Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Lette 230 Dr. Dlocb's TWloebenscbrfft. Nr. 15 statten, die mit den modernsten Lehrkräften und Hilfsmitteln ausgestattet sind und über alles hervorragend ist die Erkenntnis, daß hier die hebräische Sprache eine lebende geworden ist, die im Hause, im Lehrsaal, von der Jugend, von den Kindern gesprochen wird, von Söhnen und Töchtern Israels, in der herzbewegenden Ausdrucksweise und Betonung, die das Gemüt des europäischen Juden wunderbar berührt und die Saiten ieines jüdischen Gefühllebens zauberhaft erklingen läßt. Gewiß, es gibt auch Kampf und zwar heißen Kampf bei dem Gegensatz der Auffassungen, die die einzelnen Gruppen beseelen, aber er bringt auch Leben, Anspannung der Geistesarbeit, um das Höchste für die eigene Anschauung zu leisten — und dieser ist geeignet, auch einst zu großem Sieg zu fuhren. Wer dürfte es da wagen, vorzeitig ein abschließendes Urteil abzugeben, ob die rein religiöse, die politisch zionistische, die sozial kolonisatorische oder die modern kulturelle ihre ausschlaggebende Berechtigung habe! Sie bestehen, 'sie sind vorhanden alle diese Richtungen, alle sind sie an der Arbeit — und wer kann wissen, ob sie nicht — wie es Mordochai zur Esther sagte - „für eine gewisse Zeit" — gemeinschaftlich — „zur Regierung bestimmt sind!?" Genug daran, die Judenheit wächst hier mit Riesenschritten heran, mögen es auch die äußeren politischen ungünstigen Verhältnisse sein, die viele Heimatlose hieher schleudern, oder sei es die zionistische Bewegung, die nach Palästina drängt, oder die Liebe zum Heiligen Lande, die ihre Kinder in die Arme ihrer verwitweten Mutter zurückführt. Schon die Volksbewegung gibt urs statistisch ein überraschendes Bild. Die Sephardim waren bis vor Jahren in der großen Ueberzahl, heute sind sic bereits überflügelt. Es gibt hier gegenwärtig 15.000 Sephardim und 20.000 aschkenasische Jehudim, und diese letzteren bilden die zuletzt Eingewanderten. Sie sind auch das treibende, während die ersteren das stagnierende Element bilden. Diele 35 000 Juden sieben einer gemischten Bevölkerung von 30.000 Einwohnern gegenüber, die sich aus Mohammedanern und Angehörigen der verschiedensten christlichen Bekenntnisse rekrutieren. Welch ein erhebendes Bewußtsein, in der Hauptstadt Palästinas die Judenheit in der Majorität gegen alle anderen Nationalitäten zu wißen!? Seit dem Verlust des Heiligen Landes, das erste Mal in der Geschichte. Schon dies allein spricht Bände für die Zukunft. Hiebei ist noch folgendes bemerkenswert. Die ottomanische Negierung muß mit der Zeit erkennen, daß sie die große Majorität zu erhalten bemüßigt ist, daß sie sie braucht, und zwar als Teil, damit die mohammedanische Bevölkerung nicht in ihrer Bedeutung von der stets vordrängenden und von den Regierungen Europas besonders geschützten christlichen Bevölkerung erdrückt und eliminiert wird, das wäre das Ende der türkischen Regierung über Palästina. Daß sich so manche Regierung mit stillen Okknpationsideen trägt, das sieht man an den ruffischen Niederlassungen. Sie sind bestrebt, die hochgelegenen, die Hauptstadt beherrschenden Gebiete zu gewinnen, und die großen Gebäude sind alle festungsartig gebaut — das muß der türkischen Regierung zu denken geben. Ebenso drängen seit der Vertreibung der Kongregationen und Mönchs- und Nonnenorden aus Frankreich viele derselben mit ihren großen reichen Mitteln hieher und bemächtigen sich mit allen Künsten und Listen günstiger Gebiete zur Ansiedlung inner- und außerhalb der Stadt. Welcher Zukunft gebt da die mohammedanische Bevölkerung der Hauptstadt entgegen? Sie kann nur Anschluß an der regierungstreuen jüdischen Bevölkerung finden, die im besten Falle eine gesicherte Heimstätte hier sucht, aber sonst treu zur Regierung hält und nichts anderes als ihren Schutz sucht. Vom Aussehen der Stadt selbst ist leider nicht viel Gutes zu sagen. Es fehlt ihr alles, was eine moderne — selbst eine orientalisch moderne Stadt braucht; es gibt keine Straßenbeleuchtung, keine Wasserleitung, keine Reinigung, keine breiten Straßen, keine großen Plätze, geschweige eine Fahrgelegenheit für die Stadt selbst, das liegt schon an den engen mauernumgebenen schmalen Straßen, dieterrassenförmig aufsteigen, und man hat immer das Gefühl, man schreite zwischen Festuugsmauern. Mit Fahrgelegenheit kann man nur bis zu den Toren der Stadt gelangen, von dort an gebt es nur zu Fuß oder mit Mauleseln weiter, die sich geschickt und sicher überall durchdrängen. Ein Kanieel in der Straße macht sie schon für die Anderen schwer gangbar. Vor dem Jaffator stauen sich die Wagen, die Eseltreiber und Kameelkarawanen. Dort spielt sich auch der Hauptverkehr ab, denn in dieser Richtung liegt die Bahnstation von Jaffa nach Jerusalem und von dieser Seite gelangt man nach Bethlehem, Hebron und weiter in das Innere des Landes. Innerhalb des Jaffatores ist ein größerer dreieckiger freier Platz, dort befindet sich der Turm und die Festung Davids — „Migdal und Mezudath Dowid" auf der einen Seite — dieser gegenüber die jüdische Palästinabank mit ihren luftigen Räumen; die Spitze des Dreiecks nimmt eine türkische Kaserne mit einer sogenannten Hauptwache ein und die dritte Seite besteht aus dem schönen jüdischen Hotel Amdursky, von dessen drei Stock hoch gelegenen Plattform aus man eine bequeme Aussicht über die ganze Stadt gewinnt — den Platz, wo das Heiligtum einst gestanden, auf dem sich jetzt die prächtige Omarmo^chee erhebt, wie über die ganze Umgebung, die bis zu den moabitischen Bergen reicht. Außerdem finden sich noch die größeren modernen Geschäfte auf dem dreieckig abgegrenzten Raum. Das eigentliche Jeruscholaim mit seinem Bevölkerungszuwachse befindet sich jetzt außerhalb der Mauern. Da ist Bewegung, Verkehr, da gibt es breite Straßen, moderne Gebäude, da dehnen sich die neuen jüdischen Niederlassungen ringsumher aus, weit' und breit sind sie zu sehen; die Montefiorehänser, die einen großen Komplex bilden, gegenüber dem Jaffator; die Niederlassungen der russischen, ungarischen, temarischen und Bvcharajuden, der deutschen und österreichischen, imit ihr^n Synagogen, Anstalten, Lehrhäusern; da herrscht eine ununterbrochene Bautätigkeit; da ist europäisches Leben; da liegt das kommende Zukunftsbild Jeruscholaims in seinen kommenden Konturen abgezeichnet. Am Abhange des Zionsberges, der sich vom Jaffator der hohen Stadtmauer entlang hinzieht und weithin ausdehnt, ist auch der Sammelplatz der die schöne Aussicht und die gute Luft suchenden Einwohner. Da sehen wir am Freitag — dem Feiertag der Mohammedaner - die Araber der Ruhe pflegend lagern — am Sonntag ebenso die christliche Bevölkerung und am Schabbos die jüdrsche, dem Schabbosvergnügen sich hmgeben — wie wohltuend wirkt dieser Anblick für den fremden Juden — er fühlt sich heimatlich frei und frohbewegt. Rahels Grab und Bethlehem! Nach dem gegenwärtigen Zustande zwei Gegensätze. Bethlehem, ganz christlich, Kirchen und geistliche Anstalten verschiedener christlicher Bekenntnisse — die Bewohner zumeist Christen, nur ein verschwindender Bruchteil, einige wenige Einwohner sind Juden, und selbst die Araber sind in der Minderheit. Bethlehem ist ein christlicher Wallfahrtsort ersten Ranges. Das Grab Rahels,. welches eine kurze Strecke fast ganz nahe an Bethlehem liegt, ist eine jüdische Oase, die speziell den Juden erhalten blieb. Auch ein Verdienst des seligen Montefiore, deßen Name überall im heiligen Lande verewigt bleibt. Vis vor Jahrzehnten lag die Grabstätte offen, frei, man trat darüber hin, es war profaniert — Montefiore ließ ein Mausoleum darüber errichten, seither ist es von Juden betreut und regelmäßig besucht, es ist eine würdige Betstätte geworden. In einzelnen Gruppen haben wir das Grab besucht, und zwar in ganz kleinen Gruppen, zu verschiedenen Zeiten. Es war dies sehr vorteilhaft, denn nur so konnte man sich ganz und voll der Andacht widmen. Wir waren unser vier,' die wir an einem schönen Morgen hinausfuhren. Der Weg hin ist, wie um ganz Jeruscholaim, gebirgig, zumeist von uralten Oliveupflanzungen umgeben, die selbst auf steinigem Boden gedeihen, eine andere Baumart ist kaum zu sehen. Von Jeruscholaim bis zum Grabe Rahels fuhren wir 40 Minuten, Abwechslung bieten nur die Berge Kurz nach dem Jaffator sieht man links auf der Anhöhe die Kolonie „Moza", hoch und schön gelegen, eine jüngere Kolonie, von Jerusalemern gegründet und aus eigener Kraft gedeihend. Auf einer weiteren Strecke sieht man eine große Kirche, die Eliaskirche genannt, dann eine Wasserstation, sonst ist nichts Erhebliches zu bemerken. Rechts, knapp an der Fahrstraße, liegt das Grab Rahels. „Rahel weint um ihre Kinder", dieser erschütternde Vers klingt im Geiste, auf dem ganzen Wege hieher, man kann sich dieses Gedankens nicht erwehren, er begleitet uns bis zur heiligen Stätte. Das Mausoleum ist, wie aus den Bildern bekannt, im orientalischen Stile gehalten und so auch seine innere Einrichtung. Man tritt in eine zimmerhohe Vorhalle ein, von dieser in eine zweite dunklere und von da in die eigentliche kuppelbedeckte Grabeshalle. Sie hat beiläufig 4 Meter im Gevierte. Der mittlere Teil besteht aus einem sich erhebenden, mit Kalk schwach belegten Steine, der fast den ganzen Raum an den Seiten einnimmt, so daß im Zwischenraum ringsherum kaum für zwei Personen nebeneinander Platz bleibt, dessen Höhe fast bis zum Beginn der dunkelblau gehaltenen Kuppel reicht. Dieser Stein ist voll von jüdischen Namen beschrieben, kleinbuchstabig auf- und nebeneinander, viele tausende unleserliche Namen. Oben auf der Höhe liegen viele Zettelch'n mit Bittgebeten von Besuchern beschrieben. Ringsherum an den Seitenwänden eine Bank und über derselben ringsherum kleine goldgestickte Sammtmäntelchen mit den Namen der Spender versehen; diese bedecken Nischen, in denen sich Gebetbücher befinden, und eine Nische zur Ostseite, die zur Aufnahme von Thorarollen dient, welche zur Zeit gemeinschaftlicher Gebete hier benützt werden. Als solche gemeinschaftliche Gebetzeiten gelten der ganze Monat Elul, morgens und abends und an jedem Rüsttage des Schabbos. Da wird gemeinschaftlicher Gottesdienst gehalten. Immerwährend befindet sich ein angestellter Bediensteter da, der die Besucher des Grabes empfängt und ihnen die nötigen Auskünfte erteilt. An der Stirnwand, gegenüber der Eingangstür, sind kleine Marmortafeln mit Inschriften angebracht, die sich alle auf Montefiore und seine Frau Judith beziehen, in der Mitte derselben mit Goldbuchstaben tn Marmor, die Verse aus der heiligen Schrift: „Rahel weint um ihre Kinder, sie weigert sich zu trösten" u. s. w. Vor der Türe, zwischen dem Grabstein und dem Eingänge hängt eine Lampe mit vielen Oelbehältern, die von den Besuchern nach dem verrichteten Gebete angezündet werden, und an den Pfosten der Tür sind verschlossene Sammelbüchsen angebracht zur Aufnahme von Spenden für verschiedene wohltätige Zwecke. Ich erhielt von unterhalb der Grabesstelle Erde mit, eine feuchte rote Erde, ebenso Erde von den Seitenteilen des Mausoleums