Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Gelte 333 Ikorrespondenzen. Die Synagoge in -er Seitenftettengasfe. Letzten Sonntag den 9. April waren 79 Jahre dahingegangen, seit dem Tage, an welchem die derzeit älteste Synagoge Wiens, jene in der Seitenstettengasse, feierlich eingeweiht und ihrer erhabenen Bestimmung übergeben wurde. Es war auch an einem Sonntage. Kaiser Franz machte an diesem Tage nach überstandener schwerer Krankheit die erste Ausfahrt und befand sich in Rekonvaleszenz, als sich um die Zeit des Minchagebetes in dem neuen Gotteshause die zu jenen Tagen noch wenige Köpfe zählende, aber ihrer Glaubensgenossenschaft mit ganzem Herzen ergebene jüdische Gemeinde einfand, um dem weihevollen Momente beizuwohuen. Als Vorstandsmitglieder fungierten anno 1826 die Herren Michael Lazar Biedermann, Jsak Löw H o f m a n n (nachmals Edler v. Hofmannsthal), Max Edler v. Königsberg, Ignaz Ritter von Liebenberg, Markus Ritter v> Neuwall, Heinrich Sichrowsky und Salomon P r e i s a ch. während das Amt der „Geboirn“ (Bethauskommissär) den Händen von Josef Biedermann 8en, Moriz Königswarter (dem späteren Baron), Jakob L ö w y und Sigmund Edlen v. Wertbeiinst e i n übertragen war — Männer, deren Namen heute noch im besten Angedenken stehen. Die Festlichkeit selbst wurde mit großer Feier abgehalten; als Funktionäre waren die zwei Namensträger bestellt, die eine epochale Bedeutung für die Wiener Kultusgemeinde für immerwährende Zeiten erlangt haben. Prediger Jsak Noab Mannheimer, der an diesem Tage seine Beredtsamkeit an heiligster Stätte begründete; er begann mit dem Bibelsatz seine Weiherede: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde ist meiner Füße Schemel. Was ist das für ein Haus, das ihr mir bauen könnt, wo ist die Stätte, wo ich thronen soll?" Wenn schon die Rede tiefen, nachhaltigen Eindruck auf die festlich Versammelten hervorrief, wie wirkte erst die Stimme des unvergeßlichen Altmeisters des Synagogengesanges Professors S u l z e r! Ein Psalm, vertont von Drechsler und unter Harkenakkorden, eröffnete den musikalischen Teil der Zeremonie, während des Einzuges der Thorarollen ertönte Psalm 24 und endlich eine Komposition Meisters Sulz er selbst beendete den lilurgischen Abschnitt der Festlichkeit; nun nahm Mannheimer eine Thorarolle und sprach mit vor Erregung der Freude vibrierender Stimme für die Genesung des Kaisers Franz ein tiefempfundenes und ebensolchen Widerhall in den Reihen der Andächtigen gefundenes Gebet, worauf die Akkorde der Volkshymne den neuen, gottgeweihten Raum durchbrausten. Herr Religionsschul-Jnspektor Professor Dr. Moriz K a n i tz nahm bei dem am 8. d. M. nachmittags abgehaltenen Judendgottesdienste die Gelegenheit wahr, um den Mittelschülern am Schlüsse seiner gediegenen Exhorte die Bedeutung des Festes klarzulegen. Wir. wollen dieser Reminiszenz die Bemerkung beifügen, daß der Vorstand der Kultusgemeinde am 9. Apnl nächsten Jahres, an welchem Tage das heilige Passahfest seinen Anfang nimmt, den schönen Gedenktag in würdiger Form feiern möge. E. J. Zur Reform der jüdischen Armenpflege. Am 3. d. M. fand im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde unter Vorsitz des Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde des Herrn Dr. Alfred Stern die erste Konferenz der Delegierten jüdischer Wohltätigkeitsvereine statt. Der vom Referenten kais. Rat Dr. S. Kohn gemachte Vorschlag, als erste Etappe der Reform der jüdischen Armenpflege eine Zentral- Auskunftsstelle im neuen Zentral-Armenkataster zu schaffen und zu diesem Zwecke ein engeres Komitee zu wählen, welches ein diesbezügliches Statut auszuarbeiten und dieses dem Delegiertenkomitee der Wohltätigkeitsvereine demnächst zu unterbreiten Hütte, wurde einstimmig ausgenommen. Es wäre im Interesse der Armen und der Armenpflege zu wünschen, daß nicht nur die oben angeführten Institutionen, sondern die Reorganisation der Armenpflege überhaupt ehebaldigst in Kraft trete. Generalversammlung des Vereines „Kinderheim". Am 4. d. M. fand unter Vorsitz des kaiserlichen Rates Dr. S. Kohn die VIII. Generalversammlung des Vereines „Kinderheim" statt.! Der Zweck dieses Vereines besteht in der Gründung und Erhaltung von Heimstätten für verkrüppelte, rekonvaleszente und schwache Kinder jüdischer Konfession. Nach Begrüßung der zahlreich anwesenden Mitglieder, Gäste und Vertreter der Wohltätigkeitsvereine gedachte der Vorsitzende in warm empfundenen Worten des im Vorjahre dahingeschiedenen Präsidenten des Vereines und Gründers der Kinderheimstätte in Laa bei Neulengbach. Aus dem vom Vizepräsidenten Herrn Heinrich Egger erstatteten Geschäftsberichte ist zu entnehmen, daß im abgelaufenen Jahre der Verein für die Haushaltung, ärztliche Behandlung, Unterricht, Kleider, Adaptierungen K 8971.32 ausgegeben und K 1Ö.96Ö'57 an Mitgliedsbeiträgen ünd Spenden eingenommen hat. An den pädagogischen Bericht schließt sich der ärztliche an. Dem letzteren ist zu entnehmen, daß die verzeichneten Heilresultate und Körpergewichtszunahmen der Schützlinge nicht nur den hygienischen und therapeutischen Maßnahmen allein, sondern auch der zweckmäßigen Ernährung, der ausgezeichneten Lust und der besonderen Pflege der Schützlinge zu verdanken sind. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl der Vorstandsmitglieder wurde der Gesamtvorstand wiedergewählt und durch sechs neue Mitglieder erweitert, Und zwar die Herten Leopold Waller, Karl Grün, Karl Pasternak, Ignaz Klein, Adolf Bruckner, Dr. Max Haudek. Nachdem das Vorstandsmitglied Herr Dr. Max Haudek über Ziele und Zweck der Krüppelsürsorge referiert hatte, schloß der Vorsitzende mit dem Danke an die Mitglieder und Wohltäter des Vereines und mit einem Appell an alle Menschenfreunde, dieser humanen Institution ihr teilnahmsvolles Jntereffe entgegenzubringen, die Sitzung. Hierauf hielt die Schriftstellerin Frau Antonie Graf einen geistreichen Vortrag, welcher allgemeines Interesse und großen Beifall erweckte. Diesen sehr interessanten Vortrag werden wir in der nächsten Nummer unseres Blattes wörtlich publizieren. Antisemitische Roheit. Von mehreren Leserinnen unseres Blattes aus der Leopoldstadt erhalten wir gleichlautende Mitteilungen über einen empörenden Vorfall, der sich atn letzten Sonntag auf dem Volkertplatz, wo sich bekanntlich ein großer Viktualienmarkt befindet, zugetragen hat. Der traurige Held 'dieser Begebenheit ist ein Amtsorgan der Stadt Wien, zu dessen Obliegenheiten es gehört, auf dem Volkertmarkt das sogenannte „Standgeld" einzukassieren. Am besagten Sonntag nun widerfuhr einer jüdischen Frau das namenlose Unglück, unversehens besagtem „Herrn" mit ihren Kleidern anzustreifen. Und nun hätte man hören sollen, welch gesprochener Unflat dem Munde dieses Mannes entfuhr! Das ganze, an Kraftausdrücken bekanntlich so reiche antisemitische Schimpftegister wurde aufgezogen. Ein Schwall von Injurien ergoß sich über das Haupt dieser Frau, schüchtern versuchte sie, den brutalen Angriff abzuwehren — allein da war's eine verritable Hochflut, ein förmlicher Wildbach gemeinster, ordinärster Schimpsworte, die sich aus dem Munde dieses städtischen Funktionärs ergoß. Ermutigt scheint er zu seiner unqualifizierbaren Tat dadurch geworden zu sein, daß er nicht seine Amtsuniform, sondern bürgerliche Kleidung trug. Die gerechte Empörung der Umstehenden ob dieser maßlos rohen Handlungsweise einer wehrlosen Frau gegenüber war allgemein. Aber leider — ebenso allgemein war das Schweigen, die Passivität. Und darin liegt unseres Erachtens ein großer Fehler. Wenn ein städtischer Bediensteter, eine eidlich verpflichtete Person, auf öffentlicher Straße einer Jüdin gegenüber ohne jedweden Anlaß eine solch maßlose Brutalität hervorkehrt, dann muß man deffen Identität ficherstellen, ihn vor Gericht bringen und sein „Benehmen" öffentlich brandmarken. Noch gibt es Richter in Oesterreich! Wie antisemitische Exzesse hervorgerusen werden. Polnische Blätter berichten über folgenden Fall: „Der Jesuitenpater Miskiewicz hielt am 25. März in Stanislau eine Predigt, in der er ausführte, daß ein Jude sich am „Purim" als Geistlicher verkleidete und mit einem Kreuz in der Hand herumging. Dieser Predigt folgte ein Epilog im Stanislauer Gemeinderate, wo Pater Eiselt die Frage richtete, ob die vom Pater Miskiewicz verbreitete Nachricht auf Wahrheit beruhe?