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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-03-17 · 11 (17.3.1905) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
11 (17.3.1905)
Date
1905-03-17
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 11 Dr. Mocb s MocbenscorLN. Sette 173 einen Blick auf feine Uhr und sagte unruhig zu seiner Frau: „Ich habe in Betreff des Konzertes noch einem wichtigen Besuch zu machen, liebe Irma, mache Dich aus eine, vielleicht auch zwei einsame Stunden gefaßt. Ich werde Dir aber vorh'er noch einige Bücher auspacken". Er tat es. Die blonde Dame stand eben vor dem großen Spiegel, ordnete ihre Locken und strich die Spitzen und Falten des schweren, schwarzen Atlaskleides zurecht. Mit dem Ausdruck übelster Laune wendete sie ihr feines, kaltes Gesicht ihrem Manne zu: „Nais, mon eher! ich glaubte, wir würden noch in die Oper fahren, es ist ja eben erst sechs Uhr?" — „Nein, gib diesen Gedanken auf; ich habe Wichtigeres zu tun. Morgen werden wir ja mitten im Strudel der Gesellschaft sein; füge Dich heute in diese kurze Einsamkeit." Madame schmollte; Monsieur wickelte sich in seinen Mantel, denn es war Winter, und verließ zu Fuß das Hotel. Durch viele kleine Straßen ging er und. immer rascher wurde sein Schritt; er kam endlich in die ärmste der Gassen, sie war fast dunkel, aber das Haus, das er suchte, fand er doch, kletterte eine alte Stiege hinauf und pochte an eine Tür. Eine schwache Stimme rief ihn herein und Jakob stand seiner Mutter Sarah gegenüber. Die schlechte Laterne, die auf der Straße brannte, warf ihren schwachen Schein gerade ins Zimmer und er sah die alte Jüdin, wie sie, mit dem Rücken an die Mauer gelehnt, fast wie ein Steinbild da saß. „Wer ist da? fragte sie, aber ohne sich zu regen, auch öffnete sie die Augen nicht; die arme Frau war blind geworden von vielen Tränen. „Jakob ist's Mutter", antwortete der Sohn und küßte ihre mageren Hände mit der vollen, rührenden Pietät, die den Juden im Verhältnis zu seinen Eltern charakterisiert. „Komm' her, daß ich Dich segne", sagte sie weich, aber ohne Freude mit einer seltsamen Ruhe. Als er sich ihr ganz genähert, richtete sie sich auf, fuhr mit der Hand prüfend über sein Gesicht und seine Kleidung und küßte ihn auf die Stirn; aber alles dies ohne Erregung und Hast, als habe sie ihn erst vor einer Stunde geliebkost. „Du bist noch arm, gute Mutter", sagte Jakob nach einer Pause, in der er sich im Zimmer umgesehen und Alles, Alles noch gefunden, wie er es damals vor zwölf Jahren verlassen: das Bett der Knaben, die alten Kleider, die sie getragen, die kleine Bank am Ofen, die beiden Stühle und den großen, alten Tisch. „Ich bin jetzt reich", sprach er weiter, „und Du sollst es mit mir sein". Seine sonst so harte, scharfe Stimme erklang weich und über sein unschönes Gesicht flog eine fast milde Freundlichkeit, als er so zu ihr redete. Sarah lächelte müde und lehnte sich zurück. „Was nennt mein Jakob reich?" murmelte sie, „ich kenne nur einen Reichtum und den kannst Du nur doch nicht wiedergeben; du weißt, welch' einen vergrabenen Schatz ich meine". — „Ich weiß es, gute Mutter, David ist todt, er konnte nichts ertragen; ich habe es gekonnt, weil ich reich werden wollte. Du weißt, es ist ein Erbteil unseres zertretenen Volkes, dieser furchtbar eiserner Wille; wir haben einen Willen, der alles, alles überwindet, alles erreicht; er hatte ihn nicht, er starb. Ich wollte Musik lernen, nicht weil ich sie liebte, nein, weil sie heutzutage rascher reich macht, als irgend eine andere Kunst, und ich lernte sie. Man hat mich geschlagen, getreten, gestoßen wie einen Hund, ich litt Hunger und tausend Qualen und Demütigungen; ich ertrug alles, weil ich wollte. Nun ist's längst vorüber, mein ist Ehre und Reichtum, aber Du sollt auch wieder froh werden Mutter!" — „Laß mich, Kind, ich trage nach nichts mehr Verlangen; für mich gibt's weder Leid noch Freude: ich harre meines Sabbaths. Aber die Arbeitszeit währt länger als ich hoffe; ich bin so müde!" — „Mutter, komm mit mir, ich will Dich pflegen und ehren und Dir dienen, Du sollst im Sonnenschein leben, auch mein Weib." — „Jehova segne sie, wenn sie mich wert hält mit der Innigkeit der Kinder unseres Stammes!" — „Ich bin ein Christ geworden, nur so konnte ich Ansehen gewinnen, wie ichs verlangte, den „Judenjung" sollte mir niemand mehr vorwerfen! —" „Sei reich und geachtet, mich aber laß arm und verachtet sterben." — „Aber das Weib, das, entzückt von meinem Spiel, Hand und Herz mir gab, wird Dich, meine Mutter, lieben —" „Deine Mutter, vielleicht, die arme Jüdin aber nimmermehr!" Jakob schwieg und dachte an die aristokratische Irma mit den kalten Augen und stolzen Manieren, an ihre hochmütigen Verwandten und er seufzte und knirschte mit den Zähnen." „Geh' ' mein Sohn", sagte nach langem Schweigen die alte Frau, „laß mich ruhig einschlasen! Mein heißersehnter Sabbath wird ja auch Hereinbrechen über mein gebeugtes Haupt mit seinem Glanz und seinem Frieden; ich harre geduldig". — „In drei Tagen gebe ich mein Konzert und am Morgen nachher komme ich wieder zu Dir, dann mußt Du mir folgen!" — Sarah schüttelte saust den Kops, legte still ihre Hand auf den Scheitel ihres Sohnes, murmelte einen Segenswunsch und Jakob verließ das Kämmerchen. Er ging zum Rabbi, entdeckte sich ihm und gab ihm Geld für die Mutter. Sie sollte fortan in einem schönen Zimmer wohnen, in weichen Betten schlafen, Pflege und Bedienung haben wie eine vornehme Frau, und das gleich am folgenden Tage. Der Rabbi versprach Alles. Schweren Herzens kehrte Jakob in sein Hotel zurück. Die junge Frau lag graziös hingestreckt in einer Chaise longue, sie blätterte in Heine's Buch der Lieder. „Hast Du Dich gut unterhalten, Irma?", fragte ihr Mann zerstreut". „Avec de petit jnif la Fi donc!“ („Mit diesem kleinen Juden? Pfui doch!") antwortete sie und warf das Buch verächtlich auf den Tisch. Das Konzert des Herrn Giacomo S. war, wie es sich erwarten ließ, bis aus den letzten Platz gefüllt, der Virtuose wurde mit rauschendem Applaus empfangen und die fast fürstliche Toilette seiner jungen Frau zog alle Blicke auf sich. Er spielte eine glänzende Phantasie über Themata aus Meyerbeer's Propheten. Keiner wagte laut zu atmen, als der Künstler im bezauberndsten Piano den Bettlergesang des armen Fides anstimmte. — Während dieses rührende Lied verschwebte und die entzückten Zuhörer da eapo riefen, fuhr draußen vor der Stadt ein schlichter Leichenkarren der jüdischen Begräbnisstätte zu. Es war auch eine Bettlerin, die man da zur Ruhe brachte: der Sabbath der geduldigen Sarah war endlich herein gebrochen, sie ging ein in die ewige Wahrheit. Neue^ Bücher. Dr. M Altschuler. Vierteljahrsschrift für Bibelkunde. Talmudische und patristische Studien unter Mitwirkung von zahlreichen namhaften jüdischen und christlichen Gelehrten. Verlag von S. Calvary u. C o., Berlin NW. 7. 2. Jahrgang. Heft 2, Dezember 1904. Inhalt des II. Heftes: Wünsche August (Dresden): Jesu Konflikt mit den Pharisäern und Schristgelehrten wegen Unterlassung des Händewaschens seiner Schüler. M a t t h e s I. C. (Amsterdam): Die Abfassungszeit des Predigers. Fuchs Carl (Preßburg): Hebräische Lieder in den synoptischen Evangelien. Matth es I. C. (Amsterdam): Die israelitischen Trauergebräuche. Miszellen: Wünsche A. (Dresden): I. Zu Babel und Bibel. II. Zur Muttersprache Jesu Matth. Ost und West. Illustrierte Monatschrift für modernes Judentum. Verlag O st n n d W e st, G. m. b. H., Berlin, NW. 23, Altonaerstraße 36. V. Jahrg. Nr. 2. Februar 1905. Inhalt: M. G.: Das Judentum und das Wesen des Christentums. Dr. Theodor Zlocisti: Friedrich Beer (mit 16 Illustrationen.) Bar-Ami: Aus der jüdischen Sagen- und Märchenwelt II. Die Insel der Seligen. Die Bürde des Schicksals. Zwei Freunde. E. B.: Des Sängers Schuld und Sühne. Berühmte Melodie des Wilnaer Balebessel (Noten.) Richard H u l d s ch i n e r: Der Tod der Debora Traub. Dr. A. Gutmann: Was erzählen die Monumente Egyptens über Israel? (Mit Illustrationen.) Siegfried Selinger: Versuchung. Dr. Martin B u b e r: Die Entdeckung von Palästina. Bernhard Münz: Eine neue Spinoza-Biographie. Dr. Felix P e r l e s: Eine Probe neutestamentlicher Gelehrsamkeit bei Friedrich Delitzsch. Johannes Giskala: Zum 10. Stiftungstage des Vereines „Jüdische Lesehalle". (Mit Illustrationen.) Otto A b e l e s: Morgengang. Miszellen und Literarisches.

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