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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 180 Dr. Diocb's MocbenscbrM. Nr. 12 exakter wie liebenswürdiger Darstellung, Stil und Person einen sich zur Verkörperung jener edlen weltmännischen Geistigkeit, die in ihrer besonderen nationalen Ausprägung den führenden Kulturvölkern zur Zier gereichen. Was sie auch berühren mögen, ihre Art wirkt voi bildlich reif und sicher im Urteil, makellos in der Form, ohne jemals die schlichte Natürlichkeit zu verleugnen, Siegel alles Echten und Eigenwüchsigen . . . Sind die Engländer stolz auf ihren Walter Pater, die Franzosen auf ihren Hippolyte Taine, so können die Deutschen mit einem Karl Hillebrand, einem Hermann Grimm im Nahmen ihrer nationalen Sonderart als Ebenbürtigen dienen, wie die Skandinavcn mit einem Brandes." „Von allen schlechten und komischen Geschichtschreibern, die die Deutschen schon erlebt haben, bildet dieser Neuling im Fache der dickleibigen Bände doch wieder eine Spielart, über deren Bedeutung sich viele brave Leute ungebührlich aufregen könnten, während andere, die ihre Ulkstimmung auch in den Untersuchungen über Wert und Unwert der literarischen Tageserscheinungen nicht unterdrücken mögen, sich leicht um einen guten Spaß betrogen sehen, wenn man nationale Gottesgaben wie den Herrn Geschichtschreiber Adolf Bartels aus Wessclburen unter die kritische Lupe nimmt. Uebertriebener Eifer wäre es wohl, wollte man bei Behandlung solcher Gestalten und ihrer Leistungen gleich nach einem scharfen Besen greifen. Entrüstung wäre in der Tat übel angebracht bei dieser Spielart von Geschichtschreibung, die Herr Adolf Bartels, der christliche Urgermane und arische Edelmensch, mit schlcimischer Gehässigkeit und Tücke, mit bornierter Schwatzhaftigkeit und unzulänglicher Kenntnis verübt, in ernem Stil und Tone, die nicht über die künstlerische Fähigkeit eines gehetzten Reporters hinausreichen. ^Wo man auch sein dickes Schreibwerk aufschlagen mag, immer stößt man auf eine Stelle, die entweder den Geist des Christentums verleugnet oder das männlich vornehme Deutschtum diskreditiert oder den arischen Sinn für gemessene Schönheit und menschliche Folgerichtigkeit beleidigt.... Man könnte auch auf den Gedanken kommen, daß er nicht bloß die antisemitischen Krücken brauche, um sich auf seinen schwachen teutonischen Patentbeinchen zu hatten, sondern daß er an seinem Judenhasse zugleich parasitäre Gelüste befriedige. Alle Winde würden ihm durch seine Arierhaut pfeifen und sein christlich-germanisches Wams in Fetz:n entführen, wenn er sich nicht, mit dem Hasse auf alles Nichtarische und Nichtgermanische ausfütterte . . . Daß bei einem Historiker dieses Kalibers der Schulmeisterbakel der Kritik niemals zur Wünschelrute wird, dem Leser neue Schönheiten in unbeachteten oder unbekannten Quellen zu erschließen, zu gering gewertete dichterische Nationalgüter und Volkskleinodien in würdiger Schätzung aufleuchten zu lassen, wird niemand verwundern. Die parteifanatische Nörgelkritik ist immer unfruchtdar und niemals wertjchaffend und werterhöhend. Wäredieser eingebildete konservative, kleine Mensch in Bartels nicht im tiefsten Wesen kultur- und fortschrittfeindlich, so müßten ihn schon seine übrigen persönlichen Eigenschaften hindern, Fürsprecher der Verkannten, Helfer der Ringenden und Aufwärtsstrebenden zu sein. Seine ganze Heimatkunst ist in dieser Zeit der Weltpolitik, des Imperialismus und der Kolonisation nichts weiter als eine reaktionäre Marotte. Und er fröhnt dieser Marotte, weil er unfähig ist. Neues, Großes, Weites in sich aufzunehmen und in ruhig mannhafter Schätzung wiederzugeben, und weil ihn der Eitelkeitsteufel kitzelt, seinen eigenen Kleinkram mtt der geschmacklosesten Unfehlbarkeltsmiene als etwas Bedeutendes aufzutrumpfen. So ist die Kritik von der Art ins Herrn Bartels direkt ein Kulturhemmnis und eine Affenkomödie: Ich, ich und wieder ich — ich glaube, ich weiß, ich halte dafür." K l a t t a u, am Purimtage 1905. Oberlehrer Alex. Baum. Gi«e jüdische Gesellschaftsreise «ach Palästina. Von Rabbiner W. Reich, Baden bei Wien. An Bord der „Thalia", auf dem Wege vor Alexandrien, 16. März 1904. „Ex Oriente lux“. Dieser lateinische Schpruch hat sein sichtbares Wahrzeichen bei den Hebräern in der mtö Tafel erhalten. „Misrach", der Orient, ein Akrostichon von „Llixaä «eh tuach cbaim“ „Von dieser Seite kommt der Geist des Lebens". Wie sollte es da dm Juden nicht nach dem Orient ziehen; sein Licht kam zuerst von dort, wie Jesaias es ausruft: „Wer erweckte zuerst vom Osten die Gerechtigkeit" (eine Variation nach einem Kommentator). Die anderen Lichter, die sind erst der großen jüdischen Sonne nachgefolgt, sie sind bisher auch nur Monde geblieben, denn sie verfinstern sich oft, u. zw. sobald sie der jüdischen Sonne den Rücken kehren. Dieser Sonne nachzugehen, wenn auch mit Aussicht auf Beschwerden einer längeren Seereise und einer solchen zu Lande, das noch nicht mit den modernsten Verkehrsmitteln ausgestattet ist, entschloß ich mich erst in den letzten 24 Stunden vor der Abreise, da ich bis in dieser letzten Zeit als Amtsjubilar behindert war, an eine solche Reise auch nur zu denken, so daß die üblichen Vorbereitungen zu einer solchen Fahrt entfallen mußten, und schloß mich erst in Fiume, anstatt wie die Andern in Budapest, der Reisegesellschaft an. Die Eindrücke, die ich auf dieser Reise empfangen habe, will ich als langjähriger Korrespondent Ihres vielgelesenen Blattes mitteilen, und mögen dieselben meinen vielen Freunden und den Freunden Ihres geschätzten Blattes, und besonders jenen, die für Zion noch Herz und Gefühl haben, eine willkommene Gabe sein. Selbstverständlich können die Berichte nur aphoristisch gehalten sein, eine ruhigere objektive Bearbeitung muß erst später Nachfolgen — gegenwärtig an Bord, beim Schaukeln des Schiffes hat nicht einmal meine Hand die gehörige Ruhe, was Sie Herr Redakteur an den schwankenden Buchstaben sehen, — wie sollten Kopf und Nerven die nötige Ruhe finden? „Omia mea mecum porto“, sagte ich mir mit dem Philosophen und zwar nicht nur bezüglich dessen, was ich etwa an geistig erworbenen Gütern niit mir trage, sondern in Bezug auf die Reiseutenstlicn. Eine solche Fahrt mit beschränkter Bequemlichkeit ist auch eine Lehrmeisterin fürs Leben, mit wie wenig Ulan bei gutem Willen auskommen kann. Mit Ungeduld erwartete ich in Fiume auf dem Schiffe die große Gesellschaft, die erst spät am Abend aus Budapest eintreffen sollte, aber die Erwartung teilte sich mit einer anderen großen Gesellschaft, die nicht um milzufahren zum Hafen herausgekommen war, sondern um den Anblick einer ausschließlich jüdischen Gesellschaft, die nach Palästina pil.ert, ein noch nie dagewesenes Phänomen, mitzugenießcn und sich an denselben mitzuerfreuen. Männer, Frauen und Kinder umringten mich, um mir Glück zu wünschen, viele beneideten mich, aber aller Augen leuchteten von Begeisterung. Jedoch gesagt muß es sein, es waren fast ausschließlich Angehörige der orthodoxen Vereinigung, die sich in Fiume konzentrierten, obwohl dir Abfahrt der „Thalia", mit ausschließlich jüdischen Pilgern, allen Juden bekannt war. Endlich spät abends langte ein großer Zug an, voran die Leiter der Gesellschaft, die Herren Rozsa, Dr. Mezey Ferenz, Redakteur Szabolcsy, umgeben von graubärtigen und jugendlichen Rabbinern, und dann eine lange Reihe von Gestalten verschiedener Nationalitäten, die vom Norden bls zum Süden reichen nach ihren heimischen Wohnstätten, aber alle beseelt von einem einzigen jüdischen Gedanken, der sie verbindet, dem Gedanken an Zion, dem sie alle zustreben, Orthodoxe mit Neologen, Aschkenasim und Sephardim. Es folgt sodann ein Begrüßen und Erkennen, welches die ganze Gesellschaft Hand in Hand mit den auf sie Harrenden zu einer einzigen großen Familie verbindet. Die Wagen mit Gebäck werden um- und eingeladen, jeder sucht seinen ihm angewiesenen Platz und endlich um halb 11 Uhr nachts ertönt das Nebelhorn, das Zeichen der Abfahrt, die Kelten klirren, der Anker kracht, die Seile schwirren hin und her, der Schiffskörper erzittert bis in seinen einzelnen Teilen, es folgt ein erwartungsvolles heiliges Schweigen, aber schließlich bricht die Begeisterung' los, ein hebräisches Abschiedslied ertönt, die im Hafen stehenden Genossen rufen ein lechaim .uleschalom uns zu, ein Tücherschwenken ohne Rast, bis wir im Dunkel der Nacht verschwinden. | i> Es war eine Donnerstagnacht, die wir zuerst an Bord verbrachten. Es ist nicht der Zweck dieser Berichte, die Reise als Reise mit allen ihren Begleiterscheinungen zu schildern, die ja schließlich allen solchen Gesellschaftsfahrten gemeinsam zu sein pflegt, sondern das exklusiv-jüdische Moment, welches dieser jüdischen GeseüschaftSfahrt das Gepräge gibt. Freitag Abend! Kabolath Schabbos am Schiff, gegenüber im Osten die albanischen Berge mit den schneebedeckten Kuppen, im Westen die italienische Küste — hie Rom — dort Mahomed — und auf einem schwankenden Schiffe eine fleine Gesellschaft von jüdischen Reisenden, die mekabbel Schabbos ist — ist das nicht ein Bild, das schon viele tausende Jahre alt ist! Im Speisesaal wird gebetet. Die jüdischen Frauen hatten die Stirnseite desselben mit Lichtern geziert, lekowed Schabbos. Mehr als L0 Kerzen erleuchteten die Stelle, wo das kleine Kästchen mit der heiligen Lade stand, und der Saal selbst erglänzte in elektrischem Lichte. Was aber waren diese Lichter gegen das Licht, gegen die Flammen, die in uns aufleuchleten, wie innig wurde.da gebetet, in allen Tönen Gott angerufen — und als der Oberkantor aus Kopenhagen das Mikoloth inajim rabbim betonte, wie tief griff dies jedem ins Herz mit deni Verständnisse, der Gewalt der Erkenntnis, die uns das im Mondlichte erglänzende Meer abgerungen mit seinen Wogen, die sich vor unfern Augen wälzten! Dann der gemeinsame Klddusch, bei dem der älteste Rabbiner die Segenssprüche mit Worten der Thora einleitete, die jedem ins Herz gingen, Männer und Frauen weinten, heiligten die Sabbatrede und tränkten den Kidduschwein mit Tränen der Rührung aber auch der Freude, in den Vorahnungen späterer Zeit, der vollkommenen Erlösung und Erhebung von Jeruscholoim. Rabbiner, Gelehrte, Professoren, Aerzte, Anwälte, Studenten, Financiers, Gutsbesitzer, Fabrikanten — sie alle bildeten ein Garizes - eine jüdische Welt im Kleinen, die sich an diesem Empfang der Sabbathbraut berauschten. Schabbes Vormittag — gemeinschaftliches Gebet am Verdeck, in der Nähe der jonischen Inseln, das Vorlesen aus der Thora, welches mit der letzten Seite des Exodus schließt. Auch wir im Exodus begriffen, wenn auch nur mit vorübergehenden Zielen — und wir hörten mit Andacht den verlesenen Worten über den Abschluß des Bandes vom Heiligtum und nachdem es nun in Staub gefallen und in Trümmern liegt, suchen wir die letzten Reste auf, um uns selbst ein Heiligtum aufzubauen. Wie tief drang da jedes Wort in unser aller Herz - und als im Rauschen der Wellen unter den Leuchten der südlichen Sonne das „chasak, chasak wenis’chasak“ ertönte, da fühlten wir, daß wir Alle es uns gegenseitig zurufen — seien wir stark — und wir können

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