Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. IS Dr. Bloch’s Jahrgang XXII Centralorgan für die grsammten Interessen des Iudenthums. L. k. PoflsxsrrsVrn-Amk Clesrins -Verkehr Nr. 810.976. Lrdsrtton und Ad«inistrntton: Wir» IX/1, Vrrggafsr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Wie«, 14. April 1905. Ersch eint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Derggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, S?ieu. f Serngsprei» fltr Vestrrrrtch: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Krone», ganzjährig 20 R Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 24 Heller. Znkalt: Leitartikel: Abwehr. — Eine jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Die Bittschrift der russischen Juden. Die Handelsbeziehungen der deutschen Juden im Mittelalter. Christliche Liebe — jüdischer Rachegott. Th« Jewish Encyclopedie Band IX. — Korrespondenzen: Die Synagoge in der Seitenstettengasse. Zur Reform der jüdischen Armenpflege. Generalversammlung des Vereines „Kinderheim". Antisemitische Roheit. Wie antisemitische Exzesse hervorgerufen werden. Berlin. Paris. Offizielle Judenhetze in Rußland. Odeffa. Ein Roman aus dem Newyorker Ghetto. — Vermischtes: Wien. Zur Nachahmung empfohlen. Erster Wiener Jüdischer Turnverein. Kranken-, Witwen- und Waisen-Unterstützungsverein „Chesed schel Emes“. Prag, Czernowitz, Bielitz-Biala, Etsdorf am Kamp, Bielitz, Troppau, Györ, Köln a. Rh. Alliance Israelite Universelle. — Feuilleton: Ein Autodafe in Oesterreich im Jahre 1748. — Literatur. — Neue Bücher. — Brieskasten. — Inserate. Abwehr.*) Zwei Vortrage. Von I. v. D—f. I. (April 1905.) Mich widerte von jeher alles an, was unschön, unmenschlich, niedrig, 'derb und roh ist. Wenn ich auf Unedles stieß, so hatte ich die Empfindung, ich möchte mit einem gewaltigen Besen — als Zuchtrute — den Boden, auf dem ich eben stand, vom Kehricht des gemeinen Alltagslebens reinigen und mich erheben, über dem Erdbälle schweben, io hoch, daß man nur mehr eine große Masse — d i e Gesamtheit der Menschen — aber nichts mehr von verschieden gefärbten Individuen, nichts von geistigem Unrate erblicken könnte. Da ich aber nicht Besitzer einer solchen Flugmaschine, wie sie mein Idealismus ersehnt, bin, so mußte ich eben bleiben, nur an das Reinigen der allernächsten Umgebung denken und nach Gleichgesinnten suchen. Ich fand solche: Wir verbanden uns. Ein Verein hat verschiedene Gesichtspunkte für den, der demselben Beitritt: Einerseits legt er Verpflichtungen auf durch Majoritätsbeschlüsse und begehrt Disziplin, d. h. Einigkeit der Leiter nach Außen, anderseits lähmt er den freien Flug, den Impuls, die Kampfesfreudigkeit durch Formen, Rücksichten für den Kampf um des Vereines Dasein. Ich war schon früher für die liberale Sache in Wort und Schrift tätig gewesen; mein Liberalismus, in der Schweiz und in Amerika wurzelnd, glich nicht dem abgedämpften Jofephinertume, das, aus dem Vormärze stammend, damals gewiß sehr hoch stand auf der Stufenleiter der Aufklärung; mein Liberalismus gehörte aber auch nicht der Richtung des „Nationalitätendusels" an, denn ich hatte in der weiten Welt gelernt, daß jede Nation sich selbst für die höchst stehende halt und daß j - d e ebenso viel gute Eigenschaften, wie Schwächen besitzt; kurz, ich war draußen zum Kosmopoliten geworden und erkannte in der allgemeinen Annäherung, in der Verbrüderung, im innigen Ver¬ *) Dieser Aufsatz war als Vortrag gedacht, wurde aber wegen der Reichhaltigkeit des Programmes im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" pro 1905 nicht mehr angemeldet. (D. V.) kehre, im Völkerfrieden das Glück der Zukunft. Ich fand, daß gerade die auf tiefster Stufe stehenden Insulaner immer die ärgsten Chauvinisten sind. Das: „ich bin stärker und besser als Du" haben Kinder und Naturvölker; zivilisierte Nationen brauchten das nicht zu kopieren. Hier Völkerverbrüderung auf den Weltausstellungen — dort Haß und Kampf in den Spalten der Blätter; hie Nationalfrieden bei den Kongressen — da Gift und Galle im Parlament; diplomatische Verhandlungen, Handelsverträge, dagegen Hindernisse, Usancen, Schadenfreude, Zollplackereien im Verkehre. Kurz, zurückgekehrt nach Wien, konnte ich eine fortschrittliche Richtung mit nationaler Beschränkung nicht mehr fassen und ich hatte das Gefühl, ich müßte mich freimachen von dem Einflüsse der Leisetreter, der Bureaukraten, der Aengstlichen und Falschen und allein meine Wege wandeln. Es kam anders und die 25 Jahre währenden Kämpfe um die Ausbildung meines geistigen Kindes, des Wisse nschaftlichen Klub in Wien (gegründet 1876), dem zwar keine bösen Feen an der Wiege geflucht hatten, aber schwache und verschrobene Grundsätze eingeblasen worden waren, endeten mit der Niederlage der Ideale, welche bei der Gründung uns geleitet hatten, deren Höchstes für mich war: „Im Klub sind alle gleich." Indessen war der „V e r e i n z u r A b w e h r" gegründet worden und in ihm glaubte ich neuerdings zu finden, was ich suchte: Annäherung, Verbrüderung in einem Bunde, in dem „alle gleich find". Ich weiß, der moderne Mensch lacht, wenn man Ideale anruft; er würde aber nicht so bequem leben, nicht so frei atmen, hätten ihm Idealisten nicht die Hindernisse weggeräumt; denn alle Forscher und Erfinder sind Idealisten. Im Vereinsleben war ich stets den Minoritäten zugeneigt, immer bereit, die Ueberstimmten, Unterdrückten für berücksichtigenswert zu halten. Mir war der Fehdehandschuh zu sehr mit Sammet versetzt, anstatt aus Stahl zu sein, darum kam ich bald selbst zu den „Desavouirten", weil man meine Konsequenz zu fürchten begann. So war eS im Wissenschaftlichen Klub. Im „Verein zur Abwehr" war der Ton auch ein zu glatter, konventioneller, ich möchte sagen vornehmer. Mit artigen Verbeugungen komplimentiert man