Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 11 (17.3.1905)
- Date
- 1905-03-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. mocb s Mocbens ürttt. Seite 165 Beziehung auf das eheliche Glück oder Unglück der Frau selber, sondern in Beziehung auf das Geschick ihres Mannes. „Deine Frau wird wie ein fruchtreicher Weinstock sein an den Seiten deines Hauses." „Mögen seine Kinder Waisen und sein Weib eine Witwe werden" lauten Aeußerungen in den Psalmen 128, 3 und 109, 9. Dieses Ignorieren eines wichtigsten gesellschaftlichen Faktors mag vielleicht darin seinen Grund haben, daß die Psalmisten vorzugsweise Tempelsänger waren, in der Nähe des Gotteshauses sich bewegten, in dessen Umgebung in einem weiten Kreise das eheliche Leben keine Stätte fand. Es fehlte ihnen die unmittelbare Wahrnehmung und infolgedessen konnten viele seelische Aeußerungen des Familienwesens nicht zur darstellenden Anwendung gelangen. Hingegen betonen sie in ihren Gleichnissen gleich den Propheten andere Seiten des Familienlebens, wie die innigen Beziehungen des Vaters und der Mutter zu den Kindern, die Liebe der Kinder zu ihren Eltern, das liebevolle Verhalten der Geschwister untereinander, das freundliche Verhältnis des Dieners zum Herrn, der Dienerin zur Gebieterin. Die prophetischen Sätze lauten: „Ein teuerer Sohn ist mir Ephraim, ein Lieblingskind, wenn ich von ihm rede, seiner gedenke, so schlägt mein Inneres ihm in Liebe entgegen." „Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen? Wird sie nicht ihr Herzenskind lieben?" „Ein Sohn ehrt seinen Vater und ein Diener seinen Herrn." (Jeremias 31, 2; Jesajas 49, 15; Maleachi 1, 6.) Diesen Aussprüchen entsprechen folgende psalmistische Sätze: „Wie ein Vater seine Kinder liebt, so liebt Gott seine Anbeter." „Wie eine Trauermutter ging ich gebeugt und betrübt einher." „Habe ich nicht meine Seele hingebend erhoben, wie der Säugling sich seiner Mutter hingibt?" „Wie die Augen der Diener zu ihren Herrn, wie die Augen der Dienerin zu ihrer Gebieterin emporgerichtet sind, so erheben wir unsere Augen zu Gott empor." „Wie schön und wie lieblich ist es, wenn Brüder in Liebe nebeneinander weilen." (Ps. 150, 13, 38, 14. 131, 2. 123, 2. 133, 1.)^ Die Erzäblungen von den Erzvätern Abraham, Jsak und Jakob; sowie der EiMÜtter Sarah, Rebekka, Rahel und Leah nehmen den größten Teil der Genesis ein. Die Berichte sind maßgebend für die ganze geschichtliche und ethische Entwicklung des israelitischen Volkes während der Dauer seines ersten Staatswesens. Die Erlebnisse der Patriarchen bildeten den Rechtstitel für die Besitznahme des Landes durch ihre Nachkommen, sie gaben den Grund ab für den „Bund", den Gott mit den israelitischen Stämmen geschlossen hat. Es ist daher kein Wunder, daß auf diese überlieferten Begebenheiten bei den verschiedenen Haupt- und Staatsaktionen des Volkes stets zurückgegangen und an dieselben angeknüpft wurde. Die Propheten gedenken auch folgerichtig der Namen und der Taten der Stammväter. „Schaut hin auf euern Vater Abraham und auf euere Mutter Sarah, denn als Einen rief ich ihn und segnete ihn und machte ihn groß", ruft Jesajas 51, 2. „Auch die Nachkommen Jakobs und Davids werde ich verstoßen und aus ihnen keine Regenten wählen für die Kinder Abrahams, Jsaks und Jakobs", ruft Jeremias 33, 26. Amos wird zugerufen: „Prophezeie nicht über Israel und predige nicht über das Haus Jsaks." (7, 16, S. 65.) Auch der Psalter gedenkt der israelitischen Erzväter. In Psalm 105 heißt es: „Gedenket seiner Wunder, die er getan, seiner Zeichen und der Befehle seines Mundes. Nachkommen seines Dieners Abrahams, Kinder seines auserwählten Jakob, „Er gedenkt immer seines Bundes, den er geschlossen hat mit Abraham, seines Schwures an Jsak und er stellte es für Jakob aus als Gesetz für Israel, als einen ewigen Bund." (Ps. 105, 8 11.) Von den Erzmüttern wird bei den Propheten außer Sarah nur noch Rahel erwähnt. Jeremias (31, 15) ruft: „Eine Stimme wird in der Höhe vernommen, bitteres Weinen und Klagen, Rahel weint um ihre Kinder." Rebekkas und Leas wird in der prophetischen Literatur nicht gedacht. In der Psalmensammlung kommt aber merkwürdigerweise kein einziger Name aller vier Erzmütter vor. Auch kein Hinweis auf ihre Lebensereignisse wird angetroffen. — Die Krönung des israelitischen Nationalstaates und den Höhepunkt her Darstellung der jüdischen Religionsbetrachtung bildete die Errichtung des Tempels in Jerusalem. Von diesem Moment datiert die Größe und das Ansehen des Volkes. In dem herrlichen Bau fanden alle ein Zentrum für ihre nationalen Bestrebungen und für ihr religiöses Wünschen, Hoffen und Sehnen. Der Tempel war auch von Groß und Klein als das höchste Kleinod ihres Herzens verehrt. Die Propheten erblickten ebenfalls so wie alle anderen in ihm ein erhabenes Ziel des Geistes und des Gemütes. Aber er war nach ihrer Auffassung nicht das einzige Ziel. Ja, sie erachteten den Besuch desselben für minderwertig, sogar für wertlos, wenn demselben keine Herzensreinigung und sittliche Läuterung vorangegangen war". Sie hielten ethische Verwahrlosung mit Heiligtumsverehrung für unvereinbar. „Was soll mir die Menge euerer Opfer, spricht der Ewige, ich habe satt die Gangopser der Widder und das Fett der Gemästeten und das Blut der Farren, der Lämmer und der Böcke verlange ich nicht. Wenn ihr kömmt vor mir zu erscheinen, wer wünscht denn solches aus euerer Hand, ihr zertretet nur meine Hallen. Wenn ihr euere Hände faltet, sehe ich nicht; wenn ihr viel betet, höre ich nicht; euere Hände sind voll vom Blut. Läutert euch, reiniget euch, schaffet euere bösen Handlungen hinweg von meinem Angesicht, höret auf, Böses zu tun. Lernet Gutes zu tun, suchet das Recht auf, stehet dem Bedrückten bei, nehmet euch des Waisenkindes, der verlassenen Witwe an", ruft Jesajas (I. 11, 12, 15—18). Aehnlich ruft Jeremias seinen Zeitgenossen zu: „Verlasset euch nicht auf Lügendinge, sagend: ein Tempel Gottes, ein Tempel Gottes, ein Tempel Gottes ist hier. Nur wenn ihr eueren Wandel bessert, wenn ihr Recht übet zwischen einander, wenn ihr den Fremden, die Waise, die Witwe nicht bedrücket, wenn ihr unschuldiges Blut nicht vergießet, fremden Idolen nicht nachgehet, was doch zu euerem Unglück gereicht, dann werde ich euch weilen lassen an diesem Orte" (7, 4 — 7). Auch die Psalmisten find voll Entrüstung gegenüber der Verrohung der Herzen, gegenüber der Verletzung der Sittengesetze. Auch sie halten Mißachtung der Gerechtigkeit und Humanität mit dem Besuch des Tempels für unvereinbar. „Wer soll besteigen den Berg Gottes, wer soll stehen aus seinem heiligen Orte? Der reiner Hände und lautern Herzens ist, der nie seine Seele dem Falschen zugewendet und Unwahres nie geschworen hat", heißt es in Ps. 24, 4. Aber der Bestand des Tempels ist dem Psalmsänger allein schon die höchste Wonne, der Besuch der heiligen Stätte die höchste Beseeligung. Sie find das Ziel seiner Wünsche, seiner Sehnsucht, das Erscheinen vor dem Antlitze Gottes heiliges Gebot, heilige Verpflichtung. Die Söhne Korah's singen: „Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaot. Meine Seele dürstet und schmachtet nach den Vorhösen des Ewigen, mein Herz und mein Leib jubeln entgegen dem lebendigen Gott. Der Vogel findet sein Haus, die Schwalbe ein Nest, wo sie ihre Jungen heget. Ich deine Altäre, Herr der Heere, mein "König und mein Gott. Heil denen, die in deinem Hause weilen, die dich preisen ohne Unterlaß. Heil dem Menschen, der sein Vertrauen aus dich setzt, in dessen Herzen deine Wege verzeichnet sind. Auch wenn sie durch das Tal der Trübnis ziehen, so tränkt sie dann ein Quell, Regenguß bringt ihnen unendlichen Segen. Sie wallen von Stufe zu Stufe, wenn' sie erscheinen vor Gott in Zion." (Ps. 84, 2—8.) Dem Psalmisten erscheint das Aufsuchen des Heiligtums für jeden Menschen als höchst notwendig. Dem Gerechten gewährt es seelische Wonnen. Aber selbst auf den, der ungerecht ist, übt es eine versittlichende Macht. Selbst der ethisch Zurückgebliebene, welcher „durch das Tal der Trübnis", „das Tal der Sünde"*) noch zieht, wird *) Dieser Auffassung entspricht auch die Erklärung des Midrasch: jnSts' niyai.iE> mm»’ pya Diva .1* 822.1 pay ma*? ns' D’i ai8 s.i na pm» n 128 .1112 nay man dj ♦p'yafc* 8^i nmn .121 „Das Tal der Trübnis, das ist das Gehinom. Ein Quell tränkt sie. das heißt: die Tränen der Sünde strömen hin wie Quellenwasser. Regenguß bringt ihnen Segen. Rabbi Jochanan sagt, was sprechen die Sünder zu Gott? Du hast uns wohl gelehrt, du hast uns gut unterwiesen. wir aber wollten nicht hören." (Midrasch Schocher Tob. K. 84.)