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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-04-21 · 16 (21.4.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
16 (21.4.1905)
Date
1905-04-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sun Dr Wlocb s Mocdensebrtkt. Sir. 16 und Landwehrsoldaten den Verfolgten ihren Schutz zum Teil versagten,**) wird in den offiziellen und reaktionären Blättern verschwiegen, natürlich, weil es nicht bequem ist, die Prophezeiungen zu signieren. Nach der Auslegung Dr. Luegers sind die Staatsgrundgesetze (siehe Gemeindeberichte 1904) überhaupt nur „fakultativ" anzuwenden, d. h. (z. B. 8 1) die Staatsbürger „können und dürfen gleich sein, aber sie müssen nicht gleich sein", sagte er. Wir könnten deu Faden der Möglichkeit weiter spinnen, obwohl das Gesetz behauptet, sie sind gleich. So z. B. könnten wir vielleicht sagen: „Die Wissenschaft, die Forschung kann und darf frei sein, aber auf Landtagsbeschluß kann sie auch bevormundet und unter den Schutz der Jesuiten gestellt werden, wie im 17. Jahrhundert. Das ist fakultativ. Die freie Schule hätte auch ein Gesetz für sich, aber die Majorität des Landtages wünschte mehr den Einfluß des Maulwurfes, als den der Sonne in den Gefilden, wo die Jugend sich Kraft und Selbstbewußtsein holen sollte für's Leben. Also „fakultativ" ist jesuitisch. Das Uebergewicht der politischen Parteien, das fällt allein ins Gewicht; man liebt es nicht, Juden zu befördern, wie wenn die Freundschaft gewisser geistig-begrenzter Parvenüs dem Wohle des Vaterlandes mehr nützen würde, als Lob und Preis für tüchtige Lehrer und Jünger der Wissenschaft; man läßt große Geister fallen und tauscht sie gegen das Mittelmaß um. „Solche sind die Brauchbaren", sagte ein Staatsmaschinist. „Solche find leichter zu führen." Ein ganz falsches Prinzip! Hier kann man wenigstens diskutieren, aber, was soll man denn antworten, wenn Redner die Juden alsalleinige Führer der Revolution 1848 bezeichnen? Wenn man die Geschichte des eigenen Landes so wenig kennt, daß man vergißt, wie die ganze Intelligenz, selbst hohe Beamte, Aebte, Militärs, Isst uot least Mitglieder des Hofes eine Aenderung der vormärzlichen Verhältnisse herbeiwünschten, wenn man damit gesteht, Namen eines Andrian, Colloredo, Anastasius Grün (Auersperg), eines Hy e, Sommaruga, Schmerling, S t i f f t u. A. m. niemals in Verbindung mit den Märztagen gehört zu haben; da kann man nur bedauern, daß jene Tropfen Bürgerblms vergossen wurden, denn Tropfen bleiben sie doch gegenüber den Blutströmen der Religionskriege, der Inquisition und der Kreuzzüge. Es durste in Wien auch öffentlich am 18. April 1904 gesagt werden, die kirchenpolitischen und die Schulgesetze seien schlecht. Aber diese Art der Redefreiheit und die Publikation solcher historischer Reden in einer ungeknebelten Preffe, die Freiheit, sich auf den Rücken ganzer Gruppen zu tummeln, die Straflosigkeit gewisser persönlicher Ausfälle und die Duldung der Vereinigung von Menschen, welche den Haß gegen ihre Mitbürger als Programm aufstellen, find eben Ausstüffe einer Freiheit, die sie im Vormärze nicht gehabt hätten! Warum verachten diese Herren das 1848? Im Juni erfolgte ein neuer Ausbruch aus dem Schlackenkegel, der schon so viele glühende Steine auf die Nachbarn geworfen: Der Magistrats-Sekretär Demel sagte Dinge von den Juden, die man den Antisemiten nicht straflos gesagt hätte. Zum Trotze für einen Protest des „Gremiums der Kaufleute" wurde Demels „ausgezeichnete Dienstl e i st u n g" anerkannt; dem mutigen, sachlich ruhig denkenden Dr. A. v. Dorn gab man in Angelegenheit des Vertrages mit dem Apotheker-Gremium jedoch seichte Antworten, die einer guten Sache wenig entsprachen. Noch andere Auswüchse enthält das Sündenregister des letzten Jahres: Ueber die Angriffe im niederösterreichischen Landt a g e gegen die Medizin und überhaupt die Wissen¬ **) Vortrag des Herrn S. Fleischer im Frühling 1904, gehalten im Verein zur Abwehr des Antisemitismus. schaft hat der Verein zur Abwehr des Antisemitismus in einer Resolution abgeurteilt; die in Aussicht genommenen Maueranschläge (Landtagsreden) sind nach kühler Ueberlegung unterblieben. Die antisemitische Presse hatte im Juli und August den Prozeß Hervay und die Ermordung Pli. hw e's, zu neuen Ausfällen gegen die Juden benützt. In der gegen Hohenwarts-Ideen, (welche geeignet warendas zentralistisch regierte Oesterreich in ein loses Mosaik, in einem Kleinftaatenbund zu verwandeln) anno 1871 gegründeten „Deutschen Zeitung" fand sich am 25. August 1904 ein Feuilleton über deutsche Literatur und Antisemitismus gegen das Wort: „In der Kunst gibt es keinen Antisemitismus". Die Angriffe auf die „Juden und Freimaurer" und gegen die — „talmudistisch spitzfindige psychologische Vertiefung" war ein erheiterndes Pröbchen antisemitischer Unkenntnis der Beziehungen der Kunst zum öffentlichen Leben. (Schluß folgt.) Ostafrika. (Von einem Nichtjuden.) Jst's ein Erfolg oder ist es eine Katastrophe? Wir sprechen von dem Ostafrika-Problem, das eine so tiefe Erregung in zionistischen Kreisen hervorgerufen hat, eine Erregung, die mitschwingt und mitklingt auch weit über jene Kreise hinaus in der gesammten Judenschaft. Denn in dem einen Punkte haben die gehässigen Anwürfe der antisemitischen Menschenfteunde ihre gute Begründung, soweit sie sich nämlich auf das Solidaritätsgefühl der Juden beziehen. Es ist richtig: Wo immer in der weiten Welt den Juden Leids geschieht oder Glück widerfährt — wie wunderselten begibt sich doch letzteres! — da wird es mitempfunden fast wie ein persönliches Erlebnis überall auf Erden, wo jüdische Herzen schlagen. Wenn auch das ein Anwurf sein soll, dann ist er sicherlich nicht schwer zu tragen. Wir wollen von jenem Problem sprechen, ohne uns dabei polemisch oder apologetisch mit dem Zionismus in seiner jüngsten Erscheinungsform auseinanderzusetzen. Dr. Theodor Herzl hat der von ihm nicht sowohl geschaffenen als ralliierten zionistischen Partei eine weltumspannende Organisation zu geben vermocht. Was er aber auch als Organisator, als Agitator, Redner und Schriftsteller geleistet haben mag, seine eigentliche Bedeutung lag auf anderem Felde. Sein Verlust wäre für die Partei nicht so schwer, so unersetzlich gewesen, wenn sich seine Bedeutung darin erschöpft hätte. Dann wäre es wohl möglich gewesen, was bisher nicht gelungen ist und so leicht auch nicht gelingen dürfte, einen vollwichtigen Ersatz für ihn zu finden. An geistigen Potenzen auch höchsten und vornehmsten Ranges hat es innerhalb des Judentums niemals gefehlt. Das Schwergewicht der Bedeutung Dr. Theodor Herzls lag in seiner eminenten diplomatischen Begabung. Auch das sagt noch nicht Alles. Denn, wenn es nur mit der Begabung abgetan wäre, dann hätte sich doch schon der vollwertige Nachfolger finden lassen müssen. Es kam noch etwas dazu, was außerhalb der Sphäre der Befähigung, des eigenen Strebens und Willens liegt, was unabhängig von diesen sich einstellt oder nicht einstellt. Das ist die hohe Autorität, deren er sich bei den Großen dieser Welt zu erfreuen hatte. Man mag immerhin sagen, daß das Glücks- und Zufallssache war, aber wie ein großer Feldherr nur denkbar ist, wenn das Glück einen integrierenden Bestandteil seiner Talente bildet, so war jene „Glücks- und Zufallssache" die sicherste Grundlage seiner Erfolge. Mit ihm verhandelte man wie von Macht zu Macht und man betrachtete ihn als ministes pl6nipotentiaire und bevollmächtigten Botschafter der Judenheit. Wo ist der zweite Mann, der dieses Ansehen genösse? Cr selbst konnte es sich nicht geben, er konnte sich nicht darum bewerben, es ward ihm entgegengebracht, es flog ihm zu — nicht grundlos und nicht unverdient, aber es richtet sich nicht immer nach Gründen und nach Verdienst — und es gab ihm seine seltene Bedeutung.

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