Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Vit. 16 Dr. Dlocb s MocbenscbrM. Seite 253 Mein Gatte, der bald nach der Hochzeit erklärt hatte, daß er eigentlich unrecht getan habe, sich zu binden, ging seinen Aventüren nach. Ich merkte sogar an seiner jeweiligen Stimmung Ansang und Ende einer jeden. Der Unverbesserliche schonte in mir weder die Gattin noch die Mutter." „Verzeihen Sie, gnädige Frau, warum verließen Sie einen solchen Gatten nicht?" „Zuerst meines Kindes halber, dann aus Mitleid für den Haltlosen, der sich in der von mir geschaffenen Häuslichkeit sehr wohl fühlte, dann, um ihn vor brutaler Ausbeutung zu schützen, und endlich blieb ich als Ehrenschild der Familie." „Und bei Ihrem Reize. Ihren Geistesgaben, trat wohl auch Versuchung an Sie heran?" „Gewiß; die Freunde meines Gatten, die von seinen Abenteuern wußten, warnten mich teilnehmend, und waren übereinstimmend entrüstet über denjenigen, der ein Juwel, ein Kleinod wie mich, nicht nach seinem Werte zu schätzen wußte. Man bot mir die uneigennützigste Freundschaft an. Es war ein schöner Gedanke, ein warmes Gefühl, jemand zu wissen, der Anteil an mir nahm, vor dem ich mein Elend nicht sorgsam verbergen mußte. Aber wie bald wurde der Pferdefuß sichtbar! Wo war das Mitgefühl mit der verletzten Frau, mit ihrer gequälten Seele? Verschwunden unter niederem Realismus, die Situation der ohnehin Unglücklichen für sich auszunützen versuchend. Die Mücken schmarotzen, wo Süßigkeiten unbeachtet stehen, auch wenn sie nicht ganz frisch sind. Und so sieht man Frauen gleich vom schmarotzenden Männerschwarm umgeben, der es bald weg hat, wenn in einer Ehe etwas nicht klappt. Nur Frauen ohne Selbstachtung, ohne Denken, können die Beute solcher Mücken werden, die überall naschen. Wenn dies die Frauen bedächten, wenn sie bedächten, wie bald sie von dem Umschwärmer abgetan sind, sie würden die schwerste Versuchung überwinden. — Die sie nicht überwinden, erwachen bald aus einem wüsten Traum, — sie haben ihr Leben ausgelebt, find fertig! — Sie rangieren dann zu den Niedergerungenen, so hoch sie auch stehen mögen, wie wir ja genug aktuelle Beispiele dafür haben; — diese sind mit ihren Persönlichkeitshoffnungen fertig, — für immer. — Mir war meine Achtung vor meinem Frauenwert stets Schirm und Schild, und der Gedanke, daß die renommierenden Männer vor mir den Hut ziehen müssen, gab mir volle innere Befriedigung und daß man mich mit meinen idealen Spleen lächerlich machen wollte, glitt vollends an mir ab. So kämpfte ich mich durchs Leben allein, obwohl, mein Gatte an meiner Seite war. Ich mußte mit dem Schmerze fertig werden, in seinem Leben nichts zu bedeuten, mußte ihn aus dem meinigen ausschalten und mußte trotzdem seine Gegenwart würdig ertragen und meine Stellung würdig behaupten." „Ich bin tief ergriffen, gnädige Frau; die Knappheit Ihrer Darstellung läßt Spielraum für den Weiterbau dessen, was sich in Ihrem Seelenleben abgespielt, was Ihrem Frauenleben an Konflikten Vorbehalten war." „Ich bin also ein ausgelebtes Frauenleben", bin mit meinen Persönlichkeitshoffnungen fertig geworden, und bin, weil alle unrealisiert geblieben, — eine Starke! Mein Fall ist nicht vereinzelt, Herr Doktor, wie Sie ja selbst aus Ihrer Erfahrung als Arzt und Psychologe wissen, und daraus entsprang eben meine Ansicht, daß Seelenleid sogar körperliches Leid an Zahl überrage. Typisch ist es jazum Beispiel, daß bei Ehemännern, wenn sie sich auch durchaus keine Gravamina zu Schulden kommen ließen, nach längerer Ehe eine innere und äußere Gleichgiltigkeit gegen das Wesen an ihrer Seite eintritt. Sie schützen ihre Geschäfte vor und finden es sogar komisch, wenn die Frau noch naiv genug ist, sich darüber zu beklagen, denn sie bekümmern sich um die Vorgänge in ihrem Gemüte wenig genug. Und nur dadurch kann es so weit kommen, daß die Frau in jenem Alter — welches die Franzosen galant das „gefährliche" nennen, also nicht mehr jung und noch nicht alt, — oft sogar inmitten einer großen Familie, die aber bereits schon ihren eigensten Interessen lebt, — allein steht, — allein sich innerlich überlassen ist. Es wird begreiflich, daß sie halb ängstlich, halb träumerisch vor sich hin blickt, wie die „unverstandene Frau", und bangend im Vollgefühl gesunder Kraft vor der offenen Frage bleibt „was nun mit mir?" „Und Sie, gnädige Frau? Wie stellen Sie sich zu dieser Frage?" „Ich? Ich bin bei demselben Punkte angelangt." „Wie? Sie, bei Ihrer hochentwickelten Intelligenz? Sie vermögen nicht sich diese Frage befriedigend zu beantworten? Wenn dies am grünen Holze geschieht." „Dann hören Sie mich, — den Freund! Gerade jenes Frauenalter, welches aus der unbetätigien Frau die „unverstandene", weil ziellos dahinlebende macht, birgt so unendlich viel Wertvolles. Nur darauf kommt es an, daß sich die Frauen endlich selber erkennen! Mit dem Fertiggewordensein der eigenen Persönlichkeitshoffnungen, ob realisiert oder unrealisiert, beginne die Frau den neuen Lebensabschnitt — sie beginne daran zu gehen die Hoffnungen ihrer Mitmenschen erfüllen zu helfen. Bis hieher gehörte sie sich an, als Bollwerk ihrem Hause, ihrer Familie — jetzt gehe sie über zu den Verteidigern des Menschentums! Und ich sage es Ihnen, gnädige Frau, und ruse es hinaus an alle Frauen, die guten Willens find: Ihnen naht nicht das Alter, Sie erblühen in neuer Kraft durch Arbeit für die Tausende und aber Tausende, denen kein Glückstrahl leuchtet! Die Arbeit für die Menschheit ist die Arznei, die ich Ihnen empfehle — die Ihr Leben jetzt wertvoll und inhaltsreich gestalten wird; diese Arznei wird allen phantastischen Träumereien ein Ende bereiten. Richten Sie Ihre Blicke hinaus ins wirkliche Leben: Hier Unterdrückte, geistig Hungernde; dort Kranke und Sieche; hier Frierende, Hungernde; dort Ausgestoßene und Verwahrloste; hier Kinder, dort Mütter! Sie alle bedürfen der ausgiebigsten Hilfe! — Segen also der Frauenarbeit, welche den geistig und körperlich Hungernden Nahrung schafft, die Unterdrückten befreit, ihnen zu ihren Rechten verhilst, Kranke pflegt, Sieche, Verkrüppelte heilt und tröstet. Frierenden Obdach gibt; den Ausgestoßenen Erbarmen schenkt, Verwahrloste betreut; die Kinder der Armen für ihr aussteigendes Leben stützt.- Mögen alle Frauen, die Gefahr laufen, in die Kategorie der „Unverstandenen" zu fallen, zu „Verstehenden" werden, zu solchen, die die heutigen sozialen Pflichten der Frauen voll und ganz begreifen und darnach handeln; das gibt ihnen den neuen Lebensinhalt, aus dem sie frische Kraft schöpfen!-" „Herr Doktor, ich habe Sie verstanden, Ihre Arznei soll mir und vielen meiner Gefährtinnen zum köstlichen Tranke werden, reichen Sie mir die Hand — ich danke Ihnen!" Antonie Graf. Literatur. Dr. Cäsar Seligmann. Judentum und moderne Weltanschauung. Frankfurt a. M. 1905. Man braucht nur die Vorrede zu dieser herrlichen Schrift, die aus 5 geistvollen und zum Nachdenken anregenden Borträgen besteht, zu lesen, und man wird das Buch nicht mehr aus den Händen legen. Wir glauben es dem Verfasser aufs Wort, wenn er in der Vorrede bemerkt, daß er auf einen vielseitig geäußerten Wunsch diese Vorträge der Oeffentlichkeit übergebe. Sie sind hervorgegangen „aus dem inneren Drange meines Herzens, die Versöhnung, die ich selbst in heißem Ringen zwischen Judentum und moderner Weltanschauung gefunden habe, den Gebildeten und Suchenden in meiner Gemeinde nicht vorzuenthalten." Um dem Leser einen Begriff von der formvollendeten und geistvollen Sprache Seligmann's zu geben, sei nur eine Stelle aus der Vorrede zitiert: „An den Säulen unserer Weltanschauung rüttelt die Naturwissenschaft, schwarzgallige, müde Weltweisheit nistet im Herzen dieses Geschlechtes, alle Mächte der Zeit haben sich verschworen zum Sturmlauf gegen die Religion. Und das