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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-04-21 · 16 (21.4.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 244 Dr. Mocb s MocbenscbMd Nr. 16 Gme jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina. Von Rabbiner W. Reich, Baden b. W. Korfu, am 3. April 1905. Bei schönstem Wetter ankerten wir in Corfu. Von West nach Süd ist die Hafenstadt von alten Forts flankiert, auf einsamen Felsenhöhen. Das westliche Fort ist masssiger und bietet mehr Plateau, das südliche präsentiert sich fast wie ein zugespitzter Kegel. Die Mitte von einem Fort zum andern nimmt die Stadt selbst ein, die sich mit ihren vielen sehr hohen Gebäuden in venetianischem Baustil zugleich zierlich und mächtig darstellt. Die Stadt dehnt sich auf den ansteigenden Berg hinan und in das Innere der Insel weit hinein. Das Schiff kann wegen seines großen Tiefganges nicht am Molo landen und wir werden in Barken zum Hafen geleitet, aber viel ruhiger geht das Ausbarkieren vor sich, als in Jaffa, denn das Meer ist spiegelglatt und auch die Schiffer haben ein ruhigeres und würdigeres Benehmen. Eine Barke unter den vielen andern erscheint mit einer Musikbande, die moderne Weisen spielte, die Leute am Hafen, die Schiffer, die uns ausbarkieren, die Lastträger, die stiefelputzenden Burschen, wie das am Hafen flanierende Volk sind im allgemeinen europäisch gekleidet, nichts Auffälliges zeigt sich in ihrem Habit — wir merken, trotz des leuchtenden Himmels, trotz der glühenden Sonne, der Orient ist es nicht mehr; die Gesichter sind wohl gebräunt, aber die Gesichtszüge blicken uns hart an. Diese Empfindung sollte uns auch auf unserem weiteren Weg durch die Jufel nicht mehr verlassen. Wir besteigen die Wagen, um zum Achilleion zu fahren; wir haben Eile, denn die Zeit ist kurz bemessen — von 12 Uhr Mittag bis 6 Uhr Abends. Wir durchschneiden die Stadt in raschem Galopp, die Rosselenker scheinen im Trab zu wetteifern mit ihren wohl kleinen, aber muskulösen und ausdauernden Pferden. Die Stadt ist schön, schon mehr europäisch. Wir fahren durch den grandiosen Torbogen des königlichen Palastes, der ausgestreckten Esplanade entlang, vor dem Exerzierplatz vorüber, auf welchem sich schlanke, schmucke Soldaten, von ihren Connationalen bewundert, im Gruppendilde tummeln, Konsulargebäude verschiedener Länder reihen sich aneinander, verschiedene große elegant gehaltene öffentliche Gebäude erstrecken sich an der ausgedehnten, der Küste sich anlehneiiden Promenade. Statuen, Denkmäler und Kioske wechseln hin und wieder ab und geben dem Stadtteile ein lebhaftes Gepräge, obwohl Sies die alte Stadt ist; ein altes Theatergebäude begrenzt die. Altstadt. Viel höher hinauf liegt die neue Stadt, die elegante Geschäfte, schöne Hotels und sogar ein neues Theater aufzuweisen hat Mit Stolz wird mir das alles von dem ziemlich intelligenten Kutscher in französischer Sprache im raschen Vorbeifahren erzählt und erklärt und man merkt ihm seine Freude an seiner Heimat an. I> Nun gehts hinaus ins Freie. Eine gute Straße führt immer höher und höher an blühenden Feldern und Wiesen vorbei; Feigen- und Olivenbäume, Orangen- und blühende Mandelbäume, Paradiesapfelpflanzungen, u n s e r e E s r o g i m, in der Landessprache E e d r a genannt, Weingärten von hohem Cactus umzäunt, in Fustanella gekleidete Arbetter, Frauen mit besond rs kompakten und phantastischen Kopfbedeckungen kuppelig sich um die Vorderstirne und an die Ohren legend zumeist in Rot und weiß, charakteristische gradlinige Gestchtszüge und schlankgebaute elastische Gestalten, das ist das Bild, welches uns die Fahrstraße bietet. Auch da laufen dem Wagen Knaben und Mädchen nach, Blumen werfend und die Hände um eine Gabe ausstreckend, indem sie das „Ljuntab" Nachrufen, eine kleine Abwechslung für das bisher im Orient gehörte „Chawadsdya Salfdnfd)!" So gehts immer weiter und immer höher und höher, die Aussicht auf die Insel wird immer freier und anschaulicher, ein Wachstum reich und blumengeschmückt, Wohlgeruch und exotische Düfte ausatmend; wo uns bisher im tiefen Orient die Palme begleitete, ist es hier die Cypresse. die stolz emporragt und sich rührend mit ihren Spitzen in den Lüften wiegt, wie dünne hochragende Nadeln ausgestreut zwischen anderen blühenden Bäumen und grünenden Auen; Täler und Hügel und in das Land hinein hochragende Berge — ein paradiesisch Bild für das Auge des kontinentalen Europäers« Wir fahren im Halbkreis um einen kleinen See, wir klimmen immer höher hinan und erreichen nun nach mehr als einstündiger Fahrt die auf der Höhe liegende kleine Ortschaft Gastura, ein Oertchen klein aber nett; auch dies wird rasch durchzogen und bald erblicken wir das auf der Anhöhe leuchtende, in Weiß strahlende — Achilleion, das Märchenschloß der unglücklichen Fürstin. Wir verlaffen die Kutschen und durch eine Cypressenallee treten wir in das alle Wunder der Kunst und der Natur vereinigende Schlößchen. Es spottet in seiner Schönheit jeder Beschreibung und Darstellung, umsomehr, wenn die Zeit zur Betrachtung nur so kurz bemeffen ist, es ist immerhin ein Ereignis, es gesehen zu haben, dieses Phantastegebilde einer ideal hochstrebenden und in unsäglicher Trauer dahinttäumenden Fürstin. Um es zu schildern in seinen Räumen, Anlagen, Statuen, Wandgemälden, müßte man Baumeister, Maler, Künstler, Botaniker und Bildhauer sein. Vom Vestibül angefangen bis hinunter in den in des Tiefe angelegten Gemächern, bis hinauf und hinab in den Gartenanlagen, die zum Heine-Denkmal und znm Meere führen, Statuen der griechischen Philosophen, der Musen und verschiedener mythologischer Gestalten ans weißem, kostbarem glänzenden Marmor und über alles hervorragend die herrliche Achillesstatue, die dem Schloß den Namen gegeben. Dieser Ausdruck des Schmerzes im Gesichte des verwundeten Achilles, gepaart mit Stärke und Würde, bleibt dem staunenden und bewundernden Beschauer unvergeßlich — daß dies Menschenhände meißeln können! In stillem Gang hinab in verborgenem Hain der sitzende Byron, eine jugendliche lebhafte Dichtergestalt, und weiter, viel weiter unten fast amMeeresgestade gelegen, der sechssäulige Tempel, von goldenem Engel mit ausgebreiteten Flügeln gekrönt, der dem Liebling, dem Dichter Heine als Ruhe- und Ruhmesplatz gewidmet ist. Da thront er im Lehnstuhl brütend mit vorgebeugten, innerlich träumenden Antlitz. In der einen Hand hält er eine gebrochene Feder, in der anderen ein zusammengerolltes Heft, auf dem die Verse zu lesen sind: > „Was will die einsame Träne? Die trübt mir ja den Blick! Sie blieb aus alten Zeiten, In meinem Aug zurück!" Auch uns blieb eine zerdrückte Träne im Aug zurück; nicht nach dem Dichter, denn der hat uns durch seinen Austritt aus dem Judentum verlassen und hat keinen Anspruch auf unsere Tränen — er selbst hatte in guter Voraussicht geklagt, man werde keine Messe nach ihm lesen und keinen Kaddosch nach ihm sagen — beides hat sich erfüllt — der Judenhaß hat selbst den getauften Juden verfehmt, verweigert selbst seinem Dichtergenius das Denkmal — die Träne galt der unglücklichen Kaiserin, die diesen tieftraurigen Vers als Echo ihrer eigenen untröstlichen Stimmung sich ausgewählt. Das von Kummer schmerzlich durchgeistigte Angesicht des Dichters stand ihr nahe, und die Schuld des Deutschtums, der gebildeten Welt überhaupt, hat sie, die hochsinnige Frau, durch die Errichtung des Denkmals abgezahlt. Es steht nicht in deutschen Gauen — aber es prangt in seiner Herrlichkeit an einem Orte, wie es sich das phantasievollste Dichterauge nicht schöner erschauen konnte — und wenn es auch nicht auf offenem Marktplatz thront, wo die von der täglichen Arbeit abgestumpfte Bevölkerung achtlos vorüberschlängelt, so ruht es hier auf marmornem Bergstil, aufgesucht von der großen Touristenwelt, die hier aus allen Enden der Welt zusammenströmt. Wir schreiten bergauf, zurück. Wir sammeln Blüten, pflücken unreife Datteln und saftige Mandarinen aus dem kaiserlichen Garten, und wo früher der elastische Schritt der hoheitsvollen Kaiserin einsam dahingeschritten, stürmen weltfremde Menschen dahin, schaulustige, lärmende, ungeduldige, moderne Touristenspecies — sie trausit gloria mundi! Draußen erwarten uns Verkäufer von Ansichtskarten und Albums; das unumgängliche Feilschen mit den geldhungrigen Griechenhändlern vertreibt uns vollends jede weihevolle Stimmung. Das Stürmen der wartenden Kutscher, das Anbetteln der Kinder, das aufdringliche Wesen der Blumen und Zitronen verkaufenden Gasturaner Frauen, all das zusammen bildet ein Chaos, welches uns der niedrigen Wirklichkeit wiedergibt. In raschem Galopp gehts nun bergab, stürmend und einander gegenseitig anrufend, in kühlender, balsamischer Luft — alles zieht in seiner Herrlichkeit nochmals an uns vorüber — den Wunsch im Herzen zurücklassend — wann könnte ich wieder einmal dies Paradies aufsuchen — allein und ruhig dich in stiller Betrachtung genießen und mich geistig und in feierlicher Beschaulichkeit wie im N i r v a n a ausleben. Noch blieb uns ein Stündchen bis zur Einschiffung — hatten wir die Zeit bisher dem patriotischen Fühlen gewidmet — das Schloß unserer Kaiierin-Königin zu sehen — so sollte nun die Zeit, die uns noch erübrigte, dem jüdischen Herzen geweiht sein — denn Judentum kennen zu lernen, wie es in weiter Ferne von uns sich gestaltet, darauf war ja doch der Sinn unserer Reise gerichtet. Das Glück war mir hold — ich machte zwei ungarische Juden ausfindig, die sich hier seit einigen Jahren niedergelassen hatten. Mit Freude begrüßten sie die Gelegenheit, mich und noch zwei der sich mir anschließenden Reifekollegen zu begleiten, in das Judenquartier zu führen, die Synagogen aufzusuchen und auf dem Wege dahin uns einige Auskünfte über die Verhältnisse, die Juden betreffend, zu geben. Es leben gegenwärtig zirka 9000 jüdische Seelen in Corfu. Sie sind sehr, sehr arm, nur äußerst wenig Bennttelte sind unter ihnen, reich zu nennende nur zwei Juden. Die christliche Bevölkerung lebt mit ihnen gegenwärtig in gutem Einvernehmen; trotzdem bleiben die Juden gerne in ihrem abgesonderten Viertel, obwohl sie nichts hindern würde, sich auch außerhalb desselben niederzulassen, sie trauen dem Landfrieden nicht. Sie halten sich auch im Verkehr mit Andersgläubigen sehr zurück, denn noch klingen die grausigen Vorkommnisse vor einem Dezennium schauerlich in ihren Ohren. Oeffentliche Stellungen bekleidet keiner von ihnen. Untereinander findet leider schrecklich schmutzige Geschäftskonkurrenz statt — die Folge des schweren Fortkommens und der großen Armut. Es sind unter den Juden Arbeiter, die die schwersten Arbeiten verrichten, Lastträger, Hafenarbeiter; Handwerker gibt es unter ihnen zumeist Schuster und Tischler. Einen Chacham haben sie nicht, denn sie sind zu arm, einen zu erhalten, sie haben — wie die Ungar. Juden sich ausdrücken — einen sogenannten Lassüeusr. An der Schule

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