Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 178 Dr. Dlocb's MlocdenscdrlN. Nr. 12 die niedrigen Instinkte der Menge und er baut mit ihnen, und auch das ist ein sicheres Geschäft. Jeder auf seine Weise. Soviel geht übrigens auch aus der unmöglichen Periode hervor, daß trotz der mit zynischer Frechheit bestrittenen Behauptung — der Zynismus ist immer nur auf Seiten der Gegner Herrn Vergani's zu suchen! — die Juden bei allen Völkern und Staaten Unheil stiften und gerade dort, wo man ihnen „in liberalster Weise" entgegenkommt, sogar Revolutionen anzetteln. Daraus müßte nun logischerweise gefolgert werden, daß man gerade in Rußland den Juden besonders liberal entgegengekommen sei und daß man nun dort die Folgen dieses Entgegenkommens zu tragen habe. Es kommt aber anders. Bei der Logik des „Deutschen Volksblattes" kommt es immer anders. Geistesschwach ist man bisher nur in Westeuropa gewesen, dagegen haben Rußland und Rumänien in der Judenftage „kluge Voraussicht" bewiesen. Demnach müßte sich ja Rußland jetzt in einer geradezu beneidenswerten Situation befinden — und nun doch die ungeheure Kalamität im Innern? Wo bleibt da der Segen der klugen Voraussicht? Entweder war also die Voraussicht doch nicht so klug, wie sie ausgegeben wird, oder es sind doch vielleicht nicht die Juden, die die ganze Kalamität verursacht haben, oder endlich, und das wird wohl das Wahrscheinlichste sein, es ist alles nicht wahr, was das „Deutsche Volksblatt" sagt, und hat keinen Sinn. Zur Verstärkung seiner Position zitiert das „Deutsche Volksblatt" die „Nowoje Wremja", so eine Art russisches „Deutsches Volksblatt". Da werden wunderbare Weisheiten aufgetischt. Die Niederlagen des Krieges 1870—1871, den Verlust eines Dritteils alles unbeweglichen Besitzes der Franzosen, — — die Juden haben es verschuldet. Das russische Volk hat einige harmlose Sicherungsmaßregeln getroffen zum Schutze gegen die „geborenen Räuber" — das sind die Juden — und darum wird gleich solcher Lärm geschlagen! Es ist einfach unglaublich. Man erkennt nur das Recht des Juden an, um Hilfe zu rufen, wenn er an der Kehle gefaßt wird, nicht auch des Russen. Es sind also die Juden, die das russische Volk an der Kehle 'fasten. Es kommt aber noch bester: „Der Versuch allein, sein Haus, seinen Kasten räuberischen Händen zu verschließen, sein durch Fleiß und Arbeit erworbenesEigentum zu wahren, ist anmaßende Roheit einer in die Nacht der Barbarei versunkenen Nation". Das ist denn doch eine ganz besondere geschichtsphilosophische Art der Auffassung zeitgeschichtlicher Geschehnisse. Es sind also die Juden, die bei russischen Bauern und Kleinbürgern mit räuberischer Hand einbrechen und plündern, sich in gestohlenem Schnaps betrinken und dann die Früchte redlichen Fleißes und ehrlicher Arbeit zerstören, die Greise und Kinder peinigen und töten, Weiber schänden, Männer erschlagen, in sinnloser Trunkenheit morden, sengen und plündern. Ja, so find die Juden! Die Helden von Kischenew und hundert anderer Schauplätze unsäglicher Greuel haben nichts anderes getan, als einen schüchternen Versuch gewagt, ihr durch Fleiß und Arbeit erworbenes Eigentum zu wahren. Bei dieser Auffastung bleibt es, und so wird den Massen gepredigt, so ihnen die Zeitgeschichte gedeutet. In großem Zuge mit ehernem Schritt eilen die gewaltigen Zeitereignisse an uns vorüber, und keine andere Erkenntnis vermögen sie in antisemitischen Köpfen aufdämmern zu lassen, als die eine: Die Juden find an allem schuld! Es bleibt dabei: „Die jüngsten Ordnungsstörungen in Rußland sind ohneZweifelein Werk Israels, das wieder einmal sein zweites und wahres Gesicht, die von Haß und Wut verzerrte Fratze, zeigt. Keinem Russen würde es in den Sinn gekommen sein, in einer Zeit, wo es der Anspannung aller Kräfte bedarf, das Vaterland durch innere Wirren zu bedrängen. Dazu bedurfte es ftemder Einflüsse und Hetzereien, die nur von einem vaterlandslosen Volke ausgegangen sein können — den Jude n." Das ist der Weisheit letzter Schluß. Im Innern Rußlands wird jetzt ein verzweifelter Kampf geführt um die Freiheit des Volkes. Wer um sein Leben ficht, der wird seinen Bedränger nicht erst fragen, ob ihm die Zeit des Kampfes gerade die genehme sei. Die richtige Zeit war gekommen, weil der Druck eben ein unerträglicher geworden war. Es ist ein Kampf um die Menschenrechte, der da geführt wird, ein Kampf um die edelsten und heiligsten Güter des Volkes. Wenn es die Juden allein wären, die diesen Kampf auf sich genommen haben, so wäre ihr Beginnen ewigen Nachruhmes wert, und es heißt Schmach antun dem im Kerne doch guten und edlen Volke Rußlands, wenn man ihm seinen redlichen Anteil an diesem heroischen Verzweiflungskampfe hinweglügen will. Are Irrdenfrage rn Rumänien. Bukarest, im März. So oft sich in Rumänien ein Regierungswechsel vollzieht, und jedesmal, wenn die Kammern eröffnet werden, wird auch die sprichwörtlich gewordene „Judenfrage" aftuell, und sowohl die inländische wie die'ausländische Presse regt diesen wunden Punkt an, ohne irgend eine Besserung der alten Zustände zu bewirken. Die Frage bleibt ungelöst, und man geht fehl, wenn man glaubt, daß sie sobald gelöst werden wird. Bei Eröffnung der Kammern bringen einige einflußreiche Politiker ihre Schützlinge mit knapper Not durch, und dann sind das zumeist „Persönlichkeiten", die am wenigsten sich für diese „Auszeichnung" eignen; aber die jeweilige Regierung hat damit der Welt gegenüber den Beweis erbracht, daß man wieder einige Fremde naturalisiert hat, und damit wird die Sache als erledigt betrachtet. Die jüdische Bevölkerung indes, welche im Lande geboren ist und die dem „Vaterlande" Soldaten liefert, von der ein Teil ausgewandert ist, um in allen Weltteilen die rumänische Flagge hochzuhalten, rumänische Zeitungen zu gründen und rumänische Weisen zu singen, Juden, die keine andere „Heimat" und keine andere Sprache als die rumänische als Muttersprache anerkennen, — dieser Teil der Bevölkerung bleibt heimatlos, weil nur der reiche, nur der protegierte Mann die erforderlichen Stimmen in Kammer und Senat erreichen kann, um die politischen und bürgerlichen Rechte zu erwerben, die er — wir wollen gerecht sein — nicht immer in die Dienste-des Vaterlandes stellt. Würde der Handwerker, der Gemischtwarenhändler, der Gastwirt überall auf dem Lande seine Wohnstätte aufschlagen können, um sich eine Existenz zu schaffen, er würde nicht in die Ferne ziehen, denn er wandert nicht zum Vergnügen, sondern nur weil er keine dauernde Existenz in seiner „Heimat" findet. Den Juden in Rumänien sind die Staatsanstellungen verschlossen, die Ausübung der Advokatur ist ihnen versagt. Der Jude kann also nur Arzt, Ingenieur, Kaufmann und Handwerker werden. Was Wunder also, daß diese in großer Anzahl vertreten sind und sich gerade in den Großstädten konzentrieren! Interessant ist es, daß jede Partei, sobald sie sich nur in der Opposition befindet, riesig judenfreundlich wird und fremden Publizisten, die in wenigen Stunden die Verhältnisse Rumäniens „studieren", Interviews erteilt, die zu keinem anderen Resultat führen, als ein bischen Sensation zu erreichen. Zugleich mit der Eröffnung der Kammern, im Augenblick also, wo wieder so viele Juden erwarten, naturalisiert zu werden, erschien denn auch in der französischen Zeitschrift „Revue des deux Mondes" unter dem Titel „ä travers la Roumaire“ ein Interview, das der bedeutende rumänische Staatsmann Peter Carp einem Mitarbeiter dieser Zeitschrift bewilligt - hatte. Die Unterhaltung brachte auch die Judenfrage aufs Tapet; aber geben wir Herrn Carp selbst das Wort: „Sie sagen mir, daß Sie keine verfolgten Juden angetroffen hätten! Wenn aber ein Präfekt die einem Juden gegebene Erlaubnis, in der Dorfgemeinde zu wohnen, entzieht, und wenn seine Willkür diesen Juden, der Vater von fünf bis sechs Kindern ist, zu Grunde richtet, ist dies nicht Verfolgung? Und zwar administrative Verfolgung, die schlimmste von allen? Was wird diesen Juden vorgeworfen? Daß sie Plätze einnehmen, die wir nicht wollen. Wie allen überwiegend ackerbautreibenden Völkern fehlt es uns an Initiative. Und da sollen wir uns weigern, diese Fremden einzuverleiben, die wir selbst gerufen haben, uns in dieser Weise die Eigenschaften einzuflößen, die