Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 220 Dr. Dlocb s Mlocbenscbrtrr. Nr 14 einem Tanzkränzchen. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. M. .Frankfurter begrüßte die Anwesenden und legte in seiner fesselnden Ausführung die Bedeutung des Purimfestcs auseinander; hierauf folgten einige Deklam> tionen jüdischer Gedichte. Dem Purimfest angemessen, wurde das Langer'sche Schauspiel „Ein Wort an den Herrn Minister" zur Aufführung gebracht. Sämtliche Mitwirkende haben ihre Rollen gut aufgefaßt und vorzüglich gespielt. Insbesondere sind hervorzuheben Herr Rosenzweig (Oppenheimer), Herr Großmann (Fürst Kaunitz), Frau Herzler (Neltl) und Herr Herzog (Hansl), auch Fräulein Salzberger (Mad. Auberdin), Herr Braun (Dangelhammer) und Herr S. Herzler (Lafleur) haben ihre Sache brav gemacht. Auch eine Purimzeitung ließ das Festkomitee erscheinen, deren Vorlesung nicht wenig zur gemütlichen Stimmung des Abends bcigetragen hat. Ein lebendes Bild „König Ester's Audienz beim König Ahasveros" vervollständigte das gelungene Programm. Der hierauf folgende Tanz dauerte bis gegen halb 4 Uhr morgens. Das Reinerträgnis des Abends war ein schönes und konnte das Vergnügungskomitee ein ziemliches Sümmchen dem Tempelbaufonde zuführen. Um das Zustandekommen des Abends haben sich die Herren Neubach, Herzog und Rosenzweig die meisten Verdienste erworben. Feuilleton. Gm Autodafe irrGesterrrich im Jahre 1748. Die Geschichte der verschiedenen Sekten in Böhmen im vorigen Jahrhundert, namentlich der Abrahamiten, sogenannte Israeliten und Deisten, ist noch gar nicht bekannt und noch weniger sind deren Beziehungen zum Judentum.e aufgehcllt. Kaiser Josef, einer der freisinnigsten und edelsten Regenten in der Geschichte, verfolgte diese Sekten mit einer schonungslosen Härte und Strenge, die einen merkwürdigen Kontrast zu dessen allbekannten toleranten Gesinnungen bildet. In dem Reskripte gegen die Deisten rc. in Böhmen vom 11. März 1783 heißt es: „Es befindet sich auf der Pardubitzer Herrschaft in Böhmen eine Anzahl Leute u. s. w., welche dem sogenannten Deismus zugetan sind. Seine Majestät haben den allerhöchsten Entschluß abgeschöpft, daß, nachdem diese Leute unabweichlich bei ihrer falschen Irrlehre zu verbleiben sich erklärt haben und hartnäckig darauf beharren, Seine Majestät aus solchem und dem weiteren Anbetracht von der Besorgnis der Ansteckung und Verbreitung dieser so gemähligen Irrlehre für notwendig finden, daß selbe von ihren Häusern, Grundstücken und Habseligkeiten, welche ihren unmündigen Kindern, die nicht 13 Jahre erreicht haben rc., verbleiben, insgesamt abgestiftet, von dem Militari ordentlich übernommen, diejenigen ron männlichen Geschlecht als Soldaten behandelt und für die in Slavonien, Fiume, im Temesvarer Banat u. s. w. befindlichen hungarischen Garnison-Regimenter, jedoch ohne Rücksicht auf Alter, Größe oder Gebrechlichkeit, dergestalten assentiert werden sollen, daß über ihre Umstände die nötige Bemerkung gemacht werde und nicht mehr als fünf bis sechs zu einem Garnison-Batallion kommen u. s. w." Im April 1783 wurden durch Wien unter militärischer Bedeckung ungefähr 120 Deisten beiderlei Geschlechts und außer diesen noch einige sogenannte Israeliten oder zum Judentume abgefallene Christen transportiert, um in die genannten Grenzregimentcr eingcreiht zu werden. Wir haben eine kleine damals erschienene Broschüre „Geschichte der Abrahamiten, Israeliten und Deisten in Böhmen nebst ihrem Glaubensbekenntnis", einen Beitrag zur Toleranz-Geschichte vorliegen, die das Aufsehen, welche diese Transportation damals machte, ausführlich schildert. H. Dr. L. irrt daher, wenn er Pitha für einen Anhänger des Sabbathai Zebi hält; derselbe gehört ohne Zweifel zu den sogenannten Israeliten, eine Sekte, die damals in Böhmen zahlreiche Anhänger zählte. Wir lassen nun den Artikel ohne weitere Bemerkungen folgen: In irgend einem Winkel des Prager Nationalmuseums hängt eine große Schilderei, buntbemalt im Stile des vorigen Jahrhunderts. Der Kunstwert des^Bildes, das einem unbekannten Dilettanten der edlen Malerkunst seinen Ursprung verdankt, dürfte wohl niemanden zur näheren Betrachtung desselben cinladcn, aber die Szene, welche es darstellt und die offenbar mit chinesischer Genauigkeit bis ins kleinste Detail nach der Natur gezeichnet ist, ist so grauenhaft, daß wir ihr unwillkürlich unsere Aufmerksamkeit widmen müssen. Da steht scharf markirt im Bordergeund ein städtischer Kriminalrichter, den gebrochenen Weidenstab in der Hand; neben ihm beten Patres Missionäre, deutlich durch Talar und Schaufelhut gekennzeichnet, bei einem Manne, der von zwei Henkersknechten in einer Kuhhaut geschleift wird. Ein großer Bart verdeckt.sein Gesicht, seine rechte Hand hält den Rosenkranz, die linke die Bibel, der matte Blick ist auf den Scheiterhaufen, bei dem der Scharfrichter mit der brennenden Fackel steht, gewendet. Am Fuße des Bildes verkündet eine in böhmischer Sprache abgefaßte Inschrift, daß der Schneider Johannes Pitha, 45 Jahre alt, aus dem Dorfe Chudonitz gebürtig, Untertan der königlichen Leibgedingstadt Neubydzow in Böhmen, der mehr verstehen wollte als die Arbeit mit der Nadel, durch das Lesen der heiligen Schrift so verwirrt wurde, daß er mit den Juden Gemeinschaft hielt, selbst in jüdische Jrrtümer verfiel und auch andere dazu verleitete, Weshalb er verurteilt wurde, in einer Kuhhaut aus der Stadt geschleift und verbrannt zu werden. Den Tag vor seinem Tode habe er seine Jrrtümer bereut, Buße getan, und sei vermöge Urtcilsspruchs allen Anwesenden zum Beispiel am 18. Dezember 1748 am Scheiterhaufen gestorben. In den Akten des Dekanatsarchives der Stadt Neubydzow und in dem Memorabilienbuch des städtischen Archives daselbst ist der für jene Zeit höchst charakteristische Prozeß dieses Unglücklichen in folgender Weise ausgezeichnet. Johann Joseph Escherich, Stadtdechaut der königlichen Leibgedingstadt Neubydzow, hatte in Erfahrung gebracht, daß mehrere Bauern, Schuster, Schneider und Taglöhner seines Pfarrbezirkes von einem Hausierer namens Mendl, angeblich Rabbiner der Judengemeinde von Neubydzow, in der jüdischen Lehre unterrichtet wurden und auch den jüdischen Glauben bereits angenommen haben. Er machte sofort die Anzeige beim bischöflichen Konsistorium in Königgrätz, welches den Dechant zur Belohnung seines Glaubenseifcrs zum Untersuchungsrichter derselben Angelegenheit, in welcher er als Kläger austrat, delegierte und aufs Strengste beauftragte, der neuen Ketzerei in jeder möglichen Weise aus das Energischeste Einhalt zu tun. Die Untersuchung wurde sofort in Angriff genommen. Die der Ketzerei Verdächtigen wurden an einem Freitagabende überfallen, um zu sehen, ob sie den Vorabend des Sabbathes nach Judensitte feierten, und das Verhör an Ort und Stelle mit ihnen begonnen, wobei die Ortspfarrer als Adlatus und Protokollisten fungierten. In den von ihnen aufgenommenen Akten finden wir verzeichnet: „Der Schneider Johann Pitha, der als Oberhaupt der Sekte galt, hatte zwar keine Sabbathlampe angezündet, auch nicht nach Judensitte gebetet, bekannte sich jedoch offen zum Judentum, über welches er ganz eigene Ansichten hatte. Auf die Frage, ob er durch irgend eine Zeremonie in das Judentum anfgenommcn worden sei, erwiderte er: „Christus hat gelehrt: Du gehst in meinen Glauben ein durch meine Gesinnung." Darauf sagte der Dechant: „Du stehst vor deinen Richtern, die über Leben und Tod entscheiden", worauf der verstockte Pitha entgegnete: „Jesus sagt: Du sollst nicht nicht richten, damit du nicht gerichtet werdest." Pitha wurde hierauf nebst einer großen Zahl seiner Anhänger ins Gefängnis geworfen und der Prozeß auf den ausdrücklichen, wiederholten Wunsch des Konsistoriums, das befürchtete, die Grundherrschasten würden gegen die Verfolgung ihrer Untertanen Einspruch erheben, mit größter Raschheit betrieben. Der Jude Mendl, der keineswegs Rabbiner, sondern nur ein simpler, aber in der hebräischen Literatur wohlbewanderter Handelsmann war, suchte zu entfliehen, wurde jedoch durch unvorsichtige Aeußerungen seiner Umgebung verraten, im Dorfe Lieben bei Prag gefangen genommen und an das Prager Kriminalgericht eingeliefert. Dieses brachte bei ihm nach der zu Recht bestehenden hochnotpeinlichen Gerichtsordnung, von welcher auch eine Abschrift im Stadtarchive zu Neubydzow aufbewahrt wird, die vorgeschriebene Folter zur Anwendung, konnte aber trotz aller