Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Dlocb's Mocbenscbrltt. Seite 181 mit dieser Willensstärke für das ideale Ziel des Judentums alles erreichen. Wie wurden nun die freien Sabbathstunden gefeiert! Welch eigentümliches Volk wir sind; wir kannten nicht Sang und Spiel —wie bei den anderen Gesellschaftsfahrten, besonders während der Sonntage, sondern ein idealer Gedanke wurde der Ausführung Vorbehalten und vorberaten. Von der Gesellschaft solle ein bleibendes Andenken durch Zedokoh für das erbarmungsvolle jüdische Volk im heiligen Lande geschaffen werden, von der fahrenden Gesellschaft selbst, der die Pilgerfahrt nicht wie eine Vergnügungsfahrt erscheine. Dieser Gedanke wirkte zündend — ein Vorsitzender wurde gewählt — Professor Dr. Simonsen aus Kopenhagen — und für den Sonntag Nachmitt rg die Beratung bestimmt. Um 3 Uhr nachmittags begann sie, alles wurde durchgesprochen, bis die Sonne nnterzugehe» drohte und man rief „hiagia semau minchah“. Geld wurde in Eile noch gesammelt — von vorläufig 44 Personen liefen 4500 Kronen ein und ein Komitee bestimmt, die Sammlung bei den 136 Teilnehmern zu vervollständigen und über die richtige Verwendung Bestimmung zu treffen. Dies geschieht noch heute Montag Abend, vor Betreten des Bodens von Alexandrien. — Nach glücklicher Landung, mit Gottes Hilfe mehr, vorläufig mutz ich den Schreibeplatz räumen, um auch andern für die Fixierung ihrer Herzensergüsse Zeit und Raum zu gönnen. Kairo, 15. März 1005. Nun bin ich wieder einmal auf festem Boden und ich fühle mich sicherer nicht nur zum Schreiben, sondern auch zu den Berichten für jüdische Interessen. Alexandrien, die alte Stadt, in der schon seit der Gründung Juden wohnten, die Stadt der jüdischen Philosophen, die Stadt aber auch, von der aus der Antisemitismus seine politische Geburtsstätte hat. Hier hat Apion' seine falschen Berichte über das Judentum, seine Hetzschriften gegen dasselbe verfaßt — die bis auf die heutige Zeit die Fundgrube zu dem Haffe gegen uns bilden. Hier aber hat auch Philo zu derselben Zeit die Gesandtschaft geleitet, die zu Caligula zog, um Schutz für die Juden zu erbitten, die, zu 2 Fünftel in Alexandrien wohnhaft, von den zu 3 Fünfteln dort wohnhaften Griechen bedroht waren. Caligula selbst wollte ihnen nicht helfen — aber er fand ein plötzliches Ende — und sein Nachfolger schützte sie. Dieser egyptische Boden wurde nun von uns morgens 9 Uhr am 14. d. M. betreten — und wie herrlich wurden wir empfangen und welcher kawod halhoi a zeigte sich uns da, und wie erkannten wir uns erst als Brüder, obwohl viele hunderte Merlen von einander getrennt,.und in versch ebenen Weltteilen wohnhaft. Deutsche und türkisch gekleidete Juden erwarteten uns mit lautem „Schalom" an der Barriere bei der Einfahrt in den Hafen und alles rief uns zu, der „Chacham Baschi", Se. Exzellenz der grand raddiu de l’Egypte sei selbst da. Alles drängte an ihn heran, er reichte jedem glücklich lächelnd die Hände, viele küßten sie ihm und er rief Jedem besonders ein herzliches „Baruch habbah“ zu. Der Mann erregt Interesse durch sei« Auftreten, wie durch sein Aussehen. Er ist begleitet von einem Kawassen, in goldgestickter Uniform mit krummen türkischen Säbel an der Seite, der geht voran, um dem Chacham den Weg frei zu halten, dem Chacham nach geht sein Begleiter, ein jüngerer Mann mit durchgeistigtem Gesicht, mit Fez und Burnus bekleidet, Auskünfte erteilend, Fragen beantwortend, gleichsam das alter 6go des grand raddin, und dieser selbst, eine würdige Gestalt, auf dem Haupt einen Fez von dreifachem schwarzen Atlasschmuck umhüllt, einen gelben seidenen Kaftan mit golddurchwirktem Gurt und weitem dunkelblauem Burnus, aus dessen weiten Aermeln und Brustteilen ein scharlachrotes Futter bervorleuchtete. Eine goldene Brille vor den Augen, ein mächtiger Siegelring am Ringfinger der rechten Hand, so gibt er sich schon in seinem Aeußern als das Bild eines Pascha, er wird aber auch also von seiner Umgebung — auch nichtjüdischer — behandelt. Nun ging es in großem Zug durch das großartige Alexandrien, vom großen Hafen den schönsten Teil der Stadt durchschneidend zum Bahnhof, der naä) Kairo führt. Am Bahnhof selbst stellten sich noch Vertreter der verschiedenen jüdischen Gemeinden vor und es entwickelten sich Gespräche besonders in hebräischer Sprache. Interessant ist es, zu erwähnen, daß auch der Sohn des Chacham Baschi da war, det, ein Kavalier in Kleidung und Manieren, sich nur in französischer Sprache verständigte und auf meine Erkundigung über die Familienverhältnisse seines Vaters mir sagte, sie seien drei Söhne, der älteste Rechtsanwalt in Kairo, der zweitälteste studiere soeben dieses Fach, und er selbst wäre zum Rabbiner bestimmt gewesen und habe zu diesem Zwecke das französische Rabbinerseminar in Paris besucht, habe aber keinen Gefallen an dem Stande gefunden und sei nun Sekretär ini Amte seines Vaters. Ein Kennzeichen, wie der Chacham Baschi in der Erziehung seiner Kinder modern denkt. Auf der Reise nach Kairo begleitete uns der Vertreter des Grand rabbin und der Vorsteher der Gemeinde. Um l Uhr — nach dreistündiger Fahrt — langten wir, an Aug' und Gemüt gesättigt, dort an. Wie großartig war erst da der Empfang und die Begrüßung in allen Sprachen, an der Spitze der Chacham Baschi von Kairo, noch festlicher und feierlicher auftretend als sein Amtsgenosse in Alexandrien. Da trug der Kawasse auch noch einen szepterartigen, mit Silber beschlagenen Stock. in den Händen, der wie Schutz und Wehr erschien und zugleich als besonderes Würdezeichen. Reihenweise standen die eleganten Equipagen zur Verfügung, ringsherum eine nach vielen Hunderten zählende Menge, bestehend aus Eingeborenen in allen Typen und Gewandungen, Polizei, egyptisches und englisches Militär, ein orientalisches Bild voll Farbenpracht, leuchtend in der glänzenden tropischen Sonnenglut, vor Gebäuden, die europäische Kunst mit asiatischer Fremdartigkeit zur Schau trugen. So ging es zum Palais Royal durch einen großen Teil der Stadt, die einzig in ihrer Art an Lebendigkeit, Verkehr und Zauber ist. Für 7,5 Nhr war der Besuch des Maimonides-Tempels bestimmt, denn es war Sam Adar, der sollte dort gefeiert werden und zwar durch eine feierliche Ansprache des Chacham Baschi. Gleichzeitig ein Gedenktag für Maimouides, seit dessen Tode 700 Jahre verstrichen sind. Das war aber auch ein Fest, fürs ganze Leben sich einprägend Die ganze Strecke entlang standen Männer. Frauen und Kii der, Kopf an Kopf, lauter jüdische Kinder, die leuchtenden Antlitzes die in Fiaker anfahrenden Gäste begrüßten mit Schalom. Schalom — so ging es bis vor die Synagoge. Die Maimonidessmiagoge ist gebaut an der Stelle, wo das Rambam sein Bath - Hamidrasck hatte; dieses befindet sich unterhalb der Synagoge, welche zur Ehre seines Andenkens nach selnem Tode dort erbaut wurde; Maimonides heiliger Leichnam hat noch in der unten nebenan liegenden Kammer 5 Tage geruht, bis er nach Tiberias überführt wurde. Diese Kammer ist mit einem uralten Vorhänge, wie ein ^ron hakkodesch, versehen, davor hängen heilige Oellämpchen; nach den Worten des Chacham werden Kranke hieher gebracht, die, wenn sie die Nacht dort schlafend verbringen, wieder gesund werden. Die Synagoge ist an sich selbst schon ehrfurchtgebietend, wie erst bei dem Gedanken an ihr Alter und an ihre Bestimmung, dem Namen des Maimonides geweiht. Vor der heiligen Lade hängen im Halbkreise an Kettchen heilige Oellampen. und unter denselben, am Sitz des Chacham, ein kleines mit einem gestickten Vorhänge versehenes Kästchen, in welchem ein auf Pergament geschriebenes Tenach liegt, welches Maimonides selbst geschrieben haben soll. D'es wurde uns auch gezeigt und von uns geküßt. Die Ansprache des Chacham, in reinem Hebräisch gehalten, war tief zu Herzen gehend und erhebend zugleich — man fühlte, der Jude ist überall heimisch, wo er seine Brüder findet — und das Schönste ist — in diesem langen Goluß — er findet sie auch, er muß nur auch sie aufzusuchen den Mut und die Energie haben, lieber den Inhalt dieser Ansprache — ein anderesmal — genug daran, der Segen, der uns da in diesem heiligen Tempel gespendet wurde, war an sich selbst schon ein Erlebnis — aller aufgewendeten Opfer wert. We „Kerr6 Hadani" irr der jüdischen Literatur des IX. und X. Jahrhunderts. IV. Wenn ich es als angezeigt erachte, auf eine Stelle meiner letzten Zeilen znrückzngreifen, tue ich es nicht bloß, um nachträglich manches aufzuklären, sondern auch deshalb, weil dies als Ariadnefaden in diesem Labyrinth dienen kann, einen gangbaren Pfad zu finden und aufzudecken, der unter Schutl und Geröll bis nun verlegt war. Durch einige in dies dunkle Gebiet hineinfallende Lichtstrahlen sieht man die Szene vor den Augen sich erweitern and kommt ein Schauplatz mehr zum Vorschein, der vielleicht kaum dunkel geahnt war. Ich habe auf Saadias sonderbare Ansicht zu Daniel 7, 13 hingewiesen, daß mit den Wolken des Himmels, die Engel gemeint wären und habe als Parallele die geäußerte Meinung R Hais (Resp. der Gaonim ed. Lyck Nr. 98) herangezogen, daß sowohl die jüdischen als auch die griechischen Weisen diese Ansicht teilen. Auf den ersten Blick muß ja eine solche Ansicht Befremden erregen und habe ich dieses Nesponsum auch zuerst für apokryph gehalten, gelange aber zur Ueberzeugung, daß dieses Gutachten R. Hais authentisch sein kann, da er dabei ein älteres Vorbild im Auge hatte, auf welches er anspielen wollte. Mit dieser Aeußernng wollte er nur auf eine Stelle in dem bekannten Buche der Jubiläen (c’^nvrr) Kap. 2, Vers 4 — 5 Hinweisen, wo diese Ansicht ausgesprochen wird und hat er gewiß dieses Buch, das auch in griechischer Sprache oder ausschließlich in solcher zirkulierte, hellenisch-jüdischen Ursprunges gehalten. Daß man dieses Buch in Babylon kannte, bestätigt ein Schüler des Saadia Gaon in seinem Kommentar zu Chr. I. 23, 1 (ed. Kirchheim), indem er erwähnt, daß Saadia ein vollständiges Exemplar dieses Buches aus dem Lehrhanse mitbrachte. Dieses Buch, im Geiste der Apokryphenbücher gehalten, galt im Kreise der Juden von jeher als exotische Pflanze, wurde aber nichtsdestoweniger von vielen Juden benützt und gewahrt man den Einfluß desselben auch schon früher bei jüdischen Schriftstellern aus Persien, wie z. B. bei Ntssi b. Noa') (etwa im VIII. oder IX. Jahrhundert) Manuskript abgedruckt bei Pinsker Lik Kad. II, pag. 36—37. Unser Kommentator Saadia scheint auch dieses Buch gekannt und in diesem Punkte benützt zu haben. ‘) Ich muß mich hier aufhalten, um mit einigen Worten einen Irrtum zu berichtigen. Pinsker (Lik. Kadm. I, 38) wollte ihn nach Jerusalem versetzen, weil dieser Verfasser —x erwähnt und soll er damit, nach Pinsker, was ihm auch Grätz V, pag. 201 nachschreibt, Jerusalem gemeint haben. Nach allem, was von ihm bekannt