Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 13 (31.3.1905)
- Date
- 1905-03-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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seUe 198 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 13 aber — es ist Herr Masaidek. Einige seiner Witze wollen wir doch niedriger hängen: „Es ist eine Lücke in unserem Strafgesetz, daß man den Rabbi Bloch nicht wegen Ehrenbeleidigung verklagen kann, wenn man von ihm gelobt wird." Daß die Leser der „Deutschen Zeitung" tief und gut schlafen, das ist ohneweiters anzunehmen, ich möchte aber hinzufügen, daß auch Herr Masaidek ruhig schlafen kann. Ich kenne die speziellen Ansichten des Herausgebers dieser Blätter in diesem Punkte nicht, aber ich sehe weit und breit keine Möglichkeit einer Ehrenbeleidigungsklagc von Seiten Herrn Masaidek's. „Wenn ein unbedeutendes Frauenzimmer, wie die Ellen Key, rasch berühmt werden will, braucht sie bloß in ihren Vortrag eine judenfeindliche Aeußerung einzustreuen." Ellen Key, Herr Masaidek, ist eine ältere Dame, die schon längere Zeit berühmt ist, aber sie ist eine bedeutende Persönlichkeit, und darum ist es vollständig in der Ordnung, daß sie von Herrn Masaidek angeflegelt wird. „Die Journalisten verstehen Alles — nur eines verstehen sie nicht: die Wahrung ihrer Standesinteressen." Da scheint Herr Masaidek allerdings recht zu haben. Es könnte sonst nicht geschehen, daß ein Mann alljährlich die „Concordia" um eine Jahressubvention anschnorrt, nachdem er das ganze Jahr über die Journalisten der „Concordia" weidlich geschimpft hat, und daß er dann Jahr für Jahr die Subvention doch erhält, der Mann aber heißt F. F. Masaidek. Whig. Auslieferung eines entführten Kindes. Die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" ersucht uns um Aufnahme folgender Mitteilung: Am 5. November 1904 wurde die damals elfjährige Chana Naß von einer Frau Zabierzowska aus dem Elternhause in Dembica eutsührt und ins Charitenkloster in Krakau gebracht. Monatelang hatten die trostlosen Eltern von dem Aufenthalte ihres Kindes keine Kenntnis, bis sie Ende Februar d. I. von der Tarnower Staatsanwaltschaft verständigt wurden, wer ihr Kind entführt habe und wo es sich befinde. Die beim Vormundschaftsgcrichte Dembica unternommenen Schritte hatten vollen Erfolg, denn mit Beschluß vom 27. Februar d. I. willigte das genannte Gericht in die Abnahme des Kindes und verfügte die hiezu erforderliche Beihilfe der Staatsbehörden. Der Vertreter der Eltern, Herr Dr. Raphael Landau, ersuchte nun die Krakauer Polizei um die zwangsweise Abnahme des Kindes, worauf ein Polizeikommifiär in das Kloster entsendet wurde und daselbst die Ausfolgung des Kindes verlangte. Die Oberin brachte das Kind selbst zur Polizeidirektion, wo es nach Aufnahme eines Protokolls den Eltern übergeben wurde. Jüdische Soldaten. Zwei Tagelebhafter Debatten hat der deutsche Reichstag der Frage gewidmet, wie die Juden im Heere zu behandeln seien; die Antisemiten sprachen den innigen Wunsch ans, daß diese Behandlung eine schlechte werde, die Freisinnigen klagten, daß sie eine schlechte sei und der Kriegsminister General v. Einem behauptete, die Juden in der Armee erfreuten sich der gleichen Rechte wie ihre Mitbürger christlichen Glaubens. Er stellte im übrigen den jüdischen Soldaten ein gutes Zeugnis aus und erklärte *um Schlüsse, ebenso korrekt wie nichtssagend, daß er stets seiner Pflicht gemäß gehandelt habe. Man mag von den Herren Böckler und Liebermann so gering denken, als man will, so muß von ihnen doch gesagt werden, daß sie in ihren Reden über die jüdischen Soldaten konsequenter, klarer und aufrichtiger waren als der Kriegsminister. Die Antisemiten wollen nun einmal keine jüdischen Einjährigen und keine jüdischen Offiziere; der Kriegsminister dagegen vertritt das Gesetz, daß die Religion kein Grund sein dürfe um die Juden zurückzusetzen, und kann sich doch von den Gesinnungen seiner Kaste nicht so weit emanzipieren, um offen zu sagen, daß diejenigen Offizierskorps, die aus Prinzip keinen Juden aufnehmen, gegen das Gesetz verstoßen. Es bedeutet nicht viel, wenn General v. Einem den Pflichteifer und die treue Diensterfüllung der jüdischen Soldaten lobte; daß diese an Pflichtgefühl, Eifer, Tapferkeit und Patriotismus nicht hinter den christlichen Kameraden zurückstünden, ward ja schon vor 3'/, Jahrzehnten bewiesen, da im deutsch-französischen Kriege nicht wenige Juden das eiserne Kreuz bekamen. Aber der Kriegsminister verschwieg, was jedermann in Preußen weiß, daß trotz all ihren guten Eigenschaften Juden nicht zu Offizieren befördert werden. Es hat sich in den Offizierkorps dieselbe Auslegung des Gesetzes eingebürgert, die Dr. Lueger in Wien ganz offen als sein Maxime bekannte: Juden können ernannt werden, sie müssen es aber nicht. Hierin steckt das Uebel. Ein Jude mag ein noch so guter Soldat sein und alle Eignung zum Offizier haben, so läßt sich an ihm doch irgend ein Fehler finden, der ihn angeblich unfähig macht, Offizier zu werden; und die preußischen Offizierkorps üben diese Praxis von jeher, üben sie unter den Augen des jeweiligen Kriegsministers. Herr v. Einem verschleierte diesen Sachverhalt und sagte, wenn ein Jude nicht ernannt werde, so würden stets ganz andere Gründe angeführt, als seine jüdische Abstammung; gewiß, denn sonst müßte ja der Minister, dem Gesetz entsprechend, einschreiten, während er die „anderen Gründe" nicht nachzuprüfen braucht — wenn er nicht will. Und er will eben nicht, obwohl ihm doch eigentlich auffallen müßte, daß nie und nirgend ein Jude der Portepees für würdig bekunden wird. Herrn v. Einem fällt das natürlich nicht auf, und darin, daß er dies nicht einfach zugestand, besteht die Unaufrichtigkeit, der er sich gestern schuldig gemacht hat. In dieser merkwürdigen Debatte ist auch viel über die Richtigkeit des bekannten Wortes Kaiser Friedrichs von der „Schmach des Jahrhunderts" gesprochen worden. Daß jenes Wort in der Tat gefallen, ist freilich für alle Welt, die Antisemiten ausgenommen, eine historische Tatsache. Allerdings, was nützen die Verurteilungen, die der Antisemitismus von den Besten und Edelsten der Nation erfährt, gegenüber dem Hasse, der Brutalität und dem Stumpfsinn jener Kreise, die in ihrer Zahl die Gewähr haben, daß ihr Einfluß der maßgebende bleiben wird? Man erinnert sich vielleicht noch der Geschichte von dem jungen Bleichröder, den Fürst Bismarck durchaus zum Offizier befördern lassen wollte, ohne daß dies, trotz der warmen Fürsprach: des Reichskanzlers, gelang. Fürst Bismarck stand sittlich und geistig gewiß höher als der aus schmutzigen Paternitätsprozessen bekannte Böckler und als Liebermann, dessen Ehrenschild auch nicht ganz rein ist; und sicherlich war der Reichskanzler ein besserer Deutscher als sie alle beide. Dennoch unterlag der Fürst, und die antisemitische Idee siegte über ihn. Wenn gleichwohl die Debatte im deutschen Reichstag keinen ganz unerfreulichen Eindruck zurückläßt, so ist dies darauf zurückznführen, daß man deutlich erkannte, wie sehr die herrschenden Zustände dem Menschlichkeitsempfiiiden und dem Rechtlichkeitsgefühle der großen Mehrheit des Hauses, den Kriegsminister inbegriffen, peinlich sind. General v. Einem, so offen er sonst als Mensch und Soldat sein mag, hat es doch nicht gewagt, die Wahrheit ganz zu sagen, zu sagen, wie die Tatsachen in der Wirklichkeit sind, weil er wohl weiß, daß sie dem Gesetz widersprechen. Er flüchtete, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, zu einer Beschuldigung, die zwar sinnlos ist, aber doch dem Vorgehen der Offizierkorps einen Schein von Recht geben könnte. Gerade die jüdischen Zeitungen, sagte der Kriegsminister, seren es, die den Offiziersstand herabsetzen. Der Minister macht sich da einer kleinen Jesuiterei schuldig. Wenn man von einem Kampfe gegen den Offiziersstand sprechen kann, so wird er von den Blättern der Sozialdemokratie geführt. Sind das jüdische Blätter? Dann müssen die Sozialdemokraten, die bei den letzten Wahlen sich als die stärkste Partei im Lande erwiesen haben, Juden sein, sie müßten ihren Mitbürgern christlichen Glaubens an Zahl überlegen sein, und dies kann nicht einmal Herr Böckler behaupten. Man merkte es, General v. Einen» suchte krampfhaft nach einer Rechtfertigung für die Haltung der Osfizierkorps und seine eigene; im Eifer fiel ihm nichts besseres ein. Zustände aber, die auf so schwacher Rechtsgrundlage bestehen, si»»d nicht dauerhaft; die Debatte von gestern und vorgestern läßt hoffen, daß sie auch in Preußen so wenig von Dauer sein tverden, wie in den anderen Staaten des Reiches. Ein neues Heilmittel gegen Tuberkulose. Eine Depesche aus Roin brachte die sensationelle Nachricht, daß Professor Giuseppe Levi in Mailand ein spezifisches Heilmittel gegen die Tuberkulose entdeckt habe. Professor Giuseppe Levi ist nach Vollendung seines siebzigsten Lebensjahres und nach vierzigjähriger Tätigkeit als Professor der Veterinärpathologie am 1. Jänner dieses Jahres in den Ruhestand getreten. Sein Verfahren besteht in nichts anderem, als in der hypodermalen Einspritzung eines Jodpräparats, dessen Zusammensetzung vorläufig sein Geheimnis, dessen Hauptbestandteil aber allotropes Jod ist. Nach zehn bis fünfzehn Einspritzungen tritt völlige Vernarbung der Tuberkeln und somit vollständige Heilung ein. Professor Levi hat diese außerordentliche Heilkraft des Jod schon vor zwanzig Jahren bei Untersuchungen über die Rotzkrankheit des Pferdes entdeckt und allmählich seine Experi-