Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Teile 226 Dr. Blocb’s Mocbenscvrtkt. Str. 15 keine sozialen Angelegenheiten aus dem Reiche, — ich hätte eher an einen Stahlbesen gedacht, als an einen goldenen Taktstock, wenn ich mir vergegenwärtigte, welche jahrhundertelange Unterdrückung wir zu rächen, welche schrecklichen Ungerechtigkeiten wir zu entlarven, welche Mißachtung der Gesetze wir zu rügen, wieviel Intoleranz wir ab zu bitten hatten! Werfen wir einen Blick in die Geschichte des men schlichen Elends, des Klassenhasses und später des Rassenhasses, es genügen einige Kapitelaufschriften, ein paar Zitate,, um die Haare zu Berge zu treiben. Im Altertume schon waren edlere Geister zu Pessimisten geworden. Diese Lebensauffassung erreichte ihren Höhepunkt in der römischen Kaiserzeit, vor Allem im ersten christlichen Jahrhundert. Pliniusder Aeltere (dessen Werke ein Alexander v. Humboldt bewunderte) eröffnete das siebente Buch seiner „Naturgeschichte" mit der Betrachtung des Menschen und seiner Eigenschaften. Er sagt, die Natur sei ihm eine „böse Stiefmutter". Kein Tier bekleidet sich mit fremder Hilfe; nackt werde der Mensch geboren; kein Tier vergieße Tränen; der Mensch vom Augenblicke seiner Geburt kann nur weinen, denn er ist in Fesseln, er, „derkünftige HerrscherderWelt", ist gebunden und beginnt sein Leben mit Schmerzen und Mißbehagen zur Strafe für die einzige Schuld: geboren zu sein!! Toren sagen, er sei zum Stolze geboren!! Jawohl, er lacht zwar nach 40 Tagen schon, aber nicht oft mehr: „Kummer und Luxus machen ihn zum Sklaven" und der „Haß der Menschen". „Wilde Löwen kämpfen nicht unter sich, Schlangenbisse sind nicht für Schlangen, aber fürMenschen ist das schlimmste Uebel:-der Mensch"! Die Sklaverei im römischen Reiche währte fast 1000 Jahre. Freigelaffene gab es wohl, aber für die Unfteien kein Mitleid. Mit Leib und Seele waren sie Opfer ihrer Tyrannen. Waren später die Frohndienste leichter zu tragen, so haben doch „Hörige" selten den Honig der Menschenliebe gekostet. Ist es da ein Wunder, daß der Bauer mit der Zeit das Recht begehrte, daß der Bürger sich zu fühlen begann und jene, die sich nicht verteüügen konnten, so behandelte, wie er selbst von den gütigen Landesvätern behandelt worden war? Die „Bischofstädtischen" hatten es allerdings bester: ständigen Hof. blühendes Handwerk, aber es ist traurig, daß gerade Vertreter des humanen Christentums Haß und Zwietracht säeten auf Grund der Verschiedenheit der religiösen Anschauungen. Die Denkfaulheit der Masse hinderte diese, selbständig zu forschen und zu urteilen; sie huldigte den Vorurteilen und verurteilte, ohne zu prüfen. Die Juden in der Türkei und in Ungarn hatten bald bessere Stellung, als die in D e u t s ch l a n d; dem „Feuertode" entronnene Spaniolen- Familien genossen lange noch die große Achtung im Orient: noch vor wenigen Jahren erzählte der Orientreisende L. Kanitz, daß die Türken den spanischen Juden das größte Vertrauen schenken und ihr Gut, wenn sie abreisen, am liebsten bei „Spaniolen" deponieren. Schleidens nennt die Juden „Das merkwürdigste Volk".-„Ganz Europa hat sein Mittelalter gehabt, die Zeit der Rohheit, des geistigen und sittlichen Verfalles, nur die Juden machen eine Ausnahme. Trotz Zerstreuung und Unterdrückung hat sich ihr geistiges Leben ununterbrochen entwickelt und den übrigen Völkern die Grundlage der Sittlichkeit und des geistigen Lebens bewahrt und überliefert. Ihnen danken wir die Erhaltung und Wiederbelebung der Wissenschaft." Der erste Lichtstrahl, welcher in die Ghettos des Kontinents fiel, kam aus den holländischen Generalstaaten * 2 3 4 5 6 7); durch die Inquisition vertriebene Israeliten fanden dort 1625 Freiheit und Recht. Manches stolzen „Kulturvolkes" Entschluß, dasselbe zu tun, datiert drei Jahrhunderte später! 1650 folgte Oliver y Schleiden (in Wiesbaden) „Die Bedeutung der Juden". Leipzig, 1879. 4. Aull. ') F. Donner „Das Judentum in den Vereinigten Staaten". Eine Bekehrungsschrift für die Herren Stöcker, Henrici, sowie für alle Jndenhetzer. Wien, 1881. Cromwell') im englischen Handelsinteresse. Man bewundert die ersten Apostel der Emanzipation; aber ich frage: taten sie mehr, als was naturgemäß ist, zur Erhaltung des Staates' notwendig schien? Weil man heute die Wissenschaft vorwärtsstreben sieht, glaubt man, die Speichen des Flugrades könnten Alles abstreifen, was sie hindernd umklammert; weil die soziale Gehirnarbeit zum Teile eine krankhafte ist, so konstatiert man die Tat von 1625 als „a u ß e r o r d e n t li ch", nicht als „p f l i ch t g e m ä ß". Das 18. Jahrhundert hatte seine Philosophen: Die Sage von den 3 Ringen ist „das Schönste, was je an Poesie der Toleranz" geschaffen wurde?) Lessing's „Nathan" aber ist heute noch gefürchtet. Aber auch das 18. Jahrhundert hatte seine Schattenseiten: So findet sich im Straßburger Stadtarchive eine Polizei-Ordnung aus dem Jahre 1708*), die besagt, daß „Niemand mit den Juden oder Judengenossen durch 2. oder 3. Hand, heimlich oder öffentlich, in oder außerhalb der Stadt (Straßburg) innerhalb 8 Meilen Weges, Handeln, Wechseln, Vertauschen, Verkaufen rc. rc. dürfe, außerhalb Essensspeis' um baar Geld und die „Pferdhandlung" bei Strafe von 50 Pfund Pfennig oder wohl höherer Strafe auf Seite des Christen, Verlust des Geldes auf der des Juden." — Im „O e st e r r e i ch i s ch e n Erbfvlgekriege" zur Zeit der Wiedereinnahme von Prag (1743) kamen die Juden, welche im Verdachte waren, den Bayern und Franzosen behilflich gewesen zu sein, am schlechtesten weg?) Husaren überfielen nach dem Einzuge am 7. Jänner 1743 die Judenstadt und plünderten. F ü r st L o b k o w i tz, der Kommandant, steuerte dem Unwesen. Am 29. April traf Maria Theresia in Prag ein und am 12. Mai wurde sie zum König von Böhmen gekrönt?) Auch Maria Theresia selbst hatte eine Abneigung. Wir lesen zwar bei Ad. Wolf („Oesterreich unter M. Theresia" Wien, Gerold) 1855) auf (p 110): „Maria Theresia war gerecht bis zur Aengstlichkeit", aber (p 112) dann: „In Prag durften keine Juden den P a l a st betreten." In Preßburg vermied sie die Fahrt durch die I u d e n g a s s e. Ja, 1746 befahl sie sogar, daß alle Juden dieMonarchie verlassen sollten (l. Gelübde). Der englische Gesandte legte Fürbitte ein. Sie meinte, er sei von „jüdischem Gelde bestochen". Erst Herzog Karl, Kurfürst von Polen, und der Papst sprachen mit Erfolg für die Juden. Da gab sie nach°), Ein Gegenstück zur Sittenkommission der in beiden Fällen von den Jesuiten schlecht beratenen Kaiserin. Kaiser I o s e f's II. Andenken leuchtet in der Toleranzfrage umso heller. 1782 verwirklichte Kaiser Josef die Emanzipations-Ansichten eines L essin g, Böhm, Herder rc. Daran erinnert mich jedesmal, wenn ich beim Rathause vorbeigehe, die gegenüberstehende Statue des Sonnenfels; der ist wie ein Warnbild nicht ferne der Gasse in der Josefstadt, wo man trotz der Grundgesetze es wagen durfte, eine B u r g d e s Hasses, den „A n t i s e m i t e n - H o f" zu bauen und den Namen zu belassen. Dürfte man einen „S oz i a l i st e n h o f" bauen oder einen „Freidenker-" oder einen „F r e i m a u r e r-H o f"? Zweierlei Maß!! 1790 hat die französische Nationalversammlung den portugiesischen und spanischen, 1791 den deutschen Juden im Elsaß das Bürgerrecht verliehen?) — In Nordamerika tat sich schon 20 Jahre früher ein Jude (David Frank) als Berater Georg Washington's hervor und nahm 1776 Anteil an der Gründung der „Union". 1791 brach Mirabeau eine Lanze für die Juden. Die besten und einfluß- Earlyle, 1868. Letters aud Speeches of Cromwell. *) Moor. 3) C. 2 öper. Zur Geschichte des Verkehres in Elsaß-Lothringen, Straßburg, 1873 (p. 243). 4) Sporschil. Oesterreichische Geschichte VI B. p. 53 1844. 5) Ebenda. 6) Bei Ad. Wolf (Titel wie oben). 7) Nachdem sie 1370—1770 gänzlich aus dem Elsaß verbannt gewesen, wo sie noch 1708 (siehe oben) nur durchziehen durften.