Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-03-24 · 12 (24.3.1905) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021615--14363-3039068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Ur. 12 Dr> Bloch’s Iahrzm»» XXII Centralorgsn für die gessmmten Interessen des Iudenthums. L. k. xofifxarraffen-Amt Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Aedartton und Admimstrattom Wien ix/l, Berggalfe Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Wir«, 24. Mär; 1905. -- .>>»« > «- •<*- Erscheint jeden Freit ag. - ■> 4' *-4* - Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. * »ezugsPrri» flir SrstrrrrOH: Halbjährig 8 Krone«. Einzelexemplare Sv Heller, Mr'» Nuslnud: Halbjährig Iv Krone», ganzjährig 2V » Anzeigen: Die4mal gesvallene Plitzeile 24 Heller. Inhalt: Leitartikel: Rußland und die Juden. — Die Judenfrage in Rumänien. - Adolf Bartels, der judenfressende Büchermacher. — Eine jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina. — Die „23ene Hadani" in der jüdischen Literatur des IX. und X. Jahrhunderts. — Korrespondenzen: Der Umgang mit Menschen nach dem Talmud. Berlin, Paris, Basel. Die politischen Forderungen der Juden. General Trepow gegen die jüdischen Arbeiter. Zur Geschichte der Juden in Moskau. New-Pork. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Ehewra-Kadischa. Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Bethausverein „Montefiore". Verein zur Hebung der Gewerbe. Wien. Aspern a. D. Akademie des Vereines zur Bekleidung armer alter Männer israelitischer Konfession. Jüdische Toynbeehalle. Moriz Holzmann. Floridsdorf, Pohrlitz, Neu-Raußnitz, Prag, Budapest, Temesvar, München, London, New-Pork. — Feuilleton: Jerusalem und Umgebung. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Rußland und die Anden. Es hilft Alles nichts, es bleibt doch dabei: die Juden sind an Allem Schuld. Die antisemitischen Blätter müßten einfach die Bude sperren, wenn sie nicht weiterhin mit diesem allerdings einzigen, aber unerschöpflichen Argument arbeiten dürften. Nicht Rußland ist das Unglück der Juden, sondern die Juden sind das Unglück Rußlands. Das Organ Herrn Vergani's hat das ganz genau ausgerechnet. Alles, was jetzt in Rußland vorgeht, haben die Juden auf dem Gewissen. Es ist doch merkwürdig, daß dabei kleine Nebenumstände so gar nicht berücksichtigt werden. Rußland ist das größte Reich, der Zar der mächtigste Mann der Welt — und dabei ist weder mit einer Handvoll Juden, noch mit dem andern in den schönsten Proklamationen so gering geschätzten Feinde, den Japanern, absolut nicht fertig zu werden. Wie mag sich das nur erklären? Die Japaner haben doch wenigstens ihre Armeen, ihre Kanonen, sie haben ihren Patriotismus, ihr Vaterland, für das sie kämpfen und das ihnen ein gesichertes Heim bietet. Die Juden in Rußland haben keine Kanonen, keine Armeen, sie sind entsetzlich arm und haben kein Vaterland, das ihnen Haus und Hof, Herd und Heim schirmt, und diese scheuen, verängstigten, gemarterten Parias sind stark genug, das mächtigste Reich der Welt an den Rand des Abgrundes zu drängen, den gebieterischen Selbstherrscher aller Reußen zur Verzweistung zu treiben? Die Sache ist nicht so unsinnig, wie sie im ersten Moment erscheint oder wie sie es bleibt vom ersten bis zum letzten Moment nach der antisemitischen Darstellung. Wenn die gewaltigsten Kräfte dieser Welt nicht aufzukommen vermögen selbst gegen so hilflose und wahrhaftig nicht kampffrohe Scharen, die durch jegliches Elend entnervt, durch jegliches Leid bedrückt sind, so ist es vielleicht darum, daß keine irdische Macht der Welt, und poche sie noch sosehr auf ihre protzige Kraftfülle, sich auf die Dauer zu behaupten vermag wider Recht und Gerechtigkeit .und wider alle geheiligten, Satzungen der Menschlichkeit. Es ist schließlich doch kein leerer Wahn, in einem schweren Kampfe das Recht und die Menschlichkeit auf seiner Seite zu haben. Von solcher Bundesgenossenschaft gestützt wird auch der Schwache auf die Dauer Widerstand leisten und auf den endlichen Sieg hoffen können. Das „Deutsche Volksblatt" und mit ihm der ganze Chorus der antisemitischen Preßorgane sieht nur die Tatsache, daß Rußland noch immer seine Judenfrage hat, das will besagen, daß die Unterdrückung noch immer mit aller Brutalität und Grausamkeit fortgesetzt wird und daß es trotzdem noch immer nicht gelungen ist, das Judentum in Rußland ganz zu unterdrücken und zu vernichten. „Noch niemals ist es so offenbar geworden, welche Rolle das Judentum in Rußland — gerade so wie anderswo — spielt, als anläßlich der Ereigniffe, deren Schauplatz das Zarenreich nun schon seit Monaten ist." Das ist der Stoßseufzer, mit dem sich das „Deutsche Volksblatt" Luft macht. Es fährt dann fort: „Die stets mit zynischer Frechheit bestrittene Behauptung, daß es fast überall das jüdische Element ist, welches die Völker und Staaten nicht zur Ruhe kommen läßt und den Keim der Unzufriedenheit, ja der Revolution ausstreut, dort, wo man unklug genug war, den Juden in liberalster Weise entgegenzukommen und ihnen die Möglichkeit zu bieten, unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung den Nichtjuden gegenüber ihr jahrtausende altes System zu praktizieren, da haben sie Gutes mit Bösem vergolten, indem sie sich nicht mit dem beschieden, was man ihnen freiwillig bot, sondern in ihrer Unersättlichkeit immer mehr und mehr forderten, bis sie zu Herrschern wurden, wo sie einst um Duldung gebettelt hatten." Es nützt nichts, wenn man sich die Mühe nimmt, den Satz noch einmal nachzulesen. Er wird nicht klarer. Er klappt überhaupt nicht, und dabei muß man sich beruhigen. Es ist ein Wortgemenge, das seine Wirkung auf die Leser des „D. V." nicht verfehlen wird, und dafür ist es ganz ohne Belang, ob es einen Sinn hat oder nicht. Wir haben den Satz nur hergestellt, damit auch unsere Leser erfahren, wie einerseits Ehreu- Vergani und seine Getreuen in Gesinnung arbeiten und wie sie andererseits Perioden bauen. Das ist schon ihr Schönstes. Wenn der Baumeister des stolzen „Antisemitenhofes", den sich Herr Vergani auf solche Art erschrieben hat, nach derselben Methode gebaut hätte, dann wäre der stattliche Bau schon längst in sich zusammengefallen. Die Steine lassen sich nicht betrügen. Die verlangen ein festes, gesichertes, nach allen Regeln der Kunst und der Vernunft geschichtetes Fundament. Es ist nicht das Material, mit dem Herr Vergani arbeitet. Er baut auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.