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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-04-21 · 16 (21.4.1905) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 252 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 16 sind dies die Frauen der viel besprochenen, viel beneideten „oberen Zehntausend", die, gänzlich unbeschäftigt, nur Glanz, Luxus, die Befriedigung aller materiellen Wünsche bis an die äußerste Grenze kennen. Sie haben sich nur in den verschiedenen Lebensgenüssen betätigt und sind' daran schließlich übersatt geworden. — Die Ehe hat sie enttäuscht oder nicht befriedigt, oder gelangweilt, oder all' dies hat der Gatte allein verschuldet. Ihr Empfinden dämmert nur dahin in einem undefinierbaren Leid; es liegt eine Sehnsucht in ihnen, die etwas noch Unbekanntes zu bringen habe; sie warten träumend auf dieses Etwas, das sich noch erMen solle! — Am besten charakterisiert dieses Gefühlsnachtwandeln der Ausruf Kleopatras, der übersättigten egyptischen Mondaine: „Nur ein Entzücken noch, nur noch einen Schmerz!" — Aus diesem Seelenzustande der Frau, die mit sich nichts mehr anzufangen weiß, — und noch schön ist, schufen die Dichter die Sensationsdramen. — — Der Psychologe aber erkennt genau in diesem Seelenzustande der Frau, der unbetätigten Frau, den erbitterten Kampf der scheidenden Jugend mit dem anschleichenden Alter, dem gefürchteten Altwerden, der sie umso leichter in die Irre führt, je weniger Halt sie in sich trägt, je weniger geistige Nahrung ihr verabreicht worden ist!" „Was Sie da schildern, Herr Doktor, ist symptomatisch vollkommen richtig. Aber nicht nur auf die von Romancier und Dramatiker verwertete Mondaine und Luxusdame anwendbar; die Seelenstimmung, das Gefühlsbild trifft, wenn auch von anderen Ursachen ausgehend, auch sonst bei Frauen in sorglosen Verhältnissen zu, di? ihr Lebenspensum sozusagen fertig gebracht. Sie haben Kinder geboren, erzogen, die Tochter verheiratet und fühlen sich vom Wickelbänder- und Lätzchenhäckeln doch nicht befriedigt! Sie stehen im Bewußtsein, im Empfinden ihrer Vollkraft innerlich still, und bei der offenen Frage „was nun mit mir" überkommt sie eine Art Sehnsuchtsschauer. Sollte dies nach der entschwindenden Jugend wirklich sein?" „Ja, gnädige Frau, das ist es; wie bei jedem gezwungenen Scheiden, steigt das in Erinnerung Schöne, hier die ganze Empfindungskraft der Jugend noch einmal mit ihren lebhaften Farben auf, — und man weiß, daß sie deni Naturgesetze nach, jetzt immer mehr verblüffen, verschwinden werden. — Diese Angst des Verlierens, dieses Bestreben des Ftsthaltens, und wäre es auch nur noch für eine Spanne Zeit, bringt den Kampf, den Seelenkonflikt hervor, der auf Abwege führen kann! Und nur die Nichtbeantwortung der Frage, „was nun mit mir", einer Frage, die sich die Frau selbst beantworten muß, führt zu den verschiedentlichsten Abirruagen. Das Leben von Frauen, die für sich keinen nutzbringenden Lebensplan mehr haben, bleibt inhaltlos. Und wir suchen nach dem Inhalte eines „ausgelebten Frauenlebens". „Ausgelebtes Frauenleben"! Ja so heißt das modern gewordene Wort, dessen Bedeutung und Deutung mich vielfach zum Nachdenken anregte." „Wie würden Sie also diesen Begriff definieren, gnädige Frau?" „Ich glaube, die Definition für „ausgelebtes Frauenleben" ist wohl das Fertigsein oder Fertiggewordensein mit seinen eigenen Persönlichkeitshoffnungen." „Und wie grenzen Sie wieder diese beiden Begriffe ab?" „Ich meine, daß die mit ihren Persönlichkeitshoffnungen Fertigen die sind, die zur Unmasse der vom Leben Niedergerungenen zählen. — Das Fertiggewordensein mit seinen Persönlichkeitshoffnungen kann sich ebenso auf realisierte als auf unrealisierte beziehen; im ersten Falle sind es glückliche Frauen, wenn sich ihre Persönlichkeitshoffnungen realisierten, und starke im zweiten. Ich fürchte aber, daß die Glücklichen, wie überall, auch hier in der Minorität bleiben. . Ja, das Fertigwerden mit unrealisierten Persönlichkeitshoffnungen macht allerdings stark, — aber die Frau geht einen schweren Gang, bis sie dahin gelangt." „Sie find diesen schweren Weg gegangen?" -Ja". „Und in der Ehe gegangen?" „Ja. Das Schwere beginnt ja meist erst in der Ehe, nur wurde es den Mädchen nie gesagt, wie ernst der Schritt in die Ehe sei. Und sie wurden in dem Wahn erhalten, den sie in ihren Romanen vorfanden, daß, wenn sie den Mann hätten, erst jetzt eitel Lust beginne. Möchte doch die Erziehungsreform den Mädchen die Wirklichkeit lehren und sie reif fürs Leben in der Ehe machen!" „Gnädige Frau, gewisse zarte Andeutungen, womit die diskrete gute Gesellschaft Fremde so schnell orientiert, ließen mich vermuten, daß Ihr Leben nicht sturmsicher verlief. Wie Sie es bei Ihrem ehrlichen Wesen getragen, das aus Ihrem Munde zu hören, wäre für mich, der Ihnen Freundschaft entgegenbringt, ein Vertrauensbeweis." „Meine äußere Lebensgeschichte, Herr Doktor, ist ganz einfach. Mein Gatte und ich, wir waren entfernte Verwandte und schlossen eine Liebesheirat; das heißt, ich gefiel ihm, er gefiel mir, ich war noch sehr jung. Existenzsorgen habe ich nie kennen gelernt, denn die sichere Position meines Gatten gestaltete sich von Jahr zu Jahr günstiger, und heute hält er nicht nur auf der obersten Sprosse der Gehaltsleiter, sondern verbindet damit auch eine angenehme soziale Stellung. Das Kind, welches meine und seine Eltern sich sehnlichst gewünscht hatten, ließ nicht auf sich warten und mich machte es selig. Ich nährte es und ging ganz und gar darin auf. Es gibt aber auch nichts Bewunderungswürdigeres, als ein gesundes Kind in seinen Entwicklungsphasen betrachten zu können. Das Kind ist ja bis zum vierten Jahre der Mutter ureigen, wenn sie es selber gestillt, Fleisch von ihrem Fleische, Blut von ihrem Blute, — und darin liegt unaussprechliches Glück. Mein Kind und ich, wir waren viel allein, denn mein Gatte war sehr beschäftigt. Er war vormittags im Bureau, nachmittags im Bureau, nach demselben geschäftshalber im Kaffeehaus und im Klub. — In den ersten Jahren meiner Ehe absorbierte Mein kleiner'Knabe und mein Haushalt meinen ganzen Tätigkeitsdrang. Als ich auch später meist allein war, stickte ich in den Stunden, die mir mein Kind freiließ, bis zum Ueberdruß; unbefriedigt vom täglichen Stadtpark oder Volksgarteu, trieb ich Sprachen, Musik, las mich durch die Literatur, versenkte mich sogar in wissenschaftliche und philosophische Werke. Mit meinem Gatten konnte ich wenig darüber sprechen, denn obwohl durchaus nicht ungebildet, gehörten seine Gedanken, seine Neigungen einer ganz anderen Richtung an. — Es war mir bald in unserer Ehe klar geworden, daß mein Gatte seine Gartzvngewohnheiten beibehalten hatte und dadurch für seine Familie wenig Zeit erübrigt. Ich trachtete mich nach dieser Erkenntnis einzurichten. Als mein Knabe heranwuchs, ließ ich kein pädagogisches Mittel unversucht, den aufsteigenden Fehlern zu steuern, denn mir oblag seine Erziehung fast ganz allein. Er besuchte zur Zeit die Schule — lernte leider nicht gut — und immer deutlicher schoß ein krasser Egoismus üppig in die Halme; auch der Epikuräismus des Vaters hatte sich auf ihn vererbt, — leicht leben und genießen — darnach stand schon jetzt sein Sinn. Er kam endlich in ein Militärinstitut, da er., für den militärischen Beruf wenigstens Neigung zeigte, und ich hoffte das Eine, daß er ihm nie zur Unehre gereichen werde. Er ist Offizier geworden. In all den Jahren seiner Abwesenheit aber regte ihn außer der eintönige Wunsch nach Geld nichts zu innigerer Korrespondenz mit Daheim an; er fand kein Kindeswort mehr für die ferne, und wie er wußte, einsame Mutter. Ich sehe ihn rücksichtslos auf seinem Wege schreiten, meiner und meiner Lehren nicht gedenkend! Ich mußte mit dem Schmerze fertig werden, im Leben des Sohnes, dem ich von meiner physischen und intellektuellen Kraft verschwenderisch gegeben, nichts zu bedeuten, und das Traumbild von Stab und Stütze an dem einzigen Kinde, oder von süßen Enkelkindern, in denen man wieder auflebt, aus meiner Seele verwischen. — Was mich dieses Fertigwerden an Leid kostete, ist nicht ausdrückbar.

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