Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 228 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 16 Berliner Schablone" in Wien fruchtbareren Boden fand, als Donner geahnt hatte und daß die Kopie das Muster sogar überdauerte. — Die Behörden waren viel zu spät zur Einsicht gekommen, daß die Bewegung ihnen über den Kopf wachsen werde; und so hat Wien den Ruhm für das XX. Jahrhunde rt! Sollen wir noch von den unerlaubten Waffen der Gegner des „F r e i s i n n e s" sprechen? (Freisinnig heißt, „mit freiem Sinn", durch Bildung frei) Ich will ein krasses Beispiel geben: In meiner Lade liegt seit 8. Oktober 1881 ein Kuriosum, die Nummer 14 des „O e st e r r e i ch i f ch e n V o l k s s r e u n d". Die Gerichte hatten das frühere Blatt, Nr. 13 als Abklatsch der Berliner Hetz-Organe, verurteilt; (wie der Herausgeber hieß, oder der verantwortliche Redakteur, das ist auf dem Blatte nirgends zu entdecken.) An der Stelle eines Leitartikels sehen wir das Urteil vom 4. Oktober 1881, gezeichnet: „W e i t e n hi l l e r." Die Nr. 13 war konfisziert worden, wegen der Artikel: „Das internationale Jude n t u m", dann „Die Juden ruinieren den Handel", ferner: „Züchtigung eines jüdischen Redakteurs" rc. rc.; nach 8 302 Strafgesetz begründet, weil geeignet, „Andere zur Feindseligkeit gegen eine einzelne Nationalität oder überhaupt die Einwohner des Staates zu feindseligen Parteiungen rc. rc. zu verleiten." — Also der Tatbestand des ß 302 St.-G. war begründet. Was tut nun dieses Blatt? Es druckt das Urteil ab und dicht darunter: „Kauft nur bei Christen!" und das zwölf mal in demselben Exemplare; dann kommen Agitationsratschläge, dann „Unsere Judenjournalistik" mit der geistvollen Wendung: „Die gesamte Wiener Presse gipfelt in einer einzigen großen, häßlichen Krummnase, welche in ihrer Art nach öffentlicher Meinung schnuppert", und andere feine Wendungen; — kurz, neuerlich der Tatbestand 8 302 ohne jegliche Zeichen von Scham: So führte sich das Blatt mit Nr. 14 wieder ein. Unter „Aphorismen" heißt es später: „Das Judentum hat kein einziges Genie aufzuweisen". (Also Spinoza, Mendelssohn, Meyerbeer,Heine u. v. A. waren keine Juden?) Die Redaktion erklärt an der Spitze der Inserate zwar, sie nehme nichts von „unsoliden Instituten", von „jüdischen" und von „Schwindelfirmen" an, aber gleich darauf heißt es: „Teilnehmer, Kommanditäre zur Gründung eines lukrativen antisemitischen Unternehmens mit 1 - 2000 fl. Einlage werden gesucht Eine 20-prozentige (sage zwanzig) Verzinsung wird bei Sicher st ellung der Einlage garantiert. Nähere Auskunft in der Administration des Blattes." Sic! Sic! Dieses Blättchen lege ich jetzt in meine kulturhistorische Sammlung als Zeichen der erwachenden Aufklärung in Oesterreich sub 8. Oktober anno 1881 nach Christi Geburt! Was muß das nur für ein „lukratives antisemitisches Unternehmen mit 20^/o Verzinsung" gewesen sein? — Unten empfiehlt man selbst die Kollegen: „W a h r h e it", „Ostend-Zeitung", „Deutscher Antisemit", 12 röxirak (Ungarn), „W a cht am Rhein", „Halle'scher Thor-Bote", „Kulturkämpfer", „Ins W e s p e n - N e st" rc. rc. Auch wird da ein tüchtiger Agent und Abonnementensammler gesucht (IV., Favoritenstraße 20). Den Namen eines Herausgebers oder Redakteurs (wie gesagt) suchte ich vergeblich. Die sind verloren für mein kulturgeschichtlches Museum (Abteilung des Erlebten) anno 1881 (Oktober). Das schreckliche Elend der russischenJuden rührte diese Namenlosen aber nicht: Mit vornehmem Schweigen darüber verfolgten sie ihr Ziel. Nietzsche, damals schon viel genannt, war selbst nicht „Uebermensch" genug, um seine Ansichten für immer zu behalten: Er lieferte im „Umsatteln" den klaren Beweis, wie leidenschaftlicher Uebereifer in vorgefaßten Meinungen nur zweifelhafte Erfolge bringt. Sowohl Feuerbach wie Nietzsche werden mit Unrecht zu den „Antisemiten" gerechnet. Ja, dieser Letztere, der „größte Individualist", kann uns sogar ein Zitat schenken, das, gegen obigen Zeitungsinhalt verwendet, recht gut paßt; Nietzsche sagte: „Wieviel Verlogenheit und Sumpf gehört dazu, um im heutigen Mischmasch-Europa Rassenfragen auszuwerfen! — Gesetzt, daß man nicht seine Herkunft aus Borneo (oder Horneo) hat — Maxime: Mit keinem Menschen umzugehen, der an dem verlogenen Rassenschwindel Anteil hat." Das ist der „Antisemit" Nietzsche. So, und jetzt rechnet den Vater der „Uebermenschen" noch zu den antisemitischen Heiligen. Der Beweis liegt für euch im XIII. Bande seines Nachlasses (pag. 356)._ Eine jüdische Gesellschaftsreise «ach Palästi««. Von Rabbiner 28. N e i ch, Baden b. W. Jerusalem, 26. März 1905. Der Himmel weinte Tränen, als wir in Jeruscholaim anlangten und sie flössen in Strömen, sie schienen unversiegbar, der Sturm begleitete sie mit brausenden Tönen und dies dauerte an bis zum Rüsttage des Schabbos. Seither haben die Elemente sich beruhigt, die Sonne brennt tagsüber und der Frost erschüttert den menschlichen Lelb des Nachts — und wir fühlen mit dem Patriarchen Jakob, der da klagte: „Am Tage verzehrte mich die Hitze und die Kälte in-der Nacht, so flüchtete sich der Schlaf von meinen 2lugen." Hier auf heiligen Boden symbolisiert sich alles, so auch erging es uns mit diesen Regentagen. Sie erschienen uns als Tränen, die die trauernde Mutter vergießt und wir mischten die unserigen mit den ihrigen, wir die reuigen, schmerzdurchzuckten Kinder. Ein solch symbolisiertes Tränenbild zeigte sich uns, als wir die Gräber Davids und Salomos besuchten. Man gelangt zu denselben nur durch ein säulengetragenes Portal und unterhalb der einen Säule in der Mitte sind zwei kleine Wasserbehälter aufgestellt, in die von Zeit zu Zeit etn Tropfen von oben hineinfällt. Man schaut, man blickt um sich, man kann trotz aller Mühe nicht erkennen, woher die einzelnen Tropfen fallen; es sammelt sich immer in bestimmten Intervallen ein einzelner Tropfen, wie eine Tränenperle, auf dem Gesimse der Säule, still, unsichtbar, der melancholisch klopfend in die Behälter fällt; die Mohammedaner sagen, die beiden großen Könige weinen in ihren Gräbern. Wir Juden dürfen die eigentlichen Grüfte nicht sehen; man führt vns hinauf, fast bis auf das platte Dach, da können wir einen Blick hineiuwerfen, über wir sehen nur einen großen mit Teppichen belegten Saal und man sagt uns. unterhalb dieses Saales befinden sich die Grüfte. Für Mohammedaner ist von dem unteren Portal ein Seitengang hergerichtet, der in das Innere der Gruft führt. Dieses uns Juden kränkende Beispiel ist fast durchwegs maßgebend für alle uns heiligen Denkmäler, nach deren Anblick wir uns sehnen, die uns aber unerbittlich verschlossen bleiben. Nur eines ist uns freigegeben, wo der Jude dominiert, es ist die berühmte Klagemauer, da können wrr jederzeit frei hingehen und uns ausweinen. Sie ist jeden Tag vollbesetzt. Ein schmaler Weg durch hochanstrebende Mauern führt uns aus dem Judenquartier dahin, es begegnen sich in langen Reihen die Kommenden mit den Gehenden, still, schweigsam, traurig. Der Raum vor der Klagemauer ist länglich, schmal, viel beengter, als er uns auf den tausenden Ansichtskarten erscheint; er faßt kaum 100 Menschen. Ein Teil dieses beengten Raumes ist immer von ständigen Almosenbettlern besetzt, die so zudringlich sind, daß sie die erscheinenden, zerknirscht betenden Glaubensgenossen kaum das Gebet ruhig vollenden lassen. Sie drängen sich heran, Männer, Frauen und Kinder, sie umsummen das Ohr in vielerlei Sprachen, drängend, stoßend und jammernd. So wird uns selbst diese einzige zugängliche Stätte verkümmert. Die Mauer selbst ist sehr hoch, jedoch nur der untere Teil derselben, zwei Mann hoch, besteht aus der ursprünglichen Mauer, die noch von der Zeit des ersten Heiligtums stammt. Der obere Teil ist von späterer Zeit und die Mauer selbst ist nicht ein Rest vom Heiligtum selbst, sondern von der Stadtmauer zur Seite und in der Richtung, wo das Heiligtum einst gestanden ist. Dieser alte Mauerrest ist von Steinen in sehr großen Dimensionen aufgebaut, die aus hartem Granit ihre ursprüngliche Farbe bereits verloren haben; sie sind bis auf Manneshöhe vom Küssen und - Betasten wie poliert, von den seit Jahrhunderten darauf vergossenen Tränen gebräunt. Die Zwischenräume von einem Stein zum anderen sind so groß» daß man fast mit den Arm tief hineinlangen kann. Aus diesen Zwischenräumen blickt es in moosbedecktem Dunkelgrün hervor, es ist aber kein Moos, sondern scheint nur so. Ueber Manneshöhe sprießt pflanzenartiges Moosgewächs aus den Furchen, welches mit der Hand kaum zu erreichen ist. Es ist selbst unter diesen wenigen mächtigen Steinen sichtbar nachgebaut worden, einzelnes Flickwerk, welches als von späterer Zeit erkennbar ist; die einzelnen Steine sind voll mit hebräischen Namen beschrieben, wie man sie sonst auf Denkmälern von Ausflüglern hingezeichnet findet, unbeholfen, verkrümmt, ungleich, ein Vorgehen, welches nicht genug bedauert werden kann — es prosaniert.