Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 300 wc. Dwcb's Mlocbenscdrttr. Das Ansbordieren ist in Jaffa nicht so leicht, es ist fast mit Gefahren verbunden; denn der innere Hafen ist von Felsen umgeben, die aus dem sprühenden Gischt hervorragen, und das Meer ist auch hier immer, selbst bei der größten Windstille, sehr bewegt. Es ist ein furchteinflößendcs Schaukeln in den vollen Barken, das so manchem Munde einen Schreckensruf hie — und da entriß; jedoch der herzliche Empfang, die innige Begrüßung, die Freude, heiligen Boden zu betreten, der Jubel, der unser Herz erfüllte, das Ziel glücklich erreicht zu haben, ließ uns alles andere vergessen Die uns erwartenden Glaubensgenossen konnten sich im Freudenausbruche nicht genug tun, so daß die Ansprachen der verschiedenen uns erwartenden Rabbiner und Vorsteher der Gemeinde» im Getümmel verhallten. Araber, Beduinen, schw rze Abeffinier schauten erstaunt auf die Ankömmlinge. die mit solchem Jubel empfangen wurden — es dauerte auch eine Zeitlang, bis sich der Zug rangierte — denn in den engen Gaffen, die aus dem Hafen'in die innere Stadt führen, können keine Wagen verkehren, so daß man xer xoäes den Weg in das Hotel machen mußte. — Endlich war auch der Zug in eine gewisse Ordnung gebracht, voran der bunt gekleidete Kawasse der jüdischen Gemeinde mit einem mächtigen silberbeschlagenen L tock, von Schritt auf Schritt mit demselben auf den Boden schlagend, ein Führer mit einer blau-weißen Fahne, mit dem Mögen Dowid, so drängten wir durch die winkeligen Gassen mit allerhand Rciseutensilien auf dem Arm, wohl müde abgehetzt, aber doch munter und mit leuchtenden Augen. In die breiteren Straßen kommend, welche zum Hotel führten, sahen wir viele beflaggte Häuser, uns zu Ehren vielfarbige Wimpel, die sich oberhalb derselben in der Höhe quer über die Straße zogen — wir erkannten, daß wir hier nicht auf fremden Boden sind, sondern, daß hier in Erez Isroel, trotzdem das Land unter türkischer Herrschaft steht, doch unser unveräußerlicher heimatlicher Boden sei. Mit Tränen in den Augen, mit schluchzender Stimme hatte der Ehacham uns schon bei der Begrüßung im Hafen zugerufen, daß die lauernde Witwe, die zerstörte Mauer Jeruscholaims, uns erwarte, uns, ihre sie zum Tröste aufsuchenden Kinder erwarte, die wir das Opfer gebracht haben, aus fernen Ländern die betrübte, verlassene Mutter zu trösten, und daß auch sie sich sagen werde, wenn sie uns in ihrem Witwenheim erschauen wird: Jossef chaj“. noch lebt mein verloren geglaubtes Kind! Jedes Wort, das hier zu uns, den Pilgern, gesprochen wird, findet da auf heiligen Boden einen mächtigen Widerhall, wie Stimmen aus vergangener Zeit bewegen sie die Saiten unseres Gemütes und sie bringen uns Ersatz für das Opfer des Abschiedes, den wir von unfern geliebten Angehörigen auf längere Zeit genommen haben. Der Besuch im „Peßach likwah". Wir steuern immer mehr der Vergangenheit Israels zu. Bei dem Besuche der Kolonien, die sich in Palästina gebildet haben, zeigt sich uns jedoch vorerst die Zukunft des Landes und vielleicht die ganz Israels. Es ist ein überwältigendes Bild, eine Fülle von Eindrücken empfängt uns, die sich kaum rasch fixieren lassen und die ein beruhigteres Gemüt erfordern, um sie geordnet in uns aufnehmen und wiedergeben zu können. Es reist in uns die Erkenntnis, daß das Heilige Land mit Rechtals „Erez Zewi" bezeichnet wird, als ein herrliches Land, aus welchem noch alles hervorgezaubert werden kann, wenn die jüdischen Hände da sind, die es bearbeiten, und die jüdischen Köpfe, die sie leiten. Es ist auch ein „Erez Zewi" im Sinne der Auslegung unserer Weisen, die cs genau kannten, die das Land dem „Zewi", dem Hirschen vergleichen. Wenn von demselben das Fleisch ausgeweidet wird, zieht sich das abgezogene Fell wieder zusammen. So ist das Land Palästina beschaffen. Wenn demselben seine Kinder entrissen werden, seine ursprünglichen jüdischen Bewohner, erscheint es klein, beengt und es steht so aus, wie wenn es seine Vertriebenen nicht mehr fassen, nicht mehr ernähren und erhalten könnte. Laffet sie jedoch nur kommen, die jüdischen Hände, verschaffet ihnen Land und Boden und ihr werdet sehen, wie wunderbar der Boden sich erweitert, wie er groß und fruchtbar wird, wie er hunderttausende Brüder zu ernähren vermag, die sich als Autochthone fühlen, mit einem erhebenden Sicherheitsgefühle, das ihnen selbst in den Ländern mit den freiheitlichsten Gesetzen fehlt. Wir erkannten es durch selbstgewonnenen Augenschein und wie der Talmud sagt: „Es ist das, was wir augenscheinlich erkannten, nicht mit dem vom Hörensagen zu vergleichen." Nach dem Dejeuner erwarteten uns die Wagen, Landauer, 40 an der Zahl, eine gewiß stattliche Reihe, jeder wie die Troika, mit drei Pferden bespannt, geführt von zumeist jüdischen Rosselenkern und begleitet von auf feurigen Rossen dahersprengenden jungen Leuten aus der Kolonie, die bald vorne, bald rückwärts dahersprengten, anfeuernd, belebend, die in die Quere kommenden Kameel- und Maulefeltreiber bei Seite schiebend, so ging es in langem Zug bei leuchtendem Sonnenschein und herzerquickender Luft der Kolonie „Peßachzu. Ein Zukunftsbild, vor Jahren noch ein Traumbild. In l1/, Stunden erreichten wir so die Grenzen der Kolonie, auf hügeligem Lande dahinsausend in raschem Trabe, rechts und links in hohe Aehren stehende Felder, Wiesen bestreut mit Blumen, wie ein vielfarbiger Teppich, Palmen, Orangerien, in den Niederungen Eukalyptusbäume, an den Ränder» dichte, hohe, lebende Hecken von vielgestaltigem Kaktus, das ganze Bild belebt von Heerden mit ihren Hirten von Arbeitern auf den Feldern, von den Pflug ziehenden Rindern — überall Arbeit, Tätigkeit. Das schönste sind die Weingärten in großer Ausdehnung mit ihren Nebenstöcken, die den süßen kräftigen Palästinawein zur Reife bringen. Scharen von Männern, Frauen und Kindern erwarteten uns mit Gesang und Jubel, ein vielstimmiges UoMää! jauchzte uns entgegen, hebräische Lieder und solche im Jargon ertönten, heimatliche und altbiblische Klänge berauschten uns, wir fühlten uns als Brüder und Schwestern, die sich lange, lauge nicht gesehen haben und sich nun erkannten — und wir fühlten v it unserem Ahnen Jakob, der da ansrief: „rantb ponsebob lau pillolti“ ich dachte nicht mehr, dich je wieder zu sehen und Gott hat mich das erleben lassen! Ich sehe dich wieder, du verlassen geglaubres Israel, ich sehe dich auf deinem Boden, in eigenem Besitze, als Ackerbauer wie deine Ahnen, als Bauern mit schwieligen Händen und mit treuherzigen! Gesichte, als Inden mit deiner Religion, unbehindert ihren Vorschriften lebend, ungeschmäht in deinem eigenen Dorfe, unter deinem Feigenbäume und deinem Weinstock Was wir da sahen, wer kann das in brieflichem Berichte zusammen'assen! Geordnete, breite, reine Straßenzüge, von Bäumen umsäumt, schöne, einfache, alleinstehende Häuschen aneinandergereiht, mit gepflegten Hausgärten, Schmieden, Wagenremisen, Werkstätten, Zisternen, Bäckereien, Schulen, eine Kinderbewahranstalt, ein Lehrhaus, ein Amts- und ein Postgebäude — und als das größte und hervorragendste Gebäude — ganz nach jüdischer Vorschrift — die Synagoge, hoch, geräumig, licht, 5—600 Personen fassend. Nach dem Besuch der Synagoge, der Knaben- und Mädchenschule, der sonstigen öffentlichen Anstalten — über dessen Ergebnis nach gemachten Notizen zur geeigneten Zeit Bericht erfolgen soll — kam der Abschied — der uns schwer fiel — aber geschieden muß sein, denn es harrte unser das große Ziel — nach Jeruscholaim! Korrespondenzen. Hofrat Siegmund Tauffig. Die „Neue Freie Presse" meldet: „Der Hafenbaudirektor Hofrat Siegmund T a u s s i g, der in der nächsten Zeit sein 40. Dienstjahr vollendet, hat sich aus diesem Anlasse entschlossen, um seine Pensionierung anzusuchen. Es ist Beamtenschicksäl, daß ein Mann, der noch in der Vollkraft seines Könnens ist, von seinem Werke scheiden muß, ehe es vollendet ist, und daß er die Ausführung seiner Pläne jüngeren Kräften überlassen muß. Hofrat Taussig trägt selbst diesem Zwange Rechnung und tritt fteiwillig vom Amte zurück, in welchem er sich den Ruf eines der hervorragendsten Fachmänner auf dem Gebiete des Wasserbaues erworben und in welchem er dem Staate und der Stadt Wien sehr bedeutende Dienste geleistet hat. Die Donauregulierung, an der er durch volle vierzig Jahre mitgearbeitet hat, ist eines der größten Bauwerke, das durch die Initiative des Kaisers, unter dem Zusammenwirken von Staat, Land und Stadt, zur Verbesserung der Schifffahrtsverhältnisse und zur Hebung von Handel und Industrie, hauptsächlich aber zum Schutze der Stadt Wien gegen Ueberschwemmungsgefahren geschaffen wurde. Wenn man die Geschichte dieses Bauwerkes verfolgt, wird man finden, daß auch während des Baues die Stadt wiederholt in Gefahr war, von den Fluten der Donau heimgesucht zu werden. In diesen angstvollen Momenten waren es das technische Wissen Taussig's, seine Geistesgegenwart, seine Energie, welche die Gefahr abwendeten. Als 25jähriger Mann war Hofrat-Taussig nach Absolvierung der der Wiener technischen Hochschule in den Staatsbaudienst der niederösterreichischen Statthalterei eingetreten, war dann, als das Bureau der Donauregulierung unter Hosrat W e x konstituiert wurde, diesem zugeteilt worden und blieb ununterbrochen durch vierzig Jahre diesem Dienste treu. Er hat sich in demselben so bewährt, daß selbst seine Gegner schließlich ihm ihre Anerkennung nicht versagen konnten. An den Plänen für die Donauregulierung hat er mitgearbeitet und an ihrer Ausführung mitgewirkt. Die Umwandlung des Donaukanals in einen geschlossenen Handels- und Winterhafen ist aber sein eigenes Werk. Die Sperrbrücke bei Nußdorf schützt jetzt in einer viel sichereren Weise als das Sperrschiff die Stadt nicht bloß gegen Eis, sondern auch gegen Hochwässer, und der Schifffahrt ist durch die Schleuse die Möglichkeit der Einfahrt geboten, wenn aus Sicherheitsgründen die Sperrbrücke funktionieren muß. Gegen-