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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 15 Dr. Dlocb s Moebens,orin< und Gräser von unterhalb der Eingangsschwelle, die ich mir selbst ausgrub und pflückte. Die Klagemauer in Jeruscholaim und das Grab außerhalb der Stadt, das sino die einzigen uns erhaltenen und uns Juden frei zugänglichen Denkmäler, wo wir uns der Pietät frei hingeben können, wo der heilige Hauch der uralten jüdischen Vergangenheit uns umweht, und wo die Jahrtausende mit gewaltiger Kraft auf uns einstürmen. Während uns jedoch bei dem Besuch der Klagemauer das herrschende Getümmel stört und in der ruhigen Beschaulichkeit hindert, finden wir vor dem Grabmal Nabels eine sich ganz auslebende Andachtsstimmung, wir befinden uns in unserem Weh doch so wohl, so beruhigt, so still und sanft bewegt — wie als Kind in den Armen der geliebten Mutter! Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Bittschrift der russischen Inden. Eine Bittschrift an die Regierung haben also die russischen Juden gerichtet! Fast die Hälfte der gesamten Judenschaft lebt unter dem Drucke der russischen Regierung, und die Bittschrift ist noch" das einzige Mittel, das den Juden zu Gebote steht, und das charakterisiert die traurige Lage drastisch genug. Eine Bittschrift als einziges Kampfmittel! Eine Bittschrift an eine solche Regierung! Weit und breit nicht die Spur eines Rechtes, und unter solchen Umständen die einzige Hoffnung — die Hoffnung auf Gnade! Mag die Bittschrift immerhin ein Irrtum sein, ein Irrtum in der Voraussetzung der Möglichkeit eines Erfolges, er ist unter den gegebenen verzweifelten Umständen menschlich begreiflich. Da alle anderen Wege verschlossen find, wird der einzige noch offene betreten. Er wird nicht zum Ziele führen. Durch Bitten ist Grausamkeit noch niemals umgestimmt worden, und gütliches Zureden allein hat noch niemals große historische Ungerechtigkeiten aus der Welt geschafft. An gewaltsame Auflehnung, an bewaffneten Kampf um die natürlichsten Rechte und um die heiligsten Güter ist nicht zu denken. Von einer allmächtigen und unverantwortlichen Regierung bedrückt und zu Boden gehalten, in jeglicher Art der Kräfteentfaltung gehemmt, ausgesogen und bis aufs Blut gepeinigt, umgeben von einer kulturlosen, stets aufs Neue von oben künstlich zu brutalen Gewalttaten aufgestachelten und zu solchen stets bereiten Bevölkerung, und auch von dieser unablässig bedroht und verfolgt, bleibt in der Tat den Juden in Rußland nichts anderes übrig, als weiter still zu dulden oder — zu bitten. Jahrzehnt um Jahrzehnt haben sie stumm gelitten, — was Wunder, daß sie es nun trotz alledem und alledem mit dem Bitten versuchen! Noch ein Irrtum waltet da übrigens vor. Das ist gar keine Bittschrift. Das ist trotz des demütigen Tones eine grimmige Satire, ein flammender Protest, eine in ihrer Bitterkeit erhabene Polemik. Diese Bittschrift — wir haben sie in der letzten Nummer publiziert, — ist ein kulturgeschichtliches Denkmal von dauernder Bedeutung, ein Schandmal aere xereunius einer Regierungskunst, die ungehindert ihre Stücke spielen lassen konnte, noch in das zwanzigste Jahrhundert hinein. Die Situation wäre eine trostlose, wenn nicht etwas Mächtigeres am Werke wäre, als das Blatt Papier, auf dem die Bittschrift geschrieben ward, und das ist das Walten des Zeitgeistes, der nun auch in die russische Finsternis hineinzulenchten beginnt, des Zeitgeistes, der seine Arbeit nun auch im weiten Zarenreiche ausgenommen hat und der schließlich doch triumphierend hinwegschreiten wird über die Taten und Meinungen jener kleinen Geister, die in verhängnisvoller Verblendung und Selbsttäuschung die Zeichen nicht verstehen und nicht zu deuten wissen, die ihren nahen und sicheren Untergang künden. Was ist es nun, was die unmenschlich bedrückten Juden demütig erbitten? Nichts anderes als ein wenig Menschenrecht, als das, was allen übrigen Menschenkindern als ein natürliches, angeborenes und unveräußerliches Recht gewährleistet ist. Es liest sich wie ein bitterer Hohn, wenn man verfolgt, was die Juden erflehen, aber es ist wahrhaftig keine satirische Fiktion, es ist traurige Wirklichkeit. „Als der Pöbel die Juden in den Städten ausplünderte und umbrachte, hielt es die Bureaukratie für notwendig" — man halte sich vor Augen, was da Vernunft ette 231 und Menschlichkeit für notwendig erscheinen lassen mochten. Nicht von der Bestrafung der Schuldigen ist da die Rede, nicht von der Aufklärung, Belehrung, Beruhigung der bis zur Sinnlosigkeit aufgehetzten Menge, nicht von der Vorsorge gegen die Wiederholung solcher Ausschreitungen. Das Einzige, worauf der Geist der russischen Bureaukratie dabei verfällt, ist das Verbot der Uebersiedlung der Juden — nach den Dörfern, verbunden mit dem Verbot, Eigentum zu erwerben. Da ist von allem Andern abgesehen die Widersinnigkeit zum System erhoben. Werden die Juden in den Städten ausgeplündert und gemordet, und ist der fanatisierte Pöbel einmal nicht zur Vernunft zu bringen — er wäre es, wenn es nur ernstlich gewollt würde, — so sollte man meinen, daß nichts näher läge, als ein Ventil zu öffnen und einen Abfluß aus den Städten zu ermöglichen, 'die zu Schauplätzen brutaler Grausamkeiten geworden sind und in welchen die verfolgten Juden nicht nur ihrer armseligen Habe, sondern auch ihres Lebens nicht mehr sicher find. Das Gegenteil geschieht. Der Pöbel wird nicht bestraft, nicht belehrt, nicht aufgeklärt, nicht beruhigt, den Juden wird es verwehrt, sich auf den Dörfern unter der harmloseren Bevölkerung in Sicherheit zu bringen und dort Eigentum zu erwerben. Nicht genug an dem. Hinterher kommen dann auch ^och die schweren Anklagen wider die Juden aufgefahren: sie seien für produktive Arbeit nicht zu haben: sie drängen sich immer nur zu den Geldgeschäften heran, anstatt sich doch auch dem Ackerbau zuzuwenden und einmal auch die Pflugschar in die Hand zu nehmen. Man zwängt sie gewaltsam in die Städte und dann macht man ihnen einen Vorwurf daraus, daß sie sich dort anhäufen, und auf die Dörfer läßt man sie nicht. — Die Juden haben allenthalben das Bestreben, ihre Kinder etwas lernen zu lassen In diesem Streben übertreffen sie ganz beträchtlich den Durchschnitt des russischen Volkes. In die Städte zusammengepfercht, wollen sie wenigstens sich der gebotenen Bildungsmittel bedienen und trachten, ihre Jugend in die Mittel- und Hochschulen zu entsenden. Auch da wird ihnen ein Riegel vorgeschoben. Und wenn dann trotz aller ungeheuren Hinderniffe die Bildung und alle erdenkliche Qualifikation doch erworben worden ist, so war es, abgesehen vom Selbstzwecks in praktischer Beziehung nutzlos. Denn kein Staatsamt ist den Juden zugänglich, alle Gebiete des öffentlichen Dienstes sind ihnen verschlossen und alle Lebensmöglichkeiten in jeglicher Hinsicht auf das Aeußerste erschwert. Ohne Genehmigung des Justizministers kann kein Jude auch nur Advokat werden, und im Laufe von fünfzehn Jahren ist keine einzige Genehmigung erteilt worden! Wenn jüdische Arbeiter sich zur Begründung einer Vorschußkassen-Genossenschaft zusammentun zum Zwecke der Selbsthilfe, dann dürfen sie die Leitung dieser nicht in jüdische Hände legen und werden gezwungen ihre Schöpfung fremden Personen anzuvertrauen. Das Resultat ist der entsetzliche, immer mehr um sich greifende Pauperismus, die stetig sich steigernde Verelendung der jüdischen Massen. Natürlich werden auch daraus Waffen gegen die russischen Juden geschmiedet. Ein Volk von Bettlern! Jawohl, es herrscht ein entsetzliches Elend unter ihnen, aber welche Ruchlosigkeit gehört dazu, sie dafür verantwortlich zu machen! Die Handelsbeziehungen der deutschen Juden im Mittelaller. Man schreibt der „Frankfurter Zeitung": Im Sommer des vorigen Jahres berichteten wir über die Aufdeckung eines ausgedehnten Geländes am Nordende der Mainzer Altstadt, welches zahlreiche Fundstücke als ehemaliges Eigentum jüdischer Großkaufleute erscheinen ließen. Diese vermittelten von fränkischer Zeit ab bis zum Ende des 13. Jahrhunderts, als zunehmende Verfolgung sie zwang, im Osten, in Rußland und Polen, Schutz zu suchen, auf dem Seewege den Handelsverkehr mit dem Orient und besaßen bereits im 9. Jahrhundert feste Handelsstraßen, die über Land von Arangien bis nach Indien und China führten. Arabiens Spezereien, die kostbaren Gewebe der Sassaniden kamen so an den Hof Karls des Großen, daneben auch allerlei seltenes Getier, wie die beiden Affen, von welchen

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