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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-04-07 · 14 (7.4.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 Dr. Vlocb's MlocvenscbrM. Seite 211 machenden russischen Kirche angehörten. Auch diejenigen Elemente, welche im Lande schon zu einer Zeit gelebt haben, da die Russen den Boden dieses Landes noch nicht betreten haben, wurden als Fremde betrachtet und behandelt. Dadurch war die Zahl der einzelnen Individuen des russischen Volkes künstlich vereinfacht und somit die Grundlage des russischen Staates wesentlich geschmälert. Durch die Gleichberechtigung sämtlicher Untertanen des russischen Reiches wird Rußlands Macht immer mehr gefestigt werden, denn es wird dadurch erreicht werden, daß alle Einwohner des russischen Staates von den gleichen Interessen und Gefühlen beseelt werden. Durch die Ausnahmsgesetze wurden die russischen Juden in Not und Tod geführt, alle ihre Bemühungen, ein normales Leben zu führen, werden durch sie vereitelt. Tausende von energischen und arbeitsfähigen Leuten gehen zu Grunde oder werden zur Auswanderung nach überseeischen Ländern gezwungen, und dies alles trägt nicht wenig zur Schwächung des gesamten russischen Reiches bei. Die fünf Millionen Juden in Rußland sind gegenwärtig von einem einzigen Gedanken beseelt, daß die Verfolgungen und Unterdrückungen ihre ganze Existenz so untergraben, daß es ihnen unmöglich wird, so weiter zu leben. Sie erwarten mit Bestimmtheit, von dem auf ihnen lastenden Drucke definitiv und für alle Zeiten befreit zu werden, da, wenn sie in der Zukunft frei aufatmen und sich den anderen gleichgestellt fühlen können, sie nur dann mit den anderen Bürgern zugleich für ihr großes Vaterland wirken und zu dessen Größe und Entwicklung werden beitragen können. Der Kitualmord als Saisouartrkel. Die österliche Zeit naht und da stellt sich bei der antisemitischen Presse prompt die Erkenntnis ein, daß „etwas geschehen muß". Und wenn durchaus nichts geschehen will, dann muß man etwas „tun" und es wird getan, was möglich ist. Die Saison erfordert den Ritualmord und der Saisonartikel wird zur Stelle geschafft. Zwar für's Abonnement ist er kaum noch von Belang. Die Abonnenten werden das ganze Jahr über mit allerlei Schauermären so reich bedacht und förmlich übersättigt, daß die Kunde von einem vereinzelten Mord kaum noch eine tiefere Wirkung auf sie üben könnte, aber für den Einzelverschleiß kann die Sache immer noch förderlich sein — also frisch drauf los gelogen! Es verschlägt gar nichts, daß Jahr um Jahr die Hirnrissigkeit und die Böswilligkeit der infamen Beschuldigung zur Evidenz bewiesen wird, sie wird doch immer wieder erhoben. Den antisemitischen Journalisten von dem sittlichen Niveau eines Hans Arnold Schwer und Konsorten bereitet die stets erneute Hetze ein ganz ausnehmendes Vergnügen und dieses erhält seine richtige Folie und seinen richtigen Glanz erst durch das in der Tat tiefe und kummervolle Leid, das durch jene Hetze der Judenschaft allenthalben allerdings bereitet wird. In der antisemitischen Presse wird viel gefaselt von der jüdischen Solidarität. Hier besteht die Solidarität, es ist die Solidarität des Unglücks. Was jene Herren so kreuzvergnügt stimmt, was ihnen einen Hauptspaß bereitet, das ist ein Leid, eine Sorge, ein Kummer für die Juden. Und weil dem so ist, wird die fröhliche Hatz wohl niemals enden. Wenn sich die Herren so königlich unterhalten, muß eine Anzahl von Juden ihr Hab und Gut, ihre Freiheit — daß Gott erbarm?! — und vielleicht ihr Leben lassen. Im günstigen Falle werden diese Juden nur gemartert und geplündert, nur verfolgt, geschmäht und verhöhnt; Alles um einer gestissentlich geschürten und verbreiteten Lüge willen. Und da stellt sich dann das Gefühl der Solidarität ein. Die religiöse Empfindung der Verfolger mahnt sie nicht an den Ausspruch, der ihnen von rechtswegen geläufig sein müßte: „Was ihr der Geringsten einem getan, habt ihr -mir getan." Wohl aber hat im Herzen der Judenschaft eine solche Auffassung Wurzel gefaßt, und wo immer auf der weiten Welt arme unglückliche Juden gepeinigt und verfolgt werden, die gesamte Judenheit empfindet es wie ein persönliches Erlebnis und wie ein selbsterlebtes Leid, und ein tiefes Erbarmen geht durch die Lande, durch die Diaspora auf der ganzen weiten Welt, wo jüdische Herzen schlagen. Das ist ja auch das tragische Element in diesen Verhältnissen. Man kennt diese weltumspannende Solidarität und man weiß von der allumfassenden Liebe, und weil man jene kennt und von dieser weiß, ist man auch der gewünschten Wirkung der ruchlosen Umtriebe sicher und hebt sie immer wieder von Neuem an. Es ist unmöglich, jene Liebe zu verbergen und zu verleugnen, und so wird gerade sie zur eigentlichen Ursache der stets erneuten O.nal und Schmach. Wenn jene Liebe nicht wäre, wenn das Gemeingefühl fehlte und dafür stumpfe Gleichgiltigkeit für das Los der Stammes- und Glaubensbrüder herrschte, wenn man mit den absurden Lügen nur einigen wenigen Menschen, nicht aber den Juden überhaupt wehe täte, dann wäre wohl der Anreiz schon entfallen, sie immer wieder zu erneuern. Für heuer steht eine Ritualmordgeschichte auf der Tagesordnung, die an Albernbeit der Erfindung nichts zu wünschen übrig läßt. Die Leser kennen den Fall aus unserer vorwöchentlichen Nummer. In einem galizischen Dorf begibt sich eine vierzehnjährige Magd am Sonntag Vormittag zur Kirche. Sie kommt nach der Kirche nicht gleich nach Hause, wo sie erwartet wird, sondern erst am Abend. Sie hat eine großartige Ausrede. Sie ist am helllichten Tage vom Kirchgang weg von Juden geraubt, in einen Keller geschleppt, splitternackt ausgezogen und säuberlich gewaschen worden — zum Zwecke des Rirualmordes. Das wird geglaubt. Die beschuldigten Juden werden sofort ins Gefängnis geworfen, ihr Haus versiegelt und sofort auch nehmen die Ereignisse ihren normalen Verlauf. Die gehetzten Bauern geraten in Erregung, rotten sich zusammen und bedrohen die Juden, die nun ihrer armseligen Habe n id ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Die Untersuchung wird mit aller Strenge gesührt. Bei der ersten Konfrontierung der Magd mit den verhafteten Juden stellt es sich heraus, daß sie diese Juden zu Unrecht beschuldigt hatte. Es stellt sich noch manches Andere heraus. Die Magd konnte nicht vom Kirchgang weg in den Keller geschleppt worden sein, aus dem sie erst am Abend entwichen sein will; denn sie wird zu Mittag in einem anderen Dorfe gesehen. Als das bewiesen war, änderte sie ihre Aussage. Nicht diese Juden Hütten sie geraubt, sondern andere, und nicht in der Morgenstunde habe man sie in den Keller geschuppt, sondern zur Mittagszeit, und sie sei gefangen gehalten worden bis zur Abendstunde, da sie entflohen sei. Auch diese Aussage wird widerlegt. Es wird ihr bewiesen, daß sie um vier Uhr nachmittags in einem dritten Dorfe war und vor Gericht bekräftigen der Mühlenbesitzer Schuba und zwei seiner Hausleute ihr ins Gesicht, daß sie um 4 Uhr nachmittags sich bei ihnen um Dienstaufnahme beworben habe und abgewiesen worden sei. Die Juden bleiben in Haft. Einer der drei Polizisten des OrteS, der zugleich Nachtwächter und Totengräber ist, findet die Schube und sonstigen Kleidungsstücke des Mädchens, die angeblich in dem versiegelten Keller zurückgelassen worden sein sollten, auf dem Friedhofe. Nun folgt endlich die Verfügung des Kreisgerichtes in Jaslo. Die verhafteten Juden werden freigelaffen, aber die von den polnischen antisemitischen Blättern geschürte Aufregung und Gährung in der Bevölkerung wächst: die Juden find doch schuldig, und sie haben doch einen Ritualmord begehen wollen! Man kann sich vorstellen, mit welchem Behagen das „Deutsche Volksblatt" sich der großen Affaire bemächtigt hat. Es bringt einen „Eigenbericht" unter dem vielsagenden Titel „Eine merkwürdige Judenaffaire", dem noch, um Stimmung zu machen, der Untertitel angefügt ist: „Juden vergehen sich an einem christlichen Mädchen". Dort wird die Geschichte angenehm gefärbt erzählt und durch einige harmlose Bemerkungen gewürzt, z. B.: „Da die jüdischen Osterfeiertage in Sicht sind, wurde von nichts anderem als von dem geplanten Ritualmord gesprochen". Die späteren Berichte haben nicht minder anziehende Titel. Die anfänglich „merkwürdige" Judenaffaire wird zu einer „geheimnisvollen" und schon im Titel werden die „Vertuschungsversuche der Alliance Jsraelite" denunziert. Der

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