Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021618--14416-3039124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 15 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Gelte 227 reichsten Männer des 18. Jahrhunderts betrachteten damals die M e n sch e n r e ch t e als das „heiligste G u t";in Amerika gab es keine neue Emanzipation, die Bewegung war nur in dem „Kultur-Europa" nötig. Die besten Zeitgenossen proklamierten mit Mirabeau die Gleichberechtigung; in Amerika haben die Juden auf dem Gebiete von Kunst und Wissenschaft die größten Verdienste, ebenso wie in Spanien die Araber und die Chaldäer in Asien vor ihnen. 1811 kam Preußen daran; Juden erhielten Gemeinde- und Universitätsämter; Kurhessen, wo sich Samuel Rothschild als ehrenhafter Patriot gezeigt, folgte nach; in Frankfurt a. M. wurde die Sperre der Judengasse aufgehoben. — Württemberg, Baden, Hannover, Sachsen, Baiern hinkten nach mit der Anerkennung der Menschenrechte. — Ich muß hier an Plinius denken und an sein Wort: „Für Menschen ist das schlimmste Uebel — der Mensch": Sie glaubten Alle, eine große Tat sei das Ende dessen, das bisher ein ungestraftes Verbrechen gewesen war. Dann kam wieder eine bittere Zeit. — Das Jahr 1848, dessen Früchte gerade von Gegnern der Judenemanzipation stets in ihrem Werte herabgesetzt werden, leuchtet wie ein erlösender Pharus in die dunkle Sturmnacht. Prinz Liechtenstein hat in einer Rede im Jahre 1904 die Juden wegen des Jahres 1848 beschuldigt; er hätte eher die Christen vor dem Jahre 1848 beschuldigen sollen, daß sie (nicht im Sinne des Stifters) jahrhundertelang Menschen wie Gefangene in engen „Ghettos" unterdrücken konnten. Mehr als 1900 Jahre lang hat der Fanatismus Blut vergossen und ärgere Wunden geschlagen, als die 1848 e r Bewegung. Mitte des 19. Jahrhunderts also kamen die Juden zu höheren Stellen: Der erste Advokat von New-Aork, Eduard Salomon (geb. 11. August 1828), war Gouverneur von Wisconsin (1862 — 63). Sein Bruder war Brigade-General; er siegte am Missouri (am 4. Juli 1863) und bei Jenkin Ferry (30. April 1864). Kriegs- und Staatsminister der konförderirten Staaten und Abgeordneter im Bundes-Kongresse war Juda Peter Benjamin. Man wendet oft die „Gründer-Zeit" 1871—73 mit ihren üblen Folgen gegen die Juden an. — „Nach einem Kampfe von 18 Jahrhunderten ist es (sagt Marx) natürlich, daß sie den Idealismus verdrängten; woher sollten sie ihn haben? Durch AusschließungEinzelner wird nichts genützt. Die Christen bedienen sich längst der Waffen ihrer Gegner, oder soll das Judentum seinen Sieg nicht benützen? Ihr knirscht auf der germanischen Bärenhaut, ich neige noch in staunender Bewunderung vor dem Volke der Semiten." „Israel ist die leitende sozialpolitische Großmacht geworden" (siehe L a s s a l l e). — Jetzt verfolgt man sie als „F r e imaurer"; das ist auch so ein Schlagwort, welches den Klerikalen stets geläufig ist und in einem Atem mit „A t h e i st" ausgesprochen wird, weil sie nicht ahnen, daß gerade die Freimaurer Theisten sind. „Die Freimaurerei hat kein Geheimnis, sie i st aber ein Geheimnis" (sagt Dr. Fischer), für I e n e (setze ich hinzu), welche des wahren Humanitätsgedankens unfähig sind und daher mehr darin suchen, als zu suchen ist. Die Frei maurer, meine i ch, begehen nur einen Fehler, sie stehen zu konservativ in den alten Formen, sie nähren, durch ihre Abgeschlossenheit den Verdacht der Finsterlinge, statt ihre Versammlungen öffentlich abzuhalten und ihre humanen Werke im Lichte der Sonne glänzen zu lassen. Wir leben im „Jahrhundert der Deutlichkeit", und beider allzudeutlichen Sprache der Fortschritts- Gegner müßten die Hüter der Menschenrechte die Masken abstreifen; Mystik ist doch Sache der Mönchs-Orden, Symbolik die der Liturgien; die Menschlichkeit bedarf nicht eines schützenden und bergenden Gewandes für ihre Mittel und Zwecke!- Seit 1873 („großer Krach") und 1874 („zweiter Krach") ist der Judenhaß wieder aufgelodert, vorerst in Spree-Athen, in der schöngeistigen Metropole des höchsten Wissens und Könnens! Fast 30 Jahre war es her, daß man die Juden emanzipiert hatte, als man wiederum sie zu unterdrücken begann; — Ende der 70er Jahre begann das widerliche Schauspiel, von dem Mommsen sagte: „Gesinnung der Kanaille". Im Jahre 1879 entstanden die famosen Statuten des Vereines „A n t i s e m i t e n - L i g a", welcher sein Bureau in Berlin (S. Prinzenstraße 48 (1) angab und Anfang Oktober im Verlage Otto Hentze's F r i e d r i ch (!) Straße (105 a) bei Schwabe diese „Satzungen" drucken ließ. Als Zweck dieses Vereines „nichtjüdischer Männer" wurde angegeben, „d a s Vaterland von der vollständigen Verjudung zu retten". Nach den Jahren 1870—71 und seinen ernsten Kämpfen sah sich eine „Vaterlands besreiung" dieser Sorte wie eine Posse an; so ein „ulkiger" Bombast, nachdem so viele Juden tapfer gerungen und für den Sieg geblutet hatten! Da möchte man wieder fragen: „Was ist des DeutschenVaterland?" und ergänzen: Jst's „Stöckerland", ists „H e n r i c i l a n d?" Nein, nein, viel größer muß es sein, es liegt im A n t i j u d e n - V e r e i n!! Zwar fehlte 1879 noch die amtliche Bestätigung auf den Statuten, aber die Hetze war da, erst „abgeschmackte Gaffenjungen-Demonstration", dann Ritual-Schnüffelei und das große Xanten!! Oesterreich-Ungarn konnte und durfte in diesem Kultursturme, bei diesem Triumphzuge der Zivilisation nicht hinter Deutschland zurückstehen! „S ch ö n e r i a n e r" ahmten das Beispiel nach und das freiheitliche, politisch reife Ungarn bot sein Tisza-Eszlar (1883), ein erhabenes Schauspiel für zarte Seelen! Ueber den Ritualmord sagt M a r r in einer sehr objektiv gehaltenen, meisterhaft geschriebenen Broschüre (aus dem Jahre 1879): ') „Ja wenn wirklich einzelne fanatische Juden im Mittelalter Christenkinder geschlachtet hätten (was historisch nicht nachweisbar ist und von allen jüdischen Gelehrten entschieden bestritten wird), so wären dies keine anderen Abscheulichkeiten, als es die Verbrechen überhaupt find, und berechtigten durchaus nicht zu einem generellen religiösen Haffe." Der Richterstand bei uns hat sich dem Ritualmärchen gegenüber objektiv gehalten; es war selbst Judenfressern unter ihnen zu abgeschmackt. Böser war es für die Jugend: Die Studenten hatten einen teutonischen Rückfall in den mittelaltstlich-barbarischen Fanatismus, und die Christlich-Sozialen traten bei uns die Erbschaft des Judenhasses an. Beide Parteien fühlten sich wohl auf dem Gebiete der raffiniertesten Ungerechtigkeit: Schönerer ist so, als Vertreter des bedingungslosen Deutschtums, ohne es damals natürlich zu ahnen, der „Vater des L u e g e r - C u l t u s" geworden! — Die christlich-soziale Richtung wurde als Gegengewicht gegen die „antidynastischen" Bestrebungen der „Deutsch- Nationalen" gehoben, und so holte man sich den Dr. Lueger als Schild. Das Ausland verstand die ganze Bewegung vorerst gar nicht: Die englische Presse wies Henrici's gemeine Beschuldigungen mit Entrüstung zurück und betonte, welchen A nteil die Juden bei der Gründung der freien Universität in London hatten. — Aber aus der gnädigen Ausnahme byzantinischer Annäherung erklärt sich auch die Verbindung des christlich-sozialen Führers mit einem österr. Fürsten: — Beide sahen sich als Apostel der Kaiser- und Reichstreue und zogen die Massen in das undeutlich markierte christlich-soziale Lager, das heißt unter der sorgfältigen Führung der thronerhaltenden Klerikalen und der abgefallenen Josefiner. — So sehr ich den „Nationalitäten-Rausch" hasse, diesen Mißerfolg hätte ich doch den Deutschtums-Fanatikern niemals gewünscht. Noch 1881 schrieb L. Donner: „Heute noch ist es das katholische Oesterreich, innerhalb dessen Grenzen eine Judenhetze nach Berliner Schablone unmöglich wäre." Wir mußten schon nach wenigen Jahren sehen, daß „die Judenhetze nach ') Marr: ,Der Sieg des Judentums über das Germanentum", 1879, (bei Costenoble).