Zweck ist, das Schwarz vom Weiß zu sondern; ich beginne mit Ibsen: „Das Volk der Juden, der Adel des Menschengeschlechtes; wodurch hat es sich in Absonderung erhalten trotz aller Roheiten von außen? Dadurch, daß es sich nicht mit einem Staate herumzuschlagen brauchte. Der Staat ist der Fluch' des Individuums. (Sonrill. Mont.-Ztg. vom 29. August 1904.) M. G o r k i (im „Kleinbürger"). Dort sagt der S t u d e n t Schi sch kin: „Es ist eines anständigen Menschen unwürdig, Antisemit zu sein." (Das „Deutsche Volksblatt" zieht daraus die beliebte Schlußfolgerung, daß Gorki „i m I u d e n s o l d e" stehe, wie dies ja von der ganzen Bewegung in Rußland behauptet wurde; „Judensold" ist ein beliebtes Schlagwort.) Dazu paßt T o l st o i's herrliches Wort bei einem Interview mit Dr. H. Ganz 1904 (in der „Oest. Wochenschrift" vom 25. August sS. 571) zitiert: „D e r A n t i s e m i t i sm u s ist nicht ein Unglück für die Juden, denn wer Unrecht erduldet, ist nie zu beklagen. Der Antisemitismus ist das ärgste Uebel unserer Zeit, vergiftet ganze Generationen, er macht sie blind gegen Recht und Unrecht und ertötet jedes moralische Gefühl. Er verwandelt Seelen i n e i n e T r ü m m e r st ä t t e, auf der alles Gute und Edle vernichtet ist." „Der ganze Antisemitismus ist eine Begriffsverwirrung, zu deren weiterer Verbreitung vielleicht am meisten die „K r y p t o - A n t i s e m it e n" beitrugen, die unter den Antisemiten, wie unter den Jesuiten die „Kr y p t o-J e s u i t e n", die schädlicheren sind." Carneri und ebendort*) heißt es: „Der Liberalismus ist nicht der Hort der Ideale Einzelner; seine Ideale sind Ideale der Menschheit. Das Ideal, das sie alle umfaßt, ist die Zivilisation!" „Der Antisemitismus ist der Krieg gegen das Kapital, aber nicht im k o m m u n i st i s ch e n Sinne, es zu vernichten, sondern es in a n d e r e H ä n d e zu bringen! — Ohne Kapital keine Zivilisation. Es ist Pflicht, es zu erhalten." Auch zwei Politiker haben sich g e g e n den Antisemitismus (am 2. Mai 1904 in den Blättern zu lesen) ausgesprochen, B a l f o u r und B ü l o w. Nunmehr zum Schlüsse, zum Allerletzten, N e u e st e n und E r f r e u l i ch st e n auf dem Kampfboden: Kürzlich wurde ein neuer liberaler Verein gegründet: „Freie Schule", um die noch bestehenden Schulgesetze aus H a s n e r's Zeit zu schützen! (Sic!) Das ist schon so in Oesterreich, die Liberalen schützen das Errungene, sind also konservativ, die mit dem reaktionären Klerikalismus verbündeten Sozia l-C h riste n werden zu Umstürzlern, indem sie Gesetze angreifen, welche vom Monarchen noch signiert sind. Die Liberalen vertreten das Recht, die Regierung duldet die Skandalmacher, um nicht den Liberalen recht geben zu müssen. Durch den Verein „Freie Schule" sollen nun wieder die Fenster geöffnet werden, frische Luft der Bildung soll einströmen; man soll sie nicht halbgeschlossen lassen, denn die heimliche Zugluft schadet, volle Atemzüge aber sind gesünder. — Was ich bei der konstituierenden Versammlung dieses Vereines („Freie Schule") am 19. März 1905 (im Ronachersaale) über die 18.000 (!) gesinnungstreuen Volksschullehrer zu hören bekam, bewegte mich tief: Fast überall Verfolgung, Knebelung, Unduldsamkeit, unsichere Zukunft; so viel geistiges Elend der armen Jugendbildner entrollte sich da vor uns. Warum bist du tot, A n a st a s i u s Grün, du leuchtender Heros der Aufklärung in Oesterreich, du Stern unter den „Edlen", wie sie sein sollten, du „letzter Ritter" im Kampfe gegen Finsternis und Intoleranz, dessen herrliche Rede gegen das Konkordat ein Denkstein der Kulturgeschichte Oesterreichs geblieben ist!! Ebenso wie der Verein „Freie Schule" ist der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" ein gesetzschützender, also konservativen Tendenzen in einer Richtung huldigender: Der „Abwehr-Verein" tritt für die Heilighaltung des § 1 der Staatsgrundgesetze in er st er Linie ein, der für uns nicht „fakultativ", sondern obligatorisch ist, solange nicht die Unterschrift des Kaisers zurückgezogen ist. In den Kreis unserer Tätigkeit gehört also, Alles zur Kenntnis zu nehmen, was gegen die Menschenrechte verstößt. Wir sind da, um Aufklärung zu geben; wir sollen zurückleiten zu den Quellen, welchen die herrliche Idee derGleichberechtigung im Staate entstammt. Manche Juden erklären sich trotzdem nicht einverstanden und begehren diesen „S ch u tz-V e r e i n" nicht für *) Carneri „Der moderne Mensch", 7. Aust., S. 149.

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