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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-04-14 · 15 (14.4.1905) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
15 (14.4.1905)
Date
1905-04-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 Dr. JBlocb's MocbenscbrM. Seite 229 Wir haben, in einzelne Gruppen verteilt, die Klagemauer am Freitag abend aufgesucht, denn um diese Zeit wird dort gemeinschaftlich laut gebetet und die Sabbathbraut begrüßt. Wir verließen die Klagemauer nach dem Minchagebet, um in der größten Aschkenasimschul die Sabbathgebete zu verrichten und ihre Art und Weise kennen zu lernen. Wie bereits erwähnt, hatte sich das Wetter am Rüsttage des Schabbos gelichtet. Wir hatten daher Gelegenheit, wenn auch nicht weit ausgreifende Ausflüge zu machen, aber wohl das jüdische Leben kennen zu lernen. Auf dem Wege zur Klagemauer begegneten wir noch vor dem Jaffator, welches in das Innere der Stadt führt, einem jüdischen Leichenzug. Es war der Sohn des alten berühmten Lubliner Raw, der früh morgens gestorben war und schon zur Mittagszeit beerdigt werden sollte. Der Zug — mit seiner großen Menge — hielt mitten auf der Straße, wo Klagen angestimmt wurden, Männer mit Büchsen in den Händen gingen herum, um Almosen entgegenzunehmen. Der Tobte lag auf der einfachen Bahre, in weißen Linnen gehüllt, erschütternd im Anblick. Die Leiche wird so auf den Gottesacker gebettet, nämlich hingelegt, mit Steinen auf den Seiten umgeben, mit etwas Erde bestreut und auf die niedrige Steinballustrade, die in solcher Weise ringsum entsteht, ein einzelner großer platter Stein gelegt, der zugleich den Denkstein bildet. Der Friedhof selbst befindet sich am Abhange des Oelberges, der zur Stadt hinblickt, nach jener Seite hin, wo die Stadtmauern den Moriah umgeben. Der jüdische Friedhof end-t in der Tiefe, in dem Einschnitt, der gegenüber zum zum Moriahberg führt, auf dessen gegenüberliegenden Abhang sich der mohammedanische Friedhof befindet, der bis zu den Stadtmauern hinaufkriecht und seiner Länge nach bis zum Marientor und darüber hinaus führt. Es ist das Tor, wo die Lee« bvmo-Gasse mündet und von dessen innerer Seite links, auf dem Wege zur Stadt, der Weg znm einstigen Heiligtum führt, auf dessen Terrain nun die berühmte Omarmoschee aufgebaut ist. Der Abhang des O.'lberges, auf welchem der jüdische Friedhof sich der Länge nach ausdehnt, sieht wie mit Steinen gepflastert aus, es sind dies aber die liegenden Gräber. Hie und da sieht man eine Höhle, die im Innern mit Gräbern ausgestattet ist, die, wie der Talmud sie schildert, unter den Namen „Kuchin" bekannt sind. Tief am Abhange, mehr nach der Nordseite hin, sind die Gräber, die als solche der drei letzten Propheten — Chaggai, Secharja und Maleachi — bezeichnet werden; der elftere und der letztere in einem aus dem Felsen gehauenen Grab, welches sich als eine vorn mit Säulen versehene Grotte darstellt, und ein einzelnes Steinzelt mit spitzem Dache, welches als das Grab Secharjas gilt. In derselben Reihe, nördlich, das Denkmal „Jad Absalom", ein viereckiges Mausoleum, mit einem sich zuspitzenden Türmchen, auf welchem sich die steinerne Hand erhoben haben soll, wie sie sich einst gegen den Vater erhoben hatte, die von Napoleon, herabgeschossen worden sein soll. Es sind auch viele Steinchen auf diesem Denkmal bemerkbar, die die Mohammedaner auf das Grab werfen, nicht als Zeichen der Pietät, sondern als Symbol der Steinigung, die ein rebellischer Sohn nach dem jüdischen Gesetze verdient. Als wir von der Klagemauer zurückkamen, suchten wir die Synagoge auf, welche das Ziel bildete, um in derselben die Sabbathbraut zu begrüßen, wir hatten aber das Glück, ein Brautpaar begrüßen zu können, welches soeben getraut wurde. Selbstverständlich fand die Trauung nach altjüdischem Ritus unter freiem Himmel statt, auf dem schmalen Raume, welcher sich seitwärts vor dem großen Tore, der in das Innere der Synagoge führt, befindet. Wirkliche Tempelgesänge gibt es in Jeruscholaim bei gottesdienstlichen Handlungen nicht, wovon wir uns auch später beim Gottesdienste überzeugen konnten. Der Akt an sich selbst, wie er gottesdienstlich vollzogen wurde, konnte daher nicht von Interesse sein. Wohl aber interessierte uns das Brautpaar und seine Begleitung. Die Braut war ganz in Weiß gekleidet, das Antlitz vollständig verhüllt, eine hochragende Mädchengestalt, von zwei jungen Frauen geleitet, die geflochtene brennende Wachskerzen in den Händen hielten. So wurde sie nach der Zeremonie unter allgemeinen Glückwünschen hinaus geleitet. Ihr nach in weiterem Abstande der junge Bräutigam, gleichfalls eine hohe Gestalt, im Kaftan, mit schwarzsamtener Spitzenzobelmütze, in gleicher Weise von den Begleitern flankiert. Bei dem Bräutigam mußte unbedingt das entzündete Auge auffallen, welches mit der im Oriente allgemein grassierenden Augenkrankheit behaftet war - die leider zur heimischen Plage gehört, gegen die nur eine neue Kultur auftukmmen vermag, nämlich die Reinlichkeit, die überall im Orient fehlt und die für den Europäer das allernotwendigste Lebenselement ist. Nun eilten wir zur Gottesbraut, zum Empfang des — Schabbos. Die Synagoge der Aschkenasim — „Beth Jakob" genannt — ist die größte der 400 kleinen und großen Betplätze. Und dennoch ist sie nicht gar zu groß, sie imponiert jedoch durch ihre Höhe. Der ganze Jnnenraum ist von einer einzigen großen hohen Kuppel überdacht. Rings um diese Kuppel läuft eine Galerie, die den Frauentempel bildet, ebenso an der Gegenwand der heiligen Lade, in drei großen Rundfenstern, sind Sitze für Frauen bestimmt. Die Wände sind weiß, die Fenster hoch gelegen, in den Fensternischen Namen von Männern und Frauen mit schwarzen Lettern verewigt. Die Bimah ist sehr hoch in der Mitte des Tempels aufgerichtet, mit Bronzearbeiten verziert, die eine mächtige Lampe im Viereck umgeben. Die heilige Lade ist ein mächtiger Aufbau, der hoch hinauf bis an den Plafond reicht, gleichfalls mit vielen Bronzearbeiten, und von beiden Seiten von schönen Granitsäulen flankiert. Die ganze Vorderseite der heiligen Lade mit Lampen und Oellämpchen umgeben, deren Behälter kunstvoll gearbeitet erscheinen. Die Wand, die sich gegenüber der heiligen Lade befindet, zeigt über der Eingangstür schöne Malereien, die die verschiedenen Musikinstrumente darstellen, in der Mitte derselben der Vers aus den Psalmen. Kap. 137. in welchem Israel klagt, es könne aus fremden Boden keine Zionslieder anstimmen. Mit besonderer Freundlichkeit und brüderlicher Herzlichkeit wurden uns die ersten Plätze eingeräumt, wie überhaupt auf allen unseren Gängen in Jeruscholaim die herzliche Freude hervorgehoden werden muß, die uns in allen Formen kundgegeben wurde. Das traurige Bild des Elends und der Verkümmerung wurde dadurch gemildert, und wie schwer uns manches zu Herzen ging und wie vieles wir anderes zu finden wünschten, die Zeichen der Brüderlichkeit, die uns überall entgegengebracht wurden, der Jubel der sich kundgab, eine jüdische Pilgerkarawane in den Mauern Jeruicholaims zu sehen, ließ uns vieles vergessen und keine vorwurfsvolle Mißstimmung aufkeimen. Bis zum Beginn des Minchagebetes, welches ich schon verrichtet hatte, nützte ich die Zeit aus, um Näheres über die Synagoge zu hören. Dieselbe wurde vor 4H Jahren erbaut und zwar auf dem Platze, auf welchem einst Rabbi Jehuda daedagmä lehrte. Sie führt daher auch diesen Namen. Lange Jahrhunderte stand der Platz vernachlässigt da, er wurde als Ablagerungsstätte von den Mohammedanern benützt. Die Regierung wollte k ine Bewilligung zum Aufbau einer Synagoge geben. Als jedoch Sir Moses Montefiore vor 50 Jahren in Jeruscholaim war, setzte er es durch, daß die Bewilligung hiezu erteilt wurde. So erhob sich nun bald dieser große» schöne Bau, von beiden Seiten von Lehrhäusern umgeben und im rückwärtigen Trakte die Wohnung des Oberrabbiners. In derselben residiert gegenwärtig der berühmte greise Rabbi Schemuel Salant. Er zählt über 90 Jahre und ist, obwohl erblindet, voll Geist und Gesprächigkeit. Nach dem Gottesdienste, von dem nichts besonderes zu erwähnen ist, gingen wir zu diesem Manne, um ihm „8edabbo8 sedalom \raeworach“ zu wünschen. Es ist dies der hier übliche, von den Sephardim Überkommene Schabbosgruß. Freundlich ergriff er mit beiden Händen die meinige, als ich ihm vorgestellt wurde, und ließ sie nicht los, bis wir uns verabschiedeten. Wie Honigseim fließen die Worte aus seinem Munde, klar verständlich, gemeffen und belehrend. Er erzählte von der Zeit, als er nach Jeruscholaim kam, aus welcher Ursache er genötigt war, hieher zu kommen; teilte viel Interessantes aus seiner Vergangenheit mit, von seinem Umgänge mit Montefiore, der ihn auch oft in seinem Reisebuche rühmend erwähnt. Die Leute umdrängten ihn, er konnte sich der Menge kaum erwehren, und Jeder hatte das Gefühl, er stehe vor einem heiligen Manne und sein Segen sei der schönste Sabbathsegen, den man sich in die Heimat mitbringen könne. So ward dieser Schabbos für uns gewiß der heiligste, den wir je gefeiert haben, ein wahrhafter „8edabbo3 sedalom ums^oraed!" Friede und Segen überall! Jerusalem, 28. März. „Kann ein Volk auf einmal geboren werden!?“ ruft verwundert der Prophet. Gewiß nicht! Es braucht eine Riesenarbeit, ein seit vielen Jahrhunderten aufgelöstes, zersplittertes, vom Schicksal zerriebenes Volk, welches schon das Bewußtsein des eigenen Volkstums verloren hat, wieder zum Bewußtsein, zu neuem Leben zu bringen. Die Gärung, die bei einer solchen gigantischen Tätigkeit vor sich geht, sehen wir hier in und um Jeruscholaim vor Augen. Gewaltige Probleme harren da ihrer Lösung, und wie nach den Worten des Talmud vom Moriahfelsen aus, um den sich einst alle Heiligtümer gruppierten, die Gestaltung der Welt ausgegangen ist, so gestaltet sich das zukünftige Israel aus diesem Kern, der sich hier um diesen Mittelpunkt gruppiert. Wir täuschten uns daher, als wir glaubten, der Aufenthalt von etwas mehr als einer Woche würde genügen, um das innere Leben und Treiben der Juden Jeruscholaims kennen zu lernen; ihre Anstalten, ihre Wohlfahrtseinrichtungen, ihre Synagogen, ihre Vereine, es genügt nicht einmal eine Reihe von Wochen. Jeruscholaim, und speziell das jüdische, dehnt und streckt sich, es breitet sich wundersam von Jahr zu Jahr aus und alle Elemente des jüdischen Volkslebens, von allen Schattierungen und aus allen Weltteilen finden sich hier vertreten vor. Dies in einem Reiseberichte gebührend zu würdigen und von flüchtigem Auge betrachtet zu kennzeichnen, wäre eine Ueberhebung. Der allgemeine Eindruck ist, Israel lebt auf in diesem seinem Herzenszentrum und von hier aus wird sich eine speziell jüdische Geisteswelt bilden, die dann maßgebend für die heimischen Anschauungen der Aufgaben der Judenheit werden dürfte. Die Schulen, seien es die für Talmud oder die für die profane Ausbildung und für die Arbeit, bilden den Mittelpunkt des hiesigen jüdischen Lebens, die Kolonisation, die äußere Peripherie, wohin alles ausmündet. Sie einzeln zu schildern und auch nur zu benennen, erfordert eine ruhige Sammlung, die man erst zuhause in der stillen Gelehrtenstube finden kann. Genug daran, wobin man blickt, wird gelernt „Issodtzm sedomaim", Tausende Jünger sitzen Tag für Tag über ihre Folianten gebeugt, viele andere, sehr viele besuchen die Bildungs-

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