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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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«Sette 232 Dr IBlocb’s Mocbenscbrttt. Nr. 15 man in Mainz Ueberreste fand, welche zweien der jüdischen Kaufmannshäuser den Namen gaben, das Kameel, dessen Schädel in der Ehrenstraße zu Köln zum Vorschein kam, der Elefant Abdul Abbas, den der Kaufmann Isaak aus Asien bis an den kaiserlichen Hof nach Aachen brachte. Aber auch die feinen Erzeugnisse byzantinischer Kunst kamen so ins Abendland. In Mainz sind gerade auf dem Gebiete der ältesten jüdischen Niederlassungen zwischen der heutigen Betzelsgasse bis nördlich zur Eigelsteinkurie die prachtvollen Fibeln (Gewandnadeln) in Adlerform, sowie der reiche Schmuck von byzantinischem Zellenschmelze, der seinesgleichen an Schönheit und Kostbarkeit sucht, aufgedeckt worden. Jene, von welchen sich das hervorragendste Stück im Museum zu Mainz befindet, erhalten ihren wesentlichsten Schmuck durch dicht gereihte, leicht in Gold gefaßte Plättchen regelmäßig zugeschnittener Almandine, einen unserem Granat ähnlichen, jedoch in der Farbe helleren Halbedelstein, der nur im Orient vorkommt. Er bildete in seiner kennzeichnenden Art der Fassung (verroterie) den Stolz merovingischer Fürsten, z. B. Childerichs und seines in Tournai gefundenen Schatzes, so daß man Franken und Alemannen lange für seine Verfertiger hielt. Die Form des Adlers jedoch, die entwickelte Technik und nicht zum mindesten das Material veranlaßten kritischere Kunstforscher, vor allem Friedrich Schneider, den Ursprung dieser Kunst im Orient, speziell in Egypten zu suchen. Jüdische Großkaufleute waren die Vermittler dieser kostbaren Erzeugnisse, bis sich der Geschmack dem noch viel kunstvolleren Zellenschmelze auf Gold zuwandte, der im Orient vom 9. bis in's 13. Jahrhundert hinein von den Byzantinern mit unerreichter Meisterschaft betrieben wurde. Die edle Ornamentik an ihnen ist ein Erbteil der Antike, die Leuchtkraft und Transparenz der Farben, wie z. B. an dem erwähnten, jetzt im Besitze von Baron Max v. Hehl in Darmstadt befindlichen Schmucke hervortritt, etwas vorher Unbekanntes. Es ist nun, nachdem einmal die regelmäßigen Handelsbeziehungen jüdischer Großhändler am Rhein mit dem Orient erwiesen waren, in hohem Grade wahrscheinlich, daß sie nicht nur Kunstgegenstände der genannten Art, sondern auch andere. Goldschmiedearbeiten, Elfenbeine, gemalte Bücher rc. nach Europa gebracht haben. Die byzantinische Frage, eine der kunstgeschichtlichen Seeschlangen, würde dadurch eine neue überraschende Beleuchtung erfahren. Anstatt der durch politische Ereignisse hervorgerufenen Plötzlichkeiten könnte die Kunstgeschichte mit ständigen, gut fundierten Handelsbeziehungen operieren und den für die historische Darstellung immer etwas unbequemen Zufall, Sympathien und Antipathien von Herrschern ausschließen. Christliche Liebe — jüdischer Rachegott. Moskau ist der Zentralpunkt für die aus dem Kriege zurückkehrenden kranken und verwundeten Soldaten. Der größte Teil von ihnen wird in den dortigen Militär- und Privatkrankenhäusern ausgenommen. Nun gehört Moskau nicht zu den Städten, in denen den Juden das Wohnrecht gewährt ist. Die Aerzte behandeln die jüdischen Soldaten in den Krankenhäusern human. Dagegen hallen die russischen Verwaltungsbehörden die Praxis der Ausnahmegesetzgebung gegen die Juden auch mit voller Strenge gegen die unglücklichen Opfer des Krieges, der Kranken, Verwundeten und Sterbenden aufrecht. Die jüdischen Frauen werden nicht zu den Krankenbetten ihrer Männer gelassen, da sie das heilige Moskau nicht betreten dürfen, und die Männer, mögen sie auch zu Krüppeln geschossen und arbeitsunfähig oder siech sein, werden in dem Augenblick, wo sie das Krankenhaus verlassen, aus Moskau ausgewiesen. Man sieht aus den angeführten Tatsachen, daß Rußland nicht einmal Wert darauf legt, im jetzigen Augenblick wenigstens die Gefühle jener zu schonen, die ihre Gesundheit für das russische Reich geopfert haben. Wozu auch Rücksicht auf die — Juden! Aber wenn in irgend einem dieser mit Füßen getretenen Juden dann' einmal der Groll aufsteigt und er an einer revolutionären Demonstration aktiven Anteil nimmt, dann schreit das Antisemitenpack des ganzen Westeuropa in schöner Eintracht mit den russischen Brüdern: „Der Jude wird verbrannt!" Angesichts solcher widerlicher Heuchelei bedauern wir manchmal, daß auch der „jüdische Rachegott" leider nur in der Phantasie dieser modernen Vampyre existiert. . . _ „Jüd. Rundschau". The Jewish Encyclopedie Band IX. Wie viel Ausrufungszeichen freudigster Genugtuung möchte so mancher hinter diese fünf Worte setzen! Ist doch das Erscheinen eines neuen Bandes dieses gigantischen Unternehmens für Hunderte und Tausende ein Ereignis, ein zeitmessendes Erlebnis geworden. Wie manches sonst anspruchslose Gelehrtenherz auf abwärts geneigter Lebensbahn möchte die Frist seiner Tage wenigstens bis zum Abschluß dieses monumentalen Werkes verlängert sehen! Die Erfüllung naht mit Riesenschritten. Dreiviertel der Arbeit ist vollbracht. Nur noch drei Bände und das Judentum darf sich auch auf diesem Plan mit anderen nationalen und konfessionellen Einheiten messen. Wenn ein Beginnen, mit amerikanischer Technik und Managerbravour und internationalem Gelehrtenfleiß ins Werk gesetzt, getragen von jüdischer Begeisterung, an sich das höchste Lob erschöpfen und kleinliche Nörgelei ersticken sollte, schon um der Großartigkeit seines Gedankens und des national-sittlichen Wertes und Erfolges willen, so hält zum Ueberfluß,' was hier geboten wird, auch der schärfsten kritischen Sonde stand. Fast möchte man von Band zu Band einen Fortschritt feststellen. Der Inhalt wird immer präziser auf das Fachgebiet beschränkt, mit den Illustrationen wird weiser hausgehalten, die Arbeit, so weit angängig, in weniger Händen konzentriert, dadurch eine größere Einheitlichkeit der Form erzielt. Freilich lassen sich, wie bei keinem Unternehmen der Art, auch hier nicht Lücken in den Literaturnachweisen und vereinzelte Mängel in den Illustrationen, besonders den Porträts, vermeiden. Doch alles Tadeln verstummt, wenn man nur, Artikel, wie „Palästine" (Benzinger und Eisenstein) „Numismatics" (T. Reinach), „Paleography" (S. de Ricci und I. Broyds), „Occupations" (M. Grunwald und I. Jacobs), „Mörbidith"', „Mortality" (Fishberg), „Music" (F. L. Cohen) aufschlägt. Aber geradezu überwältigend wirkt die Abhandlung über die jüdische Presse, welche nicht weniger als 1200 Titel jüdischer Zeitschriften aufweist, und nicht minder die Skizze „New-Iork". Welch' eine schwindelnde Höhe, dieses Meer von prächtigen Synagogen, Schulen, Krankenhäusern, ja eigenen jüdischen Theatern! Wenige Seiten darauf eine „Gasse aus dem Nikolsburger Ghetto"! Die Juden von gestern — die Juden von heut und morgen! Welcher Kontrast, welche Kämpfe, welches Ringen liegt dazwischen! Wenige Spalten der Jewish Encycl. schlagen friedlich die Brücke über die gähnende Kluft. Was für Ihre Leser von besonderem Belang sein dürfte, auch das jüdische Wien ist in der Liste der Mitarbeiter an dem neuen Band vertreten. Dr. M. Grunwald behandelt die Berufszweige der Juden und liefert zahlreiche Belege für die Tatsache, daß die Juden ursprünglich Ackerbauer, Fischer, Handwerker u. s. w., jedenfalls alles andere eher, als Kaufleute waren und daß nur äußerer Zwang, der ihnen den Ackerbau unmöglich machte, sie in die Arme Mercurs getrieben hat. Ferner wird der „Oesterreichischen Wochenschrift" ein eigener Artikel gewidmet und ihrem „Kopf" unter den Illustrationen ein Platz eingeräumt. — Ueber ein Jahrhundert ist es her, daß man das Distichon geschmiedet: -„Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu tun". Wie demokratisch wir seitdem geworden sind, wie das Prinzip der Avbeitsteilung auch auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschung durchgegriffen, das kann nicht anschaulicher zu Tage treten, als wieder in dem neuesten Bande dieser Riesenleistung, die uns Heldengröße und Mittelmaß, jedes am rechten Orte, ebenbürtig in emsigem Zusammenwirken zeigt — ohne Unterschied der Konfession. Vivat sequens! —x—

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