Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Seite 221 Dr. Llocb's MocbenscbrM. unmenschlichen Martern (beim dritten Foltergrade wurde der Unglückliche mit zwei Bündeln Fackeln, von denen jedes aus vier Stück von sechs Daumen Länge und Daumendicke bestand, unter den Achseln gebrannt) ihn weder zu einem Geständnisse bringen, noch bewegen, seiner Religion untreu zu werden. (Schluß folgt.) Literatur. Der Talmudbauer nnd Anderes von Heinrich Aork- Steiner. Jüdischer Verlag, Berlin. Im „Talmudbauer" feiert der Zionismus seinen poetischen Vorfrühling. Das kühne Ideal dieser neujüdischen Bewegung hat sich hier im kleinen Kreise schon erfüllt, denn alle schlummernden und mißbrauchten Kräfte der beengten, jüdischen Seele treten daselbst in zielbewußte Wirksamkeit, da dem Sohne des Exils nach langer Duldung das beflügelnde, traute Glück der Heimat winkt. Dieses schöne Werk ist sozusagen wieder ein Teil jenes gebührenden Tributs, den der Zionismus seiner Schöpferin und Ernährerin, der Poesie, abzustatten hat. In einer jüdischen Dichterseele keimte und sproßte der erste Zionsgedanke und Alles, was dessen Anhänger an Argumenten ins Treffen führen, ist nicht so verlockend, als der poetische Hauch, der seine Verheißungen umgibt. Die Poesie hat dem Zionismus das Dasein geschenkt, sie begleitet ihn auf seiner wechselvollen Bahn, sie wirbt ihm Freunde und wo es seinen Lehren an überzeugender Kraft gebricht, stellt sie sich ein und singt und kost und klagt und erzählt und webt bunte Träume in den Schleier der Zukunft. So hat denn die Dichtkunst die ersten, greifbaren Früchte des Zionismus gezeitigt und Iork-Steiner, der begeisterte Vorkämpfer der national-jüdischen Bewegung, versteht es, wie kaum ein Anderer, die schönsten Früchte zu pflücken und sie dem lesenden Publikum mundgerecht zu machen. Der „Talmudbauer" ist entschieden vortrefflich in seiner Art, da verrät Handlung, Bau und Form seinen Meister, da ist Alles lebensvoll und real und die Tendenz ist nicht aufdringlich, sie lugt nur scheu aus mancher bescheidenen Ecke hervor. Ueber Alles lieb und erfreulich sind mir aber die Zwiegespräche. Bibelkundige Zungengewandtheit und talmudische Schlagfertigkeil verleihen der Sprache Innigkeit, Charakter und Wesenheit. Den einzelnen Gestalten wohnt urkräftige Lebenswahrheit inne, o, ich kenne sie Alle, den Juden mit dem österreichischen Dialekt, dem das Mißlingen seiner Anbiederung an die Christen schmerzlich stimmt und ihn in die Arme seiner Glaubensbrüder etwas verspätet zurückführt. Ich kenne auch Reb Joine sehr gut, den starren Hinterweltler, — nach einem Ausdrucke Nietzsche's — der sich in der engen Luft metaphysischer Verzückungen selber festgebannt, alle, alle sind voll Blut und Leben, voll leibhaftiger, beweglicher Wirklichkeit. Die Erzählung beginnt mit dem Schicksale Schönberger's, der als einziger Jude in einem österreichischen Dorfe wohnte, und als seine Frau starb, erging es ihm wie dem Patriarchen Abraham, man wollte ihm für seine verstorbene Gattin keine gebührende Ruhestätte geben. Im geweihten Boden des katholischen Friedhofes darf keine Jüdin ruhen. Nach einer Szene voll ergreifender Tragik lädt er die Leiche auf einen Wagen, führt sie von dannen, um sie „ins Ungarische" nach ihrem Heimatsort zu bringen. Dieser Schönberger entschließt sich später, nach längerer Irrfahrt, nach Palästina zu gehen, dorthin zieht es auch Reb Joine, der ein lichtloser, unbeugsamer Himmelsstürmer ist. wie man so manchen dieser Sorte noch heute in vielen Städten Galiziens und Ungarns begegnet. Er lernt und lernt und verachtet mit stolzer Entsagung alles Zeitliche, verklärte Wonnen und erkünstelte Seligkeiten quellen ihm aus seinen weltentrückten Idealen. Es vergehen Jahre und Reb Joine, der sich in „Chüzeleorez", das heißt außerhalb Palästinas, Familienfreuden versagte, wird in Jerusalem Vater eines einzigen Sohnes. Dieser wächst heran und wird, geleitet von seinem Verstände und von Ratschlägen eines Arztes, trotz seiner arbeitsfeindlichen, zelotischen Umgebung, ein begeisterter Verehrer werktätiger Regsamkeit. Er beginnt als Handlanger bei einem Bau, wird dann Feldarbeiter, Landmann und Kolonist. Schönberger läßt sich in derselben Kolonie nieder und so sehen wir am Schluffe, wie alle Beladenen und Gekränkten, alle Irrenden und Befangenen an der eigenen Scholle stilles Glück, Erhebung. Erlösung und irdische Freuden finden. Ja, in der Heimat, da erblüht den Gemütern eine wundersame Harmonie und über allen Weltschmerz, über alle unsinnigen Lehren des Entsagens ist die Schaffensfreude und der Tatendrang siegreich. So schließt denn die Erzählung, an derem Eingänge Geistesenge und soziale Demütigung waltet, voll Versöhnlichkeit, voll innerem und äußerem Frieden. Von den späteren Gaben des Schriftstellers ist vielleicht „Malhurka" die schönste und ergreifendste. Da fügt sich Alles psychologisch ineinander, düstere Wahrheiten liegen in den Gestalten und die niederschmetternde Tragik im Hause des Kaufmannes ist enge verknüpft mit den großen, sozialen Bitternissen der Juden. Heiteren Inhaltes ist „Mendele Lohengrin". Mendele, der Klesmer lSpielmann), war bei einer Lohengrin-Vorstellung im Wiener Opernhaus. Er ist entzückt und ein gesprächiger Sitzuachbar erklärt ihm die bahnbrechende Bedeutung Wagners in der deutschen Musik. Bon diesem Augenblicke an spukt es ihm im Hirne herum, Wagner, „dem Prophet in der Musik", will er huldigen und an Hochzeiten nichts anderes als den Lohengriumarsch spielen. In seinem Wagnerkultus wird er aber schmerzlich ernüchtert, als ein jüdischer Student ihm die Mitteilung macht. Wagner sei ein Feind der Juden gewesen. Nach kurzem Schwanken siegt in ihm das Judentum über die Kunst und fürderhin schweigen seine Saiten von Lohengrin und von seinem Marsche. Aork-Steiner hat sich liebevoll in das sogenannte Khilleleben vertieft, er kennt es und besitzt die ucidenswerte Kunst, es unverfälscht und unverblaßt in die Poesie zu verpflanzen. Es wäre nur zu wünschen, daß er in einem zukünftigen Werke der jüdischen Heiterkeit und Gemütlichkeit mehr Spielraum gewähre. Denn der Jude hat bei aller Trübsal seines Geschickes ein heiteres Gemüt bewahrt und es lohnt sich zweifellos der Mühe, auch diese ergötzlichere Seite jüdischen Lebens und Fühleus ins Reich der Literatur einzuführen. Keiner ist dazu mehr' berufen, als der geniale Aork-Steiner. Prof. Philipp Nasch, Zsolna (Sillein). „Die Familie Zvi." Die russischen Studenten Berlins veranstalteten in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag im Moabiter Stadttheater zu Berlin wieder eine Theateraufführung. Diesmal spielten sie das vieraktige Drama „Die Familie Zvi" ihres Landsmannes David Pinsky. Dieser Schriftsteller, dem Kreise Gorkis angehörig, ist in Deutschland erst wenig bekannt; gegenwärtig lebt er flüchtig in New-Aork. In seinem Drama spricht er mit mächtigen, dichterisch starken Worten zu seinen jüdischen Landsleuten in der ihnen geläufigsten Sprache, im Jargon, von den Leiden ihres Volkes, von den geistigen und politischen Kämpfen, die es heute erschüttern. In der „Familie Zvi" gibt er ähnlich wie Tschirikow in seinen „Juden" ein Gemälde von dem Leben der russischen Juden während der letzten Verfolgungen, eine Dichtung von künstlerischer Bedeutung und symbolischem Gehalt. Es ist der letzte Tag des Passahsestes. In die Familie des Gelehrten Zivi dringen beängstigende Nachrichten von einer neuen Judenhetze, die in dem Städtchen ausgebrochen sein soll. 'Der Alte will hinaus, um das Teuerste, den Tempel und die heilige Schrift zu schützen, aber er ist allein. Sein Sohn ist ein kleinlicher Geist, der - nur für sein Geschäft und die Bedürfniffe des realen Lebens sorgt. Auch seine drei Enkelsöhne, auf die er jetzt noch hofft, verlassen ihn, wenn auch aus edleren Gründen als ihr Vater. Sie erklären dem alten Zvi, daß das Leben über seinen patriarchalischen Glauben zu neuen großen Forderungen hinweggeschritten ist, und anstatt ihm in die Synagoge zu folgen, stürzen die Jüngsten, der eine Zionist, der andere Revolutionär, zu ihren Verteidigungsorganisationen. Als nun der greise Zvi sich nun auch von allen anderen Mitgliedern seiner Gemeinde verlassen sieht, geht er allein in den Tempel, um ihn vor Verunreinigung zu schützen; allein ein Held, dem die hohe Idee teurer ist als das Leben Noch ein-