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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-04-21 · 16 (21.4.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 Dr. Dlocb's Mocbenscbrttt. Seite 243 Als Diplomat und als Politiker nahm er seine Mission, und wenn er ursprünglich das religiöse Moment mit in Betracht gezogen haben mochte, so schaltete er es doch bald wieder aus. Die zionistische Bewegung sollte eine jüdischnationale und politische, nicht eine religiöse sein. So hoffte er alle Zwietracht bannen und die so notwendige Einigkeit herbeiführen zu können. Da aber war schon ein gefährlicher Keim gelegt. Im Judentum scheint das nationale Empfinden so untrennbar und innig verschmolzen mit dem religiösen, daß eines gesondert vom andern sich erfolgreich nicht mehr geltend machen kann. Herzl hatte Erfolge und der größte und schönste Erfolg, der ihm die letzten Lebensstunden verklärte und zugleich vielleicht auch verbitterte, war, daß ihm förmlich ein Königreich zu Füßen gelegt ward. Ein Stück jungfräulichen Landes in Ostafrika, an sechstausend englische Meilen, nahezu zehntausend Quadratkilometer, bot die englische Regierung dem Führer der zionistischen Bewegung an. Die Juden sollten von dem Land Besitz ergreifen, sie sollten ihren Chartre haben; ihre Existenz dort sollte streng nach dem Wortlaute des Programms eine „öffentlich-rechtliche" sein, die nationale Existenz mit Selbstverwaltung, mit jüdischer Verwaltung. Es war ein Erfolg. Es war ein Ereignis, lvie seinesgleichen nicht zu finden ist in den zwei Jahrtausenden, seitdem das jüdische Volk in der Diaspora das bittere Brot der Verbannung ißt. Nun schien der rettende Hafen gefunden zu sein. Wo man hinblickt in der Welt, werden die Juden verfolgt und geschmäht, und hier wird ein sicheres Heim, ein Vaterland geboten, eine Zuflucht für die Verfolgten, ein Asyl für die Müden, ein Feld der Arbeit für die Tatkräftigen. Mit gehobener Brust trat Dr. Herzl vor die erwählten Vertreter der zionistischen Organisation, um ihnen das bedeutungsvolle Ereignis zu verkünden, und — er erlebte eine tiefe und schmerzliche Enttäuschung. Wie eine Bombe war die Nachricht, in den Kongreß hineingeplatzt, und eine platzende Bombe richtet Verheerungen an. Herzl und seine nächsten Mitarbeiter waren das Opfer eines Irrtums geworden, eines verhängnisvollen Jrrtumes. Sie hatten sich in der Beurteilung der jüdischen Volksseele geirrt. In einem Punkte, und vielleicht im wichtigsten, hatte dieser große Führer den Zusammenhang nicht nur mit seiner Partei, sondern wohl überhaupt mit der überwiegenden Mehrheit seines Volkes verloren. Der moderne Schriftsteller, Diplomat und Politiker empfand einmal international und kosmopolitisch, wo er hätte national empfinden müssen, und national empfinden heißt innerhalb des Judentums auch religiös empfinden. Statt der erwarteten stürmischen Begeisterung gab es stürmischen, ja entsetzten Widerspruch, und das zumeist gerade von einer Seite, von welcher er sich eines Aufjauchzens und Aufatmens der Erleichterung versehen haben mochte. Für die am schwersten bedrückten Juden mußte das verheißene, mehr — das dargebotene freie Land die größte Lockung haben. Wo ist der Druck am schwersten, wo das Elend am größten? Unter den russischen Juden. Und gerade die russischen Juden, die die stärksten Kontingente zu dem zionistischen Aufgebot gestellt hatten, gerade sie wiesen das dargebotene Rettungsmittel in tiefer und leidenschaftlicher Erregung von der Hand. Mit gutem Grund. Nicht das war das Ideal, dem sie mit aller Kraft ihres Empfindens, in all ihren Kümmernissen und Nöten, in allen Tiefen eines grausamen Elends aus dem innersten Herzen mit unverbrüchlicher Treue anhingen. Nicht das war ihr Land der Verheißung und nicht dafür hatten sie ihre heißen Gebete zum Himmel gesandt und ihre abgedarbten blutigen Heller zusammengeschlossen. Ostafrika ist nicht Zion. So war ein Riß in die große Bewegung gekommen. Theodor Herzl, der in erster Linie den russischen Juden als der providentielle Mann galt, zu dem sie mit einer an Schwärmerei grenzenden innigen Verehrung aufblickten, dem zu Liebe, wenn ihn seine Fahrt nach Rußsand führte, arme Juden mühselige Tag- und Nachtmärsche bewältigten, nur um ihn für einen flüchtigen Augenblick an den Fenster des Eisenbahnwagens zu sehen, er mußte es erleben, wie diese tiefe und rührende Anhänglichkeit Plötzlich umschlug zu gramerfüllter, aber doch unerbittlicher Gegnerschaft. Er, der den zionistischen Gedanken neu belebt hatte, er, der Führer der Zionsbewegung, war genötigt, die Echtheit seiner zionistischen Ueberzeugung zu beteuern und, feierlich die Rechte hebend, das Gelöbnis zu wiederholen: „Wenn ich Dein vergesse, Zion, dann verdorre mir die Rechte!" Welch ein bewunderungswürdiger Idealismus spricht doch aus dieser Weigerung der ärmsten der Juden! Haben die klerikalen Antisemiten, die sich von ihren Hetzkaplänen so willig aufstacheln lassen, sich jemals solche Züge der Denk- und Gefühlsweise der Juden notiert, der Juden, die nur von der Rücksicht auf materiellen Gewinn bewegt werden, und haben sie selbst jemals ihrem religiösen Empfinden solche Opfer abgerungen? Hier das tiefste Elend, unerträglicher Druck, Haß, Verfolgung, Schmähung, Unsicherheit des Lebens und der geringen Habe, nicht nur des eigenen Lebens, sondern auch des von Vater und Mutter, von Weib und Kind — dort die Luft der Freiheit, endlich ein eigenes Heim, ein Leben und Wirken mit und unter Brüdern, die Aussicht auf friedliche Arbeit, auf Wohlstand, alles gewährleistet von der freisinnigsten Großmacht der Welt, — und dennoch, lieber noch weiter duld°n, noch länger Druck und Verfolgung und Schmähung leiden ins Ungewisse und bis in unabsehbare Zeit, als ab lassen von einem Ideal, dessen Leuchten alle Nacht des Elends nicht verdunkeln konnte und das in allen Kümmernissen und Finsternissen des Daseins für ein Volk den wertvollsten Lebensinhalt lieferte. Es war sogar schwer, auch nur die Kommission durchzusetzen, die das ostafrikanische Land auf feine Tauglichkeit zur Kolonisation prüfen und durchforschen sollte. Die Kommission hat ihre Arbeit vollendet und in Bälde wird ihr offizieller Bericht erstattet werden. Nach alledem, was heute schon verlautet, ist es ein herrliches Stück Land. Es weckt eine Hoffnung, aber sie vermag eine andere größere und schönere nicht zu ertöten. Ostafrika ist nicht Palästina. Max Nordau hat an der Seite Herzls gekämpft für das Neuland. Es ist nicht Zion, führte er aus, aber wir wollen für unser gehetztes Volk ein Nachtasyl schaffen; wir reisen über Ostafrika nach Palästina. Andere Verfechter des Projektes taten dar, daß die zionistische Idee nebenher fortleben müsse. Man wolle nur jetzt schon für das Mutterland Kolonien schaffen. Nichts aber hat vermocht, die Massen, so schwer sie auch leiden mögen, von ihrem Ideal abzubringen. Und so ward der erste große Sieg des Zionismus ein Pyrrhussieg und man darf wohl fragen, ob es ein Erfolg oder eine Katastrophe war. Der Erfolg hat die große Partei gespalten und der Zionismus steht vor einer Aufgabe, die er nicht zu bewältigen vermag. Weder der Nationalfond noch die Bank können ihren eigentlichen Zwecken entfremdet und ihre Mittel irgendwelcher anderer Bestimmung zugeführt werden. Wenn aber nun auch diese Frage nicht von den Zionisten gelöst werden kann, so verdient es doch wohl in sehr ernste Erwägung gezogen zu werden, ob nicht andere Faktoren, ob nicht die Judenschaft in ihrer Gesamtheit ihr nicht ihr liebevolles und tatkräftiges Interesse zuzuwenden habe. In aller Welt werden die Juden verfolgt; der Pauperismus unter ihnen verbreitet sich immer mehr, gewinnt erschreckende Dimensionen und nimmt entsetzliche Formen an; die Auswanderung wird überall erschwert, der Einwanderung werden unüberwindliche Hindernisse entgegengesetzt. Das Elend schreit zum Himmel. Auf Erbarmen ist nicht zu hoffen, auf Gerechtigkeit ist nicht zu rechnen. Und ist es keine Sache des Zionismus, so ist es eine Sache der Menschlichkeit. Zu Tausenden und zu Hunderttausenden suchen heimatlose Menschenkinder eine Zuflucht vor grausamer Verfolgung, ein Stückchen Erde, einen Stein, wo sie, vom Hasse ihrer Mitmenschen verfolgt, gesichert ihr müdes Haupt betten könnten. Das ist etwas, was die gesamte Judenschaft angeht und was sich an ihr vielberufenes Solidaritätsgefühl wendet.

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